Die Fortdauer des individuellen Bewusstseins.


Nun gibt es in unserem Innern außer dem Willen noch einen zweiten Zusammenhang von Tatsachen, nämlich den Intellekt: Bewusstsein, Vernunft, Verstand, reine (mathematische) und sinnliche (empirische) Anschauung. Und es fragt sich nun, nach unseren bisherigen Feststellungen, ob der Intellekt in dem einen oder anderen Umfang, mit dem einen oder anderen Inhalt, kontinuierlich oder nicht, zu dem individuellen Willen hinzutritt, der nach unserem Tod bestehen bleibt.
     Schopenhauer, der allerdings auch die Fortdauer des individuellen Willens verneint, wie wir ja schon gesagt haben, widerspricht dem mit der Begründung: „Wollte man aber gar hier“ eine „Fortdauer des individuellen Bewusstseins verlangen, um eine jenseitige Belohnung oder Bestrafung daran zu knüpfen, so würde es“ ... „auf die Vereinbarkeit der Tugend mit dem Egoismus abgesehn sein. Diese Beiden aber“ ... „sind von Grund auf Entgegengesetzte“ („Die Welt als Wille und Vorstellung“ Band II Kapitel 41, am Ende des neunzehntletzten Absatzes). Aber man überlege, ob es sich hier wirklich um Egoismus handelt, also um eine unangemessene und für andere nachteilige Einstellung, ganz davon abgesehen, dass man die Belohnung ja auch für andere und die Bestrafung ebenso gut für sich selbst erwartet. Dabei wird klar, niemand hat einen Anspruch darauf, dass ein anderer kein Bewusstsein hat, und es wird auch niemand dadurch benachteiligt, dass ein anderer es hat; zumal ihm selbst das Bewusstsein ja ebenfalls gegönnt wird; ein Nachteil für einen anderen ist also nicht zu erkennen. Unangemessenheit ebenfalls nicht; denn warum sollte jemand nicht angemessen belohnt oder bestraft werden, sei es im Diesseits oder im Jenseits, und unabhängig davon, ob er selbst es ist oder ein anderer, der belohnt oder bestraft werden soll? Und so weiter, und so fort: man kommt nicht darum herum, dass der Vorwurf des „Egoismus“ in diesem Fall ein übler Moralismus ist, gleichgültig ob neurotischer oder ob heuchlerischer Art; oder ob z.B. etwas verdeckt werden soll.
     Der Einwand des „Egoismus“ widerlegt also nicht das besagte ethische Argument für ein individuelles Bewusstsein unseres fortdauernden, ebenso individuellen Willens nach dem Tod. Bei all dem verficht Schopenhauer – auf seine Weise – durchaus eine ewige Gerechtigkeit, nur eben nicht als Argument dafür, dass der fortdauernde individuelle Wille ein Bewusstsein hat. So behauptet er zum Beispiel („Die Welt als Wille und Vorstellung“ Band I §63 im 4. Absatz) die numerische Identität des „Quälers“ und des „Gequälten“ im „Ding an sich“, die die „ewige Gerechtigkeit“ „retten“ soll. Das heißt, „Quäler“ und „Gequälter“ (so nennt er die beiden nun einmal) sollen im „Ding an sich“ schlechthin identisch sein, so dass der Erstere genauso „gequält“ wird wie der Letztere und der Letztere ebenso sehr „quält“ wie der Erstere – eine zweifelhafte Moral im Übrigen, mit der hier die Gerechtigkeit „gerettet“ werden soll! Aber sehen wir davon ab. Wie verhält sich die Sache im Ganzen, zunächst im Diesseits? Hier gilt die Beschränkung des Schmerzes auf den „Gequälten“, die Individualität des Schmerzes. Die voluntativer (willenhafter) Natur ist; die also dem Ding an sich angehört; es wäre ja auch ein Hohn, wenn man etwas anders sagte. Ich weiß, ich weiß, Schopenhauer meint, in seiner allertiefsten Tiefe erlebe der „Quäler“ genauso viele Qualen wie der „Gequälte“; das gilt aber auch nur für diese Tiefen, die dem „Quäler“ überdies umso weniger bewusst sind, je böser er ist, das sagt Schopenhauer nämlich auch! Es geht also nur darum, möglichst böse zu sein, um von der ewigen Gerechtigkeit möglichst wenig in Mitleidenschaft gezogen zu werden. Und diese offensichtliche Ungleichheit und Unbilligkeit im Diesseits – ich sagte ja, es sei ein Hohn – wird im Jenseits, selbst nach Schopenhauers Konzept, durchaus nicht ausgeglichen; denn, wie gerade gehabt: hier sind „Quäler“ und „Gequälter“ nur gleichgestellt. Es wäre schon besser – wenn schon diese Art Gerechtigkeit – , dass auch im Jenseits jeder sein eigenes, individuelles Bewusstsein hat, und so weiter, aber zugunsten des „Gequälten“!
