Zur Unterscheidung
des Ewigen und des Notwendigen
- neben vielem anderen.
Antwort an einen Freund und Kritiker,
vielleicht demnächst durch ihn erweitert.
Es strengt uns an; aber wir brauchen auch das;
nur die Schwafler sind dafür zu schwach.


Fragt jemand nach meinem Verhältnis zu dem Freund und Kritiker?
Hintergedanken, denke ich, hat er nicht;
so nehme ich ihn, wie er sich zeigt.
Ist alles ausgewogen, was er denkt? Wie sollte es! Er ist jung und voller Leidenschaft.
Von mir ist er vielleicht nur angeregt;
er hat jedoch dieselben Gegenstände; und er hat Geist und Scharfsinn;
er zwingt mich nachzudenken.
Seine Interessen zeigen Weite und Größe und atmen beider Geist.
Vor allem aber: er schwafelt nicht, er geht ins Einzelne,
gibt es ein schöneres Verdienst in unserer ratio-feindlichen, lumpigen Zeit?
Ich kann nicht wissen, was aus dem Freund und Kritiker wird;
doch die alten Denker warten auf ihn.



Lieber Herr Christian Fernandes!

Ich zitiere Sie, wie immer, grundsätzlich kursiv; mit Einfügungen durch mich.

Teil I.
Zum Kausalgesetz.

