(14) Die "Neue Solidarität" schreibt am 15.8.01, Nr. 33/34 auf Seite 8 u.a.: "Der Turing-Test" , benannt nach seinem Erfinder, "ist eine Situation, in der eine aus Menschen bestehende Jury einen Computer sowie eine oder mehrere menschliche Vergleichspersonen eine unbegrenzte Zeit lang über ein unbegrenztes Themenspektrum befragt. Das Computerprogramm hat den Turing-Test bestanden, wenn die Jury nicht unterscheiden kann, ob die Antworten vom Computer oder von Menschen gegeben wurden. Wenn der Computer alle Fragen beantwortet wie ein Mensch, der darüber scharf nachdenken muss, dann `denkt´der Computer eben, meinte Turing" – und dass man es meint, ist eben ein Wahn; denn unbelebte Körper und Energien denken, wie gesagt, nicht schon deshalb, weil ein denkender Mensch sie, einschließlich der bei ihnen seit jeher realisierbaren Kausalketten, zueinander so in Beziehung gebracht hat und ihre Möglichkeiten dadurch so weit aktualisiert hat, dass sie seine Gedanken rein äußerlich wiedergeben; und dass sie es, von den unbelebten Einzelteilen selbst her betrachtet, rein zufällig tun. Die "Neue" fährt fort:

(15) "Solch ein unbegrenzter Turing-Test hat natürlich nie stattgefunden, und kein Computerprogramm hat auch nur etwas Annäherndes je bestanden. Doch seither veranstalten KI-Forscher immer wieder stark `eingeschränkte Turing-Tests', bei denen versucht wird, Kontrollpersonen von den angeblich menschlichen Fähigkeiten ihrer trickreichen Computerprogramme zu überzeugen." Grober, kindischer Pfusch hat ja schon immer dazugehört, wenn es um weltanschaulich motivierte Pseudo-Technik ging, so wie z.B. auch beim Klonen – um das nur kurz einzufügen – . "Die Kunst der Täuschung" , fährt die "Neue" fort, "steht dabei im Vordergrund, und die Tricks beruhen meistens darauf, stereotypes, vorhersagbares oder krankhaftes Verhalten von Menschen nachzuahmen.

(16) Josef Weizenbaum, inzwischen ein scharfer KI-Kritiker, entwickelte das Programm ELIZA, bei dem der Computer einen Psychiater simuliert, der sich mit einem menschlichen Patienten unterhält. Der Computer-Psychiater redet in stereotypen Sätzen, in die er hier und da ein paar Satzteile aus Äußerungen des Patienten einbaut, und man möchte gewiss nie so einem Psychiater in der Wirklichkeit gegenübersitzen. Bekannt ist auch das Simulationsprogramm eines Paranoikers PARRY, das sich bei kniffligen Fragen häufig durch den Hinweis rettet, darauf könne er nun nicht antworten, denn die Mafia sei hinter ihm her. Diese Methode war auch in der Branche selbst schnell durchschaut: Je kränker und reduzierter das zu simulierende menschliche Dialogverhalten, desto einfacher war das erforderliche Programm zu erstellen. Studenten erzählten sich den Witz, am leichtesten wäre es wohl, das Programm eines Katatonikers zu schreiben, der auf jede Frage nur mit monotonem Brummen antwortet." Warum hat man überhaupt solche Methoden konzipiert? – um das nur kurz einzuwerfen.

(17) "Trotzdem werden immer noch ähnliche Versuche präsentiert. Raymond Kurzweil hat ein Computerprogramm geschrieben, das angeblich Gedichte schreiben kann. In dem Buch Das Zeitalter der Künstlichen Intelligenz (Hanser, 1993) veranstaltet er mit dem Leser `eine Art Turing-Test'. Der Leser soll aus 28 `Gedicht'-Strophen herausfinden, welche vom `Kurzweil Cybernetic Poet´und welche von menschlichen Autoren stammen. Das Ergebnis werden Sie sich denken können: Da die menschlichen Gedichte genauso zusammenhanglos sind wie die von Kurzweils Wortsequenzmodell zusammengestellten Gedichtfetzen, kann man die Computer-Gedichte von den `menschlichen\' beim besten Willen nicht unterscheiden." Natürlich nicht! – fühlt man sich gedrängt hinzuzufügen – weil es ganz gleichgültig ist, ob man einen Gegenstand dem Computer zuliebe erst einmal zu etwas Unsinnigem machen muss oder ob man dem Computer zuliebe einen Bereich heranzieht, der schon vorher unsinnig war, wie derjenige moderner Gedichte. "versuchen Sie es selbst!", sagt die "Neue": Welches der beiden folgenden `Gedichte\' stammt vom Computer.".

(18) Wir sparen uns die Zitate. Das Blatt fährt fort:

(19) "Statt die Computer-Programme also den Möglichkeiten menschlichen Denkens anzunähern, wird das Niveau der zu simulierenden menschlichen Tätigkeit möglichst niedrig gewählt. Vom Standpunkt einer KI-Forschung, die sich ernsthaft mit Intelligenz befasst, ist dies eine Sackgasse."