     Kurz und gut: die Notwendigkeit einer Belohnung und Bestrafung im Jenseits, als Grund für ein individuelles Bewusstsein unseres individuellen Willens nach dem Tod, ist in Ordnung. Es bleibt nur noch die Frage, ob der fortdauernde individuelle Wille tatsächlich ein solches individuelles Bewusstsein hat.
     Und die Antwort? Den individuellen Willen haben wir ja nun nachgewiesen, gestützt auf die Individualität unserer Verantwortung; die ohne Individualität unseres „aus uns Selber“ – unseres „dynamischen aus uns Selber“, unseres Willens, in dem wir bestehen! – nicht denkbar ist. Und das nun mit der vorhin im Einzelnen deutlich gemachten Konsequenz, dass jeder von uns unabhängig vom Tod, und damit überhaupt ohne Ende, als Individuum fortexistiert – eben infolge seiner individuellen Ursprünglichkeit: seines individuellen „dynamischen Seins aus sich selbst“, seines Willens; sowie infolge der ebenfalls, schon vorher nachgewiesenen Unabhängigkeit des Willens vom Leben; und so auch vom Tod. Ungeheuerlich, ein solches Ergebnis? Das ist kein Gegenargument; als „ungeheuerlich“ kann man ja auch unsere individuelle ethische Verantwortlichkeit betrachten. Schon ihretwegen müssen wir eben einen unbegrenzt fortdauernden individuellen menschlichen Willen als Wirklichkeit behandeln. Was aber ist ein individueller menschlicher Wille? Er ist so manches, eines aber können wir mit Leichtigkeit sagen: zu einem individuellen und menschlichen Willen gehört ein Bewusstsein. Er braucht es nicht nur für sein diesseitiges, empirisches Dasein, aus allen möglichen praktischen Gründen, politischen, juristischen, medizinischen, technischen oder handwerklichen – eine Aufzählung würde ins Endlose gehen – ; sondern er braucht es erst recht für seine ideellen Ziele: Der Mensch braucht ein Bewusstsein auch für die inneren Bewegungen, die ihn schon jetzt über dieses augenblickliche Leben hinausführen, vor allem bei seinen Entscheidungen zwischen Gut und Böse. Kurz, er braucht es schlechthin; schon für seine Menschenwürde.
     Und man kann nun allerdings dieses Verhältnis des individuellen menschlichen Willens zu einem Bewusstsein, zu einem Intellekt überhaupt, zu den inneren Tatsachen zählen, einschließlich der inneren Gewissheit, dass die „Natur“ – nennen wir es vorläufig so – dem entspricht: Ein individueller menschlicher Wille, endlose Zeiten hindurch bestehend, und nur während kurzer Zeit, hier auf Erden, mit Bewusstsein ausgestattet, oder auch während weniger Ausnahmezeiten, im Übrigen aber wie in endlosem Koma liegend und ohne die Fähigkeit, seiner Bestimmung gerecht zu werden – glaube das, wer will; es ist unmöglich, dass die „Natur“, die zunächst einmal so Genannte, es so treibt.
     Also eine innere Tatsache! Die demnach keiner weiteren Begründung bedarf! Aber wir sind ja gar nicht so; wir werden trotzdem eine zusätzliche Begründung liefern!
