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(1) Nein! Stellen wir uns einen Menschen vor, der kurz und ärgerlich bemerkte, nicht die Willensfreiheit, sondern die Determiniertheit jedes Einzelnen bis in alle Einzelheiten sei das Normale; das zeige sich an den Naturgesetzen; und wer etwas anderes wolle, müsse es empirisch beweisen. Wir könnten ihm antworten: es gelte zwar der Grundsatz, wer behauptet, müsse beweisen (affirmanti incumbit probatio); aber die Notwendigkeit, dass man es in jedem Fall empirisch beweisen müsse, sei nur eine modische Einbildung; ob man das müsse, sei eine Frage des Einzelfalles. Im vorliegenden Fall gebe es übrigens für einen beträchtlichen Teil der Strecke einen empirischen Beweis: nämlich für die reine Energie; und zwar aus der äußeren Empirie: durch die Naturwissenschaft; und aus der inneren Empirie – sie gibt es ja auch, und sie ist die sicherste! – : in Gestalt unseres Willens; die reine Energie aber schließe jegliche Wirkung oder Folge im strengen Sinne und dementsprechend auch jegliche Ursächlichkeit aus, usw., wie gehabt, aus den genannten Gründen. Angenommen jedoch, der besagte Mensch wäre zwar nicht hochgebildet; aber er wäre kritisch gebildet; und er antwortete uns mit „Blah blah blah" oder mit einer Blödheit, die vielleicht zwar versteckter, im Grunde aber genau so groß wäre. Konsequenz: er käme danach für Gespräche nicht mehr in Betracht. Aber von solchen Typen abgesehen, ist es besser, möglichst viel zu variieren: die Willensfreiheit zusätzlich zu begründen – obwohl wir nicht dazu verpflichtet sind; und obwohl es natürlich auch nicht unendlich viele Begründungen gibt:

(2) Es geht also um die Willensfreiheit; und die Naturgesetze sollen ihr widersprechen. Fragen wir nun, welche Mächte und Kräfte überhaupt als Hindernisse für die Willensfreiheit in Betracht kommen. Die Antwort könnte sein: dieses oder jenes oder alles Mögliche; man kann unmöglich alles nennen; die Naturgesetze gehören jedenfalls auch dazu. Das aber wäre zwar sehr diffus und wieder einmal sehr hoffnungslos: für das Gros der Menschheit, wenn auch nicht für eine ganz bestimmte Clique und für die, die von ihr erzogen und verbildet worden sind; aber es wäre trotzdem nicht der Weisheit letzter Schluss: Wir haben inzwischen gesehen: deine „Natur" schränkt deine Willensfreiheit nicht ein, meine „Natur" nicht die meinige; usw. für jedes einzelne der zahllosen Wesen auf der Welt, u.a. weil es auf empirische „Bewusstheit" nicht ankommt; und weil deine „Natur" sich mit deiner Person deckt, meine mit der meinigen, usw. Darüber hinaus aber gibt es keine „Natur". „Was darüber ist, ist Spintisiererei", frei nach dem Nazarener. Und so ist klar: was übrig bleibt, was als freiheitsbeschränkende Macht überhaupt auch nur in Frage kommt, sind allein die Naturgesetze. Oder sagen wir, möglichst präzise: was übrig bleibt, ist allein die Kausalität, die Ursache. Aber nicht einmal jede Ursache? Nämlich nicht die Erkenntnisursache: sie determiniert die Erkenntnis; mit anderen Worten: die Prämissen determinieren die Konklusionen, die Voraussetzungen determinieren die Schlussfolgerungen; und zwar mit Recht: es gibt nur eine Willensfreiheit, keine Erkenntnisfreiheit, außer bei einigen bösartigen Narren. Ebenso ist es mit den mathematischen Prämissen, die man ja gleichfalls als Ursachen oder zumindest als ausreichenden („zureichenden") Grund betrachten kann und die die mathematischen Konklusionen determinieren.

(3) Und so ist denn auch im Vorhergehenden als einziges Argument gegen die Willensfreiheit nur die ausreichende Wirkursache in Betracht gekommen (der „zureichende Grund", die causa efficiens et sufficiens). Zu den ausreichenden Wirkursachen gehört im Übrigen auch das Motiv, der Beweggrund; er hat die Besonderheit, dass er seinen Weg über die Erkenntnis nimmt: ein Vorteil wird erkannt und „determiniert" nun als Beweggrund ganz bestimmte, dazu passende Naturen zum Handeln. Wir haben ausreichende Begründungen dafür gegeben, dass wir und alle anderen Weltwesen als „Dinge an sich", wenn auch nicht ganz und gar als „Erscheinung" oder „Vorstellung", trotz der Wirkursachen einen freien Willen haben. Aber wenn es uns nun gelingt, dieses einzige in Betracht kommende Gegenargument gegen die Willensfreiheit, das Argument der Wirkursache, mit einer zusätzlichen und besonders bündigen, übersichtlichen Begründung zu entkräften, dürfen wir vielleicht hoffen, eine noch größere Anzahl der verschiedensten Geister von der grundlegenden Sache der Willensfreiheit zu überzeugen. Denn es geht uns bei all dem um höchst praktische, ethische, politische und geradezu seelsorgerische Ziele; vielleicht bin ich ein sehr mangelhafter Diener der Sache; aber wer sonst kümmert sich gegenwärtig um das, was man Seelsorge nennen könnte? Ich verwende das Wort ausschließlich im weitesten Sinne.

