Der bisherige Weg.


Sollen wir nun aus unserem „aus uns Selber“, aus unserer Ursprünglichkeit, unmittelbar auf unsere Fortdauer nach dem Tod schließen? Wir sollen es nicht gerade unmittelbar.
     Werfen wir, bevor wir die Sache danach noch weiter präzisieren, zunächst einen Blick auf den Prototyp der bisherigen Versuche; und sehen wir dabei von Kant, Kierkegaard, Schopenhauer und dem einen oder anderen ähnlichen Denker, vielleicht dem Spanier Miguel de Unamuno, einmal ab. Man hat bei den bisherigen Versuchen zur Fortdauer an unser „aus uns Selber“ durchweg nie gedacht. Stattdessen hatte man nur einen anorganischen, alles andere als willenhaft gedachten Grundstoff, den Wasserstoff zum Beispiel, der es durch Umwandlungen und vor allem durch „komplizierte“ Vorgänge schließlich bis zum Organischen, bis zum Leben bringt, dessen oberste Schicht sodann die „Seele“ sein sollte. Man hatte also nur das Anorganische als Träger des Organischen, des Lebens, und das Leben als Träger dessen, was – eventuell – nach dem Tod fortdauert, mit dem allen Fachleuten bekannten ewigen Elend für den Nachweis einer solchen Fortdauer, gesteigert durch den üblichen Missgriff, dass an der „Seele“, die fortdauern sollte, obendrein nicht der Wille, sondern mit stupider Selbstverständlichkeit allein der Intellekt entscheidend sein sollte. Nun sind alle diese Versuche, unsere Fortdauer nach dem Tod auf dem Weg über unseren Intellekt nachzuweisen, ein für allemal zum Scheitern verurteilt; ich brauche das nicht zu begründen, ich will ja gerade die Fortdauer nach dem Tod, und nicht das Gegenteil nachweisen. Man kann für die Unmöglichkeit aller dieser Beweise aber mit Fug und Recht auf Kants „Paralogismen der reinen Vernunft“ in der „Kritik der reinen Vernunft“ verweisen, in denen die notwendige Arbeit in dieser Hinsicht mit aller Gründlichkeit getan ist.


Das Leben.


Allerdings ist die Arbeit nur für alle diejenigen Beweisversuche getan, die den Weg ganz genau über den Intellekt nahmen. Dagegen hat man sich über den Begriff des Lebens in dieser Hinsicht keine Gedanken gemacht, obwohl man Grund dazu gehabt hätte; denn das Leben sollte ja sehr viel mit der Seele zu tun haben; und die Seele sehr viel mit dem Intellekt; ich sage bewusst „zu tun haben“, denn man war wirklich sehr ungenau. Vor allem aber war das Leben ja das, worum man bangte und worum es einem bei sämtlichen Beweisversuchen für die Fortdauer nach dem Tod einzig und allein gegangen war; ob zu Recht oder zu Unrecht, ist eine andere Frage, wir kommen jetzt darauf. Fassen wir nun also zunächst das „Leben“ im eigentlichen Sinne ins Auge, ohne jede metaphorische Anwendung; so bedeutet es nichts als Fortpflanzung: nämlich ganzer Organismen innerhalb ihrer Spezies, und einzelner Zellen innerhalb ganzer Organismen, einschließlich des Trägers dieser Fortpflanzung, dieses Stirb und Werde – Wir sehen, der besagte Träger schließt auch das „Stirb“ mit ein, während die Willensdefinition außer dem Sein nur das „Werden“ umfasst, siehe vorhin! und auch das nur, um das jetzige „Stirb“ wieder auszugleichen; soweit die versprochene Verdeutlichung – Außerdem aber bedeutet das Leben alles das, was von der besagten begrifflich weit gefassten Fortpflanzung unmittelbar vorausgesetzt wird, also vor allem Essen und Trinken und die üblichen geschlechtlichen Dinge. Und machen wir uns im Unterschied dazu klar, dass alles andere, wie „ewiges Leben“, „Leben“ nach dem Tod usw., Metaphern sind.
     Hat jemand konventionalistische, ästhetische Moral-Bedenken gegen den Denkstil? Dann lese er Matth.22,23-33 (29-31); Mark.12,18-27 (24-26); und Luk.20,27-40 (34-37).


Die Unvergänglichkeit des Willens.