     Im Übrigen hatten wir schon die eine oder andere innere Tatsache; so zum Beispiel auch die, dass der Wille eine subjektive Kraft ist. Auch das liegt auf der Hand. Andererseits hat z.B. diese innere Tatsache eine gewisse Komplexität, zumal der Begriff des „Subjektiven“ nicht eindeutig ist. Deshalb haben wir sie im Vorhergehenden analysiert. Mit dem Ergebnis: dass die Subjektivität in diesem Fall „Sein aus sich selbst“ bedeutet. Analysieren wir nun parallel dazu auch die noch komplexere innere Tatsache, wonach wir mit Sicherheit wissen – um es noch einmal zu sagen – : ein individueller menschlicher Wille, außerdem milliardenfach oder noch viel häufiger und endlos existierend, aber ohne Bewusstsein, also ohne mit sich etwas anfangen zu können, nur mit der einen Ausnahme: des uns jetzt bekannten Daseins auf Erden, während dessen uns verraten wird, dass ein menschlicher Wille ein Bewusstsein braucht – wir wissen, dass das nicht geht! Oder wundert sich jemand darüber, dass hier schon wieder eine metaphysische Erkenntnis möglich sein soll? Nun, wir werden sie ja analysieren. Außerdem möge er bedenken, es ging der Nachweis vorher, wie eng begrenzt die Bedeutung des Lebens ist; und dass der individuelle Wille endlos weiterexistiert; woraus sich die jetzige weitere Erkenntnis nur ergeben hat.
     – Wieso aber überhaupt eine Philosophie, mit der man etwas anfangen kann! Freunde, wir sagten doch im Prolog: Kant hat die Philosophie voreilig abgebrochen, er vergaß den Willen. Und wir sind ja wohl nicht verpflichtet, den Fehler jetzt ebenfalls zu machen. –
     Aber analysieren wir nun also auch die zuletzt genannte innere Tatsache, an Hand der zwingenden Einsichten, die vorhergegangen sind: unter „Kreationismus, Intelligent Design und Kierkegaard“, unter „Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz“, beide hier auf der Netzseite, oder in den Kommentaren zu meinen Druckausgaben, die unter dem Button KIERKEGAARD registriert sind: Hier findet sich so manche zwingende Einsicht; vor allem aber diese eine – man lese es mit Bedacht, dann versteht man den Gedanken vielleicht auch ohne erneutes Nachlesen; er besagt – : Das „aus sich Selber“, die Grundkraft von allem, was ist, die kraft ihres „Seins aus sich selber“, sowohl ihr Dasein wie auch ihr Sosein, ihren Umfang und ihren Inhalt selbst bestimmt, erhebt sich, dank dieser Allmacht, in einem einzigen Augenblick zeitloser Ewigkeit, durch alle Zwischenstufen hindurch, zu einem vollkommenen Wesen, dem es an nichts mehr fehlt. Und dessen wirklich und wahrhaftig von ihm verschiedene Vor- und Zwischenstufen unter anderem wir Menschen sind, zusammen mit der Welt, der sogenannten „Schöpfung“.
     Und wir erkennen nun bei alledem nicht nur die herrlichen Konsequenzen der Grundkraft des „aus sich Selber“ für das höchste Wesen – das diese Grundkraft in deren vollendetstem Sinne selber ist; das sich selbst alle Vollkommenheiten gegeben hat, weil es ja „aus sich selber“ ist und deshalb selbst bestimmen kann, welche Vollkommenheiten es hat, was und wie viel es sonst noch „hat“ und ist. Sondern wir erkennen hier zugleich, dass das „aus sich Selber“, das auch unser „aus uns Selber“ ist, schon den Zwischenstufen, zwischen dem Nichts und dem Allerhöchsten, die ihnen entsprechende Fülle gibt, die ganze Freiheit und den jeweils zu ihnen passenden Anteil an der Hierarchie des Aufstiegs. Und was ist nun unser Anteil, das, was zu unserer menschlichen Natur gehört? – Denn wir selbst sind die „Natur“, von der wir soeben sprachen! - Unser Anteil ist unter anderem auch das Bewusstsein, der Intellekt, das, was wir uns in unserem jetzigen Dasein „aus uns selbst“ gegeben haben; was wir aber nicht nur für unser jetziges, empirisches Dasein, von dessen höchstem bis zu den untergeordnetsten praktischen Zwecken brauchen, sondern auch für unsere ideellen Ziele, für unsere Entscheidungen über Gut und Böse; kurz über alles das, was über unsere jetzige empirische Existenz hinausweist. Diese menschliche Natur, unser „dynamisches aus uns Selber“, unser Wille und das dazu gehörende, für die Erfüllung seiner Aufgaben notwendige Bewusstsein – das wir uns also auch in diesem einen Leben „aus uns selber“ zu geben imstande waren – ist überhaupt, zugleich für Zeit und Ewigkeit, unser passender Anteil an der Hierarchie des Aufstiegs.
