ZUR WILLENSFREIHEIT I


EIN ANGRIFF AUF DIE WILLENSFREIHEIT.
UND SEINE NICHTIGKEIT.
Eine Schrift über die Grundbegriffe unserer Existenz.
Und zugleich eine politische Schrift.





Wiederholung


(1) Wir haben auf dieser Netzseite unter anderem die Willensfreiheit verdeutlicht. Machen wir uns zunächst den dabei durchlaufenen Gedanken mit Hilfe der jetzt folgenden Absätze 2-13 in verkürzter Form noch einmal klar! Der Abschnitt umfasst die philosophischen Grundlagen. Allerdings lässt sich das, was wir sodann in den Absätzen 14ff. entwickeln wollen, für sich allein betrachtet – aber auch nur insoweit! – auch ohne die jetzige Wiederholung verstehen. Und wem die philosophischen Grundlagen wirklich ausreichend klar sind, der kann die ohnehin stark verkürzende Wiederholung selbstverständlich auch aus diesem Grund weglassen. Wer es andererseits gründlicher haben will, ohne dass ihm jetzt schon alles ganz deutlich vor Augen steht, könnte zusätzlich zu den hier folgenden Absätzen 2 - 13 aus Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz (auf dieser Netzseite) noch die (ebenfalls nummerierten) Absätze 3, 5 und 9 genauer durchgehen – und wenn er will, zur nicht notwendigen Vertiefung, auch die Absätze 31 - 36.

(2) Und nun zur Sache. Da ist zunächst der einzige Bereich zu nennen, in dem die Willensfreiheit nicht gilt: das ist der Fall in den Vorgängen zwischen ausreichender Wirkursache und Wirkung. Der Kern: soweit die Ursache wirkt, tut sie es ausschließlich durch Determination, also durch den Ausschluss der Willensfreiheit – wie wir es nennen, wenn nun gerade ein Mensch determiniert wird, obwohl für die Determination der übrigen Weltwesen im Prinzip nichts anderes gilt. Ein anderer Zusammenhang zwischen ausreichender Wirkursache und Wirkung als der gerade genannte ist nicht denkbar. Und auch eine andere Art des Ausschlusses der Willensfreiheit ist es nicht.

(3) Nun die Ausdehnung des Phänomens, sein extensiver Aspekt: Das Phänomen gilt für die gesamte empirische Wirklichkeit. Kein Zustand ohne Ursache. Also auch keine Ursache, die nicht ihrerseits wieder eine Ursache hätte; und so weiter rückwärts bis ins Unendliche. Ist das möglich? Es ist deshalb möglich, und nur deshalb, weil die empirische Wirklichkeit nicht die volle Wirklichkeit ist, sondern nur die Art und Weise, wie wir die Welt mit unseren fünf Sinnen aufnehmen und anschließend erfassen und verarbeiten. Soviel zur Ursache. Ferner gilt: keine Wirkung, die ihrerseits eine andere als eine determinierte Wirkung hat. Ausnahmen, vielleicht: im mikroskopischen, atomaren Bereich, bestehend in nichtdeterminierter Bewegung oder in anderen nichtdeterminierten Zuständen elektronischer oder ähnlicher Teilchen, von Quarks oder noch kleineren Weltwesen; also nur vielleicht. Sollte es wirklich so sein, dann umso besser für die Willensfreiheit; denn sie wollen wir ja nachweisen, nicht die Determination.

(4) Schließlich der intensive Aspekt des Phänomens: Sowohl die Ursache wie auch die Wirkung ist immer nur der Zustand einer Sache, eines Lebewesens usw., sie ist nie die Sache selbst oder das sonstige Wesen selbst; kurz: sie ist nie die Substanz. Mit anderen Worten: es gibt im empirischen Bereich erfahrungsgemäß keine Schöpfung aus dem Nichts – und für den außerempirischen Bereich gibt es, nebenbei erwähnt, keinen Grund für die Annahme einer solchen Schöpfung, von anderen Problemen mit dem Gedanken ganz abgesehen. Beobachtung dazu: eine und dieselbe Ursache wirkt auf verschiedene Wesen, Substanzen, verschieden. Ein und derselbe brennende Docht (sein Zustand des Brennens) erwärmt den Tee, lässt das Wachs schmelzen, bringt das Papier zum Brennen, die Luft zur Ausdehnung, zum Leichterwerden, zum Aufsteigen usw.; und eine und dieselbe Behandlung, etwa Anschnauzen, Demütigen, Herabsetzen, veranlasst den einen Menschen zum Nachgeben und Gehorsam, den zweiten, überlegenen, zum ruhigen und unwiderruflichen Abbruch des Umgangs; einen Dritten veranlasst es, dem minderwertigen Subjekt ins Gesicht zu schlagen, ob nun metaphorisch oder im unmittelbaren Sinne. Fazit: die Wirkung als Zustand geht nicht nur aus der Ursache, sondern auch aus der Sache, dem Lebewesen, der Energie usw. hervor, also aus der Substanz, deren Zustand sie ist.

(5) Damit ist über diesen Bereich, den der Substanz, allerdings noch nicht alles Notwendige gesagt: Wir waren aus naturwissenschaftlichen, aus logischen und aus psychologischen Gründen zu dem Ergebnis gekommen, dass alles und jedes in der Welt letzten Endes aus purer Energie, aus purer Dynamik besteht; und wir sind außerdem, unter anderem aus logischen Gründen, zu dem Ergebnis gekommen, dass pure Energie und Dynamik nichts Passives in sich schließen können, also auch keine Determiniertheit; und dass ihre Dynamik folglich „aus sich selber“ hervorgeht, „aus sich selber“ ist – oder ständig wird, genau genommen. Und dieses „aus sich Selber“ nun macht die besagte Substanz der Dinge aus: das, was zusammen mit der Ursache den Zustand seiner selbst hervorbringt, den wir Wirkung nennen. Ist es eine zweite, eine andersartige Ursache? Nicht im eigentlichen Sinne; aber man kann es mit einer Ursache sinnvoll vergleichen: es reagiert als Substanz mit dem besagten Zustand als ihrem Akzidenz, z.B. als ihrer Eigenschaft, auf die Ursache.

