RASEREI DER ÄUßERLICHKEIT




Wenn Sie wollen und wenn Sie Lust haben, überlegen Sie einmal, was Sie von folgender Sache halten. Die Welt schreibt am 12.9.01:
«Wir werden sie hoffentlich als Personen anerkennen.»
Die Theologin und Informatikerin Anne Foerst glaubt, dass wir die intelligenten Roboter in unsere Gemeinschaft aufnehmen müssen.
Die Deutsche Anne Foerst ist Professorin für Theologie und Informatik an der St.Bonaventura Universität in Olean im US-Bundesstaat New York. Bis zum letzten Jahr war sie `theologische Beraterin am Artificial Intelligence Lab des Massachusetts Institute for Technology (MIT). Mit Anne Foerst sprach Hubertus Breuer.

DIE WELT : Was in aller Welt kann eine theologische Beraterin für Roboterbauer tun?

Anne Foerst : Sie bereitet auf Fragen vor, denen sich Robotiker früher oder später stellen müssen. Die Apparate, die wir bauen, verhalten sich immer menschenähnlicher. Sollten die Ingenieure erst einmal ein schlechtes Gewissen haben, ihrem Roboter den Strom abzustellen, hat sie ihr eigenes Werk davon überzeugt, mehr als nur eine Maschine zu sein. Theologisches Denken hilft da, unser Menschsein weniger exklusiv als bisher zu verstehen und Roboter eines Tages als neue Spezies zu akzeptieren.

DIE WELT : Werden da nicht alte Ängste bedient, wie sie im Homunkulus, Golem oder Frankenstein ihren Ausdruck finden?

Foerst: Sie können getrost noch den Androiden Captain Data aus `Raumschiff Enterprise' hinzuzählen. Der Mensch hat solche Fiktionen aber nicht nur aus Furcht erschaffen. Die Vorstellung, ein uns ebenbürtiges Wesen zu erschaffen, fasziniert uns zutiefst. Diesem Impuls gehen Robotiker nach, wenn sie intelligente Maschinen bauen – und genau deshalb interessieren wir uns auch so für deren Arbeit.

DIE WELT: Was wird aus dem Mythos, wenn wir wissen, dass eine Maschine nur aus Metall und einem Rechner besteht?

Foerst: Der Mythos vertieft sich. Es gibt kaum ein einprägsameres Erlebnis, als wenn man dem humanoiden Roboterkopf Kismet am MIT begegnet. Die Maschine lacht, weint, will unterhalten sein, kann sich ärgern und schläft nach einiger Zeit erschöpft ein. Da ist es so gut wie unmöglich, nur einen raffiniert gebauten Apparat zu sehen. Wer den Roboter kennt, baut auf Dauer eine emotionale Beziehung zu der Maschine auf.

DIE WELT: Wird da nicht eine Scheinwelt geschaffen? Kismet ist ja nur eine Maschine.

Foerst: Mit solchen Urteilen wäre ich vorsichtig; schließlich sehen wir unsere Mitmenschen ja auch nicht als Ansammlung organischer Moleküle an. Begegnet uns etwa Kismet mit seiner Babymimik, ist es natürlich, so zu reagieren, als hätten wir ein Kind aus Fleisch und Blut vor uns. Das verdankt sich evolutionär gewachsenen Reaktionsmechanismen. Auch sind Roboter heute schon autonomer, als Sie glauben mögen. Ihr Verhalten lässt sich längst nicht mehr vorhersagen. Kismet hat inzwischen eigenständig tausende verschiedener Gesichtsausdrücke entwickelt, die über die ihm anfangs einprogrammierte Mimik weit hinausgehen.

DIE WELT: Der Roboter David in `A.I.' (Artificial Intelligence Künstliche Intelligenz) zeigt sogar Liebe. Welche Vorteile bringen uns solche gefühlsbetonten Roboter denn?

Foerst: Je mehr Raum Roboter im Alltag einnehmen werden, desto wichtiger ist es, die Schnittstelle zwischen ihnen und uns so natürlich wie möglich zu gestalten. Gefühlsausdruck wie bei Kismet hilft dabei. Bei Spielzeugen, Haushaltsrobotern oder Museumsführern gibt es dafür riesige Anwendungsgebiete.

DIE WELT: Lässt sich denn Liebe einfach einprogrammieren?

Foerst: Nein, das ist die große Schwachstelle des Films. Ein Roboter kann, wenn überhaupt, dieses Gefühl nur erlernen, wenn man ihm so viel reaktive Fähigkeit gibt, dass er in einem langwierigen Entwicklungsprozess Gefühle und emotionale Tiefe entwickelt. Außerdem fehlt den Robotern bisher ein Element, das wohl in allen unseren Emotionen gegenwärtig ist: der Überlebenswille. Sollten sie wirklich menschenähnliche Gefühle entwickeln, müsste man ihnen ein Äquivalent für Sterblichkeit und die Angst davor einbauen.

DIE WELT: Wenn das gelingt, könnten Roboter Teil unserer Gemeinschaft werden?

Foerst: Ich glaube, dass es eines Tages Roboter geben wird, die ebenso intelligent sind wie wir und auch Gefühle haben. Aber die Frage ist, welchen Platz wollen wir ihnen dann in unserer Gemeinschaft einräumen. Dass sie keine Menschen sind, bedeutet nicht, dass ihnen keine Rechte zustehen. Wir werden sie hoffentlich als Personen anerkennen, nur eben nicht als Menschen; sie wären dann nichtmenschliche Personen.

DIE WELT: Warum sollte das erstrebenswert sein?