Außerdem ist der „Wille“, weit davon entfernt, mit dem Intellekt zusammen die abhängigste Schicht von Gnaden aller anderen zu sein, vielmehr umgekehrt (siehe „Zu den Grundlagen“) gerade die Grundkraft und damit die Grundsubstanz, die allen übrigen zugrunde liegt; auch dem Leben, einschließlich der Gesundheit; wobei im Übrigen dieser zuletzt genannte Punkt einer allbekannten medizinischen Weisheit entspricht. Nehmen wir also den Weg über den Willen, um an die Fortdauer nach dem Tod heranzukommen: der Wille ist der weitere Begriff, der allumfassende Begriff, das, was allen gemeinsam ist; das Leben ist nur eine seiner Modifikationen, die hinzukommt, die aber auch fehlen kann.
     Und fassen wir bei all dem ins Auge, dass der Wille bei diesen Verhältnissen zwar eine Voraussetzung des Lebens ist und von den lebenden Wesen wahrgenommen wird, soweit sie Bewusstsein haben, dass sein Wesen aber nicht das Wesen des Lebens ist – er ist das „dynamische Sein oder Werden aus sich Selber“, und nicht der Träger der soeben gehabten begrifflich weit gefassten Fortpflanzung mit ihrem Stirb und Werde – er selber lebt also nicht. Und stirbt infolgedessen auch nicht, unterliegt nicht dem Tod! „Tot“ ist nur, was vorher gelebt hat; der Ausdruck „tote Materie“ ist wieder einmal nur eine Metapher, und zwar dieses Mal eine, die nicht angebracht ist, sondern in eitler, unangemessener Übertreibung der Materie einen Nachteil andichtet, der ihr nicht eigen ist. Was nicht lebt, stirbt auch nicht! Der Tod entspricht nur dem Leben, und dessen Manifestation, dem Organismus, als dessen Ende; darüber hinaus, also bis in den Willen, reicht seine Macht nicht! Wobei es völlig gleichgültig ist, ob er noch zu sehen ist, wenn der Tod seine Macht ausgeübt hat, oder ob der Wille der lebenden Wesen dann eben nicht mehr in die empirische Welt gehört oder in ihr keine sichtbaren Wirkungen mehr entfaltet. Wollten wir also anlässlich des Endes der Zellvermehrung und Zellerneuerung, der Individualvermehrung und Spezies-Erneuerung, nach einer weiteren Art des Unterganges suchen, nämlich auch für unseren Willen – Freunde, ich meine unseren ganz persönlichen, teilweise von unserem Intellekt beleuchteten Willen – wollten wir also für ihn nach einer anderen Untergangsart suchen, als es der Tod ist, so haben wir sie bis jetzt jedenfalls nicht gefunden.
     Und haben wir sie nun nur deshalb noch nicht gefunden, weil wir das Gebiet des Willens nicht überblicken? Aber wir überblicken es insoweit durchaus! Der Wille ist die Grundkraft. Es kann für ihn, jedenfalls gegen „seinen Willen“, gegen unseren Willen, deshalb nie ein Ende geben, weil er als Grundkraft absolut ist, weil er hierin nichts zu wünschen übrig lässt, weil er, als Sein oder Werden, als Träger des Werdens, „aus sich selber“ ist.
     Kann ein Mensch Todesangst haben? Warum nicht? Mancher weiß nicht, was ihn nach dem Tod erwartet; mancher fürchtet vielleicht mit Recht, es werde sich spätestens dann das eine oder andere rächen, wenn er es bis dahin nicht wiedergutgemacht hat. Oder er hat, ohne es sich klar gemacht zu haben, vielleicht noch die alte heidnische Furcht vor der germanischen Hel, dem antiken Hades, vor einer kalten und trostlosen Unterwelt.