(4) Die kürzeste Formel für das Verhältnis zwischen Ursache und Wirkung und damit auch zwischen Ursache und freiem Willen lautet: Keine Ursache in der empirischen Welt erschafft ihre Wirkung aus dem Nichts. Eine Schöpfung der Welt aus dem Nichts, durch Gott oder durch wen auch immer, ist pure Phantasie, ohne irgendeine Analogie aus Wirklichkeit und Erfahrung; der Mensch wollte sich vor lauter verfehlter Gottesverehrung überschlagen, daher der Aberwitz, der Satz aus dem luftleeren Raum. Und für den, der solche Gedankengänge gewohnt und in ihnen geübt ist, genügt jene Formel nun schon für den Nachweis, dass die Ursache den freien Willen nicht aufhebt; und ein anderer Grund für die Aufhebung des freien Willens kommt ja nicht in Betracht. Oder man sagt, etwas ausführlicher: Die Ursache als bloßer Zustand einer Sache veranlasst die Wirkung als bloßen Zustand einer anderen Sache; aber nicht „aus dem Nichts", sondern aus der Sache, deren Zustand sie ist, und aus der Sache, deren Zustand die Wirkung ist: der rollende Felsen knickt einen Baum (das Rollen als Zustand des Felsens, unter anderem auf Grund von dessen Natur, und die Zerbrechlichkeit als Voraussetzung des Zerbrechens des Baumes); der durch eine Linse gebündelte Sonnenstrahl entzündet ein Papier (die Bündelung des Sonnenstrahls als Ursache, das Feuerfangen des Papiers als Wirkung oder Folge, seine Entzündbarkeit als Voraussetzung dafür). Oder auch, wenn man alles das voraussetzt und festhält: Die Wirkung hat sich u.a. aus der Reaktion der Sache ergeben, deren Zustand sie ist; die Sache selber aber ist, wie gesagt, „aus sich selbst" und hat damit in ihrer Eigenschaft als „Ding an sich" auf dem Weg über ihr selbstbestimmtes Wesen (vorliegend: über ihre leichte Brennbarkeit) auch ihre Reaktion auf die Ursache frei bestimmt: Papier reagiert auf den gebündelten Sonnenstrahl, indem es Feuer fängt; Eisen reagiert, indem es etwas wärmer wird; der Dieb reagiert auf frei daliegendes und unbeaufsichtigtes Geld, indem er es stiehlt; andere reagieren anders, auf Grund ihrer andersartigen Natur, ihres andersartigen „aus sich Selbst". Und: die Reaktionen sind, wenn alles andere gleich ist, immer dieselben, d.h.: sie sind gesetzmäßig und zwangsläufig, weil unsere Entschlüsse in der Zeitlosigkeit des „Dinges an sich" einen einzigen Entschluss ausmachen – und deshalb in der „Erscheinung" oder „Vorstellung", wiewohl auseinandergezogen, immer noch zwingend aneinander gebunden sind; mit anderen Worten: die Kausalität in ihrer Eigenschaft als determinierende Kategorie zeigt sich nur in der Sukzessivität der „Erscheinung" oder „Vorstellung". Also noch einmal: Eine Ursache bedeutet keine Schöpfung aus dem Nichts. Sondern: sie bewirkt eine Folge oder Wirkung, die zwar für unsere die Vorgänge auseinanderziehende „Vorstellung" zwingend ist, die aber als „Ding an sich" frei ist; und die ihren Inhalt, unter der Einwirkung der Ursache, dem freien „an Sich" und „aus sich Selber" des Gegenstandes entnimmt, dessen Zustand sie ist. Ich gehe jetzt einen Text von Schopenhauer durch (Über den Willen in der Natur: Physische Astronomie, die beiden letzten Absätze), zur Übung und zur Veranschaulichung; und ich bitte, die gerade vorausgeschickten Formeln dabei mit zu bedenken, sie mit einzuarbeiten.