(6) Und dieses „aus sich selber“ Seiende oder Werdende hat sich nun (im Vorhergehenden, auf dieser Webseite) als „Ursache“ im weiteren, uneigentlichen Sinne erwiesen; nämlich als „Ursache“, die mit ihrer „Wirkung“, als „Wirkung“, die mit ihrer „Ursache“, identisch ist, im strengen Sinne identisch, numerisch identisch – um einen terminus technicus zu verwenden. Es handelte sich bei ihm also nur im weiteren Sinne um „Ursache“ und „Wirkung“, da beide, im strengen, eigentlichen Sinne verstanden, voneinander getrennt, numerisch verschieden sind. Das „aus sich Selber“ erwies sich ferner als einzig möglicher Freiheitsbegriff, weil alles, was „aus anderem“ hervorgeht, eben determiniert ist, also unfrei ist. Alles das ergab sich geradezu von selbst, als bare, pure Selbstverständlichkeit – sobald man nur erst auf die Zusammenhänge aufmerksam geworden ist. Ebenso ist es mit der Tatsache: aa) dass unser Wille ausschließlich dynamischer und subjektiver Natur ist, bb) dass seine Subjektivität ebenso selbstverständlich von der des vielbeschrienen, fast allein beschrienen „Bewusstseins“ grundverschieden sein muss, und cc) dass es sich bei der Subjektivität des Willens um das besagte, gerade genannte „dynamische aus sich Selber“ handelt; dass also der Wille mit dem „dynamischen aus sich selber Seienden oder Werdenden“ geradezu definiert ist; dass er als solches, aufgeteilt auf die Einzelwesen, mit dem ausschließlich aus Energie bestehenden, also nichtdeterminierten, also freien Weltganzen identisch und deckungsgleich ist. Und daher! denn auch, zumindest bei uns erkennenden Wesen mit unserer Kombination von intellektueller und willentlicher (voluntativer) Subjektivität, das sichere und unausrottbare Gefühl, dass wir moralisch, ethisch verantwortlich sind.

(7) Frage: Wie verhält sich diese allumfassende, weltumspannende Freiheit zu der vorhin (im 3.Absatz) festgestellten ebenso weltumspannenden determinierenden Natur des Netzes aus Ursachen und Wirkungen? Widerspricht sich beides?

(8) Gehen wir zunächst so vor: Unser Wille, der Wille überhaupt, ist zwar seinerseits die Ursache von Ereignissen, Zuständen in der Außenwelt; aber ihn selbst erleben wir nicht als Kette von Ursachen und Wirkungen im strengen Sinne, also nicht mit deren numerischer, realer Trennung voneinander, wegen der soeben (im 6.Absatz) klargemachten Identität von „Ursache“ und „Wirkung“ in ihm und, weil er andernfalls zumindest zum Teil determiniert wäre. Der Wille als solcher, anders unser gesamtes Verhalten, ist auch nie die determinierte Wirkung einer Ursache, auch nicht eines vorhergehenden Willensaktes, weil er dann determiniert, nämlich nicht mehr „aus sich selber“ wäre; vielmehr ist er, wie gesagt (vorhin im 5.Abatz), immer nur die freie Reaktion auf eines von beiden. Mit anderen Worten: der Wille an sich und als solcher unterliegt nicht der Kategorie der Kausalität. Dagegen unterliegt er immerhin noch der Anschauungsform der Zeit: unsere einzelnen Willensakte sind für uns sukzessiv, wir erleben sie nacheinander; wir erleben sogar, dass wir nicht anders können als uns in ganz bestimmter Weise zu verhalten, wegen der Unveränderlichkeit unseres Charakters, nicht wegen irgendeines jeweils vorhergehenden Willensaktes. Wie verhält sich nun diese merkwürdige Unveränderlichkeit, mit der ihr eigenen, spezifischen, ganz besonderen Notwendigkeit, zu unserem „aus uns Selber“, also zu unserer Freiheit und unserem ethischen Verantwortungsgefühl? Besteht hier ein Widerspruch?

(9) Das ständige und unmittelbare, unausrottbare Erlebnis der Subjektivität unseres Willens und auf dem Weg über sie und ihn auch das Erleben unserer Freiheit und unserer ethischen Verantwortlichkeit werden wir nicht los; auch die alltägliche, unumgängliche und unausweichliche private, geschäftliche und juristische Praxis der menschlichen Gemeinschaft kommt um eine solche Verantwortlichkeit und folglich auch um die Freiheit nicht herum; wir haben es außerdem auf dieser Netzseite begründet – falls es jemandem auf Grund der jetzt angedeuteten Tatsachen nicht klar sein sollte. Also müssen wir das Erstere ins Reine bringen, das seltsame Gefühl, dass unser Verhalten trotzdem festzuliegen scheint. Denn einen begrifflichen Widerspruch, so wie er zwischen den beiden Phänomenen besteht, solange sie unverdaut sind, kann man auf keinen Fall im Raum stehen lassen. Nun haben wir (im vorigen Absatz) gerade gesehen, dass unser Wille zwar nicht der Kategorie der Kausalität, wohl aber der Sukzessivität, also der Anschauungsform der Zeit unterliegt. Und wir kennen den uralten Gedanken von der „Erhabenheit über Raum und Zeit“, wonach die Zeit nur unsere Betrachtungs- und Erlebnisweise ist, aber keine Eigenschaft der Welt und des Seienden an sich; dass es sich so verhält, ist unter allen Umständen möglich und wird auch nie zu widerlegen sein, auch wenn Kant es nicht bewiesen hätte – was er meiner Meinung nach (in der „Transzendentalen Ästhetik“ am Anfang der „Kritik der reinen Vernunft“) in stringenter Weise getan hat. (Wir haben Kants Gedanken darüber auch hier auf der Netzseite noch einmal wiedergeben). Also ziehen wir den uralten, wenigstens möglichen Gedanken, von der Erhabenheit über die Zeit, im „Ding an sich“ sozusagen, dem sonst unaufhebbaren begrifflichen Widerspruch vor! Das heißt, unsere Willensakte unterliegen in Wirklichkeit nicht der Kategorie der Zeit; sie sind in Wirklichkeit nicht sukzessiv, sondern gehören alle, samt und sonders in völliger Einheit, dem zeitlosen, „ewigen“ Willensentschluss an, dem zeitlosen, „ewigen“ „dynamischen aus sich Selber“, der zeitlosen, „ewigen“ puren Energie, in der wir bestehen, die wir sind. Diese Einheit, die wie jede Einheit mehr ist als bloße Zusammengehörigkeit, erklärt die Zusammengehörigkeit unserer in der Zeit als sukzessiv erscheinenden Willensakte; die Zusammengehörigkeit erklärt ihrerseits den Eindruck der besagten Notwendigkeit, indem um der Zusammengehörigkeit willen jeder der als sukzessiv erscheinenden Willensakte gesetzt werden muss, sobald einer von ihnen gesetzt ist. Damit ist auch die Unveränderlichkeit des Charakters erklärt, die für jeden reifen und realistischen Menschen eine Selbstverständlichkeit ist. Mit anderen Worten: die Verkettung unserer Willensakte miteinander in der Zeit und insofern ihre Notwendigkeit, ist in Wahrheit, als „Ding an sich“, nichts als die zeitlose und deshalb nicht-sukzessive Einheit unserer Freiheit, der puren Energie, also der durch und durch aktiven Energie, also der nichtdeterminierten Energie und folglich des „aus sich Selber“, in dem wir bestehen, das wir sind.