     „Aber kann er auch Angst haben wegen der `Gefahr, ins Nichts dahinzufließen´ – wie Goethes Faust, als er Selbstmord begehen will, `Und sei es mit Gefahr, ins Nichts dahinzufließen´“? Es kommt mir so vor, als müssten wir dann eher zwischen den Gefühlen des Unwillens, des Menschenunwürdigen und der Ungläubigkeit gegenüber einem solchen seltsamen Schicksal hin und her schwanken. In jedem Fall aber würde es sich bei dieser Furcht um einen Irrtum handeln, wahrscheinlich um einen neurotischen Irrtum, vielleicht um eine Fehldeutung des für manchen äußerst schmerzhaften Gefühls beim Untergang seines lebendigen Organismus. Der Wille reicht in unsere allertiefsten Tiefen, wir können keine größeren Tiefen haben, weil er unser „aus uns Selber“ ist; ein Wesen „aus sich selber“ kann schon seiner Definition nach keinen Grund außerhalb seiner selbst haben, es ist selbst sein eigener Grund, den es folglich mitumfasst. Und manches, wahrscheinlich das meiste, von diesen Tiefen ist uns unbewusst. Aber das Grundgefühl, eine kaum in Worte zu fassende Ruhe oder Unruhe reicht dennoch bis auf unseren letzten Grund hinab; und da es, wie gesagt, für unseren Willen gegen eben diesen Willen kein Ende gibt, weil er „aus sich selber“ ist und folglich ganz über sich selbst bestimmt, kann es auf der Grundlage dieser tiefen und wahren Bereiche eine echte und wirkliche Furcht, „ins Nichts dahinzufließen“, auf keinen Fall geben.
     Oder ist unser Wille teilbar, und könnte er in unseren Tiefen etwas erstreben, nämlich zu Nichts zu werden, was er, was wir, in unseren helleren, bewussteren Bereichen am allerwenigsten wollen und am allermeisten fürchten; so dass sich die Todesangst trotz allem darauf richten könnte, zu nichts zu werden? Unser Wille kann allerdings geteilt sein; wir können im Unbewussten wünschen, unseren Schirm zu vergessen oder zu verlieren, um die Illusion oder ein Psycho-Symbol dafür zu haben, von da an werde ewig gutes Wetter sein – und wir können dennoch in unseren bewussteren Bereichen den festen Willen haben, unsere Schirme zu behalten. Die Teilung ist wegen der Kleinheit beider Alternativen möglich. Dagegen ist eine Teilung in einen aufs Ganze gehenden unbewussten und einen ihm widersprechenden Willen, der ebenfalls aufs Ganze ginge, also in einen Willen, der auf unsere Selbstvernichtung, und in einen anderen, der auf unsere Erhaltung gerichtet wäre, ausgeschlossen. Denn unsere grundlegenden, aufs Ganze gehenden Empfindungen dringen denn auch bis auf unseren Grund einschließlich, der ja zum Ganzen mit dazugehört; der ganz verneinende oder der ganz bejahende Wille würde unser ganzes Wesen einheitlich und ohne eine Qual des Widerspruchs beherrschen; und eine Todesfurcht, „ins Nichts dahinzufließen“, wäre schon aus diesem Grunde ganz unmöglich.
    „Wir hätten die Todesfurcht, zu nichts zu werden, also selbst herbeigeführt, wenn sie existierte?“ Wenn! Aber wir könnten sie schon von vornherein nicht hervorbringen, unser Wille hätte ja jederzeit die Möglichkeit, sie wieder aufzuheben, indem er seine Richtung änderte; von Furcht kann in solchen Fällen nicht die Rede sein.
     Im Übrigen aber ist der Wille nicht imstande, sich selber aufzuheben, „ins Nichts dahinzufließen“. So z.B. schon Kierkegaard in seiner Schrift über „Die Krankheit zum Tode“ (Hamburg 1995. Siehe den Button KIERKEGAARD.) Und Goethe schreibt im „Vermächtnis“:
                        Kein Wesen kann zu nichts zerfallen!
                        Das Ew´ge regt sich fort in allen,
                        Am Sein erhalte dich beglückt!
                        Das Sein ist ewig; denn Gesetze
                        Bewahren die lebend´gen Schätze,
                        Aus welchen sich das All geschmückt.
Allerdings wird die Ewigkeit des Seins durch „Gesetze“ nicht gerade „bewahrt“; bewahrt wird das Sein nur durch sein „aus sich Selber“ – Goethe kam weltanschaulich nicht auf den Grund, Kameraden – Dagegen sind Gesetze der Erkenntnisgrund (der „kognitive“ Grund, die causa cognitionis) für die Ewigkeit, die Zeitlosigkeit des Seins; man kann diesen Grund in der ersten der jetzigen zusammengehörenden drei Schriften: „Determiniert? Durch was denn?“ (unter „Ein scheinbarer Widerspruch und seine Auflösung. Die Naturgesetze.“) repetieren: Er besteht in der Verkettung der sukzessiven, naturgesetzlichen und insoweit als determiniert „erscheinenden“ Vorgänge in der Zeit, einer zwingenden Verkettung miteinander, die angesichts der Abwesenheit determinierender Faktoren in der Natur nur zu begreifen ist, wenn man sie als sukzessive, zeitliche „Erscheinung“ ihrer nicht-sukzessiven, völligen Einheit und Freiheit in der zeitlosen Ewigkeit versteht, im „Ding an sich“. Hier in der Gleichzeitigkeit der Zeitlosigkeit, ohne Sukzession!, wäre ein Eintritt ins Dasein mit einem Wiederaustritt nichts als ein klarer Widerspruch! Den, der sich bei der Kürze nicht erinnert, verweise ich, wie gesagt, auf die zwei gerade zitierten Seiten.