(5) „Auf der niedrigsten Stufe der Natur sind Ursache und Wirkung ganz gleichartig und ganz gleichmäßig; weshalb wir hier die Kausalverknüpfung am vollkommensten verstehn: z.B. die Ursache der Bewegung einer gestoßenen Kugel ist die einer anderen, welche eben so viel Bewegung verliert, als jene erhält. Hier haben wir die größtmögliche Fasslichkeit der Kausalität. Das dabei doch noch vorhandene Geheimnißvolle beschränkt sich auf die Möglichkeit des Überganges der Bewegung – eines Unkörperlichen – aus einem Körper in den andern. Die Empfänglichkeit der Körper in dieser Art ist so gering, dass die hervorzubringende Wirkung ganz und gar aus der Ursache herüberwandern muß." Mit anderen, vielleicht weniger missverständlichen Worten: die Reaktion der gestoßenen Kugel bringt im Verhältnis zur verursachenden Kugel nichts Andersartiges, sondern nur etwas Gleichartiges hervor. „Das Selbe gilt von allen rein mechanischen Wirkungen, und wenn wir sie nicht alle eben so augenblicklich begreifen; so liegt dies bloß daran, dass Nebenumstände sie uns verdecken, oder die komplicirte Verbindung vieler Ursachen und Wirkungen uns verwirrt: an sich ist die mechanische Kausalität überall gleich fasslich, nämlich im höchsten Grad, weil hier Ursache und Wirkung nicht qualitativ verschieden sind, und wo sie es quantitativ sind, wie beim Hebel, die Sache sich aus bloß räumlichen und zeitlichen Verhältnissen deutlich machen läßt. Sobald aber Gewichte mitwirken, tritt ein zweites Geheimnißvolles, die Schwerkraft, hinzu: wirken elastische Körper, auch die Federkraft. – Schon anders ist es, wenn wir auf der Stufenleiter der Erscheinungen uns irgend erheben. Erwärmung als Ursache, und Ausdehnung, Flüssigwerden, Verflüchtigung, oder Krystallisation, als Wirkung, sind nicht gleichartig:" das heißt: der eine der Körper, deren Zustand die Wirkung wird, reagiert auf Grund seines unbegreiflichen, weil freien, „aus sich Selber" mit Ausdehnung, der andere mit Flüssigwerden usw. „daher ist ihr kausaler Zusammenhang nicht verständlich. Die Faßlichkeit der Kausalität hat abgenommen: was durch eine mindere Wärme flüssig wurde, wird durch eine vermehrte verflüchtigt; was bei einer geringeren Wärme krystallisiert, wird bei einer größeren geschmolzen. Wärme macht Wachs weich, Thon hart; Licht macht Wachs weiß, Chlorsilber schwarz. Wenn nun gar zwei Salze einander zersetzen, zwei neue sich bilden; so ist uns die Wahlverwandtschaft ein tiefes Geheimniß, und die Eigenschaften der zwei neuen Körper sind nicht die Vereinigung der Eigenschaften ihrer getrennten Bestandtheile. Jedoch können wir der Zusammensetzung noch folgen und nachweisen, woraus die neuen Körper entstanden, können auch das Verbundene wieder trennen, dasselbe Quantum dabei herstellend. Also zwischen Ursache und Wirkung ist hier merkliche Heterogeneität und Incommensurabilität eingetreten: die Kausalität ist geheimnißvoller geworden. Beides ist noch mehr der Fall, wenn wir die Wirkungen der Elektricität, oder Voltaischen Säule, vergleichen mit ihren Ursachen, mit Reibung des Glases, oder Aufschichtung und Oxydation der Platten. Hier verschwindet schon alle Aehnlichkeit zwischen Ursache und Wirkung:" – der eine die Wirkung tragende Körper reagiert eben auf Grund seines „aus sich Selber", seiner Freiheit, so, und der andere anders: der eine mit der einen Wirkung, der andere mit einer anderen – „die Kausalität hüllt sich in dichten Schleier, welchen einigermaaßen zu lüften, Männer wie Davy, Ampère, Faraday, mit größter Anstrengung sich bemüht haben. Bloß die Gesetze der Wirkungsart lassen sich ihr noch abmerken und auf ein Schema wie + E und – E, Mittheilung, Vertheilung, Schlag, Entzündung, Zersetzung, Laden, Isolirung, Entladen, elektrische Ströhmung u. dgl. bringen, auf welches wir die Wirkung zurückführen, auch sie beliebig leiten können: aber der Vorgang selbst" – weshalb nun der eine die Wirkung tragende Körper auf Grund seines freien „aus sich Selber" so, und der andere anders reagiert – „bleibt ein Unbekanntes, ein x. Hier also ist Ursache und Wirkung ganz heterogen, ihre Verbindung unverständlich, und die Körper zeigen große Empfänglichkeit für einen kausalen Einfluß," – für freie Reaktionen auf die Ursache auf Grund eines frei, weil „aus sich selber" geschaffenen, eigenen Wesens – „dessen Wesen uns ein Geheimniß bleibt. Auch scheint uns, in dem Maaße, als wir höher steigen, in der Wirkung mehr, und in der Ursache weniger zu liegen." – das heißt: es geht um Willen und Freiheit der Wirkung; und die Bedeutung von Freiheit und Wille ist es ja, die zunehmen soll – „Dieses alles ist daher noch mehr der Fall, wenn wir uns bis zu den organischen Reichen erheben, wo das Phänomen des Lebens sich kund giebt." „Zwischen dem, bisweilen Jahrhunderte, ja Jahrtausende alten Saamenkorn und dem Baum, zwischen dem Erdreich und dem specifischen, so höchst verschiedenen Saft unzähliger Pflanzen, heilsamer, giftiger, nährender, die ein Boden trägt, ein Sonnenlicht bescheint, ein Regenschauer tränkt, ist keine Aehnlichkeit mehr und deshalb keine Verständlichkeit für uns. Denn die Kausalität tritt hier schon in höherer