(1) In Ihrem Brief vom 3.5.2010 schreiben Sie (Seite 10f.): Wir sehen physische Bewegungen zeitlich aufeinander folgen. Die notwendige Verknüpfung sehen wir indes nicht. Es gilt, den logischen Fehler eines Schlussverfahrens post hoc ergo propter hoc, „danach, also deswegen“, zu vermeiden. Soviel zu Kants revolutionären Einsichten und seiner Überwindung Humes. Sollten wir nicht lieber sagen: Soviel zu Humes revolutionären Einsichten, dem Ausgangspunkt für Kants Gedanken, wonach das Kausalgesetz bloße „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ ist, weil es a priori: vor aller Erfahrung, gilt? Sie fahren kurz darauf fort: ... ob die eine physische Bewegung die andere mit absoluter Notwendigkeit oder überhaupt nur irgendwie hervorbringt – wie wollen wir das aus Sachgründen entscheiden und nicht nur vermeinen? Nun, die Problemstellung modifiziert sich, wenn das Kausalgesetz a priori gelten und folglich bloße „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ sein sollte, ebenso wie Raum und Zeit; wie es meiner Meinung nach, mit allen drei Gedankenformen, auch wirklich ist – und wie es denn auch, ganz nebenbei gesagt, in der Zeitlosigkeit keine Kausalität geben kann (siehe den entsprechenden Hinweis im Folgenden). – Das Kausalgesetz „bringt“ dann, nämlich wenn wir es a priori in uns haben, die „andere“ „physische Bewegung“ durchaus mit „absoluter Notwendigkeit“ „hervor“ – wenn auch nur in der Schicht der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, nur in unserer empirischen „Welt“, die nur die „unsere“ ist; die es aber auch wirklich ist; oder sagen wir : das Kausalgesetz schließt diese Hervorbringung dann notwendig in sich. So dass wir uns trotz allem nicht darüber zu wundern brauchen, dass der Physiker ebenso wie in Kausalzusammenhängen, so auch in Raum und Zeit und folglich mathematisch denken muss – eine Tatsache, die ihr Gewicht hat! – man kann dann allenfalls in bestimmten Einzelfällen noch theoretisch darüber streiten, was die Ursache war, nicht mehr, ob überhaupt eine Ursache gewirkt hat! Indes, Sie fahren fort: So ... nämlich kann man „aus Sachgründen entscheiden und nicht nur vermeinen“ ... : Eine physische Bewegung kann die andere nicht gründen, weil sie sie dann schon enthalten müsste und sie nicht mehr zeitlich aus ihr folgen könnte, sondern gleichzeitig mit ihr existierte.
      (2) Ich empfehle jedem, der das Geistvolle an Ihrem Aspekt tiefer erkennen will, zunächst den Folgesatz bei Ihnen zu lesen: Auf alle physischen Bewegungen angewandt ergibt sich aus dieser Überlegung die Negation physischer Bewegung / ! / bzw. der Zeit / ! / denn die erste enthielte auch alle weiteren physischen Bewegungen, die mithin nicht mehr zeitlich aus ihr folgen könnten, weshalb sie auch die einzige und unbewegt bliebe. Also, zuerst das zu lesen! Und sich dann auf www.rochol.net unter „Determiniert? Durch was denn? ... .“ das Kapitel „Ein scheinbarer Widerspruch ... “ und im Besonderen dessen viertletzten Absatz zu Verstande zu führen, ohne dass ich hier noch weiter ins Einzelne gehe. Soviel zum Geistvollen an dem Gedanken.
      (3) Der Gedanke ist aber nicht konkret genug für das Problem – dass er überhaupt etwas besagt, habe ich jetzt ja angedeutet! – Aber nun zum eigentlichen Punkt! Sie zitieren mit guten Gründen Schopenhauers „Preisschrift über die Freiheit des Willens“. In deren III. Kapitel wird u.a. Folgendes deutlich: Im anorganischen Bereich, Physik und Chemie, sind die „Ursachen“ „Ursachen im engeren Sinne“; im pflanzlichen Bereich nennt Schopenhauer die spezifischen Ursachen, die nicht der anorganischen Schicht in den Pflanzen angehören: „Reize“; im tierischen und menschlichen Bereich: den erkennenden Wesen, sind die „Motive“ die spezifischen Ursachen.
     (4) Ferner brauchen die „Ursachen“, um die Wirkung auszulösen, zwei Faktoren: Sie müssen erstens von sich aus geeignet sein, z. B. beim erkennenden Wesen als „Motive“ die Wirkung auszulösen, sagen wir: als zu erstrebende Nahrung für das Raubtier: als Maus für die Katze; oder als sonst zu erstrebender oder aber als zu fliehender Gegenstand, usw. Und sie setzen zweitens, z.B. im erkennenden Wesen, eine Eigenschaft oder einen Zustand voraus, der es zur Reaktion veranlasst; in dem zu bewegenden Raubtier setzen sie z.B. den Hunger voraus oder, wenn die Ursache, das „Motiv“, eine Pflanze ist: den Umstand, dass das Tier ein Pflanzenfresser ist; oder wenn die Ursache als Motiv ein Klumpen Gold ist: so muss das zu bewegende Wesen ein Mensch sein; usf. Entsprechend für die „Reize“, die auf Pflanzen wirken, und für „Ursachen im engeren Sinne“: ein bestimmter chemischer Stoff wirkt hier in ganz bestimmter Weise auf einen ganz bestimmten anderen, wenn auch der letztere dementsprechend beschaffen ist, er wirkt nicht auf jeden Stoff in dieser Weise. Oder – um auf die „Motive“ zurückzukommen – eine ganz bestimmte Aufgabe oder ein Vorteil von ganz bestimmter Art zieht den einen menschlichen Charakter an; und stößt den anderen gerade ab; oder lässt ihn kalt.
