(50) René Descartes, der Begründer der neuzeitlichen, für uns endgültig entscheidenden Philosophie, vertrat den Gedanken, dass den Tieren im Unterschied zu uns Menschen keinerlei intellektuelle oder voluntative Subjektivität, keinerlei Innerlichkeit zukomme – um das, was Descartes meinte, einmal mit diesen erst in unseren Tagen einigermaßen entwickelten Termini wiederzugeben. Mit anderen Worten: die Tiere kannten nach Descartes´ Auffassung weder ein Bewusstsein noch Denken, Erkennen oder Wahrnehmung; sie hatten keinerlei Willen und empfanden infolgedessen weder Freude noch Schmerz, Liebe oder Hass oder sonst ein Gefühl; noch sollten sie überhaupt irgendetwas Subjektives: Innerliches: von ihnen selbst Ausgehendes in sich tragen. Vielmehr waren sie für Descartes nichts anderes als vom Schöpfergott besonders fein, unendlich fein, für uns unnachahmlich fein ausgedachte, ausgeklügelte und ausgeführte Maschinen, oder auch, wie wir jetzt sagen würden: Roboter oder Computer. Das heißt: es ist bei dem schlichten Begründer der Methodik unseres gemeinsamen westeuropäischen Gedankens genau umgekehrt wie bei unseren schicken, blitzgescheiten, unter schweren Ausfallerscheinungen leidenden Ideologen von der "Künstlichen Intelligenz" (der K.I, der "Artificial Intelligence", der A.I.): Wir haben bei Descartes lebendige (wenn auch tierische) Gehirn- und Nervenzellen, die grundsätzlich nicht mehr leisten sollen als äußerlich koordinierte leblose Metalle und Plastikteile; und wir haben bei dem jetzigen späten Abfallprodukt der geistesgeschichtlichen Entwicklung eben diese Metalle und Plastikteile, die wir arrangiert haben und die dieselben Fähigkeiten haben sollen wie ein Gehirn aus lebendigen Nervenzellen.

(51) Man kann nun Descartes´ Auffassung von den Tieren mit vollem Recht absurd nennen, soweit sich überhaupt noch jemand mit diesem seltsamen Punkt befasst. Die Tiere sind von Plastik und Metall etwa so weit entfernt wie wir. Und die Analogie zwischen ihren und unseren Gesten und Bewegungen, ihrem und unserem Ausdruck in bestimmten Situationen ist so tief, sie ist für uns selbst sogar so tiefinnerlich – im Übrigen auch amüsant – und sie ist so fein und vielseitig differenziert, dass die Absurdität bei Descartes jedenfalls deutlich auf der Hand liegt; und zwar mit mehr als mit der berühmten "an Sicherheit grenzenden Wahrscheinlichkeit". Und voll und ganz im Sinne von Schopenhauers Urteil: "Wer den Verstand der höheren Tiere leugnet, dem gebricht es selbst daran." Was sodann schließlich, mit mehr als tiefer Analogie, auch für die übrigen Tiere gelten muss. Andererseits aber ist Descartes´ Auffassung eigentlich schwer zu widerlegen, wenn man sich an eine absolut theoretische, sozusagen schikanöse Begrifflichkeit hält. Wir können mit uneingeschränkter Sicherheit sagen – und wir haben es ja gesagt – : Anorganische Stoffe mit Denkfähigkeit und menschlichem Willen? Nein! Aber wir können nicht mit gleicher Sicherheit sagen: Organische, tierische Stoffe ohne alle Wahrnehmung? Nein! Denn wir kennen nicht wirklich und wahrhaftig irgendwelche Naturgesetze, die dem Ausschluss der Wahrnehmung usw. in diesen Fällen widersprechen; vielleicht ahnt der eine oder andere sie, aber das genügt nicht. Und was den besagten Analogieschluss betrifft, so ist er eben, trotz allem, ein bloßer Analogieschluss. Kurz und gut: der alte Descartes kann mit seiner Auffassung schikanieren; die Alten können überhaupt immer wenigstens irgendetwas. Dagegen können die bedauernswerten K.I.-Leute unserer Tage nicht einmal schikanieren: sie müssen schon Tatsachen faustdick ignorieren, "dämonisch verschlossen" sein; einer Gehirnwäsche unterlegen sein; kurz: ideologisiert sein. Sie müssen in einer stillen Raserei der puren Äußerlichkeit leben: in einer total verblödeten Version und Variante des säkularisiert-calvinistischen Satzes, wonach "nichts so erfolgreich ist wie der Erfolg". Denn bloße Verstiegenheit wie bei Descartes genügt nicht für das, was sie in mentaler Hinsicht fertig bringen. Oder sollte bei ihnen etwa eine mehr oder weniger versteckte Primitivität im Spiel sein? Aber soviel davon, und überhaupt eine so versteckte Primitivität gibt es nicht; man muss schon, im Sinne von Nietzsches Aphorismus, kollektive Verschlossenheit vor der Wirklichkeit voraussetzen, also, wie gesagt: das, was man seit einiger Zeit schlicht und einfach als Ideologie zu bezeichnen pflegt.