Potenz auf, nämlich als Reiz und Empfänglichkeit für solchen. Nur das Schema von Ursache und Wirkung ist uns geblieben: wir erkennen Dieses als Ursache, Jenes als Wirkung, aber gar nichts von der Art und Weise der Kausalität. Und nicht nur findet keine qualitative Aehnlichkeit zwischen der Ursache und der Wirkung Statt, sondern auch kein quantitatives Verhältniß: mehr und mehr erscheint die Wirkung beträchtlicher, als die Ursache; auch wächst die Wirkung des Reizes nicht nach Maaßgabe seiner Steigerung, sondern oft ist es umgekehrt. Treten wir nun aber gar in das Reich der erkennenden Wesen; so ist zwischen der Handlung und dem Gegenstand, der als Vorstellung solche hervorruft, weder irgend eine Aehnlichkeit, noch ein Verhältniß. Inzwischen ist bei dem auf anschauliche Vorstellungen beschränkten Thiere noch die Gegenwart des als Motiv wirkenden Objekts nötig; welches sodann augenblicklich und unausbleiblich wirkt" – weil auch das Tier als „Ding an sich" in seiner zeitlosen Schicht nur einen einzigen, zusammenhängenden, zusammengehörenden Entschluss fasst – „(Dressur, d. i. durch Furcht erzwungene Gewohnheit, bei Seite gesetzt): denn das Thier kann keinen Begriff mit sich herumtragen, der es vom Eindrucke der Gegenwart unabhängig machte, die Möglichkeit der Ueberlegung gäbe und es zum vorsätzlichen Handeln befähigte. Dies kann der Mensch. Vollends also bei vernünftigen Wesen ist das Motiv sogar nicht mehr ein Gegenwärtiges, ein Anschauliches, ein Vorhandenes, ein Reales, sondern ein bloßer Begriff, der sein gegenwärtiges Daseyn allein im Gehirne des Handelnden hat, aber abgezogen ist" = abstrahiert ist „aus vielen verschiedenartigen Anschauungen, aus der Erfahrung vergangener Jahre, oder auch durch Worte überliefert. Die Sonderung zwischen Ursache und Wirkung ist so übergroß geworden, und die Wirkung ist im Verhältnis zur Ursache so stark angewachsen, dass es dem rohen Verstande nunmehr erscheint, als sei gar keine Ursache mehr vorhanden, der Willensakt hänge von gar nichts ab" – was in der „Erscheinung" oder" Vorstellung" in Wahrheit nie der Fall ist – „sei grundlos, d. h. frei. Dieserhalb eben stellen sich die Bewegungen unseres Leibes, wenn wir sie von außen reflektirend anschauen, als ein ohne Ursache Geschehendes, d. h. eigentlich als ein Wunder dar. Nur Erfahrung und Nachsinnen belehren uns, dass diese Bewegungen, wie alle andern, allein möglich sind durch eine Ursache, die hier Motiv heißt, und dass, in jener Stufenfolge, die Ursache nur an materialer Realität hinter der Wirkung zurückgeblieben ist, hingegen an dynamischer, an Energie, gleichen Schritt mit ihr gehalten hat. – Also auf dieser Stufe, der höchsten in der Natur, hat uns mehr als irgendwo die Verständlichkeit der Kausalität verlassen. Nur das bloße Schema, ganz allgemein genommen, ist noch übrig geblieben, und es bedarf der reifen Reflexion, um auch hier noch dessen Anwendbarkeit und die Nothwendigkeit zu erkennen, die jenes Schema überall herbeiführt.

(6) Nun aber, – so wie man, in die Grotte von Posilippo gehend, immer mehr ins Dunkle geräth, bis, nachdem man die Mitte überschritten hat, nunmehr das Tageslicht des anderen Endes den Weg zu erleuchten anfängt; gerade so hier: – wo das nach außen gerichtete Licht des Verstandes, mit seiner Form der Kausalität, nachdem es immer mehr vom Dunkel überwältigt wurde, zuletzt nur noch einen schwachen und ungewissen Schimmer verbreitete; eben da kommt eine Aufklärung völlig anderer Art, von einer ganz anderen Seite, aus unserem eigenen Innern ihm entgegen, durch den zufälligen Umstand, dass wir, die Urtheilenden, gerade hier die zu beurtheilenden Objekte selbst sind. Für die äußere Anschauung und den in ihr thätigen Verstand hatte sich die zunehmende Schwierigkeit des, Anfangs so klaren, Verständnisses der Kausalverbindung allmälig so gesteigert, dass diese bei den animalischen Aktionen zuletzt fast zweifelhaft wurde und solche sogar als eine Art Wunder erblicken ließ: gerade jetzt aber kommt, von einer ganz anderen Seite, aus dem eigenen Selbst des Beobachters, die unmittelbare Belehrung, dass in jenen Aktionen der Wille das Agens ist, der Wille, der ihm bekannter und vertrauter ist, als Alles was die äußere Anschauung jemals liefern kann." – der Wille als das Freie, dynamische aus sich selber Seiende, das auf dem Weg über das von ihm selbst gesetzte eigene Wesen mittelbar, als Verhalten dieses Wesens, auch die Reaktion auf die Ursache bestimmt; und sollte jemandem dabei die Zwangsläufigkeit der Kausalität aus dem Blick geraten sein, so könnte er im Vorhergehenden, unter aa, vielleicht noch einmal die Absätze 16 - 18 (nach dem Zeitungszitat ab „So weit, so schlecht") zu durchdenken suchen. Schopenhauer fährt fort: „Diese Erkenntniß ganz allein muß dem Philosophen der Schlüssel werden zur Einsicht in das Innere aller jener Vorgänge der erkenntnißlosen Natur, bei denen zwar die Kausalerklärung genügender war, als bei den zuletzt betrachteten, und umso klärer, je weiter sie von diesen weglagen, jedoch auch dort noch immer ein unbekanntes x zurückließ und nie das Innere des Vorgangs ganz aufhellen konnte, selbst