     (5) Womit der Gedanke klar sein dürfte. Ebenso klar aber ist jetzt die Beurteilung Ihres Satzes Eine physische Bewegung kann die andere nicht gründen, weil sie sie dann schon enthalten müsste und sie nicht mehr zeitlich aus ihr folgen könnte, sondern gleichzeitig mit ihr existierte. Stellen wir zunächst den äußeren Verlauf fest, und bauen wir dann darauf auf: „Eine physische Bewegung“, z.B. das Auftauchen eines Tieres, einer Maus, als Nahrung für ein anderes Tier, für eine Katze, also als „Motiv“ für ein Raubtier, „enthält“ die „andere“ Bewegung, die des Raubtieres, selbstverständlich nicht; und die letztere Bewegung, die des Raubtieres, „folgt“ erst „zeitlich aus“ der ersteren: auf das Auftauchen des Beutetieres, ohne mit ihr gleichzeitig zu sein! Ebenso, in allem Wesentlichen, mit den „Reizen“ im spezifisch pflanzlichen Bereich und den „Ursachen im engeren Sinne“ bei den anorganischen Wesen: denn wie verläuft es, wenn der eine chemische Stoff auf den anderen wirkt, mit dem anderen in Verbindung gebracht wird? Und so weiter, und so fort.
     (6) Und nun das, was darauf aufbaut: Es gibt nicht den geringsten Grund anzunehmen, die Reaktion des Raubtieres oder z.B. auch die des reagierenden chemischen Stoffes, beide im Bereich der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, wäre deshalb nicht zwingend, nicht determiniert, sie würde, wie Sie sagen, von der „physischen Bewegung“ deshalb nicht „gegründet“, sondern hätte auch andere Möglichkeiten, weil sie in der „physischen Bewegung“: im Auftauchen des Motivs oder des einwirkenden Stoffes nicht „enthalten“ gewesen oder weil sie „zeitlich nur darauf gefolgt“ und nicht mit ihm gleichzeitig gewesen sei. Die Wesen, auf die eingewirkt wird, oder genauer: deren Bewegungen – sagen wir: die „physische Bewegung“ der Katze, auf die die „physische Bewegung“ der gerade auftauchenden begehrten Maus einwirkt – brauchen für eine festliegende, determinierte Reaktion keine Wesensidentität und auch keine zeitliche Identität mit den auf sie einwirkenden „physischen Bewegungen“ – sagen wir: mit den „Bewegungen“ der Maus – ; sie und ihre Urheber, im vorliegenden Fall z.B. die Katze, haben ihre eigene aktive Realität und ihre eigene Reaktion ohne Weiteres in der ja nun einmal festliegenden „Erscheinung“ oder empirischen Beschaffenheit ihres eigenen Wesens, aus dem sich dessen Verhalten zwingend ergibt, mit der Folge vollständiger Determination, und auf Grund dessen das Verhalten aller dieser Wesen von vorneherein festliegt: laut „Agere sequitur esse“ „Das Verhalten ergibt sich aus dem Sein.“
     (7) Sie alle haben, innerhalb der empirischen Schicht, wohlgemerkt, nur insoweit! auch keine Möglichkeit, ihr eigenes Sein, von dem alles ausgeht und determiniert wird, umzuschaffen – sie sich selber! – oder neu zu schaffen, um sich auf diese Weise von den Bindungen der Determination zu befreien; dem widerspricht schon das eiserne Gesetz der numerischen Verschiedenheit von Ursache und Wirkung innerhalb alles Empirischen: einer Verschiedenheit, die z.B. auch beim empirischen Menschen schon im ersten Augenblick seiner Entstehung zu Beginn der Vereinigung von Samen und Eizelle vorliegt.
     (8) Und wie sollten wir es auch nur zu denken versuchen, wenn es anders wäre? Die Wesen, auf die eingewirkt wird, müssten dann offengelassen worden und insoweit nicht entstanden sein; sie müssten offengelassene, also insoweit nicht vorhandene Wesen sein, zumindest in einem höheren Teil dieser Wesen selbst, der nun die Entscheidung treffen müsste, der sie also schaffen müsste – wie z.B. die Katze auf die Maus reagieren soll, ohne selber festzuliegen, obwohl sich „das Verhalten“ – „Agere sequitur esse“! – allüberall in „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ „aus dem Sein ergibt“.
     (9) Und entsprechend für die Maus, die auf die Katze einwirkt (siehe Absatz 4): auch bei ihr liegt das gesamte Sein und Wesen fest; sie hat den Organismus entwickelt, der die Katze motiviert, soweit die Umstände es zulassen; die Motivation der Katze = das „Verhalten“ des „Seins und Wesens“ der Maus „ergibt sich aus diesem Sein und Wesen selbst“, laut „Agere sequitur esse“ „Das Verhalten ergibt sich aus dem Sein“; und so ist auch hier, seit Anbeginn der Welt, alles eindeutig klar und entschieden.
     (10) Was alles im Bereich der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ nun einmal so und nicht anders ist.
     (11) Aber bei den mathematischen und den Erkenntnisursachen ist es anders? Wir brauchen das nicht im Einzelnen auseinanderzufalten; jeder weiß: geht es um Determination, so gehören diese Ursachen nicht dazu, weil sie Funktionen unseres Intellektes, und nicht der äußeren Welt sind.
     (12) So ergibt sich aus „dieser Überlegung“, nämlich aus Ihrer vorhergehenden Überlegung, denn auch nicht (siehe Ansatz 2), als Widerlegung von Kausalität und Determination durch reductio ad absurdum: die Negation physischer Bewegung bzw. der Zeit, weil die erste etwa auch alle weiteren physischen Bewegungen enthielte, die mithin dann nicht mehr zeitlich aus ihr folgen könnten, weshalb die erste auch die einzige und unbewegt bliebe. Und so ist, in dieser reductio ad absurdum, schließlich auch nicht „impliziert“, dass eine Zeitreihe prinzipiell nicht deterministisch sein kann! Ebenso wenig wie der Inhalt der beiden bei Ihnen darauf folgenden Aussagen impliziert ist; von denen die letztere jedenfalls insoweit widerlegt ist, als ich die Existenz zeitloser Wesen schon in der Ersten „Antwort an einen Freund und Kritiker“ nachgewiesen habe und den Nachweis im Folgenden wiederholen werde.
     (13) Also keine Freiheit in den „physischen Zeitreihen“ der empirischen, diesseitigen Schicht, etwa nach Hume, oder wegen allzu abstrakter Überlegungen, wie wir sie jetzt durchlaufen haben.