     „Für Zeit und Ewigkeit?“ – um nun zu der versprochenen zusätzlichen Begründung zu kommen – . Allerdings! Siehe aa) für den Willen vorhin unter der „Unvergänglichkeit des Willens“; und dort im zweitletzten Absatz: die Unvergänglichkeit und Ewigkeit des Willens in Freiheit, als Hintergrund der Naturgesetze. Und wie ist es bb) mit dem Bewusstsein, für unsere praktischen und ideellen Zwecke? Der Wille ist ein menschlicher Wille, und wir sind im Übrigen dieser Wille selbst; ein menschlicher Wille aber will ein Bewusstsein, solange er existiert, also grundsätzlich – als das, was angestrebt wird – in jedem Abschnitt seiner Existenz, das ist eine der tiefsten und sichersten Erfahrungen aus unser jetzigen empirischen Phase. „Und wenn er Grund hat, es nicht zu wollen, etwa weil es seine Bestrafung möglich machen soll?“ Dann hat er auch keinen Grund, sich zu beklagen; entsprechend vorhin bei der Erörterung der Unvergänglichkeit des Willens; aber er braucht sich ja nicht strafbar zu machen; und er kann ja auch seine Bestrafung und Besserung akzeptieren. Es besteht also kein Problem. – Im Übrigen glaube ich nicht, dass er es ablehnt, ein Bewusstsein zu haben; denn entweder ist er bereit, sich zu vervollkommnen, dann akzeptiert er die Bestrafung, oder besser die Läuterung, und so auch das Bewusstsein als ihre Voraussetzung; oder er ist unverbesserlich, und dann hält er bewusst, also mit Bewusstsein, an seiner verfehlten ethischen Entscheidung fest; zumal echte und dauerhafte Selbsttäuschungen auf ethischem Gebiet nicht möglich sind.
     Soweit das, was wir Menschen wollen! Und nun zu dem, was wir können:
     So gaben wir uns also jedenfalls dieses eine Mal, in diesem jetzigen empirischen Dasein, auch das Bewusstsein „aus uns selber“; und wir können es uns deshalb immer wieder „aus uns selber“ geben; es ist die mit unserem Wesen identische Stufe auf dem Weg des Allerhöchsten zu dessen göttlicher Stufe der Vollendung ohne Mangel und Bedürfnis, kraft des allumfassenden „aus sich Selber“, innerhalb des Augenblickes der zeitlosen Ewigkeit.
     Wir gaben uns das Bewusstsein „einmal“ und können es deshalb „immer wieder“? Aber – um sicher zu gehen – wir können es doch wohl nur unter denselben Umständen „immer wieder“! Gut, insoweit ist es sogar kindersicher – was ja auch für uns immer noch das Beste ist: Wir konnten es einmal, indem wir Menschen wurden, indem wir in diese uns bekannte empirische Umgebung inkarniert wurden, uns selber in sie inkarnierten (s. vorhin im drittletzten Absatz des Abschnittes über die „ ... biologischen Verhältnisse in unserem Organismus“); und wir können es deshalb, zumindest in diesem Sinne, ständig wiederholen; gibt es in diesem Bereich keine Ermüdung, keinen Verschleiß? Nein! dank des „aus sich Selber“! Und soweit nun die erste der zusätzlichen Begründungen, von denen wir soeben sprachen. Mit der Konsequenz, dass unsere Fortdauer gesichert ist, solange auch nur irgendwo im weiten All zeit- und raumlosen Wesen Reinkarnationen möglich sind, entweder unter den uns bekannten Umständen oder auch vielleicht auf andere Weise, selbst die Religion spricht ja vom „verklärten Leib“. Und wissen wir denn wirklich, ob diese Reinkarnationen, die ersteren und die letzteren, einmal nicht mehr möglich sind?