nicht bei dem durch Stoß bewegten, oder durch Schwere herabgezogenen Körper." – weil eben auch bei der gestoßenen Kugel immer noch die Reaktion hinzukommen muss, die Bewegung der stoßenden Kugel in sich aufnehmen zu wollen. – „Dieses x hatte sich immer weiter ausgedehnt und zuletzt auf den höchsten Stufen, die Kausalerklärung ganz zurückgedrängt, dann aber, als diese am wenigsten leisten konnte, sich als Wille entschleiert, – dem Mephistopheles zu vergleichen, wann er, in Folge gelehrter Angriffe, aus dem kolossal gewordenen Pudel, dessen Kern er war, hervortritt. Die Identität dieses x auch auf den niedrigen Stufen, wo es nur schwach hervortrat," – z.B. nur in Gestalt der Reaktion als solchen auf Seiten der gestoßenen Kugel, ohne Unterschied zwischen der Geschwindigkeit der gestoßenen und der der stoßenden Kugel – „dann auf den höheren, wo es seine Dunkelheit mehr und mehr verbreitete, endlich auf den höchsten, wo es alles beschattete, und zuletzt auf dem Punkt, wo es, in unserer eigenen Erscheinung, sich dem Selbstbewußtseyn als Wille kund giebt, anzuerkennen, ist in Folge der hier durchgeführten Betrachtung wohl unumgänglich." Und folgen wir Schopenhauer nun ruhig noch zwei weitere klare und helle Seiten hindurch bei der Variation des Gedankens: was, von außen betrachtet, Zwangsläufigkeit und Kausalität seien, das sei, von innen betrachtet, der Wille; oder, in unseren eigenen Termini (vorhin unter aa Absätze 16 - 18 nach dem Zeitungszitat ab „So weit, so schlecht"): die Zwangsläufigkeit der Sukzessivität und Kausalität in der Schicht der „Erscheinung" oder „Vorstellung" erkläre sich ausschließlich aus der Einheit der betreffenden Vorgänge in der Zeitlosigkeit des „Dinges an sich", das ohne Zwangsläufigkeit sei, und frei, weil ohne Ursache im strengen Sinne, weil „aus sich selber". Schopenhauer fährt also in dem besagten Sinne fort: „Die zwei urverschiedenen Quellen unserer Erkenntniß, die äußere und die innere, müssen an diesem Punkte durch Reflexion in Verbindung gesetzt werden. Ganz allein aus dieser Verbindung entspringt das Verständniß der Natur und des eigenen Selbst: dann aber ist das Innere der Natur unserem Intellekt, dem für sich allein stets nur das Aeßere zugänglich ist, erschlossen, und das Geheimniß, dem die Philosophie so lange nachforscht, liegt offen. Dann nämlich wird deutlich, was eigentlich das Reale und was das Ideale (das Ding an sich und die Erscheinung) sei; wodurch die Hauptfrage, um welche sich die Philosophie seit Cartesius" = Descartes „dreht, erledigt wird, die Frage nach dem Verhältniß dieser Beiden, deren totale Diversität Kant auf das gründlichste, mit beispiellosem Tiefsinn, dargethan hatte, und deren absolute Identität gleich darauf Windbeutel, auf den Kredit intellektualer Anschauung, behaupteten." Schopenhauer meint mit den Windbeuteln Fichte, Schelling und vor allem Hegel, zusammen mit den Hegelianern usw., die damals im gleichen Sinne und mit ähnlichen begrifflichen Methoden in wässeriger und pathetischer Weise weiterschrieben; er hatte noch Probleme mit dem Phänomen der Pseudophilosophie; er ließ sich noch in Wut versetzen über ihre Bevorzugung im äußeren Bereich: in dieser „Welt, in der die Schlechtigkeit herrscht und die Torheit das große Wort führt", wie er sich einmal ausdrückt – dagegen könnten erfahrene Menschen jetzt, in unseren Jahrzehnten, längst wissen: woher, wieso, warum, mit welchen Mitteln, wie lange noch, usw.; mit der Schlussfolgerung, dass von den entsprechenden Kreisen in unserer Zeit ganz sicher niemals irgendetwas Sinnvolles, Rettendes ausgehn wird und dass absolute Verachtung infolgedessen die einzig richtige Reaktion ist. Schopenhauer fährt fort: „Wenn man hingegen sich jener Einsicht, welche wirklich die einzige und enge Pforte zur Wahrheit ist, entzieht; so wird man nie zum Verständniß des inneren Wesens der Natur gelangen, als zu welchem es durchaus keinen anderen Weg giebt; vielmehr fällt man einem fernerhin unauflöslichen Irrthum anheim. Nämlich man behält, wie oben gesagt, zwei grundverschiedene Urprincipien der Bewegung, zwischen denen eine feste Scheidewand steht: die Bewegung durch Ursachen und die durch Willen. Die erstere bleibt dann, ihrem Innern nach, ewig unverständlich, weil alle ihre Erklärungen jenes unauflösliche x zurücklassen, das um so viel mehr in sich faßt, je höher das Objekt der Betrachtung steht; – und die zweite, die Bewegung durch Willen, steht da als dem Princip der Kausalität gänzlich entzogen, als grundlos," – als aus sich Selber, sofern wir es von innen betrachten; als zwangsläufig, soweit wir es auch von innen noch zeitlich sehn; als kausal und determiniert und insofern erst recht als zwangsläufig, sofern wir es von außen betrachten – „als Freiheit der einzelnen Handlungen, also als völlig der Natur entgegengesetzt und absolut unerklärlich. Vollziehn wir hingegen die oben geforderte Vereinigung der äußeren mit der inneren Erkenntniß, da wo sie sich berühren; so erkennen wir, trotz aller accidentellen Verschiedenheiten, zwei Identitäten, nämlich die der Kausalität mit sich selbst auf allen Stufen, und die zuerst unbekannten