Teil II.
Zum Charakter als „Ding an sich“:
Kants „intelligiblem“ Charakter.


(14) Sie fahren fort (auf Seite 10, nach einer kurzen Bemerkung über Kant): Schopenhauer schreibt – als es um die Einsicht eines Menschen in seine Fähigkeit geht, sich zwar nicht in der Zeitlichkeit, in der empirischen Schicht, dafür aber in der Zeitlosigkeit, als „Ding an sich“, frei entscheiden zu können – dass „eine ganz andere Handlung, ja, die der seinigen gerade entgegengesetzte, sehr wohl möglich war und hätte geschehen können, wenn nur Er ein Anderer gewesen wäre“ (Preisschrift über die Freiheit des Willens, Kap. V, 7. Pardon!: 6. Abs.), ohne sich auch nur ein Mal zu fragen, wie sie denn zu denken sei. Schopenhauer fügt zwar hinzu: „Ihm, weil er dieser und kein Anderer ist, weil er einen solchen und solchen Charakter hat, war freilich keine andere Handlung möglich; aber an sich selbst, also objective, war sie möglich“ (Ebd.) und versieht diese wilde These auch sogleich mit dem Anschein empirischer Bewiesenheit, indem er auf das Gefühl der Verantwortlichkeit und das faktische Moralurteil des Alltagsverstandes verweist. (Vgl. ebd.)
     (15) Lieber Herr Fernandes: Ich denke, „das Gefühl der Verantwortlichkeit“ als „faktisches Moralurteil“ ist denn doch nicht nur das eines „Alltagsverstandes“ – gerade er sucht sich mit modischen Wendungen und mit Appellen an den „gesunden Menschenverstand“ (so als ob der menschliche Verstand dieser Redewendung entsprechend zur Gesundheit neigte) aus der Verantwortlichkeit herauszureden, während das mündige und oft leidenschaftliche Bekenntnis eines Delinquenten zur eigenen Verantwortung für seine Tat zu den Überraschungen gehört, denen gerade zeitgemäße Seelsorger oder Psychotherapeuten neuerdings nicht selten ausgesetzt sind. Und zwar hat der mündige Delinquent dabei zwei äußerst starke Bundesgenossen, die zumindest auf derselben Stufe stehen wie ewige, unabänderliche Naturgewalten; unter denen ich jetzt nicht Gestirne, Vulkane oder sogar den modisch gewordenen Urknall verstehe, sondern die menschliche Natur, wie die Geschichte sie uns zeigt, im vorliegenden Fall: die erhabensten Dichter so gut wie die allgemeine und im Grundsätzlichen immer gleich gebliebene Praxis vor Gerichten und gerichtsähnlichen Instanzen, beide seit Menschengedenken und beide von sehr verschiedener, aber gleichermaßen eindrucksvoller und überzeugender Art – man kann es überhaupt nicht anders machen als diese teils künstlerischen, teils gerichtlichen oder ähnlichen Praktiker; es führt immer und immer wieder zu absurden und impraktikablen Ergebnissen, wenn man es versucht; die Delinquenten selbst sind die, die sich am meisten wundern. Und zumindest unbewusste Schuldeingeständnisse gibt jeder von sich – auch ganz abgesehen von Kierkegaards psychologischer Entdeckung der „unfreiwilligen Offenbarung“ (im „Begriff Angst“). Aber zurück zu Ihrem Text!
     (16) Sie fahren unmittelbar fort: Doch übergeht er, Schopenhauer, dabei wohl geflissentlich den Widerspruch, dass er eine subjektive Verantwortlichkeit für ein Sein unterstellt, welches das moralisch zur Rechenschaft gezogene Subjekt nicht selbst gewählt hat. Denn die Wahlfreiheit bezüglich des individuellen Charakters ist hier auch ausdrücklich keine subjektive, sondern logischerweise eine vorindividuelle bzw. objektive. Grund und Ziel der Selbstwahl fallen demnach ontologisch auseinander, weshalb das Ziel (je ich) nicht für sich selbst verantwortlich sein kann.
     (17) Also: wer seine eigene Individualität wählt, kann vorher keine Individualität gewesen sein? Ist das der Grund der Notwendigkeit des „Vorindividuellen“?
     (18) Dazu zunächst Folgendes: Eine Vielheit des „aus sich Selber“ in Gestalt vieler Individualitäten könnte genauso gut ursprünglich sein wie eine etwaige Kollektivität des „aus sich Selber“; und die Richtigkeit des Ersteren zeigt sich in der Individualität unserer Ethik mit der ursprunghaften Kraft und Gewalt dieses Gedankens und Grundsatzes: der Individualität der Schuld, der Verdienste, der Unmöglichkeit, Strafbarkeit zu übertragen; usw. Können wir diese „Kraft und Gewalt“ noch weiter konkretisieren? Durchaus. Wir können es mit dem „Gefühl der Verantwortlichkeit“ (siehe Absatz 15!), die ja gerade immer nur die Verantwortlichkeit eines Individuums sein kann! Und die „Wahl unserer eigenen Individualität“ bedeutet infolgedessen eben nicht die Schaffung dieser Individualität, sondern die Wahl von deren ethischem Charakter, von deren ethischer Qualität. Also keine „vorindividuelle“ Natur der Selbstwahl unseres Charakters und Seins in der Schicht des „Dinges an sich“.
     (19) Es gibt aber noch einen zweiten Grund. Für den wir weiter ausholen müssen: Ein „aus sich Selber“ schließt mit zwingender Logik die numerische Identität und mit ihr auch die Gleichzeitigkeit von „Ursache“ und „Wirkung“ in sich. Aber wir wissen ebenso gut, dass erstens sowohl eine numerische Identität von „Ursache“ und „Wirkung“, wie, zweitens, auch eine Gleichzeitigkeit von beiden in der empirischen Schicht unmöglich ist. Denn erstens kann, empirisch betrachtet, weder eine „Ursache“, die nicht existiert, noch eine, die existiert, sich selbst, ihre eigene „Wirkung“, ins Dasein rufen: was nicht existiert, kann empirisch nichts ins Dasein rufen; und was schon existiert, kann es, empirisch, ebenfalls nicht, weil sich nichts, und ganz sicher von sich selbst nicht, zweimal ins Dasein rufen lässt. Also, keine „Ursache“ in der empirischen Schicht, die mit ihrer „Wirkung“ numerisch identisch ist! Zweitens braucht die „Ursache“ bis zur Vollendung ihrer Entstehung, so auch ihres Seins und so auch ihrer Fähigkeit zu wirken eine gewisse Zeit, bei deren Ablauf die Folge oder Wirkung mit ihrer Entstehung erst beginnen kann, weshalb im empirischen Bereich jede „Wirkung“ ihrer „Ursache“ erst nachfolgt, und daher auch unser Urteil, das Nachher gehöre zum Begriff der Wirkung oder Folge, mag der zeitliche Abstand im Extremfall auch äußerst gering sein.
