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(1) Und nun zu dem angekündigten „Epilog". Warum soll er so heißen? Dieses Mal deshalb, weil er nicht mehr besagt als etwas, das implicite, unausdrücklich schon gesagt ist – und das überdies ausdrücklich auch schon begründet ist. Wir haben deutlich zu machen gesucht: der Wille könne, schon unserer inneren, unmittelbaren und untrüglichen Erfahrung nach, nichts anderes sein als reine Dynamik, Aktivität, Energie und reines Wirken; und dasselbe besage im Übrigen auch eine mehr oder weniger stillschweigend von Mensch zu Mensch übermittelte Menschheitserfahrung. In reiner Dynamik, Aktivität, Energie und reinem Wirken aber bestehe, nach Auffassung der Naturwissenschaft, überhaupt die gesamte Natur; und so denn, zugleich! aus diesem Grund, auch der menschliche Wille als deren Teil. Sodass man, abgesehen von unserer inneren Erfahrung, auch von der Naturwissenschaft her auf den menschlichen Willen als reine Dynamik, Energie und Aktivität, als reines Wirken schließen müsse. Und allein schon dieser Schluss zeigt mit großer Selbstverständlichkeit – er beweist es geradezu – dass auch der uns bewusste, persönliche Wille eine Naturkraft ist, so substanziell und so real wie jede andere; mindestens so real und so substanziell. Was bringt uns denn überhaupt zu dieser Feststellung, so als ob die festgestellte Sache doch nicht so ganz selbstverständlich wäre? Warum zweifelt der eine oder andere an ihr, oder warum zweifeln vielleicht so gar sehr viele an ihr? Hat der bewusste, persönliche Wille etwa keine Wirkkraft? Er hat sie, und oft sogar in gewaltigen Ausmaßen. Oder sollte er etwa nicht so ganz real sein, weil er in unserem Innern ist? Ein törichterer Grund, an seiner Realität zu zweifeln, lässt sich gar nicht denken: was in unserm Innern ist, was wir sogar selber sind – und der Wille sind wir selber – täuscht uns selbstverständlich am allerwenigsten. Die zitierten Texte besagen außerdem auch in anderer Hinsicht die grundsätzliche Gleichheit unseres bewussten, persönlichen Willens, selbstverständlich auch unseres unbewussten persönlichen Willens, mit den Kräften außerhalb von uns, in der weiten Natur: das „aus sich selber Sein" des Willens als „Ding an sich" in beiden Fällen; nur mit dem Unterschied, dass uns alles das an unserem bewussten Willen unmittelbar deutlich ist, an den Kräften in der Außenwelt dagegen nur mittelbar (siehe u.a. vorhin das ausführliche Schopenhauer-Zitat). Sollte das etwa ein Grund sein, unseren Willen nicht so ganz für voll zu nehmen, so als ob er doch nicht so ganz real wäre? Törichter ginge es auch dieses Mal nicht! Also gut! Überlassen wir jedem Einzelnen den Rest, der jetzt nur noch in Kontemplation bestehen kann.

(2) Aber wir behaupteten, zusätzliches Licht auf die Realität und Substanzialität auch des bewussten, persönlichen Willens werfen zu können. Erinnern wir uns deshalb jetzt noch einmal an die „Raserei der Äußerlichkeit"; etwa an die erste Hälfte der dortigen Ausführungen. Angenommen, jemand ist von dem Gesagten überzeugt. Dann ist ein Schluss, eine Präsumtion denn doch wohl einigermaßen realistisch, nämlich: Ebenso wenig, wie sich aus den anorganischen und abgestorben-organischen Bestandteilen des Computers oder Roboters jemals ein menschlicher Wille oder Intellekt oder überhaupt auch nur irgendetwas Lebendiges entwickelt, und wenn wir Jahrmillionen darauf warteten, ebenso wenig ist auch im Verlauf der Erdgeschichte und der Geschichte des Lebendigen auf unserem Planeten jemals irgendetwas Lebendiges aus rein anorganischen Stoffen – wohlgemerkt: aus diesen Stoffen – ins Dasein getreten, sei es durch einen „Sprung" oder sei es durch die eine oder andere Art der „Entwicklung"; und ebenso wenig wird es auch jemals zu solchen Sprüngen oder Entwicklungen kommen: Anorganisch ist anorganisch, sagen wir etwa: bis zum Gegenbeweis. Und zwar in der weiten Welt mit der endlosen Vielfalt ihrer Elemente und chemischen Verbindungen nicht anders als in der Enge des Computers oder Roboters mit seiner begrenzten Auswahl von Stoffen. Und: die Naturgesetze sind auch in diesem Punkt ewig und unveränderlich und überall die gleichen: so wie damals, so auch heute und in alle Zukunft, und so auch an jedem Ort. Und entsprechend für die abgestorben-organischen Stoffe, wie z.B. für die Plastik, die aus Erdöl und auf diesem Weg aus Tierkadavern entstanden ist: „Denn wer einmal tot daliegt/Wird nicht mehr lebendig" (Josef Viktor von Scheffel), jedenfalls seine Leiche nicht, jedenfalls nach den Naturgesetzen nicht. „Aber das hieße ja, dass wir gewisse Dinge, gewisse Mythen wieder wörtlich verstehen sollen." Nein! Wir sollen nur nicht so mythisch denken, dass wir ohne Anhaltspunkte falsche Entdeckerfreuden genießen, wenn wir es bis zu dem Gedanken gebracht haben sollten, die Biologie sei im Grunde nur eine verwickeltere Physik und Chemie – natürlich ohne dass wir oder andere jemals den verwickelten Sachverhalt entwirrt und wieder auseinandergenommen hätten.