x (d. h. der Naturkräfte und Lebenserscheinungen) mit dem Willen in uns. Wir erkennen, sage ich, erstlich das identische Wesen der Kausalität in den verschiedenen Gestalten, die es auf verschiedenen Stufen annehmen muß, und nun sich zeigen mag als mechanische, chemische, physikalische Ursache, als Reiz" bei der Pflanze, „als anschauliches Motiv" bei Tier und Mensch, „als abstraktes, gedachtes Motiv" beim Menschen allein: „wir erkennen es als Eins und das Selbe, sowohl da, wo der stoßende Körper so viel Bewegung verliert, als er mittheilt," – indem der gestoßene mit der Übernahme der Bewegung reagiert – „als da, wo Gedanken mit Gedanken kämpfen und der siegende Gedanke, als stärkstes Motiv, den Menschen in Bewegung setzt, welche Bewegung nun mit nicht geringerer Nothwendigkeit erfolgt" – wobei die Notwendigkeit aber nur „Erscheinung" ist – „als die der gestoßenen Kugel. Statt da, wo wir selbst das Bewegte sind und daher das Innere des Vorgangs uns intim und durchaus bekannt ist, von diesem inneren Licht geblendet und verwirrt zu werden und dadurch uns dem sonstigen, in der ganzen Natur uns vorliegenden Kausalzusammenhange zu entfremden und die Einsicht in ihn uns auf immer zu verschließen; bringen wir die neue, von innen erhaltene Erkenntniß zur äußern hinzu, als ihren Schlüssel, und erkennen die zweite Identität, die Identität unseres Willens mit jenem uns bis dahin unbekannten x, das in aller Kausalerklärung übrig bleibt. Demzufolge sagen wir alsdann: auch dort, wo die palpabelste" – die greifbarste – „Ursache die Wirkung herbeiführt, ist jenes dabei noch vorhandene Geheimnißvolle, jenes x, oder das eigentlich Innere des Vorgangs, das wahre Agens, das Ansich dieser Erscheinung – welche uns am Ende doch nur als Vorstellung und nach den Formen und Gesetzen der Vorstellung gegeben ist, – wesentlich das Selbe mit Dem, was bei den Aktionen unsers, eben so als Anschauung und Vorstellung uns gegebenen Leibes, uns intim und unmittelbar bekannt ist als Wille." – mit der im Vorhergehenden (unter aa im 14. Absatz nach dem Zeitungszitat ab „So weit, so schlecht") wiedergegebenen geringen Einschränkung, dass es selbst hier noch sozusagen nur durch die Gitterstäbe zeitlicher Sukzession, dennoch aber in seinem wahren Wesen, zu erkennen ist – „ ... – Wie wir also einerseits das Wesen der Kausalität, welches seine größte Deutlichkeit nur auf den niedrigsten Stufen der Objektivation des Willens (d. i. der Natur) hat, wiedererkennen auf allen Stufen, auch den höchsten; so erkennen wir auch andererseits das Wesen des Willens auf allen Stufen wieder, auch den tiefsten, obgleich wir nur auf der allerhöchsten diese Erkenntnis unmittelbar erhalten." – wenngleich hier auf der allerhöchsten mit der gerade wieder in Erinnerung gebrachten, weniger wesentlichen Einschränkung, auf die auch Schopenhauer selbst an anderen Stellen aufmerksam gemacht hat – „Der alte Irrthum sagt: wo Wille ist, ist keine Kausalität mehr, und wo Kausalität, kein Wille. Wir aber sagen: überall wo Kausalität ist, ist Wille; und kein Wille agirt ohne Kausalität. Das punctum controversiae ist also, ob Wille und Kausalität, in einem und dem selben Vorgange, zugleich und zusammen bestehn können und müssen. Was die Erkenntniß, dass es allerdings so sei, erschwert, ist der Umstand, dass Kausalität und Wille auf zwei grundverschiedene Weisen erkannt werden: Kausalität ganz von außen, ganz mittelbar, ganz durch den Verstand; Wille ganz von innen, ganz unmittelbar; und daß daher, je klärer in jedem gegebenen Fall die Erkenntniß des Einen, desto dunkler die des Andern ist. Daher erkennen wir, wo die Kausalität am faßlichsten ist, am wenigsten das Wesen des Willens; und wo der Wille unleugbar sich kund giebt, wird die Kausalität so verdunkelt," – das heißt: wir übersehen hier allzu leicht, dass der Wille ein Motiv, also doch wieder eine Ursache braucht – „dass der rohe Verstand es wagen konnte, sie wegzuleugnen. – Nun aber ist Kausalität, wie wir von Kant gelernt haben, nichts weiter, als die a priori erkennbare Form des Verstandes selbst, also das Wesen der Vorstellung als solcher, welche die eine Seite der Welt ist:" – wir haben ja gesehen, welche Rolle dabei die Zeit spielt: wie sie das zeitlose Eine, den einen Entschluss, in viele sukzessive Teile auseinanderzieht, die nun, wegen ihrer Einheit in der Zeitlosigkeit des „an Sich", auch als „Erscheinung" im Verhältnis zueinander nicht zu ändern sind und insofern zwangsläufig sind. – „die andere Seite ist Wille: er ist das Ding an sich. Jenes in umgekehrtem Verhältniß stehende Deutlichwerden der Kausalität und des Willens, jenes wechselweise Vor- und Zurück-treten Beider, liegt also daran, daß je mehr uns ein Ding bloß als Erscheinung, d. h. als Vorstellung, gegeben ist, desto deutlicher zeigt sich die apriorische Form der Vorstellung, d. i. die Kausalität; so bei der leblosen Natur: umgekehrt aber, je unmittelbarer uns der Wille bewusst ist, desto mehr tritt die Form der Vorstellung, die Kausalität, zurück; so an uns selbst. Also, je näher eine Seite der Welt herantritt, desto mehr verlieren wir die andere aus dem Gesicht."