     Aber wenn sie es eines Tages trotz allem nicht mehr wären? Oder wenn es Gründe gäbe, weshalb es für einige oder für beliebig viele menschliche Wesen besser anders wäre? Dann bliebe – um das zunächst zu sagen – die besagte innere Gewissheit, die innere Tatsache, wonach „die Natur“, „unsere Natur“ es niemals so weit treibt, dass wir als individuelle menschliche Willen endlos weiterexistierten und ebenso endlos ohne Bewusstsein blieben.
     Aber auch hier kommt ein plausibler Grund und danach noch ein weiterer, ebenfalls wieder kindersicherer Grund hinzu: Wir schaffen uns ein Bewusstsein, bei jeder Inkarnation als Menschen in der uns bekannten empirischen Welt? Allerdings! Was aber bringt uns die Inkarnation? Sie bringt uns – Kantisch gesagt – die „Anschauungen“, nämlich Raum und Zeit; und die „Kategorien“: vor allem die der Kausalität; die wir brauchen, um die äußere Welt um uns herum, einschließlich des Anblickes unserer eigenen Erscheinung, zu erfassen. Und glauben wir, diese Formen, diese Anschauungen und Kategorien, seien nun gerade die Quelle des Bewusstseins, des Intellektes? Oder sind sie nicht vielmehr nur eine Art seiner Anwendung – bestenfalls, ohne die Anwendung zu erschweren? Doch wohl das Letztere. Aber was denken wir bei dem Begriff „Bewusstsein“, der Quelle des Intellektes? Was ist sein erster, vorrangiger Gegenstand? Literarisch, dichterisch und in Ausnahmefällen sind es auch äußere Dinge; aber wir wissen ganz genau, in der Hauptsache und primär ist unser Inneres der Gegenstand des Bewusstseins, unser eigener individueller menschlicher Wille; wir kennen die Stichworte:    Besinnung, mystische Schau, Gewissen, „Gewissenserforschung“ im übertragenen Sinne, Kontemplation, Innerlichkeit, vielleicht auch Reflexion usf., oder auch Schopenhauers Blick auf den eigenen Willen als erste philosophische Erfahrung vom „Ding an sich“. Und hierfür brauchen wir keine äußeren Kategorien, und keine Anschauungen, beide sind dabei allenfalls unvermeidliche psychische Begleiterscheinungen ohne eigenständigen Erkenntniswert. Also hätten wir für diese Art der Schau und der Besinnung auch keine Inkarnation gebraucht. Ergo, Freunde! Das als Antwort auf die Frage, woher unser endlos weiterexistierender individueller menschlicher Wille sein Bewusstsein nimmt, wenn es eine äußere Welt, so wie wir sie jetzt kennen, oder eine Welt von gleichwertiger Art einmal nicht mehr geben sollte, oder soweit sie etwa für uns Menschen schon von vornherein nicht vorgesehen sein sollte – und wenn das, was jetzt nur am Rande wirkt, Gedankenübertragung und ähnliche Phänomene, nach dem Schwinden aller Außenwelten in den Mittelpunkt des Umgangs der individuellen Wesen miteinander tritt. Woher also nimmt er sein Bewusstsein? Er nimmt es im Zweifel „aus sich selbst“, so wie es ja auch seiner Stufe in der Seinshierarchie entspricht; wir werden es alsbald sicher erkennen.
     Bewusstsein und Intellekt brauchen nach unserem Tod zum Beispiel nicht unserem Gesichtssinn zu entsprechen, so wie sie es jetzt in unserem Leben tun; und sie brauchen deshalb auch nicht der Struktur unseres Gehirns zu entsprechen; sie brauchen keine „Anschauungen“ oder Kategorien, nämlich Abstraktionen von „Anschauungen“, zu sein – so wie z.B. kurz und gut:   „Gott“ nach Meister Eckehart „kein Bild hat“; womit der mittelalterliche Denker Kants „Anschauungen“ und Kategorien ohne großen begrifflichen Aufwand vorwegnimmt. Und überhaupt, Bewusstsein und Intellekt können, nach den Möglichkeiten unseres „aus uns Selber“, von so verschiedener, uns jetzt nicht vorstellbarer Art sein, dass es sinnlos wäre, darüber sehr viel mehr zu sagen.