Foerst: Das lässt sich theologisch verständlich machen. Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, weil er einen Partner suchte, mit dem er kommunizieren kann. Ebenso sucht der Mensch heute nach einem Gesprächspartner. Wir folgen Gottes Schöpfungsakt, wenn wir Wesen schaffen, die, wie wir, Einfühlungsvermögen und Gefühle besitzen. Mit ihnen könnten wir eine Gemeinschaft bilden. @ Das Artificial Intelligence im Internet: www.al.mit.edu "

(1) Soweit Frau Foerst in der Welt. Und man könnte ihr nun den einen oder anderen Mangel schon in der Art und Weise vorwerfen, in der sie ihre Sache vertritt. So z.B. folgenden groben Mangel in der Schlüssigkeit: "Mit solchen Urteilen", nämlich, dass Kismet nur eine Maschine sei, wäre ich vorsichtig; schließlich sehen wir unsere Mitmenschen ja auch nicht als Ansammlung organischer Moleküle an." Aber, gnädige Frau! Wir haben unsere Mitmenschen ja auch nicht von uns aus zusammengesetzt wie einen Roboter oder einen sonstigen Computer; wir hätten es selbst dann nicht, wenn wir die Samenzelle in das Ei der Mutter hineingeschoben hätten; was wir aber nicht einmal haben: die Zelle schlüpft in höchst aktiver Weise selbst in ihr Ei, wie wir ja wissen. Und außerdem: ist denn so gar kein Unterschied zwischen "organischen" und "anorganischen" "Molekülen" ? Sollte man nicht etwas mehr nachdenken! Dann käme man gleich auf das Wesentliche; es würde nicht so furchtbar viel geschrieben; und sensible, aber unerfahrene junge Leute hätten nicht ewig das neurotisierende Gefühl, allzu viel zu verpassen, wenn sie außer den Klassikern nicht noch alles mögliche andere lesen. – Es ist aber auch menschlich nicht richtig zu sagen: "Mit solchen Urteilen wäre ich vorsichtig." Man lobt dabei sich selbst und sitzt über den anderen zu Gericht. War Frau Foerst denn ihrerseits vorsichtig, wie wir gerade gesehen haben? – Und, mal von einer anderen Seite her gesehen: ist sie denn mit andersartigen Urteilen weniger vorsichtig als "mit solchen" ? In der Psychologie gilt: "Deine Sprache verrät dich" ; sie verrät uns bis in ihre kleinsten Symptome mit bewundernswerter Präzision. Denn was soll überhaupt der Moralismus mit der "Vorsicht" ? Eine sachliche Begründung hätte ja genügt! und wie weit soll die Vorsicht gehen? Vorsicht soll man zwar immer und überall walten lassen; aber sie ist kein Argument , wenn es um die Frage geht, ob ein Artefakt schließlich zu einem autonomen Teil der Natur werden kann; und obendrein zu einem menschenähnlichen Wesen; oder ob eine solche Umwandlung nicht möglich ist.

(2) Unbewusster Unernst kommt hinzu: die drittletzte Antwort Frau Foersts widerspricht, konsequent zu Ende gedacht, dem, was vorher über "Kismet" gesagt wird. Man kann den Widerspruch, zur Not!, auch als eine der Rückzugsklauseln ansehen, die für nicht überzeugungskräftige Gedankengänge bezeichnend sind. Der "langwierige Entwicklungsprozess" als höchst langweilige und leere pseudonaturwissenschaftliche Ausrede gehört mit zu diesen Klauseln, zu diesen Floskeln – und er fehlt so denn auch bei Frau Foerst nicht. Bei ihm soll bloßer Zeitablauf in Verbindung mit seiner Länge das "Gewusst, wie" ersetzen; oder er ist eben überflüssig: es genügt dann das "Gewusst, wie", wenn die Ausführung auch lange dauert. Bei einem bloßen Zeitablauf ist noch in keinem Fachbereich etwas herausgekommen.

(3) Und sollen wir nun mit Rücksicht auf den Schluss des Interviews auch noch den lieben Gott verteidigen, der uns geschaffen haben soll, weil er "Partner" brauchte? Gott hatte unabhängig von der "Erschaffung" des Menschen Partner genug – wenn man einmal die Bibel etwas genauer in den Blick nimmt; und wenn man schon theologisch argumentiert! Gibt es denn, von uns aus aufwärtsgerechnet, in theologischen Bereichen wirklich nur Gott und uns? Und ist denn jede monotheistische Religion auch absolut monotheistisch? Man sollte Gott nicht die lächerliche Schwäche des zeitgenössischen Menschen anheften, der unter dem Komplex leidet, unbedingt scheinbare Freunde haben zu müssen, sie aber nicht unbedingt zu haben. – Aber wir brauchen doch eines, nämlich die Feststellung, dass es sich bei dem Gedanken vom "Partner" um einen ganz entsetzlichen Modegedanken handelt. Denn:"Ebenso sucht der Mensch heute nach einem Gesprächspartner" ? Er hat früher wohl mindestens ebenso sehr nach wirklichen Gesprächspartnern gesucht. Und ein wirklich "ebenbürtiger" und "autonomer" Roboter dürfte denn wohl auch genauso schwierig und anspruchsvoll sein, und ebenso schwer festzuhalten, wie ein normaler Mitmensch, von denen es ja eine ganze Menge geben soll. Wie lautet übrigens die biblische Begründung für die Erschaffung Evas? Oder man hält eben einen Hund. Der ja weniger anspruchsvoll ist. Man sieht, es ist für alles gesorgt – wenn nur mit uns selber alles in Ordnung wäre.

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.