(52) Dazu passt Folgendes: Descartes hatte wenigstens den Gedanken der "Subjektivität", wie wir es nennen, der "res cogitans" (des "denkenden Wesens"), wie er es nannte (weil der Gedanke bei ihm noch nicht ausreichend entwickelt war), also: des Bewusstseins, des Denkens, des Erkennens, der Freude, des Schmerzes usw.; er nennt ganz kurz und beiläufig sogar den Willen selbst beim Namen. Und er hatte, und leistete, mehr als alles das: er öffnete gerade damit den Stollen, der am anderen Ende in die westeuropäische Philosophie der Freiheit mündete – die letzten Endes auch schon bei ihm der tragende Gedanke war. Er wusste also, was er tat, als er den Tieren jegliche Subjektivität absprach: Intellekt und Willen und sämtliche vorhin zum Teil genannten, auf beide Grundkräfte verteilten Nuancen. Dagegen scheinen Herr Minsky und Frau Foerst und überhaupt die endlos zahlreichen K.I.-Ideologen, das ganze diffuse Kollektiv, den Begriff der "Subjektivität", der "Innerlichkeit" , der "res cogitans" : des Bewusstseins, des Denkens, Erkennens usw. und erst recht den Begriff des Willens, nicht richtig zu kennen; ihn nicht anzuerkennen; oder ihn nicht für voll zu nehmen; mit ihm nichts Richtiges anfangen zu können – oder zu wollen. Sodass ihnen selbstverständlich auch die Problematik ihrer Ideologie niemals klar werden kann; und alles wahnhaft, kollektiv wahnhaft in der Schwebe bleibt. Und selbst die "Neue Solidarität" , die die Ideologie der "Künstlichen Intelligenz" wacker bekämpfen möchte, argumentiert nicht mit diesem entscheidenden Punkt; der alle Menschen mit einbezieht; denn alle haben Intellekt und Willen; vielmehr beschränkt sie sich – typisch für sie! – auf das "Genie" und die Einheit des Ideen-Blitzes, zwei Dinge, die natürlich längst nicht jeder hat; und denen der Computer mit seinem absolut analytischen binären Zahlensystem aus 0 und 1 allerdings ebenso wenig gewachsen ist, wie er Bewusstsein und Willen hat. Also: eine gewisse, modifizierte Verschlossenheit und Ideologie auch hier! – auch dieses Mal auf Kosten des Quells der Freiheit; des Willens und Aus-Sich-Selber; und so auch auf Kosten von Gott und Unsterblichkeit, wie es sich am Ende hoffentlich in vollständiger Klarheit zeigen wird.

(53) Von diesen Seiten her hätten wir also dumpfen Widerstand zu erwarten. Aber reden wir nicht auf die Leute ein! "Der Wille ist nicht lernfähig (Velle non discitur)" , wie Seneca sagt. "Gegen den Willen soll man nicht diskutieren (Contra velle non est disputandum)", wie man hinzufügen könnte. Es war ja niemand gezwungen, sich ideologisieren zu lassen. Nur sollte man die andere Seite kennen, damit man nicht seine Zeit verliert, damit man vor allem nicht den Mut verliert, sondern zweckmäßig vorgeht – und sich auch auf diejenigen einstellt, die mit einem verborgenen Bruchteil ihres Denkens von der K.I.-Ideologie beeinflusst sein könnten.
       Hans Rochol, im Februar 2003.

PS: Es steht ein großer Genius, Arthur Schopenhauer, im Hintergrund. Aber das Verhältnis zu ihm ist so vielgestaltig und in den einzelnen Fällen so unterschiedlich, dass ich gar nicht anders kann, als mit seiner Verdeutlichung noch zu warten.






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