     (20) Demnach: kein „aus sich Selber“ „in der Zeit“, in der empirischen Schicht, weil hier erstens weder eine „Ursache“ denkbar ist, die mit ihrer „Wirkung“ numerisch identisch ist, noch, zweitens, eine „Wirkung“, die mit ihrer „Ursache“ gleichzeitig ist, statt erst auf sie zu folgen. Dennoch gibt es ein „aus sich Selber“, wenn nicht in der Zeit, dann jedenfalls überhaupt; so ergibt es sich, zunächst schon ganz ursprünglich und unmittelbar, aus der radikalen Subjektivität des Willens, die nichts anderes als das „aus sich Selber“ ist, so wie es z.B. (hier auf der Netzseite u.a.) unter „Determiniert? Durch was denn?“ ausgeführt ist. Und so ergibt es sich ebenso gut aus der mittelbaren, aber ebenso zwingenden Überlegung; wonach, ohne „aus sich Selber“, jedes Weltwesen und alle sonstigen Wesen, die dann sämtlich nur noch „aus anderem“ sein könnten, jeweils wieder „aus anderem“ sein müssten, usw. ins Unendliche, „quod est absurdum“ „was absurd ist“. – „Wer hat Gott geschaffen?“ „Er selbst.“ „Warum sind dann nicht auch wir, nur kleiner, aus uns selber, wenn wir schon für uns und unser Tun verantwortlich sein sollen!“ – Allerdings ist auch die Kausalkette „Jede Ursache hat wieder eine Ursache usw. ins Unendliche“ eine solche Reihe, in ihrem Fall aber ohne alle Absurdität; dafür aber ist die Kausalreihe denn auch nur „Erscheinung“ oder „Vorstellung“; so dass ihr Fortschreiten ins Unendliche aus diesem Grund keine Absurdität bedeutet – anders eben als im Falle der Wesen „aus anderem“, die als „Dinge an sich“ immer und immer wieder „aus anderem“ sein müssten. Die Konsequenz ist das „aus sich Selber“, aus dem Gott, als höchstes Wesen, und die Welt entstanden sind! so wie ich es zum Beispiel (hier auf der Netzseite, u.a.) unter „Kreationismus. Intelligent Design und Kierkegaard“ und in den Kommentaren und Einleitungen zu den drei Kierkegaard-Ausgaben „Der Begriff Angst“, „Philosophische Bissen“ und „Die Krankheit zum Tode“ (Hamburg 1984, 1989 und 1995) deutlich zu machen versucht habe. Und es bleibt nun, für unseren jetzigen Zusammenhang, nur noch hinzuzufügen: Da ein „aus sich Selber“ „in der Zeit“ undenkbar ist, andererseits aber ein Nichtvorhandensein von jeglichem „aus sich Selber“ ebenfalls undenkbar ist – wie wir es jetzt ja wieder gesehen haben – so sind wir aus Gründen der Logik in Verbindung mit der Beobachtung der Wirklichkeit gezwungen, Wesenheiten „aus sich selber“ in einer Schicht ohne Zeit, und so denn eben auch eine Zeitlosigkeit überhaupt vorauszusetzen.
     (21) Hier, in der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit, aber gibt es keine Beschränkung auf irgendeine Zeitstufe, sei es ein Perfekt oder irgendetwas anderes! Alles ist kompakte Gleichzeitigkeit und Einheit, unverändert und ohne den Fluss der Zeit – im „Augenblick“, dem „nunc stans“ der Ewigkeit, der genau auf diese Fülle hinausläuft. Ich suche es verständlich zu machen: Halten Sie den Ausschluss des Flusses der Zeit fest, der die Augenblicke vernichtet – worin ja die üble, traurige Seite der Zeit besteht. Das andere Ende der Zeitlosigkeit, die Ewigkeit der Augenblicke mit ihrer Fülle, ist eine der denkbaren Folgen der Zeitlosigkeit, des besagten Ausschlusses, und weniger als Zeitlosigkeit habe ich nicht nachgewiesen! Außerdem nun aber haben wir einen Grund, von der Zeitlosigkeit mit Sicherheit auf die Realität der besagten kompakten Fülle, bisher nur „eine der denkbaren Folgen“, zu schließen. Nämlich: das „aus sich Selber“, das eben als solches: als „aus sich Selber“, als seine eigene Bedingung, alle Bedingungen für das, was es ist und wie viel es ist, für beliebig hohe Qualitäten und beliebig umfangreiche Quantitäten – das „aus sich Selber“ bestimmt das alles selbst – schon in sich schließt und das dementsprechend denn auch ganz genau dies alles verwirklicht: es wäre ja dumm, täte es das nicht! nach demselben Gedanken, mit dem wir (z.B. hier auf der Netzseite unter „Kreationismus und Intelligent Design ... “) vom „aus sich Selber“ auf den Allerhöchsten und Allervollkommensten geschlossen haben.
     (22) Und nun die vorhin bedachte Schlussfolgerung: Wer seine Individualität selber wählt, kann „vorher“ keine gewesen sein. Wir haben den Schluss (in Absatz 18) schon einmal widerlegt, unter anderem mit der Ursprünglichkeit der Individualität von Ethik und Verantwortungsgefühl. Aber Zeitlosigkeit und Ewigkeit leisten dasselbe im Ergebnis: Es gibt in den Bereichen keine Trennung von Vorher und von Nachher, keinen Fluss der Zeit, alles steht immer und unverbrüchlich und ohne irgendeinen Mangel gegenwärtig zur Verfügung; und der dynamische Vorgang der Wahl unseres Seins (vg. alsbald die Absätze 34 und 35) einschließlich der Ethik unseres Charakters findet jetzt genauso statt, wie er es jeden einzelnen Augenblick vorher und nachher bis in die empirisch unerdenklichste Zukunft und seit der empirisch unvordenklichsten Vergangenheit und auch jetzt noch in allen diesen Augenblicken der Zeitlosigkeit des „Dinges an sich“ tun wird, tut und getan hat. – „Aber wir können es nicht ganz zu Ende denken!“ Es hat sich jedoch aus unserem Denken, auf Grund des „aus sich Selber“, absolut zwingend ergeben!
     (23) Und auf dieser Grundlage, ohne sie ebenso durchdacht zu haben – Sie hatten ihn nicht dazu gezwungen, Herr Fernandes! – sagt Schopenhauer schon in den von Ihnen zitierten Zeilen, dass „eine ganz andere Handlung“ „hätte geschehen können, wenn nur Er“ – der Delinquent – „ein Anderer gewesen wäre“; und im unmittelbaren Anschluss: „Die Verantwortlichkeit, deren er sich bewusst ist, trifft daher bloß zunächst und ostensibel die That, im Grunde aber seinen Charakter: für diesen fühlt er sich verantwortlich.“ Könnte das zumindest nicht heißen, der Delinquent hätte einen anderen Charakter wählen müssen und können?
     (24) Befragen wir danach die restlichen Seiten des V. Kapitels (bei dem wir jetzt ja sind) in Schopenhauers Schrift über die Willensfreiheit. Er spricht dort unter anderem von „subjektiv“ und „objektiv“, nur nicht davon, dass „objektiv“ so viel wie „vorindividuell“ bedeute. Vor allem aber heißt es immer wieder: Es komme alles darauf an, was Einer ist; was er tut, werde sich daraus von selbst ergeben; im Sein, im esse allein, im Charakter, liege die Freiheit – Und das bedeutet doch wohl: die „freie“ Wahl unseres „Seins“! – aus diesem Sein und den Motiven folge das Verhalten, das operari, mit Notwendigkeit; „operari sequitur esse“ „aus dem Sein ergebe sich das Verhalten“. „Das Werk unserer Freiheit“ liege nicht „in unseren einzelnen Handlungen, sondern“ in unserem „ganzen Seyn und Wesen“, das als unsere „freie That“! „gedacht werden müsse“ – es hat sich ja schon in der ersten „Antwort an einen Freund und Kritiker“ (ab fünftletztem Absatz; siehe auch unten Absatz 34f.) die Möglichkeit einer zeitlosen Dynamik, und so auch einer zeitlosen Tat, erwiesen! Und schließlich, im zweitletzten Absatz des Kapitels: „Mit Einem Wort: Der Mensch thut allezeit nur, was er will, und thut es doch nothwendig. Das liegt aber daran, dass er schon ist, was er will; denn aus dem, was er ist, folgt nothwendig Alles, was er jedesmal thut.“