     Entweder also kann der Wille, der nicht lebt und folglich auch nicht stirbt, einen andersartigen Untergang als den Tod jederzeit verhindern, und dann kann er sich nicht beklagen, er braucht sich dann aber auch nicht zu fürchten. Oder er ist einem solchen andersartigen Untergang, als der Tod es ist, den er aber bis zum letzten Augenblick verhindern könnte, gar nicht erst ausgesetzt; und zwar ist das Letztere ein zwingendes Ergebnis des gerade erinnerten Gedankens. Und unsere Fortexistenz nach dem Tod findet nun also in Gestalt eines Willens statt, der zwar nicht lebt, der aber als Wille viel mehr mit einer persönlichen, geistigen und verklärten Weiterexistenz zu tun hat als unser in Zellvermehrung und Nahrungsaufnahme, in Individualvermehrung und Geschlechtlichkeit bestehendes Leben.


Die Individualität der Fortexistenz.


Soviel also zunächst zur Fortdauer „des Willens“ über unseren Tod hinaus; sowie zu unserem Leben; das zwar unendlich bedeutsam ist, als Bewährungszeit oder als eine unserer Bewährungszeiten; das aber andererseits, für sich allein und ohne seinen Zweck betrachtet, nur von sehr begrenzter und fragwürdiger Substanz ist. Und mit dieser Auffassung über den Willen, nicht über das Leben, stimmt nun zum Beispiel Schopenhauer, der erste bewusste und konsequente Voluntarist (Philosoph des Willens) – im Ergebnis, nicht in den Begründungen und in der Begrifflichkeit – zum Teil überein; er unterscheidet sich von ihr jedoch vor allem dadurch, dass der Wille nach seiner Auffassung nur als kollektiver Wille fortbesteht, als eine Art Weltgeist, als Weltseele, als parmenideisches, spinozistisches Ein und Alles, dagegen nicht als individueller Wille. Und wir können an diesem Punkt gegen unsere individuelle Fortdauer gleich den theoretischen Einwand hinzufügen, wir müssten damit rechnen, dass unser Wille nicht nur der Vielfalt unserer Organe entspreche, sondern auch der endlosen Vielheit unserer einzelnen Körperzellen; und dass er sich dem entsprechend, nach dem Ende unseres lebendigen Organismus – als dessen Zerstörer der Tod „sich unverhohlen kundgibt“ (Schopenhauer) – seinerseits ebenfalls in allerkleinste, sozusagen staubartige, nicht mehr individuelle, sondern beliebig zusammenschmelzbare Partikel auflöse. Dass er also vielleicht auch auf diesem Weg in eine Art kollektiver Weltseele übergehe.