(10) Und entsprechend (siehe vorhin Absatz 7): für die Welt der Erscheinung oder Vorstellung um uns herum und deren Freiheit oder auch Nichtdeterminiertheit im „Ding an sich“, nämlich da, wo auch sie nichts anderes ist als Wille, als „dynamisches aus sich Selber“. Nur mit dem Unterschied, dass diese unserem Intellekt erscheinende Außenwelt nicht nur zeitlich, wie der Wille in unserer Innenwelt, sondern außerdem auch kausal bestimmt ist. Aber auch hier ist die dieses Mal kausale Notwendigkeit der Aufeinanderfolge in den Zuständen jedes einzelnen zu dieser Aufeinanderfolge gehörenden Weltwesens nur die Erscheinungsweise seiner absoluten Freiheit in der Einheit, weil Nichtsukzessivität, des zeitlosen Willens als „Dinges an sich“ und „dynamischen aus sich Selber“.

(11) Also kein Widerspruch (siehe Absatz 7) zwischen der allumfassenden, weltumspannenden Freiheit des „aus sich Selber“ und der ebenso weltumspannenden determinierenden Natur des Netzes aus Ursachen und Wirkungen in der Außenwelt! Und soviel nun zu unserer Willensfreiheit? Fast; aber es ist noch nicht alles.

(12) Erinnern wir uns, bevor wir zur Hauptsache kommen, noch an einen einzigen weiteren Gesichtspunkt, den wir ebenfalls bisher schon auf dieser Netzseite behandelt haben! Gibt es einen Gott, der uns und alles andere durch Wirkursache geschaffen hat? Der also uns und alles andere determiniert hat? Und der infolgedessen für die Unvollkommenheit der Welt einschließlich unserer menschlichen ethischen Unvollkommenheit allein verantwortlich ist? In dem Fall hätten wir nämlich keinen freien Willen; ein freier Wille steht zu einer Schöpfung durch Wirkursache in begrifflichem Widerspruch – mögen die so genannten Frommen vor dieser absolut sicheren Tatsache, die über jede „Theologie“ und über jeden so genannten „Glauben“ und Afterglauben, erhaben ist, ruhig weiter die Augen verschließen. Wir haben in der Schrift „Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz“ (unter anderem auf dieser Netzseite) Begründungen dafür gegeben, weshalb es einen solchen Gott nicht geben kann – insoweit ist die Sache auch gar nicht schwierig – weshalb es aber sehr wohl ein von uns numerisch verschiedenes persönliches oder überpersönliches und vollkommenes Wesen geben muss, das als höchste Spitze aus dem allgemeinen Streben des „aus sich Selber“ hervorgegangen ist, also ohne zu uns im Verhältnis der determinierenden Ursache zu ihren Wirkungen zu stehen. Siehe außerdem vorhin am Anfang von Absatz 9 über unsere Nichtdeterminiertheit. Und wir haben, neben vielem anderen, schon vorher auf dieser Netzseite außerdem auf gewisse Tatsachen unseres Inneren aufmerksam gemacht, die geeignet sind, einen realistischen Theismus zu begründen. Nämlich, Freunde: wir spüren in unserem Inneren nichts von einer allumfassenden Automatik durch einen alles wirkverursachenden, determinierenden Urheber; einer Automatik, die dann ja auch die Subjektivität unseres Willens aufheben müsste – und die damit zugleich eine absolute Gleichgültigkeit und Erstorbenheit in unserem Innern zur Folge haben müsste. Dagegen spüren wir dort sehr viel von Sehnsucht, Streben, Hoffnung und Wollen, unerfülltem und erfülltem: von Leiden und von Freuden; und von Selbstvorwürfen wegen bestimmter Entscheidungen – zugleich aber auch von Zufriedenheit mit anderen, ethisch richtigen Entscheidungen. Also! Jeder kann ja in seinem eigenen Innern forschen.

(13) Soviel zum Lieben Gott, auf den wir also durchaus setzen sollen – wenn auch nicht in der Weise, wie alle Frommen es bis vor Kurzem theoretisch getan haben, und wie die Profis unter ihnen es theoretisch und vielleicht auch praktisch weiterhin tun, ebenso wie die, die nicht auf dem Laufenden sind und von den Profis ganz bewusst auch nicht aufs Laufende gebracht werden. Die neuen Frommen, die Schöpfungsfrommen, die „kreationistischen“ Frommen, werden dabei auch schon ganz schön dubiös-moralisch: „So hat der Herrgott uns/mich erschaffen“! Eine zweite Gruppe hat das beklagenswerte Los, noch stupider dahinleben zu müssen: sie setzen auf die gute Mutter Natur; oder auch auf die Mutter Natur, die zwar nicht ganz so gut ist, der man sich aber unter allen Umständen beugen muss. Es handelt sich hier um ein typisches Bildungsprodukt im allerschlechtesten Sinne; denn wenn man ein so ausgefallener, um nicht zu sagen: asozialer Typ sein sollte, dass man die Dinge einmal zu Ende denkt (aber das soll man ja auch nicht), dann ist die Mutter Natur eine Art mehr oder weniger guter Fee – man nenne es, wie man will – und sie determiniert uns dann genau so, wie es nach Auffassung der frommen Deterministen der Liebe Gott getan haben soll; ihr ist es ja auch viel eher zuzutrauen als ihm; das ist der himmelweite Bildungsvorsprung der Leute, die die Natur im Munde führen. Entweder also ist es so. Oder wir selbst sind die Natur, jeder einzelne von uns Menschen für sich, jedes einzelne der übrigen Weltwesen ebenso gut für sich, und sie und wir alle zusammen, in einem mehr oder weniger harmonischen oder katastrophalen Verhältnis zueinander. Dagegen habe ich ja nichts einzuwenden; meine Natur bin ich selber, und so weiter für jeden anderen und für jedes andere. Gegen unseren freien Willen spricht Mutter Natur dann jedenfalls nicht; denn sich selber kann man nicht determinieren; es sei denn (siehe vorhin die Absätze 7 - 11) man tut es, indem man die Zeitlosigkeit, also Sukzessionslosigkeit, also die Einheit im Ding an sich der Willensaktivität, in der empirischen Erscheinungswelt in sukzessive Akte auseinander faltet. Im Übrigen haben wir auch diesen Gesichtspunkt schon behandelt – und sollten jetzt zum eigentlichen Thema kommen.