     (25) Unser „ganzes Seyn und Wesen“ als unsere „freie That“!, geht es deutlicher? Und „dass er schon ist, was er will“! Dass er also schon ist, was er selbst gewählt hat; denn was er will, das hat er auch gewählt; es geht dabei nur um Nuancen, die nicht wesentlich sind! – während Sie sagen, das „moralisch zur Rechenschaft gezogene Subjekt“ habe sein „Sein“, laut Schopenhauer, „nicht selbst gewählt“. Aber die Wahl des eigenen Seins, das Wollen des eigenen Charakters, ist bei Schopenhauer sonnenklar, wir haben es jetzt gesehen, sowohl im allerletzten Zitat wie auch in den unmittelbar vorhergehenden, reichlich variierten Formulierungen vom „Sein“ oder „Charakter“, in dem die Freiheit liegen soll, statt im Verhalten, das ganz im Sinne von „Agere sequitur esse“ nur eine determinierte Folge des Seins, des Charakters, ist!
     (26) Und weder Schopenhauer noch ich – der ich den Mann, von dem ich so viel gelernt habe, in diesem schon von Kant begonnenen Punkt, anders als in anderen Punkten, nun wirklich nicht weiterentwickele – also, weder er noch ich verfallen in einen Widerspruch, welchen Schopenhauer mit seiner behelfsweise angenommenen Unterscheidung zwischen subjektivem (=unmöglichem) und objektivem (=möglichem) Anderskönnen vermeiden wollte:
     (27) „Subjektiv“ bedeutet aber nicht immer „unmöglich“, sondern nur dann, wenn der „intelligible Charakter“, das „Seyn“ als „Ding an sich“, nicht taugt, sondern schlecht ist! Und auch in diesem Fall ist dem „intelligiblen Charakter“ nur das Gute und Richtige, nicht das Böse „unmöglich“!
     (28) Sie meinen mit dem „Widerspruch“ Folgendes in Absatz 6, wie ich denke: „Denn er sieht sehr wohl ein, dass diese Nothwendigkeit eine subjektive Bedingung hat, und dass hier objective, d.h. unter den vorhandenen Umständen, also unter der Einwirkung der Motive, die ihn bestimmt haben, doch eine ganz andere Handlung, ja, die der seinigen gerade entgegengesetzte, sehr wohl möglich war und hätte geschehen können, wenn nur Er ein Anderer gewesen wäre: hieran allein hat es gelegen. Ihm, weil er dieser und kein Anderer ist, weil er einen solchen und solchen Charakter hat,“ – aber auch nur deshalb! – „war freilich keine andere Handlung möglich; aber an sich selbst, also objective, war sie möglich. Die Verantwortlichkeit, deren er sich bewusst ist, trifft daher bloß zunächst und ostensibel die That, im Grunde aber seinen Charakter: für diesen fühlt er sich verantwortlich.“
     (29) Wo ist hier der „Widerspruch“? Dem einen, nämlich wenn er tatsächlich „ein Anderer gewesen“ ist, war auch die bessere Handlung möglich; dem anderen, dem mit dem schlechteren oder weniger guten Sein und Charakter, „weil er einen solchen und solchen Charakter hat“, war nur die schlechtere oder weniger gute Handlung möglich. Also: wo ist da ein Widerspruch? Beiden war die bessere Handlung „objektiv“ möglich, „objektiv“ bedeutet „soweit es nur von der Handlung als solcher abhängt“, und diese Handlungen, „als solche“, also als Handlungen, waren natürlich für beide gleich, weil man dabei von der jeweiligen „Subjektivität“ des einen und des anderen absieht; aber nur dem Ersteren, nicht dem Schlechteren, weniger Guten, war die bessere Handlung auch „subjektiv“ möglich, das heißt: soweit es von seinem „Subjekt“ abhing, in meinen Worten: soweit es von seinem ewigen Entschluss abhing, von seinem „aus sich Selber“, von dem, wozu er sich selbst, in seinem „ewigen Entschluss“ gemacht hat; in Schopenhauers Worten u.a.: von dem, was als seine „freie That“ „gedacht werden muss“; eben: von seinem Subjekt. Ein Gegensatz – allerdings! Aber kein „Widerspruch“, weit und breit!
     (30) Ich brauchte dem Schopenhauerkantianismus mit meiner These von der „absoluten Subjektivität“ ... des Dinges an sich insofern!, in dieser Hinsicht! keinen systematischen Endpunkt hinzuzufügen; Schopenhauer und Kant hatten den Endpunkt ebenfalls schon; und ich kam gar nicht erst in die Verlegenheit in einen Widerspruch zurückfallen zu müssen, den Schopenhauer mit seiner behelfsweisen Unterscheidung zwischen subjektivem (=unmöglichem) und objektivem (=möglichem) Anderskönnen hätte zu vermeiden versuchen müssen. Ich hätte an Ihrer Stelle gesagt: „subjektivem (=nur dem schlechten Charakter unmöglichen, zu dem er sich, gegebenenfalls, selber gemacht hat)“. Wie gesagt: das Anderskönnen wäre dann auch „subjektiv“ gegeben gewesen, wenn nur Er – der ja ein „Subjekt“ ist – ein Anderer, nämlich ein besserer Mensch, gewesen wäre, zu dem er sich in seinem ewigen Entschluss gemacht hätte oder jedenfalls hätte machen sollen. Logischerweise musste diese grundlegende, „subjektive“ Bedingung erfüllt sein: nämlich der bessere „Charakter“, das bessere „Sein“, das bessere „Subjekt“, von dem das bessere Verhalten abhängt und determiniert ist; und ebenso logischerweise war die Tat (wenn sie physisch möglich war) von sich aus, also „objektiv“ – weil eine Tat nun einmal kein „Subjekt“ ist – „als solche“ immer möglich; und wurde, „wenn nur Er ein Anderer“ war, mit Sicherheit und zwingend getan !
     (31) Oder, noch einmal anders herum: Das ethisch richtige Motiv wirkt ausschließlich auf den ethisch richtigen „Charakter“, auf das ethisch richtige „Sein“. Und die ethisch richtige Tat geht in dem Fall zwingend daraus hervor. Ist aber der Charakter, das Sein, ethisch nicht richtig, so wird das ethisch richtige Motiv nicht wirksam – wohl aber das ethisch unrichtige, schlechte Motiv; mit der entsprechenden Tat als zwingender Konsequenz. Und: der ethisch richtige Charakter bildet sich, bestimmt sich selbst, ebenso wie der schlechte – frei und „aus sich selbst“ heraus – in der Schicht des „Dinges an sich“; hier bei uns in der empirischen Schicht ist in der Hinsicht, allein menschlich gesehen, nichts zu machen (daher im Übrigen unsere Erlösungsbedürftigkeit, sagen die Christen mit ihrer manchmal sehr aufreizenden Logik). Das ist im Wesentlichen das ganze Lied von Schopenhauers Schrift „Über den freien Willen“, sozusagen von Schopenhauers „De libero arbitrio“. Wo ist denn da ein Widerspruch?
     (32) „`Simplex´, sigillum veri“ „`Einfach´, das Siegel der Wahrheit“!