     Schopenhauer seinerseits bestreitet unsere individuelle Fortdauer nach dem Tod mit der Begründung, dass Raum und Zeit, zwei Grundformen der „Welt als Vorstellung“ oder „als Erscheinung“, also der Welt, wie sie uns täglich gegenübertritt, das entscheidende „principium individuationis“ seien; das heißt: der einzige Grund eines Unterschiedes zwischen den Individuen; wir sollen also nur deshalb individuell verschieden sein, weil wir an verschiedenen Orten sind („Die Welt als Wille und Vorstellung“ Band I §63 im 3. und 4. Absatz; Band II im 1. Absatz des 45. Kapitels). Es liegt aber auf der Hand, dass die wesentlichsten Unterschiede zumindest unter menschlichen Individuen nicht in diesen bloßen „Erscheinungs“formen liegen, geschweige denn dass sie sich etwa in ihnen erschöpften. Vielmehr würde jeder, ob er es leugnet oder nicht, auch in einer raum- und zeitlosen Welt einen Lumpen und einen anständigen oder sogar heroischen Menschen mit großer Selbstverständlichkeit als zwei verschiedene Individuen erkennen; ethische Unterschiede sind entscheidender und tiefer als alle anderen; was allein schon genügen dürfte; vor allem aber ist diese Art des Unterschiedes zwischen den Individuen deshalb die entscheidende, weil sie wie alles ethisch Begründete (siehe vorhin den Hinweis auf „Determiniert? Durch was denn?“) dem zeit- und raumlosen Bereich des Ewigen, des Dauerhaften und Bleibenden angehört. Und so hebt denn auch Schopenhauer selbst nicht nur immer wieder die „enormen“, die „unberechenbaren“ ethischen Unterschiede zwischen den einzelnen Charakteren hervor; sondern er folgert schließlich gegen Ende seines Lebens (im II. Band der „Parerga und Paralipomena“ §116 2.Absatz), „dass die Individualität nicht allein auf dem principio individuationis“, also bei ihm auf Raum und Zeit, „beruht und daher nicht durch und durch“ ! „bloße Erscheinung ist; sondern dass sie im Dinge an sich, im Willen des einzelnen, wurzelt: denn sein Charakter selbst ist individuell. Wie tief nun aber hier ihre Wurzeln gehn, gehört zu den Fragen, deren Beantwortung ich nicht unternehme.“ Die Stelle ist schon psychologisch interessant, nicht wegen der einen oder anderen bloßen Inkonsequenz, sondern wegen der ausdrücklichen Weigerung, die Beantwortung der Frage zu „unternehmen“. Hat der Philosoph im Ernst gemeint – er war ja ein wirklicher Philosoph – eine richtige Beantwortung solcher Fragen sei nicht möglich? Oder wollte er unsere individuelle Fortdauer nicht begründen? Kierkegaard sagt einmal (in der 4.Rede der 3.Abteilung seiner „Christlichen Reden“, von 1848, am Ende des 2. Absatzes): „Nichts ist sicherer als die Unsterblichkeit“ „fürchte sie, sie ist nur allzu sicher; zweifle nicht, ob du unsterblich bist, zittere, denn du bist unsterblich.“ Und Kierkegaard war ein großer Psychologe.
     Oder haben wir hier eine der absurden Behauptungen von der Unmöglichkeit einer wirklichen Philosophie vor uns, wenn auch dieses Mal nur sehr partiell? Denn Schopenhauer dachte in dieser Sache sonst ganz anders.. Ich weiß nicht, was von seiner Weigerung zu halten ist, die Grenzen und Tiefen der Individualität unseres Willens abzustecken; jedenfalls aber haben wir in der Leichtigkeit der jetzt folgenden Antwort eines der Beispiele für die ganze Stupidität einer Zeit, die eine Beantwortung der Fragen nach „Gott, Freiheit und Unsterblichkeit“ ewig und unabänderlich für unmöglich erklärt:
     Wir wissen nämlich ganz genau, Schuld und ethisches Verdienst sind individuell; infolgedessen aber sind Verantwortung und Freiheit, als Voraussetzungen für die Setzung oder Nichtsetzung von Schuld und Verdienst, ebenfalls individuell; ist aber die Freiheit individuell, dann auch das mit ihr identische „aus sich Selber“ und überhaupt das gesamte „dynamische aus sich Selber“, das sich Wille nennt – wir wissen ja, ein Wesen „aus anderem“ ist nicht frei, sondern von dem „anderen“ determiniert, mit anderen Worten: es ist von ihm wirkursächlich bestimmt – . Da also Schuld und moralisches Verdienst individuell sind, ist auch unser „aus uns Selber“, unser Wille, individuell; und so auch unsere Fortdauer, unsere Fortexistenz nach dem Tod, wir haben deren Hervorgehen aus unserem „aus uns Selber“, unserem Willen, vorhin ja deutlich gemacht. Mit anderen Worten: die Individualität von Schuld und Verdienst erfasst unser ganzes „aus uns Selber“, bis auf unseren tiefsten, allertiefsten Grund; ein „aus sich Selber“ kann ja, wie gesagt, schon seiner Definition nach außerhalb seiner selbst keinen Grund haben. Und so erfasst die Individualität von Schuld und Verdienst zugleich unsere ganze Fortdauer nach dem Tod – da wir mit einem anderen Grund, als es ein individuelles „aus uns Selber“, ein individueller Wille ist, nicht individuell frei, nicht individuell verantwortlich wären.