Der Angriff auf die Willensfreiheit.


(14) Soviel also zur Willensfreiheit, sollen wir sagen, im „philosophischen“ Sinne? Wir könnten es, wäre nur das öffentliche Image des Begriffes nicht durch ganze Schutthalden elendester Idiotien so hoffnungslos verhunzt! Sagen wir also lieber: soviel zur Willensfreiheit im Sinne der Grundbegriffe unserer Existenz. – Natürlich gibt es Leute, die von der Philosophie ausschließlich die läppischen und albernen Vorstellungen haben, die die Hochfinanz durch ihre geheimdienstlich lancierten Afterphilosophien veranlasst hat. Durch was? Hauptsächlich durch die „contemporary Anglosaxon philosophy“, „die zeitgenössische angelsächsische Philosophie“; ein Professor hat gehört, sie sei „barren and obscure“, „unfruchtbar und unverständlich“; und schon hat er von seiner Mittels- und Bezugsperson den Wink (von dem, was bei Karl Marx z.B. Friedrich Engels war), er solle einen zusätzlichen 800-Seiten-Wälzer als Apologie verfassen, zur Verteidigung des einfallslosen Elendes, statt sich auf die unmittelbare Wirkung der „philosophy“ zu verlassen. – Die Hochfinanz versteht von nichts etwas; sie denkt nicht sachlich; sie ist schon deshalb zum Herrschen nicht geboren, wenn es überhaupt jemand ist; sie fragt nur, was ihrer Herrschaft dient. Wundern wir uns noch über den Niedergang der Denkkultur? Und nicht nur der Denkkultur. Man kann es den Leuten fast nicht übel nehmen.

(15) Wohl aber kann man ihnen übel nehmen, dass sie trotzdem den Anspruch erheben, Antworten auf philosophische Fragen zu haben; oder, noch tausendmal besser: dass sie glauben, die Philosophie durch ihre Art der Naturwissenschaft ersetzen zu müssen. Sie stützen sich auf „harte Tatsachen“, von denen sie glauben, sie ersparten ihnen das Nachdenken, und die ihnen zugleich mit dieser wunderbaren Erleichterung eine Richterrolle über alle verschaffen, die anderer Meinung sind; so richtig im Geschmack der Zeit. Wir haben hier einen der Punkte, die unter die Kategorie der Verblödung gehören und die wir uns merken müssen; wir brauchen einen solchen Kanon der wahren Soziologie und der wahren Sozialpsychologie.

(16) Ein Professor Hrvoje Lorkovic schreibt in der „Jungen Freiheit“ vom 28.2.2003 auf Seite 18 unter dem Titel „Die Freiheit einer Stromleitung“ unter anderem: „Da die Verbindung zwischen dem Nervensystem und der Psyche mit der Zeit immer deutlicher zutage tritt, werden die Antworten im Bereich der Neurophysiologie erwartet. Franz Mechsner vom Max Planck-Institut für Psychologische Forschung in München hat neulich in der Zeitschrift Geo eine genüsslich lesbare Übersicht neuer, zum Teil verblüffender Ergebnisse dargeboten. Diese werden mit frischen philosophischen Überlegungen in Zusammenhang gebracht. Aus dieser Sicht ist ein Buch des Berliner Philosophen Peter Bieri von besonderem Interesse, das vor einem Jahr unter dem Titel „Das Handwerk der Freiheit“ erschienen ist. Nach eingehenden Überlegungen kommt Bieri zu dem Schluss, dass die alte Ansicht, Freiheit müsse absolut sein, sinnlos ist. Eine solche unbedingte Freiheit würde keineswegs zu rationalem und zweckmäßigem Handeln führen, sondern dies unmöglich machen, weil sie zufällig, unbegründbar und unkontrollierbar wäre. Auch würde sie von der handelnden Person nicht als die eigene empfunden. Der letzte Punkt wird auch von anderen Philosophen betont: Es sei eine wesentliche Bedingung der freien Handlung, dass die ausführende Person sich als ihr „Urheber“ fühle, eine weitere, dass sie auch anders hätte wählen können. Wenn solche Bedingungen im buchstäblichen Sinne genommen werden – das heißt so, dass der Wille die Nervenprozesse lenken kann – ,so spricht wenig dafür, dass der Wille wirklich frei ist. Wenn dagegen die „schwache“ Interpretation angenommen wird, das heißt, man schreibt eine Handlung sich selbst bloß zu, dann ist der freie Wille selbstverständlich gegeben. Eine Ansicht, die paradox klingt, aber viel für sich hat.“ Sehen wir uns das einmal näher an! „Aber Sie können doch nicht Buchautoren an Hand eines Zeitungsartikels widerlegen.“ Kann man das nicht? Ich werde mich mit dem, was ich jetzt zur Sache ausführe, zugleich auch dafür rechtfertigen.