Teil III.
Noch einmal: zur Ewigkeit.

(33) Sie fahren fort: Ein Individuum, das immer schon es selbst ist, muss es selbst nicht mehr werden, sich selbst nicht mehr wählen oder bestimmen, ist nie bzw. nicht (es selbst) geworden, hat (sich selbst) nie bzw. nicht gewählt oder bestimmt. Und Ihre Konsequenz: das kontradiktorische Gegenteil Ihres Satzes als „Denkwidrigkeit“; mit der Fortsetzung: Konsequenterweise bliebe sodann nur übrig, das beanspruchte apriorische Anderskönnen bzw. die Möglichkeit einer intelligiblen Tat zu negieren und zuzugestehen, dass auch für das menschliche Ding an sich nicht mehr als die „Freiheit eines Bratenwenders“ (Kant soundso) in Frage kommen kann, ... .
     (34) Nun habe ich erstens schon in der ersten Antwort „An einen Freund und Kritiker“ nicht nur an Kants selbstverständlichen und äußerst einfachen, aber schwer zu entdeckenden und wegen dieses Syndroms genialen Gedanken in der „Transzendentalen Ästhetik“ erinnert. Sondern ich habe (a.a.O.) unabhängig davon, und zum Teil auch in der jetzigen Datei noch einmal wieder, bis in alle Einzelheiten argumentiert, es müsse einen zeitlosen Bereich, eine zeitlose, ewige Schicht und in ihr ein „dynamisches“ „aus sich Selber“ den so definierten Willen – unter anderem deshalb geben (denn siehe auch a.a.O. Nr.4), weil ein „aus sich Selber“ „in der Zeit“ nicht möglich, „ein aus sich Selber“ „überhaupt“ aber logisch unentbehrlich sei.
     (35) Ich habe sodann, in derselben Datei (ab dem fünftletzten Absatz), zweitens den Gedanken einer zeitlosen Dynamik am sinnlichen Beispiel der Statik eines Hauses, begreiflich gemacht: und zwar unter anderem auf der gerade genannten Grundlage, dass der Gedanke einer zeitlosen Dynamik, so oder so, ohnehin zwingend, weil logisch unentbehrlich ist; und außerdem auch angesichts dessen, dass Ihre Einwände gegen eine zeitlose Tat, ein zeitloses Werden, überhaupt gegen eine zeitlose Dynamik ebenso gut rein sinnlicher Natur sind – ganz und gar im Sinne der Anschauungsform der Zeit als eines unserer Aprioris für die sinnliche Welt.
     (36) Schließlich erinnere ich drittens daran, dass der jetzt bei Ihnen auftauchende Begriff „wählen“ u.a. = „eines von zwei oder mehreren Dingen wollen“ sowie die Begriffe „bestimmen“ = „ein Wollen ausüben“ und der Begriff des „Werdens“ ebenfalls dynamischer Art sind; auch zum Werden braucht man wie zum Wollen Kraft, Dynamik, von Nichts kommt Nichts.
     (37) Ergo! Nach allen drei Punkten, vor allem nach Punkt eins: Es gibt ein zeitloses, und insofern ein ewiges dynamisches „Wählen“, „Bestimmen“ und „Werden“.
     (38) Und endlich: Ihr „immer schon“ ersetze ich durch den Begriff, oder besser: durch das Wort, des „Ewigen“.
     (39) So dass Ihr Satz eigentlich bedeuten müsste: Ein Individuum, das ewig es selbst ist, muss es selbst nicht mehr werden, sich selbst nicht mehr wählen oder bestimmen, denn seine Ewigkeit beinhaltet diese Punkte ohnehin, es braucht das alles nicht zusätzlich zu besorgen; und es ist auch nie bzw. nicht (es selbst) geworden, hat (sich selbst) nie bzw. nicht gewählt oder bestimmt; und zwar in dem Sinne nicht – ich habe es vorhin schon einmal gesagt – als es in der Ewigkeit kein isoliertes Perfekt und auch sonst keine Beschränkung auf irgendeine Zeitstufe gibt, sondern alle Zeitstufen in kompakter Gleichzeitigkeit vorhanden und vereinigt, und demnach unverändert sind, ohne den Fluss der Zeit – im Augenblick, dem „nunc stans“ der Ewigkeit, der ebenfalls darauf hinausläuft.
     (40) Ich habe vorhin (in den Absätzen 21 und 22) versucht, den Gedanken verständlich zu machen: unter anderem an Hand des Ausschlusses der Bewegung der Zeit, des Zeitflusses, der die Augenblicke vernichtet; und an dessen Stelle nun die Seligkeit der Zeitlosigkeit, der Ewigkeit der Augenblicke und der kompakten Gleichzeitigkeit und ständigen Verfügbarkeit aller Zeitstufen im „nunc stans“, dem Augenblick der Ewigkeit, tritt; das alles letzten Endes kraft der Allmacht des „aus sich Selber“, das nur von sich selber abhängt, das folglich ohne Bedingung ist, das über den Umfang und die Qualität seines Seins und Wesens selbst und allein entscheidet und so denn imstande ist, die besagte Seligkeit der Ewigkeit zu schaffen.