     Aber wir haben noch einige kindersichere und wesentliche Grundsätze auch über die Möglichkeiten menschlicher Bewusstseinsformen außerhalb empirischer Lebensläufe? Gut! Wieweit ist unser nach dem Tod fortexistierender individueller menschlicher Wille imstande, sich ein solches Bewusstsein zu verschaffen? Die erste Einschränkung ist: er kann es soweit – was Umfang und Intensität des Bewusstseins angeht – wie es innerhalb der Seinshierarchie des „aus sich selber Seienden“ der menschlichen Stufe mit den Merkmalen „individueller Wille“ und „individuelles Bewusstsein“ entspricht. Die zweite Einschränkung ist: innerhalb dieser Reichweite, also auch innerhalb unserer Erbmasse, können wir uns jedes beliebige menschliche! Bewusstsein verschaffen, soweit es der Satz vom Widerspruch zulässt. Und der Grund für diese Fülle der Möglichkeiten innerhalb der gemachten Einschränkungen? Der Grund ist das „aus sich Selber“. Die Behauptung entspricht den Denkgesetzen! Das „aus sich selber Seiende“ bestimmt seine Möglichkeiten innerhalb jeder Seinsstufe bis zu deren jeweiligen Grenzen selbst. Nur die höchste Stufe hat schon ihrer Definition nach keine Grenze. Kein Wort darüber hinaus! Außerdem ist in solchen Schriften wie z.B. „Kreationismus, Intelligent Design und Kierkegaard. Schlussfolgerungen zur Existenz Gottes“ oder „Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz“ genug darüber gesagt. Und soweit nun auch diese Begründung, wir sprachen davon.
     Darüber hinaus aber sei es, wie es wolle; und auf welche Weise auch immer unser individueller menschlicher Wille, der nach dem Tode weiter existiert, sich jeweils sein individuelles menschliches Bewusstsein schafft:    nach allem gilt:   ein individueller menschlicher Wille, dazu milliardenfach oder noch viel häufiger und endlos existierend, aber ohne Bewusstsein, so dass er sich nicht entfalten kann; und das alles mit der einen Ausnahme der uns jetzt bekannten irdischen, empirischen Existenz – das dürfte jetzt widerlegt sein.
     Wir wissen es also unter anderem deshalb, und es ist deshalb eine innere Tatsache, dass wir es wissen, weil wir selbst als Stufe des Allerhöchsten auf seinem Weg zur Vollendung, kraft des allmächtigen „aus sich Selber“, und so denn auch in voller Freiheit, als unsere eigene Tat, dieses Wesen mit individuellem Bewusstsein „aus uns selbst“ geworden sind – es insofern selbst geschaffen haben. Was wir nun also erwiesenermaßen sowohl wollten als auch konnten.
     „Als Stufe auf dem Weg des Allerhöchsten“? „Aus uns selber“? „Samt unserem Bewusstsein“? „So wie auch er und alle anderen `aus sich selber´ sind?“ So und nicht anders! Und fassen wir es, jetzt schließlich unter dem Gesichtspunkt von Ethik und Moral, noch einmal zusammen: So lüden wir, als Stufe auf dem ewigen, zeitlosen Weg des Allerhöchsten die größte Schuld auf uns – und außerdem die größte Torheit – wenn wir selbst der Allerhöchste, die höchste Stufe des „aus sich Selbst“ sein wollten; wir haben hier die Quelle alles Bösen; Kierkegaard sagt: „Der Mensch will für den Menschen Gott sein.“ Und haben wir es noch nicht erlebt, wie ein Mensch sich verhält, wie er sich benimmt – wenn er für andere Gott sein will? Ich berufe mich auf Erfahrung und Beobachtung im Leben, vom Kleinsten, aber deshalb nicht weniger Hässlichen und Minderwertigen, bis zum Allergrößten und Allerschlimmsten. Und ich nenne jetzt nur den einen Punkt als Beispiel dafür: nämlich die „Demut“, die die atheistische Finanzwelt, ihr selbst gegenüber, von allen Sterblichen verlangt – obwohl sie selber sterblich ist und obwohl ihre Willenskraft und ihr Intellekt alles andere als überragend sind. Überdies: „Wie der Herr, so´s Gescherr“: ein übergroßer Anteil der übrigen, der kleineren und noch kleineren einschließlich der allerkleinsten Herren verlangt es ebenso für sich. Das Beispiel möge genügen, es kommt für solche Dinge so oder so auf die Erfahrung an – und ich bin kein Romancier, es liegt mir nicht, die unendlich vielgestaltige Alltagsrealität lebendig und in allen Einzelheiten durch Wiedergabe zu ersetzen. Und das Gute, das dem besagten Bösen genau entspricht? Es ist das Streben nach der Nähe des Allerhöchsten: „Näher zu dir, mein Gott“ – ohne den unendlich hässlichen und lächerlichen, kleinlichen und idiotischen Willen, er selbst zu sein.