     Was wir aber sind! und worüber wir viel besser Bescheid wissen als über äußere Tatsachen, die nicht ein Stück von uns selber sind – im Unterschied zur Individualität von Freiheit und Verantwortlichkeit, die in unserem Willen sind; die also in uns selber sind, in dem, was wir selber sind, was unser eigenes Wesen ausmacht; und die folglich (als „Ding an sich“) für unsere Einsicht sicher sind.
     Und wir wissen nun also ganz genau, dass die Individualität unserer für sich allein ebenfalls schon begründeten und gesicherten Fortdauer nach unserem Tod ebenso sicher ist wie die Individualität unserer Freiheit und unserer ethischen Verantwortung.



Die Fortexistenz unserer Individualität
und die biologischen Verhältnisse in unserem Organismus.


Man wird diese inneren Tatsachen nicht bestreiten – es sei denn aus übelwollendem Unernst.
     Kommen wir nur, der Deutlichkeit halber, nach den beiden vorhergegangenen und ebenfalls in den jetzigen Zusammenhang gehörenden Texten, noch einmal auf das zurück, was in unseren lebendigen, sichtbaren Organismen den besagten inneren Tatsachen entspricht; vor allem wenn wir den Text über die Willensfreiheit ins Auge fassen, an den wir uns vorhin ja schon einmal kurz erinnert haben. Nur auf eines nämlich sind wir bei der Gelegenheit noch nicht zurückgekommen: Determinieren uns unsere Eltern – jetzt nicht durch Erziehung, sondern biologisch? Sie tun es auch biologisch nicht. Unser Organismus determiniert nicht einmal seine Organe ohne Einschränkung – wir wissen ja, es gibt Organtransplantationen – . Die Organe gehorchen und dienen ihm; aber sie werden von ihm nicht ganz determiniert. Ei und Samenzelle sind jedoch nicht einmal seine Organe; sie dienen dem Organismus nicht im geringsten; nimmt man sie ihm, so leidet er biologisch nicht darunter. Sie sind vollständig „sui generis“, Lebewesen „eigener Art“; dazu bestimmt, die Teile eines Organismus zu werden, der nicht nur ausschließlich seine eigenen Zwecke verfolgt, wie sie selbst es schon tun, sondern der auch selbstständig und unabhängig lebt. Für sie also ist eine Determination durch den Organismus der Eltern noch weniger anzunehmen. – „Der Vater macht einen Sohn“ ist eine begrifflich unzutreffende Formulierung, von ihrer niedrigen Vulgarität ganz abgesehen.
     Oder sollen wir jetzt stattdessen sagen: Das Kind wird auf dem Weg über Ei und Samenzelle von seinen Eltern determiniert, letztere wieder von ihren Eltern, und so weiter bis zurück zu dem Lebewesen, von dem alle anderen abstammen; und das das einzige „aus sich selber seiende oder werdende“ Lebewesen ist, vielleicht vor Jahrmillionen auf einem fernen Himmelskörper entstanden – während alle anderen determiniert sind? Die Absurdität der Vorstellung liegt auf der Hand, die Unerweislichkeit der gedachten äußeren Tatsachen ebenfalls; und schließlich liegt auch der Widerspruch zu den besagten, sehr wohl erweislichen, oder auch sich von selbst verstehenden inneren Tatsachen auf der Hand, angefangen mit der Individualität unserer Schuld und unserer Verdienste, so auch der Individualität unseres „aus uns Selbst“ und so auch unserer daraus gefolgerten individuellen Fortexistenz nach dem Tod. Schon damit haben wir die Prämissen für eine klare und sichere Antwort.