(7) Soweit Schopenhauer, wie gesagt, zur Einübung und zur Veranschaulichung der für die Willensfreiheit grundlegenden Formel: dass die Wirkursache ihre Wirkung oder Folge nicht aus dem Nichts erschafft, sondern, wie wir auch jetzt wieder gesehen haben, auf der Grundlage des freien „Dinges an sich" – der Sache, deren Zustand die Ursache ist, und der Sache, deren Zustand die Wirkung ist – mit Auswirkungen nur für unsere „Vorstellung", nur für die Art, wie die Dinge uns „erscheinen". Und mit der Konsequenz, dass wir, trotz der Wirkursachen, „an sich": „als Dinge an sich", frei sind.

(8) Vielleicht interessiert sich der eine oder andere für das, was man die philosophische Systematik des konstruktiven Teils unserer Philosophiegeschichte nennen könnte. Das heißt im vorliegenden Fall: Der Gedanke, den der reife Schopenhauer hier entfaltet hat, nachdem er Kants Denken und seine darauf aufbauenden eigenen Gedanken lange Zeit gründlich durchdacht hatte, genau derselbe Gedanke ist im Wesentlichen und in tiefer Verbindung mit dem Denken Leibnizens und anderer Größen der damaligen Zeit auch schon beim ganz jungen Kant vorhanden. Wer will, kann sich die außerordentlich präzisen Zusammenhänge an Hand meiner Einleitung (Seite XXI Anmerkung) zu Kierkegaards Krankheit zum Tode (Hamburg 1995) klarmachen.

(9) Und die Quintessenz des Ganzen? Die Konsequenz, die ganz ausdrücklich daraus gezogen werden muss? Entweder wir erkennen die Willensfreiheit der Weltwesen in ihrer Eigenschaft als „Dinge an sich" an: das „dynamische aus sich Selber" in jedem einzelnen individuellen oder auch nicht-individuellen Fall; oder wir leben in dem Gedanken, dass jede Wirkursache ihre Folge oder Wirkung aus dem Nichts erschafft – und nicht aus dem „aus sich Selber" der Sache, deren Zustand sie ist, und der Sache, deren Zustand die Wirkung oder Folge ist. Es wird nicht schwer sein, aus dieser Alternative die richtige Konsequenz zu ziehen.

(10) Wir werden weiter sehen, dass sich diese Konsequenz, nämlich unsere edle abendländische Philosophie der Freiheit, nach allem mit einem außerordentlich günstigen Kommentar versehen lässt: Hohlköpfe sind beleidigt, wenn man sie bittet, etwas noch einmal durchzugehen; anders dagegen Leute mit Auffassungsgabe, Scharfsinn und gutem Gedächtnis: sie sind solche Mühewaltungen gewohnt und wissen, wie unvollkommen selbst Menschen mit den genannten drei Fähigkeiten sind. Ich bitte also, die ersten drei Absätze hier unter cc) noch einmal durchzusehen – es sei denn der eine oder andere hätte auf Grund besonderer Umstände gerade deren Inhalt genau im Gedächtnis behalten – und sich dann klarzumachen: was nun wirklich „das Normale" ist. Das heißt: wer trägt die Beweislast? Ist es der, der zu den vorhandenen Weltwesen andere Wesen hinzubehauptet, die sie determinieren? Oder auch der, der dem einen Wesen die Fähigkeit zuspricht, das andere zu determinieren, obwohl alle „aus sich selber" sind, schon bis zum Gegenbeweis? Denn irgendetwas von der Art muss er ja schon behaupten, wenn es Wesen ohne freien Willen, also fremdbestimmte Wesen geben soll. Oder trägt der die Beweislast, der solche Erweiterungen der Wirklichkeit bestreitet? Angenommen, der zuletzt genannte, trockene Bursche beriefe sich auf den Grundsatz: wer behauptet, müsse beweisen (Nego; affirmanti incumbit probatio. Ich bestreite; wer behauptet, muss beweisen) ! Fazit: die Philosophie der Freiheit ist bis zum Gegenbeweis die richtige; sie ist das Normale; wer etwas anderes will, muss es beweisen. Und das dürfte für unsere noble Philosophie der Freiheit wohl kaum der ungünstigste Kommentar sein – ganz davon abgesehen, dass ich zugunsten der Willensfreiheit ausreichende Begründungen gebracht habe, ohne die Beweislast zu haben.

(11) Soviel zunächst noch einmal zum Grundsätzlichen. Bevor wir jedoch zu den „harten Fakten" zurückkehren – wir sind mit ihnen noch nicht ganz fertig – ist zwischendurch eine orientierende ad´hoc-Bemerkung zu Schopenhauer angebracht; sodann ein ganz bestimmter radikaler und umfassender Gesichtspunkt; und schließlich eine Sache, die man gewissermaßen als nützlichen und klärenden, wenn auch nicht unbedingt notwendigen „Epilog" bezeichnen könnte.