Teil IV.
Ewigkeit und Notwendigkeit.

(41) Und nun, lieber Herr Fernandes, zur Fortsetzung Ihres soeben zitierten Satzes, wie Sie ihn verstehen, beginnend mit „Konsequenterweise ... “ usw. (Absatz 33)! Ich denke, Sie machen hier den Fehler eines Schlusses vom Intelligiblen oder auch vom Zeitlosen, Ewigen: auf Notwendigkeit, auf eine Determination wie bei Kants maschinellem „Bratenwender“, zwecks reductio ad absurdum, (oder für einige Dritte:) zwecks des Nachweises der Absurdität der Begriffe der Ewigkeit, der Zeitlosigkeit, des „Dinges an sich“, des Intelligiblen“. Ich antworte: „Ich bestreite das Gesagte. Wer behauptet, dem obliegt der Beweis“ „Nego. Affirmanti incumbit probatio“: Der Begriff der Ewigkeit, und ganz genauso der des Kantischen Intelligiblen oder Zeitlosen in ihm, gibt nicht den geringsten Anlass, beinhaltet nicht die winzigste Partikel, nicht den entferntesten Anflug dessen, was Notwendigkeit bedeutet. Das Ewige strotzt, oder besser: gleißt von Kraft und Fülle; es kommt gar nicht auf den Gedanken, etwas so Armseliges, so Beschränktes sein zu wollen, wie es das Notwendige mit seiner Enge und Steifheit ist – die denn ja auch bezeichnenderweise, jedenfalls soweit es die Notwendigkeit im Voluntativen, Dynamischen, Substanziellen, statt im Intellektuellen betrifft, nur der Schicht der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ angehört.
     (42) Schopenhauer entwickelt die vier Arten des Notwendigen in der Schrift „Über die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde“: nämlich erstens die Notwendigkeit, mit der sich die Wirkung der mathematischen Ursache ergibt, zweitens die Notwendigkeit, mit der die physische Ursache wirkt: die „Kausalität“, drittens die Notwendigkeit der Wirkung des „Motivs“: derjenigen physischen Ursache, die auf dem Weg über die Erkenntnis wirkt, und viertens die notwendige Wirkung der Erkenntnisursache (siehe die systematische Ordnung a.a.O. § 46). Vielleicht sagt jemand, spöttisch gedehnt, „Ja, Schopenhauer“; aber er weist mit Sicherheit keine fünfte Notwendigkeit im Bereich der Realitäten nach – und ebenso wenig, dass irgendeine von den drei ersten der vier jetzt genannten Notwendigkeiten im Bereich der Ewigkeit oder Zeitlosigkeit von Kants „Ding an sich“ festzustellen wäre, auch nicht die zweite, die unter anderem die Notwendigkeit der physischen Bewegung von Kants „Bratenwender“ mit einschließt; bei der nur spöttischerweise von „Freiheit“ die Rede ist (Letzteres für einige Dritte). Und was die vierte Notwendigkeit betrifft, von der Erkenntnisursache bewirkt, so kann sie im Bereich des „Dinges an sich“ nur die urselbstverständliche und darüber hinaus nichtssagende Notwendigkeit bedeuten, begriffliche Widersprüche zu vermeiden, da sie sich in allen anderen Fällen auf Raum, Zeit und physische Bewegungen stützt.
     (43) Aber die eine oder andere der vier Notwendigkeiten könnte ewig sein? Ich will es jetzt nicht untersuchen; aber es wäre eine andere Ewigkeit als die des „Intelligiblen“, des „Dinges an sich“; die nur die Freiheit hat, sich „aus sich selber“ ewig zu erhalten.

Schluss.

(44) Also – zu Teil III und IV – keine reductio ad absurdum der Ewigkeit oder Zeitlosigkeit des Kantischen oder Schopenhauerischen „Dinges an sich“ mit Hilfe von Kants Bratenwender oder von sonstwas.
     (45) Ebenso wenig – zu Teil I: Freiheit in den physischen „Zeitreihen“ der empirischen, „diesseitigen“ Schicht, nach Hume zum Beispiel, oder auf Grund allzu abstrakter Überlegungen; und – zu Teil II: keinerlei Nachweis, etwa bei Schopenhauer, von Notwendigkeit in der „intelligiblen“ Schicht des Ewigen, der „Dinge an sich“: des „intelligiblen Charakters“ „aus sich selber“.
     (46) Und so denn bis jetzt auch keinerlei Anlass, die wohlbegründete These von den „Dingen an sich“, vom „Intelligiblen“, Zeitlosen, Ewigen, und dementsprechend von „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, beides letzten Endes zur besseren Einsicht in Gott, Freiheit und Unsterblichkeit, wieder aufzugeben.




PS: Nicht „nur“ numerisch!    
Lieber Herr Fernandes, auf Seite 6 Ihres Briefes vom 3.5.2010 schreiben Sie an mich: „In Ihrem Kommentar zu Der Begriff Angst sagen Sie ja, dass Gott sich nur „numerisch“ /Seite XCIV u. XCV/ von uns unterscheidet, was seine apriorische Wesensidentität mit uns impliziert.“ Ich lasse es jetzt offen, inwieweit ein „nur /!/ numerischer Unterschied zwischen Gott und uns „seine apriorische Wesensidentität mit uns implizieren“ würde, und gehe im Augenblick auch auf die Zusammenhänge des Klammer-Vermerkes mit dem Textzusammenhang nicht ein.
      Ich stelle nur fest, dass ich an der ersten der beiden Stellen, die Sie meinen, Gott lediglich eine „von uns numerisch verschiedene Zweckursache (causa finalis)“ genannt habe und dass ich ihn dann, an der zweiten Stelle, als eine „numerisch von uns verschiedene innigste und zugleich erfüllte `Leidenschaft´, `Begeisterung´ und höchste Stufe desjenigen dynamischen aus sich selber Seins“ umschrieben habe, „dem als unerfülltere Stufen auch wir angehören.“ Kurz: ich habe zum Ausdruck gebracht, dass Gott sich „von uns numerisch unterscheidet“, nicht: dass er das „nur“ tut. Das Letztere würde absolute Gleichheit in sich schließen; und wem sollte Gott dann absolut gleich sein? Einem von uns beiden? Irgendeinem Freund oder Bekannten von uns? Oder etwa dem Bundespräsidenten? Usw.! Die Sache wäre also schon aus rein begrifflichen Gründen absurd.
      Sie widerspräche aber ebenso sehr meinen allüberall geäußerten Auffassungen von Gott, zum Beispiel schon der zweiten der gerade zitierten beiden Stellen, wonach Gott die „höchste Stufe desjenigen dynamischen aus sich selber Seins“ ist, „dem als unerfülltere Stufen auch wir angehören.“ Wir sehen sofort die Hierarchie, die Gottes Verschiedenheit von uns über bloße numerische Verschiedenheit unendlich weit hinaushebt.
      Lieber Herr Fernandes, an die numerische Verschiedenheit Gottes von uns Menschen habe ich in meinen Schriften, ganz ohne jegliche Ausschließlichkeit, deshalb immer wieder erinnert, weil ich ganz sicher gehen wollte, dass auch der hastigste und unaufmerksamste Leser, oder aber der tendenziöseste, nicht auf das Klischee verfallen konnte „Abweichung vom Herkömmlichen. Also Pantheismus“ – zumal der Letztgenannte ohnehin schon das todtraurige, bemitleidenswerte Schicksal erdulden muss, das ich selbst ihm nicht antun möchte: innerhalb des Theismus immer wieder den Prototyp gerade der herkömmlichen Abweichung spielen zu müssen.



Herzlich!                                
Ihr                                         
Hans Rochol.                        
Im September 2010.




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