     Und das alles insgesamt als Antwort auf die Frage, ob es berechtigt ist, „eine Fortdauer des individuellen Bewusstseins“ nach dem Tode zu „verlangen“. In früheren Zeiten hätte man, an die Stelle unseres Ranges als einer Stufe des Allerhöchsten auf dem zeitlosen Weg zu seiner Vollkommenheit, allein seine wirkursächliche Allmacht gesetzt, man hätte nur gesagt: Die Richtigkeit des „Verlangens“ liege auf der Hand, Gott habe uns so erschaffen, dass wir auch nach dem Tod noch ein Bewusstsein hätten, damit wir für Lohn und Strafe empfänglich blieben. Allerdings wäre dann erstens zu fragen, woher wir wissen, dass der Allerhöchste unsere Wirkursache sei – während die Seins-Hierarchie des “aus sich Selber“ in den genannten Schriften wohlbegründet ist. Und es wäre zweitens zu fragen, wie man im Falle eines wirkursächlichen Gottes mit den ewigen, vernichtenden Einwänden weiterleben will, mit denen sich der bisherige, unehrliche Theismus, mehr oder weniger heimlich, stets gequält hat.
     Also:   Fortdauer nach dem Tod, mit Willen und Bewusstsein, als Wille und mit Bewusstsein! Oder zieht es jemand vor, an den individuellen menschlichen Willen von endloser Dauer, aber ohne Bewusstsein zu glauben? Meint er, was wir einmal konnten, „aus uns selber“! konnten, könnten wir kein zweites Mal? Oder bestreitet er, wenn ihm das denn doch ein Widerspruch zu sein scheint, lieber auch gleich die Individualität unserer ethischen Schuld und unseres ethischen Verdienstes, um die Individualität unserer Freiheit, so auch unseres „aus uns selber Seins“, so auch unseres „dynamischen Seins aus uns selber“, unseres Willens, und so denn auch die Individualität von dessen Fortexistenz bestreiten zu können? Oder ärgert es ihn dann, dass er die Individualität von Ethik und Verdienst bestreiten soll? Und sagt er lieber gleich, die ganze Sache sei ihm überhaupt egal? Ja, dann läge er endlich richtig und wäre so, wie man ihn haben will.


Konklusion.


Oder aber, wenn er nicht so ist: Fortdauer nach dem Tod! Mit Willen und Bewusstsein! Als Wille und mit Bewusstsein! Allerdings ohne Leben – um es so anstößig zu sagen, wie es sich nach dem allgemeinen Sprachgebrauch anhört. Aber wir wissen ja, es ist an das Leben im engen und eigentlichen Sinne gedacht: mit den begrifflichen Merkmalen der Fortpflanzung der Zellen im Individuum und der Individuen in der Spezies, und im Übrigen ganz ohne alle Metaphern, vom „ewigen Leben“, vom „Leben“ nach dem Tod und Ähnlichem, wie z.B. auch vom „Leben“ im überkandidelten und mondänen Sinne.