(17) Also: die Freiheit kann nicht „absolut“, nicht „unbedingt“ sein; die freie Handlung wäre dann „zufällig, unbegründbar und unkontrollierbar“ und infolgedessen „nicht rational“ und „nicht zweckmäßig“; die ausführende Person würde sie nicht als ihre „eigene“ Handlung, und sich selbst nicht als deren „Urheber“ empfinden; wir können ruhig sagen, die Handlung wäre dann auch tatsächlich nicht die „eigene“, und die Person wäre tatsächlich nicht der „Urheber“, ebenso wie auch die übrigen genannten Konsequenzen tatsächlich gegeben wären. Aber wie drückt man so etwas direkt und richtig und genau und klar und durchsichtig aus? Man sagt: wenn die Handlung selber frei wäre – die Handlung, wohlgemerkt, egal ob die Person frei ist oder nicht – dann hieße das, dass die Handlung mit der Person nicht ursächlich verbunden wäre; sie würde, da sie ja „frei“ sein soll, auch sonst ohne Ursache in der Luft schweben, was in der empirischen Welt unmöglich ist; und dann träten die besagten Folgen ein: „zufällig, unbegründbar“ usw., da eine Begründung ja die Angabe der Ursache ist, bis zur „Nicht“urheber“schaft einschließlich, die ja nur ein anderes Wort für „Nichtverursachung“ ist. Was ist hier „sinnlos“? Die Prämisse ist sinnlos; nämlich, dass die Handlung selber und als solche frei sein soll, dass sie infolgedessen mit der handelnden Person nicht ursächlich verbunden sein soll, usw. Wer hat die absurde Prämisse zugrunde gelegt? Herr Bieri und andere. Nicht ich. Wir müssten ja in der heutigen, trotz aller modischen Postmodernität immer noch hochaufgeklärten Zeit wahrhaftig so weit sein, dass wir nicht gerade die allerabsurdesten Abwege des Mittelalters und Nachmittelalters nach Art der ewig Langweiligen ständig von neuem durchwandeln – und dabei obendrein auch noch Entdeckerfreude und Entdeckerstolz empfinden. Und die Antwort? „Agere sequitur esse“ „Das Verhalten ist eine Konsequenz des Seins, der handelnden Person.“ Es ist vom Sein verursacht. Die Freiheit, so gut wie die Verantwortung, liegt also nicht im Verhalten, nicht im Handeln, sondern in der Person, im Sein. Das wussten, wie gerade zu verstehen gegeben, schon die alten Scholastiker; und so ist es Gemeingut aller, die von Philosophie etwas verstehen. Wie kommt die „Freiheit im Sein“ zum Ausdruck? Als das besagte „Sein aus sich selber“ – dessen zwingende, weil verursachte Konsequenz sodann das Verhalten, die „Handlung“, das „agere“ ist, das infolgedessen als solches immer unfrei ist. Die „freie Handlung“ ist nur eine Metonymie für die Handlung einer frei handelnden Person; auf bloße Metonymien sollten Leute, die sich, ohne zu protestieren, „Philosophen“ nennen lassen, aber nicht hereinfallen! „Aseität“ („Aus-sich-selber“heit, sozusagen), so nannten die Scholastiker den grundlegenden Begriff; und diese Begrifflichkeit, des „aus sich Selber“ (der „A-se-ität“), ist als solche! im 19. Jahrhundert zur Vollendung gekommen. So haben wir es auf dieser Netzseite immer wieder klar gemacht; so haben wir es dieses Mal unter „Wiederholung“ noch einmal kurz repetiert; entsprechend haben wir auch das Verhältnis der Handlung zur Person wiedergegeben (mittelbar, aber sicher erkennbar vorhin im 6. Absatz); und so haben wir es u.a. in „Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz“ (im 23. Absatz) ganz unmittelbar dargelegt. Ich glaube, weitere Betrachtungen sind zu diesem Punkt überflüssig – außer vielleicht der nochmaligen Erinnerung, dass man schon ein bisschen wissen sollte und dass philosophische Fragen nicht zum Drauflosschwafeln da sind. Es gibt überhaupt kein Gebiet, auf dem man mühelos schwafeln und sich dennoch Verdienste erwerben kann.

(18) Freunde, es gibt in den geistigen Außenbezirken – weniger im Volk – sehr viel schlechten Mundgeruch; verzeiht die Metapher, ich finde keine, die bezeichnender ist. Wenn jemand in den vergangenen Jahrzehnten – und auch jetzt noch oft – Komplexe hat, etwa als Theologe, der von seiner! Art der Theologie heimlich nichts mehr hält, oder als Soziologe o.ä., und wenn er sich dennoch oder gerade deshalb so richtig über einen anderen Menschen erheben will, dann spielte, und spielt er vielfach auch jetzt noch, gern den Psychotherapeuten, den „Arzt“, großspuriger Weise! Als Seelenarzt, so meint er, kann er frei schwafeln, auf Kosten des anderen, mit verhohlener, aber durchschimmernder Niedertracht, und ohne etwas falsch zu machen, wie er meint. Ganz heimlich sagt er sich: „Es kommt nicht so genau darauf an“, weil er weder die Psychotherapeutik noch sein eigenes Urteil achtet, ein „Weder – noch“, das im Kern übrigens von Kierkegaard stammt. Und ähnlich nun glaubt seit einigen Jahren jeder, der seine weltanschaulichen Komplexe austoben oder der sich bei der Hochfinanz Liebkind machen will, oder beides, die Philosophie sei so eine Schwafelei, so ein gefundenes Fressen für seine Bestrebungen, sich ohne wirkliche Leistung und Anstrengung Bedeutung zu verschaffen, vor allem, wenn er dann auch noch lauthals Pseudonaturwissenschaft im Munde führt. Hat man schon einmal gehört, dass es auch in der Philosophie festliegende Fachkenntnisse gibt, über Dinge, die wir Menschenkinder sehr wohl wissen können? Es ist klar: schon mit dem besagten „Agere sequitur esse“/“Das Handeln ergibt sich aus dem Sein“/“Die Freiheit liegt nicht im Handeln, sondern im Sein“ und mit der „Aseität“, dem „aus sich Selber“, erledigt sich das bis jetzt wiedergegebene Geschwafel von Bieri und Lorkovic.