(20) So weit, so gut. Worauf die "Neue Solidarität", die sich zwar wacker hält, die von der Ideologie der "Künstlichen Intelligenz" aber nicht ganz unbeeindruckt geblieben ist, allerdings fortfährt: "Zum Glück gab es immer Leute, die weniger auf solche Pseudo-Turing-Tests fixiert waren, sondern Programme entwickeln wollten, die bestimmte Aufgaben immer zufriedenstellender lösen sollten. Auch Minsky berichtet über so etwas, z.B. ein Programm namens STUDENT aus den 60er Jahren, das Algebra-Textaufgaben wie diese lösen konnte:
'Der Onkel von Bills Vater ist doppelt so alt wie Bills Vater. In zwei Jahren
wird Bills Vater dreimal so alt sein wie Bill. Die Summe ihrer
Lebensjahre ist 92. Wie alt ist Bill?'

(21) Die meisten Schüler finden solche Aufgaben viel schwieriger als das bloße Lösen formaler Gleichungen der Oberschulalgebra. Dabei kann man wie nach dem Kochbuch verfahren – aber um informelle Textaufgaben zu lösen, muss man zunächst herausfinden, welche Gleichungen zu lösen sind, und dazu muss man verstehen, was die Worte und Sätze bedeuten. Hat STUDENT sie verstanden? Es wandte eine Menge Tricks an. Es war dazu programmiert, anzunehmen, dass `ist' gewöhnlich `ist gleich' bedeutet. Es versuchte gar nicht erst herauszufinden, was `der Onkel von Bills Vater'bedeutet, aber es bemerkte die Ähnlichkeit des Ausdrucks mit `Bills Vater'. Es wusste nicht, dass `Alter' und `alt' etwas mit Zeit zu tun haben, aber es fasste die Worte so auf, dass sie offenbar Zahlen repräsentieren sollten, die in Gleichungen eingesetzt werden sollten. Mit ein paar hundert solcher Wort-Trick-Fakten schaffte STUDENT es bisweilen, die richtigen Antworten zu geben.' (Marvin Minsky, Why People Think Computers Can't , Internet: www.ai.mit.edu/people/minsky/papers/ComputersCantThink.txt , S.3)" Bleibt hinzuzufügen: Kein Wunder, dass es gerade auf mathematischem Gebiet und auch hier nur "bisweilen" gelungen ist. Die "Neue" fährt fort: "Wenn es sich nicht in Missverständnissen verfing, wie das bei der obigen Textaufgabe auch einem Nicht-Computer leicht passieren kann.

(22) Es leuchtet aber ein, dass mit Hilfe einer Vielzahl solcher einprogrammierten "Bedeutungen" für spezielle Zwecke einigermaßen brauchbare Computerprogramme entwickelt werden können. Bei Übersetzungsprogrammen kann man z.B. versuchen, allzu wörtliche Fehlübersetzungen durch Einprogrammieren immer speziellerer Bedeutungen bestimmter Wortzusammenhänge auszuschalten. Allerdings werden die Programme dadurch immer spezieller, nur brauchbar für ganz bestimmte Textarten oder Verfasser. Diese müssten dann ziemlich viel schreiben, damit die Erstellung eines solchen Programms sich überhaupt lohnt." Das heißt, liebe "Neue" : es geht eben doch nicht, ein Computer hat nicht die Geschmeidigkeit dessen, was man Denken nennt, wie es ja auch anfangs heißt: "Solch ein unbegrenzter Turing-Test hat natürlich nie stattgefunden, und kein Computerprogramm hat auch nur etwas Annäherndes je bestanden." – wenn die "Neue" dann auch am Ende ganz allgemein sagt: "Aber Fortschritte auf diesem Gebiet sind überhaupt nicht in Abrede zu stellen." Eben: "auf diesem Gebiet" : der "immer spezielleren Bedeutungen".

(23) Aber selbst wenn! Nehmen wir einmal an, ein vollkommener Geist, Gott selbst, hätte einen irdischen Computer so programmiert, dass er den Turing-Test bestände! Nehmen wir an, darin läge kein begrifflicher Widerspruch und auch kein Widerspruch zu den Naturgesetzen. So würden die Äußerungen auch dieses Computers aus den vorhin genannten Gründen im Verhältnis zu den göttlichen Gedanken, wie gesagt, prinzipiell eben doch nicht mehr bedeuten als die Rechenkugeln im Verhältnis zu den rechnerischen Gedanken des Schulkindes, als Winkeldreieck und Lineal im Verhältnis zu dem, der sie hergestellt hat oder der sich sonst geometrische Gedanken macht, oder auch: als ein bloßer geschriebener Text im Verhältnis zu den Gedanken seines Verfassers.

(24) Und soviel nun also zum Begriff und zur Exemplifizierung der Ideologie der "Künstlichen Intelligenz". Gehen wir jetzt, im Anschluss daran und auf dieser Grundlage, zu einer ihrer wichtigsten Konsequenzen über – gleichgültig, ob sie zu Recht oder Unrecht gezogen worden ist. Sie ist allerdings Gott sei Dank nicht nur bis jetzt eine bloße gedachte Konsequenz, sondern sie wird eben das, aus den genannten Gründen und aus den jetzt noch zu nennenden Gründen, hoffentlich auch für ewige Zeiten bleiben:

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.