     Und wir wissen außerdem oder wir könnten es wissen – denn an engem Denken stören wir uns nicht – welche Fülle von Geist der Wille umfasst: von glühendster Liebe und glühendstem Hass, für das Gute oder das Böse und sonst noch für vieles, über alle Zwischenstufen einschließlich der Vorliebe für unsere Künste und unsere Steckenpferde und der Abneigung gegen alle möglichen Lasten, bis zu den lauesten, alltäglichsten, aber notwendigen Entschlüssen. Wir wissen aber auch, was das Leben im eigentlichen, nicht-metaphorischen Sinne in sich schließt: die Nahrungsaufnahme für die Fortpflanzung der Zellen im Individuum, und den sexuellen Umgang zur Vermehrung der Individuen in der Spezies, also Essen, Trinken und geschlechtliche Lust einschließlich der Sorge für unsere Gesundheit, für unseren Organismus, der ja das sichtbare Bild unseres Lebens ist, für dessen Erholung, für den nötigen Nervenkitzel usw. Es ist nicht das erste Mal, dass der banale Begriff von einer Sache zugleich auch der ist, der zu den Grundbegriffen der Existenz gehört. Und es könnte uns schließlich, soweit wir nicht selber schuld sind, ebenso erkennbar sein, dass das Ende dieser Dinge, die dem Leben dienen, den gerade umrissenen Reichtum unseres Willens nur verklärt und ihm keinen Abbruch tut. Im Gegenteil! Aber wir fassen uns jetzt kurz. Nur Eines, was den Reichtum anbetrifft: Gerade die erotische Liebe reicht, nach den besten Erlebnissen der Menschheit, mit ihrer höchsten Schicht über das hinaus, was das „Leben“ in seiner engen und eigentlichen Bedeutung ausmacht.
     Und in diesem Sinne nun, Freunde, Brüder, wie ich schon sagte:  Heroismus oder auch Anständigkeit – man nenne es, wie man will – sind mehr als das Leben. Wir wissen es genau! Auch wenn wir es nicht wahrhaben wollten! Und doch, diese Zweitrangigkeit, die wir dem Leben unwillkürlich geben, wäre eine Perversion, wenn unser Wille und Bewusstsein, oder deren Individualität, zusammen mit unserem Leben untergingen.


       
           Dr. Hans Rochol                      
im Mai 2008.                        


PS:        Oder – um einen anderen Aspekt ins Auge zu fassen – : „Die Welt unserer Daseinsformen ist weit.“ Schon! Aber Vorsicht, die Wahlmöglichkeiten könnten begrenzt sein; der Gedanke einer Bestrafung im Jenseits für eine nicht mehr tilgbare Schuld ist älter als das Christentum, wahrscheinlich ist er so alt wie die Menschheit – mag auch die verlorengegangene Tilgbarkeit, wie ich hoffe, allein auf dem verlorengegangenen Willen zum ethisch Besseren beruhen.
     Wundert sich jemand über die Weite dieser Welt des Willens, von der wir jetzt gesprochen haben? Wie war es denn mit der empirischen Welt, als Kolumbus und die übrigen Entdecker kamen; und erst recht, seitdem man den sogenannten „Sternenhimmel“ technisch und realistisch durchforscht? In konkreter Hinsicht ist das alles weitaus mehr als das, was jetzt die Welt des Willens ist; allerdings, perspektivisch ist es weitaus weniger. Im Übrigen, wir wissen es ja inzwischen, es war etwas nachzuholen in unserer Geistesgeschichte: Kant, der große Schrittmacher, hatte den letzten Schritt versäumt. Doch nun zum Schluss noch ein erkenntnistheoretischer Aspekt zur Welt des Willens:
     Warum haben wir gerade in unserer jetzigen empirischen Daseinsform von anderen Daseinsformen: fremden Postexistenzen, fremden oder eigenen Präexistenzen, z.B. von einer etwaigen Wahl unseres Elternpaares – normalerweise – keine Wahrnehmung, sei es in Gestalt einer deutlichen und klaren Erinnerung oder auf andere eindeutige Weise? Freunde, unser jetziges Leben geht von uns selbst aus, es wird durch die eine oder andere Auswahl aus dem Stoff der Ewigkeit von uns selbst geschaffen, indem wir in ihm leben; es besteht ausschließlich hierin, allein in unserer Subjektivität – die Letztere nun in dieser Bedeutung verstanden; wir wissen doch: „Das Leben ist ein Traum“ (nach Calderón), und wir kennen Kants „Erscheinung“ oder „Vorstellung“. Mit der Konsequenz, dass die klare und eindeutige Wahrnehmung einer anderen Daseinsform auch schon deren Verwirklichung und die Aufhebung der jetzigen bedeuten würde – was sehr bald dem Ernst der von uns zu durchlaufenden Stufe widerspräche.