(19) Und wie ist es nun, durften wir uns dafür auf einen Zeitungsartikel stützen? Ja! Die berechtigten Interessen, der Sache sozusagen, sind so oder so gewahrt; jeder kann ja bei Herrn Bieri nachlesen – auch wenn das jetzt wiedergegebene Fachwissen dabei nicht Klarheit schaffen könnte, was es aber kann. Das allein genügt. Außerdem werden weiter unten und vielleicht auch in späteren Texten noch mehr Hilfen gegeben, die den Durchblick gegenüber intellektuell minderwertiger pseudonaturwissenschaftlicher Kritik noch mehr erleichtern. Und darüber hinaus: hat die Hochfinanz ein Recht, Totschweigegebote zu erlassen und zugleich den Büchermarkt mit wertlosem ideologischen Zeug überschwemmen zu lassen? Zur Verwirrung Unerfahrener oder weniger Urteilskräftiger? Dürfen Leute, die nichts von der Sache verstehen, die Welt durcheinanderbringen? Sie dürfen es aus mehreren Gründen nicht; unter anderem schon deshalb nicht, weil die dafür notwendige Finanzkraft auf einem absolut rechtswidrigen und rechtsstaatswidrigen Geldsystem beruht. Man soll ihnen nicht den Mund verbieten; aber man soll ihnen antworten, ohne auf ihre implizite, tödliche Seelenschwäche irgendeine Rücksicht zu nehmen. Warum komme ich hier darauf? Ich will sagen: das System ist amoralisch, und wir brauchen seine Bücher nicht zu achten, ebenso wenig wie das System die Bücher der anderen Seite achtet. Oder gibt es Menschen, die es als ihr geheiligtes Recht ansehen, dass die von ihnen Angegriffenen nicht konsequent verfahren? Eine solche Anbetung der eigenen Person wäre übrigens, sollte es sie wirklich geben, ein untrügliches Symptom für abgrundtiefe seelische und intellektuelle Unterlegenheit.

(20) Herr Lorkovic fährt fort: „Es ist schon seit Jahren bekannt, dass der Ausführung einer gewollten Bewegung ein elektroenzephalographisch registrierbares Signal vorangeht. Der Amerikaner Libet hat festgestellt, dass solche „Bereitschaftspotentiale“ dem bewussten Entschluss, die Bewegung auszuführen, um mehr als eine Sekunde vorangehen können. Gerhardt Roth von der Universität Bremen hat ähnliche Versuche an Patienten durchgeführt, bei denen aus klinischen Gründen ein Teil der Schädelkappe entfernt wurde, so dass eine direkte elektrische Reizung der Hirnoberfläche möglich war. Die Patienten konnten weder den (äußerst kurzen) Reiz spüren noch den Zeitpunkt seiner Verabreichung wissen. Die Frage nach dem Grund der ausgelösten Handbewegung wurde von den Patienten dennoch klar beantwortet: sie sei gewollt gewesen. Durch Reizen von tieferliegenden Hirnteilen konnten auch Bewegungen ausgelöst werden, die Patienten beschrieben sie jedoch als ungewollt.
     Das (subjektive) Urhebererlebnis (UE) wurde beim Rothschen Versuch auch dann empfunden, wenn die Versuchsperson nicht wusste, wann und ob ein Reiz verabreicht wurde. Das bedeutet, dass das sogenannte Urhebererlebnis mit der ersten Ursache einer willentlichen Bewegung nicht identisch ist.
      Es spricht somit alles dafür, dass das UE eine vom Gehirn konstruierte Begleiterscheinung ist, mit anderen Worten, eine Illusion. Die Überzeugung, der eigene Wille sei der Urheber einer Aktion, wäre damit als Selbsttäuschung enttarnt.


(21) Gut, sehen wir uns die Sache auch hier genau an! „Die Patienten konnten weder den (äußerst kurzen) Reiz spüren noch den Zeitpunkt seiner Verabreichung wissen“? („kennen“ statt „wissen“ wäre richtiger und weniger albern gewesen). Im nächsten Absatz sagt der Mann dasselbe: „auch dann ... wenn die Versuchsperson nicht wusste, wann und ob ein Reiz verabreicht wurde.“ Er darf wiederholen; aber das „auch dann“, das bei solchen Versuchen immer so eindrucksvoll klingt, hätte er in dem Fall nicht setzen dürfen. Und das Ergebnis des Versuches?: „Die Handbewegung“ „sei gewollt gewesen“; mit anderen Worten: „das Urhebererlebnis“! Sodann die erste Deutung, die Zusammenfassung bei unserem Wissenschaftler? „Das bedeutet, dass das sogenannte Urhebererlebnis mit der ersten Ursache einer willentlichen Bewegung nicht identisch ist.“

(22) Freunde! Das ist es nie, in keinem einzigen Fall! Jeder willentlichen Bewegung geht vielmehr aa) ein Motiv, ein Beweggrund vorher; also eine „Ursache“, ihre Ursache, die Ursache für willentliche Bewegungen, egal ob sie nun die „erste“ oder sonst was ist. Und die willentliche Bewegung und infolgedessen auch das Urhebererlebnis ist bb) mit dieser Ursache, wie gesagt, nie identisch. Ein Jäger sieht das Wild = Motiv/Beweggrund = Ursache einer willentlichen Bewegung (ob die „erste“ oder nicht); der Jäger drückt ab = willentliche Bewegung mit Urhebererlebnis; von einer Identität zwischen Erlebnis und Motiv kann nicht die Rede sein (auch dann nicht, wenn man unter dem „Motiv“ fälschlich nur dessen Gedankenbild versteht). Oder: ein Baum ist voller Früchte = Motiv/Beweggrund = Ursache einer willentlichen Bewegung; der Eigentümer holt Korb und Leiter = willentliche Bewegung mit Urhebererlebnis; auch hier: wieder keine Identität zwischen Erlebnis und Motiv! Ich mache eine willentliche Bewegung, nur um meine Willensfreiheit oder -unfreiheit dabei zu beobachten, zu proben = Motiv (gleichgültig, ob ich dabei Erfolg habe oder nicht). Und siehe da: nach wie vor keine Identität zwischen den besagten beiden! Und so weiter ohne Ausnahme! Es gibt keine willentliche Bewegung ohne Motiv! Aber eine Identität zwischen beiden ist nie gegeben, die Nichtidentität dagegen immer. Wie kommt Herr Lorkovic darauf, die Nichtidentität als große Entdeckung zu behandeln?