(3) Das heißt: eine Entwicklung, einen stufenweisen Fortschritt mag es ja gegeben haben; er ist sogar wahrscheinlicher als alles andere, sagen wir es einmal so. Aber wir sollten nicht so jugendlich entdeckungsfreudig sein, wir sollten nicht in so unreifer Weise die Besinnung auf die Beweislast übersehen, dass wir glauben, aus der anorganischen: rein physikalischen und rein chemischen Schicht sei ohne Hinzutreten anderer Wurzeln jemals irgendetwas Außerphysikalisches oder Außerchemisches hervorgegangen. Ein Musterausdruck der entgegengesetzten Auffassung ist: die Redeweise eines vorläufig halbentwickelten Studenten oder auch eines endgültig halbentwickelten Dozenten: „Der Wasserstoff tut dieses, oder der Wasserstoff tut jenes", wenn der, der redet, menschliche Aktionen oder Reaktionen meint; oder auch: „Wir sind nichts als Physik und Chemie"; und wohlgemerkt: keine Biologie. Also: der Wasserstoff u.a. als aufklärerisches, fortschrittliches, herrlich und strahlend gebildetes Synonym für den Menschen! Und er, der Mensch, nichts anderes als eine differenziertere, entwickeltere Stufe des Wasserstoffes – infolge von dessen Umwandlung in Helium als erster Stufe, usw. Und dennoch sagen wir ja nicht, die Chemie sei nichts als eine differenziertere, verwickeltere Physik. Oder: wer es sagt, wird auch hier die Verwicklung niemals analysieren. Das aber bedeutet: selbst die unterste biologische Stufe ist nur dadurch zustande gekommen, dass ein außerphysikalischer und außerchemischer Wille zu anorganischen Elementen hinzugetreten ist. Abenteuerlich? Lassen wir solche bloßen Diskriminierungen weg.

(4) Außerdem befreien wir uns durch diese Betrachtungsweise von einer gewissermaßen schwachen Idee, die mit dem Quantitativen spielt: Wir glauben zu wissen: die unterste biologische Stufe sei nur dann und dann und auch nur da und da, jedenfalls mit starker zeitlicher und örtlicher Begrenzung, ins Dasein getreten. Und man braucht nun eine Erklärung dafür, wie es bei der atemberaubenden Allgemeinheit der bis dahin rein physikalischen und chemischen Naturgesetze zu der so ganz außerordentlich einmaligen und bisher nie wiederholten Konstellation der Entstehung des Lebendigen gekommen ist. „Antwort": rein physikalisch oder chemisch wäre es zu keinem so einmaligen Vorgang gekommen; vielmehr hätte sich die Entstehung des Lebens bis in unsere Tage immer und immer wieder neu abspielen müssen. Und die Konsequenz auch bei diesem Gedankengang? dass für die Entstehung des Lebendigen das Hinzutreten eines biologischen Willens aus dem Reich der außerempirischen Freiheit entscheidend gewesen sein muss. Die Überlegung ist richtig; aber gerade die „Antwort" würde von der Gegenseite niemals anerkannt; vielmehr würde man immer irgendwelche phantastischen Gründe für einen einmaligen und dennoch rein anorganischen Vorgang finden. Sodass die unmittelbar vorhergehende Betrachtungsweise die bündigere sein dürfte.

(5)  Ergo! Ziehen wir unsere Schlüsse: auf den Willen der lebendigen Wesen, von den untersten Stufen bis herauf zu unserem bewussten menschlichen Willen; und so denn auch auf dessen Realität und Substanzialität. Klingt das zu sehr nach Gott, Freiheit und Unsterblichkeit? O meine Brüder, verschließt euch nicht!

(6) Oder ziehen wir die zuletzt genannte Schlussfolgerung nicht, die Schlussfolgerung aus der Grenze zwischen den beiden Bereichen, aus ihrer qualitativen Verschiedenheit? Meinetwegen! da sie ja ohnehin nur zusätzliches Licht auf die Realität und Substanzialität auch unseres persönlichen, bewussten Willens werfen sollte, so wie wir es im ersten Absatz hier zu ee zu verdeutlichen gesucht haben!

(7) Und soviel nun also noch einmal zum Grundsätzlichen! Das wir jetzt durch die Rückkehr zu den berühmten „harten Tatsachen" ein letztes Mal einüben und erläutern sollten.





© Dr.Hans Rochol, http://www.rochol.net/, September 2003.

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