     Es kommt aber noch etwas hinzu: Unser Organismus spricht ebenfalls nicht für die Möglichkeit der Mikrobe aus unendlich fernen Zeiten als einzigen eigenständigen Lebewesens und dafür, dass alle anderen von ihr determiniert sind, also „aus anderem“ sind, wirkursächlich bestimmt sind, nicht „dynamisch und aus sich selber“ sind, also keinen Willen „haben“, sondern sich einen Willen allesamt endlose Zeiten hindurch nur eingebildet haben. Machen wir es uns jetzt ganz klar! Wie schon gesagt: Selbst viele unserer Organe sind nicht in jeder Hinsicht determiniert, obwohl sie uns dienen. Warum sollten dann Ei und Samenzelle, die unserem Organismus nicht im geringsten dienen, von ihm determiniert sein? Wir müssen es zumindest bezweifeln, und wer behauptet, muss beweisen. Vor allem aber: warum sollte die befruchtete Eizelle, die Vereinigung einer Ei- und einer Samenzelle, die ganz sicher eine eigene, neue Individualität hat, vom Organismus des Vaters oder der Mutter determiniert sein? Weil sie sämtliche Gene nur von ihnen übernommen hat? Denn aus einem anderen Grund schon mal nicht! Aber wir wissen, dass das neue Individuum selbst entscheiden kann, welche Gene unter denen, die ihm in der endlosen Erbmasse, aus zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern usw., zur Verfügung stehen, es aktiviert und welche nicht – welche es stattdessen ungenutzt liegen lässt – Denn andernfalls müssten Vollgeschwister einander gleich sein, während sie tatsächlich sehr oft sehr verschieden oder sogar Gegensätze sind. Ebenso aber, wie das neue Individuum entscheiden kann, welche Gene es aktiviert und welche nicht, hat es auch die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, wie weit, bis zu welchem Grad und in welcher Hinsicht es die einzelnen Gene aktiviert oder nicht; jedenfalls wird es so durch die Verschiedenheit gleichnamiger, homonymer vererbter Eigenschaften in Eltern und Kindern belegt.
     Und das Ergebnis von all dem: Nicht nur ist die Individualität der Fortdauer unseres „aus uns Selbst“, unseres „dynamischen aus uns Selbst“, unseres Willens, unserer Natur, nach dem Tod ebenso sicher wie die Individualität unserer ethischen Verantwortung, unseres „aus uns Selber“ in dieser Funktion; sondern die Individualität dieser Freiheit, dieses „aus sich Selber“, und unserer ethischen Verantwortung entspricht auch der endlosen Fülle der ererbten Masse von Genen und der ebenso endlosen Variabilität der Möglichkeiten und ihrer Kombinationen, nach denen aus diesen Genen eine Auswahl getroffen und die Stärke und Intensität der einzelnen ausgewählten Gene moderiert werden kann. Allerdings kommt dabei mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten niemand über seine Erbmasse hinaus; aber schon die äußerst verschiedenen und zahlreichen Möglichkeiten, die die eine Erbmasse bietet, reichen für die Bildung einer freien Individualität von eigener Prägung vollständig aus. Und außerdem, wer sagt, dass wir nicht auch diese Erbmasse, mit anderen Worten: dass wir nicht auch unsere Eltern jenseits unserer Welt der „Erscheinungen“ oder „Vorstellungen“ schon frei gewählt haben oder dass wir sie nicht nach vorhergegangenem Verdienst oder vorhergegangener Schuld, also ebenfalls wieder nach dem Prinzip der Freiheit, akzeptieren durften oder mussten? Freunde, lest, wenn ihr wollt, zu unseren verschiedenen Daseinsformen, in diesem Fall zur Existenz vor und während der Wahl unserer Eltern, den letzten Absatz des kurzen PS – damit ihr euch nicht zu sehr wundert.
     In jedem Fall aber reicht das Ergebnis so oder so für die Feststellung nicht nur unserer individuellen Freiheit, sondern auch der Fortdauer unseres individuellen Willens nach dem Tod.
     Soviel nun also zum eigentlichen, nicht-metaphorischen Begriff des Lebens und seiner Eingeschränktheit und damit auch zur eingeschränkten Bedeutung des Todes, dem nur das Leben, und sonst nichts unterworfen ist; dem vor allem nicht unser Wille unterworfen ist, dessen Begriff sehr viel weiter und grundlegender ist als der des Lebens. Und soviel vor allem zum Willen als dem Träger und Subjekt von individuellem Verdienst und individueller Schuld; und so denn auch: zum individuellen Willen, als Träger von wahrem und falschem Glück oder Unglück; und damit zugleich zur ontischen Grundlage für das, was man Heroismus oder auch Anständigkeit nennt, d.h. für diejenige Unabhängigkeit von unserem organischen Dasein, die wir haben sollten, die aber ohne ontische Grundlage, ohne Fortexistenz des individuellen Willens, unserer individuellen Natur, nach dem Tod, eine Perversion wäre.




Fortsetzung


       
           Dr. Hans Rochol                      
im Mai 2008.