(12) Schopenhauers Genialität bestand, außer in einer reichen Fülle glänzender Einzelbeobachtungen und Einzelgedanken, in seinem Voluntarismus; d.h. in seiner Gleichung zwischen Sein und Wollen. Spengler spricht einmal von „den Wahrheiten, denen, wenn sie einmal ausgesprochen sind, nicht mehr widersprochen wird". Er hat Recht: es gibt solche Wahrheiten; und er hat doch nicht Recht: es gibt sie nicht. Das heißt: es gäbe sie, wären da nicht die zahllosen Berufs- und Karrieregelehrten: sie werden von einflussreichen Kräften im Hintergrund (es gelingt allerdings nicht immer!) nach ganz anderen Gesichtspunkten in ihre Stellungen gebracht als nach dem unendlich weltfremden Gesichtspunkt der Wahrheitssuche; man muss nur alt genug und in der richtigen Umgebung zu Hause gewesen sein, um dieses Faktum der Geistesgeschichte direkt beobachtet zu haben. Sobald jemand etwas Hervorragendes herausgebracht hat, schreiben sie etwas anderes oder vertreten etwas anderes; aus einem doppelten Grund: erstens haben sie den Auftrag, höhere Naturen durch ihre sterilen, langweiligen und trostlosen Traktate von der Philosophie abzuschrecken – man will keine Philosophie – ; und zweitens wollen sie sich selbst, ihre eigene Person, zur Geltung bringen: sie wissen nichts von der Objektivität des schöpferischen Menschen. Nur darf man nicht schimpfen wie Schopenhauer „mit seiner lauttönenden und ihre Hörer doch erst nach einem Menschenalter erreichenden Beredsamkeit" (Nietzsche): damit stiehlt man sich zu viel Zeit.; eher schon sollte man die unendlich feine Ironie Kierkegaards zu erreichen suchen; man kann auch kurz und scharf sein wie Leibniz; oder man hält einen Mittagstisch wie Herr Professor Kant – wie gesagt, es gibt Ausnahmen, auch in Gestalt von Menschen, die nicht gerade an Kant heranreichen – und lädt alle möglichen Leute dazu ein, nur nicht seine Kollegen; man achte einmal auf Kants Fußnote über die Urteilskraft in der Kritik der reinen Vernunft. Es ist egal, ob man es so oder noch anders macht; nur einen einzigen Punkt muss man immer wieder deutlich machen: dass von den besagten Berufs- und Karriere-Leuten niemals etwas ausgehen wird, was uns aus unserer hoffnungslosen und elenden Situation retten oder uns irgendwie helfen könnte oder was auch nur in irgendeinem wesentlichen Sinne von Interesse wäre. Entweder also unsere geistige Kultur geht vollständig zugrunde – die Künste sind gut; aber auf ihnen kann man nicht aufbauen – und wir wissen nichts mehr von dem, was uns wirklich interessiert, auf dessen Kenntnis wir dann jedoch in stiller Verzweiflung längst verzichtet hätten. Oder man stützt sich auf andere Leute; das heißt: man sieht von jenen Leuten ab, ohne darüber hinaus auf sie zu schimpfen. Dann aber gehört Schopenhauers Voluntarismus: seine besagte Gleichung, „zu den Wahrheiten, denen, wenn sie einmal ausgesprochen sind, nicht mehr widersprochen wird." Denn natürlich ist alles Energie, alles Dynamik; das ist eine empirische Tatsache, unter anderem eine innere empirische Tatsache! Natürlich ist alles „aus sich selber"; das gilt unter anderem schon bis zum Gegenbeweis: nach dem Grundsatz, wer behauptet, müsse beweisen! Und natürlich ist der Wille das „dynamische aus sich selber Seiende" – wenn Schopenhauer es auch mit anderen Worten gesagt hat.

(13) Schopenhauer hat jedoch einen Fehler gemacht: er hielt am alten Gottesbegriff fest, an dem Schöpfer aus dem Nichts durch Wirkursache; alle haben das getan, bis auf meine Wenigkeit, nachdem Kierkegaard schon einmal damit begonnen hatte, eine erste Bresche in die Mauer zu schlagen. Wahrhaftig, es war eine Mauer! Dann aber, auf dieser Voraussetzung des alten Gottesbegriffes, war es auch schon kein Fehler mehr von Schopenhauer, einen so beschaffenen Gott abzulehnen. Alle hatten ja mit ihm ihre Schwierigkeiten: Schwierigkeiten auf Grund von begrifflichen Widersprüchen! Die Braven hatten sich sogar eingeredet, es sei richtig, mit solchen Schwierigkeiten zu leben; nur die nicht Braven hatten das nicht getan – und dann die falschen Konsequenzen gezogen.

(14) Und was die Unsterblichkeit anbetrifft – so lag Schopenhauer halbrichtig. Wir kommen auf alles zurück. Meine Freunde, ich habe keine Ahnung, ob jemand wirklich in dieser Frage wissbegierig ist; vielleicht ist es niemand; meine Aufgabe wäre dann noch schwerer. Aber es schadet ja nichts, wenn ich einen Hinweis gebe: wer will, kann sich also schon einmal in meinem Kommentar zu Kierkegaards Krankheit zum Tode (Hamburg 1995, zu Seite 15,1-9, ab 2. Absatz) ein erstes Bild machen.

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.