(23) Und woher nimmt er die Nutzanwendung: das Urhebererlebnis sei „eine vom Gehirn konstruierte Begleiterscheinung“, „mit anderen Worten, eine Illusion“; und „Die Überzeugung, der eigene Wille sei der Urheber einer Aktion“, sei „damit als Selbsttäuschung enttarnt“? „Eine vom Gehirn konstruierte Begleiterscheinung“ ist schon mal bloße Wortemacherei; selbstverständlich ist unsere „Überzeugung“, und überhaupt unser Bewusstsein, vom Gehirn „konstruiert“ – wenn man den Ausdruck unbedingt haben möchte; und selbstverständlich „begleitet“ es unter anderem auch unsere Willensakte; aber daraus und aus dem sonst noch Vorhergehenden zu schließen, das Urhebererlebnis sei „eine Illusion“, dafür spricht aber auch nicht das Geringste. Das darf ich übrigens sagen! Wer bestreitet, braucht nichts zu beweisen; es sei denn die Gegenseite hätte plausible Gründe für ihre gegenteilige Behauptung, dann müsste man sie widerlegen; die Gegenseite hat aber keine Gründe genannt. Dagegen durfte Herr Lorkovic nicht sagen: „Es spricht somit alles dafür, dass ...“ usw.; denn er hat keinen einzigen Punkt von diesem „alles“ begründet; und, Herr Lorkovic: wer behauptet, muss beweisen, ausreichend begründen! Das ist noch grundlegender und selbstverständlicher als irgendein ABC der Wissenschaft.

(24) Hier könnte ich meine Arme verschränken und mich ausruhen. „Aber, aber! Manchmal macht man es sich mit dem formellen Standpunkt auch zu einfach. Wo ist denn das Motiv, der Beweggrund der Patienten, die auf die Frage „nach dem Grund der ausgelösten Handbewegung“ „klar“ bekundet haben, „sie sei gewollt gewesen“? Nun kann man zwar, wie die Patienten es hier tun, in einem gewissen Sinne den Willen als „Grund“ der äußeren Handbewegung auffassen; das nützt uns im Augenblick aber nichts; denn es gehört zu den unbestrittenen, wenn auch oft übersehenen Tatsachen unseres Innern, dass es gerade immer der zu einer „willentlichen Bewegung“ gehörende Wille ist, der nicht ohne Motiv möglich ist. Also hat auch im vorliegenden Fall ein Motiv gewirkt; also die „Ursache“ einer willentlichen Bewegung (meinetwegen auch eine „erste“ Ursache); von einer solchen Ursache aber war die Rede; also muss nach dem Motiv gefragt und das Motiv untersucht werden, statt dass man ohne Weiteres so tut, als ob es so etwas gar nicht gäbe; aber darin ist unsere Zeit ja überhaupt ganz groß, das gehört zu ihrer bewundernswerten intellektuellen Überlegenheit. Vielleicht bestand das Motiv in einem Bedürfnis, die Hand zu bewegen; dabei kann das Bedürfnis ein Gefühl in der Hand gewesen sein oder auch ein Bedürfnis des ganzen Menschen; es kann auch für einen Augenblick eine irrige Vorstellung, ein irriges Gefühl, bestanden haben; oder was auch immer, jedenfalls wissen wir mit Sicherheit, dass jeder Willensakt einen Beweggrund, ein Motiv hat. „Aber das Motiv ist in den vorliegenden Fällen durch eine `direkte elektrische Reizung der Hirnoberfläche´ vorgetäuscht.“ Nein! Soweit der Beweggrund ein Bedürfnis war, war er echt, und war er wirklich vorhanden – wenn auch seine Verursachung, die besagte Reizung, den Patienten nicht bewusst war. Nur soweit eine irrige Vorstellung bestand, war das Motiv vorgetäuscht. Aber seit wann ist es ein Beweis für die Unfreiheit unseres Willens, für seine Determiniertheit, wenn wir auf ein vorgetäuschtes Motiv hereinfallen, wenn wir zum Beispiel wegen Potemkinscher Früchte die Leiter an einen Baum ansetzen? Und seit wann ist ein Motiv kein vollgültiges Motiv, nur weil wir seine Ursache nicht kennen? Das alles ist so klar, dass wir dazu keine einzige weitere theoretische Überlegung brauchen.

(25) Wir sehen vernünftigerweise schon jetzt, dass das von Lorkovic herangezogene Experiment hinsichtlich der Willensfreiheit nichts und aber nichts beweist. Wir können aber auch noch weiter gehen, im Irrtum und so auch in der Widerlegung. „Also, wir sind frei; aber fremde Kräfte, außerhalb von uns, bestimmen, was wir wollen?“ Das ist nichts Besonderes,vielleicht ist es sogar der Normalfall. Jemand bittet mich um eine Leistung, den Bau eines Hauses, und bietet eine Gegenleistung an, d.h. er setzt das Motiv. Ich nehme das Angebot an, d.h. die willentliche Bewegung folgt auf das Motiv. Ist mein Wille nun nicht frei? Bin ich nun unfrei? Nein: weder deshalb, weil das Motiv meine Reaktion determiniert; noch deshalb, weil es ein anderer ist als ich, der das Motiv gesetzt hat. Denn wäre ich nicht der, der ich bin, „aus mir selber“ und so in aller Freiheit (siehe vorhin in Absatz 17), sagen wir z.B., wäre ich nicht ein bestimmter Bauunternehmer, mit den und den besonderen Möglichkeiten, speziellen Kenntnissen, Anlagen und Fähigkeiten, usw. usf., so hätte ich das Angebot – auf Grund der Freiheit, die im Sein, und nicht im Handeln liegt – nicht angenommen; auch die Energie, die z.B. in meinen Fähigkeiten lebt und wirkt, ist pure Energie, pure „Dynamik“; und folglich „aus sich selber“, „aus mir selber“, nichts als Wille; was wissen wir, mit welchem Bewusstsein oder Ersatz eines Bewusstseins unser Wille, also wir selber, uns in der zeitlosen Schicht entschieden haben? Oder entscheiden – da es ja um Zeitlosigkeit geht. Siehe, wenn nötig, in Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz die Absätze 31- 36! Denn wer sollte sonst über uns entschieden haben? Der Liebe Gott, gemäß einem unmöglichen Begriff von ihm? Oder die Natur, als eine Art Fee? (Siehe vorhin die Absätze 12 und 13.) Aber gut, nehmt einen solchen Gott an! Oder meinetwegen auch die Fee! Aber mit Naturwissenschaft oder auch mit Philosophie hätte das nichts zu tun! Wir haben es ja alles bis ins Einzelne klargemacht. Nur, weil ich freiwillig („aus mir selber“) der bin, der ich bin, reagiere ich nun auf dieser Grundlage; und wenn man das voraussetzt, sozusagen einklammert, von ihm absieht, reagieren wir auch mit zwingender Konsequenz auf das Motiv. Die Freiheit liegt auch hier, wie immer, nicht im Handeln, sondern im Sein, aber das Sein ist denn auch frei und „aus sich selber“, unser Verhalten in diesem Sinne und infolgedessen frei von uns bestimmt. Und es hat bei alledem nicht die geringste Bedeutung, ob jemand anders uns das Motiv gesetzt hat oder ob wir selbst es gesetzt haben.

(26) „Gut, schon gut; ich denke ja auch nicht an diese Fälle! Aber in dem Experiment, das Lorkovic wiedergibt, handelte es sich um einen regelrechten Eingriff in den Leib derjenigen, die das Urhebererlebnis hatten – die glaubten, dass sie sich frei entschieden.“ Ich wüsste nicht, was sich dadurch an dem Ergebnis ändern sollte, dass auch sie sich, zu ihren „Handbewegungen“, frei entschieden haben. Die „direkte elektrische Reizung der Hirnoberfläche“ schuf das Motiv, ob sie von dieser Herkunft des Motives wussten oder nicht, ob es eine Täuschung war oder nicht, sie haben sich auf jeden Fall auf diesen Beweggrund hin frei und ohne jeden Zwang entschieden. Wir haben das (in den vorhin repetierten begrifflichen Grundlagen) genügend begründet und differenziert; und das Experiment widerlegt die Begründungen nicht. Hätte man den Patienten geschadet, hätte man sie krank gemacht, hätte man sie geisteskrank oder rauschgiftsüchtig gemacht, so könnten wir nicht einmal in dem Fall sagen, dass ihre Reaktionen die Unfreiheit unseres Willens bewiesen hätten. Denn selbstverständlich hat unser Wille sich seinen Leib geschaffen, in dem er in einem gewissen Sinne sogar besteht; und selbstverständlich kann er diesen Leib in dieser Welt der empirischen Naturgesetze, der „Erscheinung“, nicht nach seinem Belieben von neuem zu seinem geeigneten Werkzeug machen. Hätte er selbst sich einen fehlerhaften Leib geschaffen, so könnten wir vielleicht oder auch mit Sicherheit sagen, er habe es „frei“ getan, sei dabei „frei“ gewesen; nun aber, da andere seinen Leib verändert haben, hat es mit ihm selbst und seiner Freiheit gar nichts zu tun – ebenso wenig wie ein Gefangener durch seine Inhaftierung die Freiheit seines Willens verliert. Es ist ja auch nie ein Naturwissenschaftler oder Philosoph auf die Idee gekommen, den Beweis für die Unfreiheit unseres Willens auf diesem Wege zu führen; dazu hat selbst in den schlimmsten Fällen der Mangel an philosophischen, grundbegrifflichen Kenntnissen nicht ausgereicht.

(27) Allerdings, ein winziger leiblicher Schaden, eine mikroskopische Beeinträchtigung (aber nicht mehr, hoffen wir´s jedenfalls) könnte auch bei Bieris Experiment entstanden sein – nur nicht am „dynamischen aus sich Selber“, an der puren Energie als solcher, die die Freiheit selbst ist, also nicht an der Freiheit, der Willensfreiheit. Aber überhaupt, was soll diese ganze sinnlose, stümperhafte Pfuscherei an unserem Leib, zusammen mit der Einbildung, man brauche im philosophischen Fachbereich nichts zu wissen, und auf der Grundlage solcher infantiler Gedanken, denen zufolge die Handlung frei sein soll und jeder Ursache bar, ohne dass man sich fragt, ob wir selber frei sind, auf die es ja ankommt, und worin unsere Freiheit bestehen könnte, nach der wir ja fragen – und mit der erst wir als Verursacher die Handlungen setzen und bestimmen, determinieren, weshalb sie eben „unsere“ Handlungen sind, also die Handlungen von freien Menschen und in diesem metonymischen Sinne! denn auch „freie Handlungen“; seit wann gibt es denn „freie Handlungen“ in demselben Sinne, in dem es „freie Menschen“ gibt? Der Gedanke ist noch lächerlicher als der von der Fee, die sich „Mutter Natur“ nennt. Will man unbedingt eine Komödie schreiben? Man sehe, wenn nötig, noch einmal vorhin in Absatz 17 nach; oder in Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz (Absätze 31 - 36). Oder glaubt man – um diese umfangreiche Gruppe herauszugreifen – als cooler Denker zwar nicht mehr an die Wirkursächlichkeit Gottes in seinem Verhältnis zu uns Menschen, zu unserem Sein; hat man sich aber trotzdem die eine Folge, nämlich unser „Sein aus uns selber“ nicht klargemacht! Einschließlich alles dessen, was sich daraus ergibt?

(28) Und man frage sich ebenso sehr, wieso es möglich ist, dass Naturwissenschaftler – ich glaube nicht, dass es die besten sind – die Freiheit unseres Willens erforschen wollen, ohne zu wissen oder zu bedenken, was ein Motiv ist, was ein Beweggrund ist; und welche Bedeutung dieses einfache, uralte und völlig unbestrittene, aber äußerst wichtige Phänomen denn innehat! Bin ich etwa moralisch entrüstet? Wer so fragt, sagt Cicero in solchen Fällen, „ist neugieriger als nötig“ („curiosius id faciunt quam necesse est“). Denn darum geht es nicht; vielmehr bin ich durch den unsachlichen Rummel kriminologisch alarmiert. Was will man denn die Öffentlichkeit glauben machen, so hastig und so schlecht gerüstet? Und warum will man es gerade in den letzten Jahren, und zwar mit sofortiger Wirkung und ohne Aufschub? Vielleicht nennen diese Leute einmal den Grund, weshalb sie die Willensfreiheit gerade jetzt so heftig attackieren! Natürlich müssen sie den Grund verschweigen, weil sie sich ganz sicher sind, dass er und das, was sich aus ihm ergibt, neuerdings stringent ist – sie müssen beides aber trotzdem sofort bekämpfen, weil es sich, infolge Abwartens zwecks gründlicherer Vorbereitung einer Widerlegung, die ja sowieso nichts bringt, gar nicht erst in den Köpfen einer größeren Anzahl von Menschen festsetzen soll. Oder hat irgendjemand eine bessere Erklärung? Todsicher; nur wird er für sie wieder eine Erklärung brauchen.

(wird fortgesetzt)
Hans Rochol, Ostern 2006.



PS: AUS ANLASS DES JUDAS-EVANGELIUMS.

© www.rochol.net, September 2003.