DER WILLE ALS GRUNDLAGE DES LEBENS.
SCHLUSSFOLGERUNGEN ZUR FORTDAUER NACH DEM TOD.


Wir haben inzwischen unsere Schlussfolgerungen zur Willensfreiheit und zur Existenz Gottes gezogen und wollen nun das Entsprechende für die Fortdauer nach dem Tod. Die Willensfreiheit brannte mir auf der Seele vor allem um der Ethik willen; dementsprechend hat sie sehr viel mit Menschenwürde zu tun; so viel, dass mir gewisse Leute, die platt, oberflächlich und selbstgefällig, ja in belehrendem und moralisierendem Ton die Willensfreiheit bestreiten, in tiefster Seele zuwider sind. Es ist ja klar: ohne Willensfreiheit keine Ethik, keine Moral; trotzdem werden die platten Schlüsse gezogen. Viele von diesen Leuten erfinden die tolle Formel, mangels Willensfreiheit solle man so tun, „als ob“ es eine Ethik gäbe, oder ähnlich. „Eine Ethik“! Und „Als Ob“! Sie sind so gebildet, dass sie den Verstand verloren haben: Entweder – Oder! Freunde, die Ethik stand mir übermächtig vor Augen; unter anderem wegen unserer politischen Situation; und dann noch ebenso sehr aus zwei, drei weiteren Gründen: Man weiß gar nicht, was man zur Minderwertigkeit der augenblicklich herrschenden Geistesrichtung sagen soll.
     Ähnlich war es mit der Existenz Gottes. Soll ich sagen: wir brauchen jetzt den Herrgott? Schon! Aber ich glaube, es gibt eine viel bessere Einstellung: wir müssen uns zum Allerhöchsten erheben, wir müssen ihm so nahe kommen wie möglich und uns ganz in sein Urteil über uns Deutsche und einige andere Völker hereindenken, das ja auf Wahrheit beruht, nicht auf den Lügen dieser Welt. Freunde! Dann haben wir die Urteilskraft, um alles, alles richtig zu machen; denn das müssen wir jetzt, in der übermäßig schweren Mut- und Klugheitsprobe, die uns bevorsteht. „Alles richtig zu machen“, ist das zu viel verlangt? Mögen wir vor den Typen bewahrt bleiben, die uns von vornherein mit der Weisheit kommen „Wo Menschen sind, werden auch Fehler gemacht.“ Es geht jetzt um caesarisches Handeln, mit Überheblichkeit hat das nichts zu tun: es geht um das Gegenteil zu den Lügen dieser Welt. Wir müssen nachdenken, über das Verhältnis zwischen Lügenhaftigkeit und fehlender Urteilskraft.
    Und was ist zu der Gewissheit von der persönlichen, individuellen Fortexistenz nach dem Tod zu sagen, zu der wir jetzt die nötigen Schlussfolgerungen ziehen wollen? Eine solche Gewissheit macht uns erst richtig frei; sie macht uns – und alle anderen – erst zu dem, was Balzac über die Preußen gesagt hat: „Der König von Preußen ist ein König von Königen.“ Oder glaubt man, ich redete aus literarischen Gründen; oder um in der Gesellschaft dazuzugehören. Wollte ich das Letztere, das Verächtlichste von allem, so müsste ich sagen, es gebe „in solchen Dingen“ keine Gewissheit; und so auch keine Schlussfolgerungen.
    

Zu den Grundlagen.


Seien wir keine verbildeten, kleinlichen und eingebildeten Literaturmenschen, die bei jeder Wiederholung physisch oder seelisch laut aufschreien und dann hinterher gerade deshalb zu wenig verstanden haben. Außerdem: bei einem dreimaligen Anlauf zu Themen, die nicht einmal identisch sind, sondern nur verwandt, und die darüber hinaus zwar durchaus nicht „kompliziert“ sind, aber manchem sehr ungewohnt, wird man sich nicht leicht einer puren Wiederholung schuldig machen; es bleibt immer etwas auszufeilen, zu vertiefen, nachzuholen, und zwar regelmäßig sehr viel mehr, als man sich vorher gedacht hat; der Mensch ist nur sehr knapp mit Phantasie ausgestattet; Phantasie hat er in der Regel nur, wenn er Anlass dazu hat. Also noch einmal zu den Grundlagen! Wie kommt man am besten an ihre Begrifflichkeit heran?
     Es geht um die Klärung der Grundbegriffe unserer Existenz: Also fangen wir mit dem an, was für diese Existenz das Nächstliegende ist: mit unserer Innerlichkeit, mit unserem Innern. Denn wir wollen ja wissen, ob unser eigenes Wesen, also unser eigenes Innere, das Zeug hat, den Tod zu überdauern?
     Wir haben eine intellektuelle und eine willentliche (voluntative) Innerlichkeit, kurz gesagt: wir haben Intellekt und Willen. Mehr haben wir nicht, beide sind aber auch schon reichlich genug; denn alle übrigen Kräfte sind nur ihre Nuancen. Selbst der Tastsinn ist noch voll und ganz eine Nuance des Intellektes. Genetisch betrachtet, wenn man eine Entwicklung der Lebewesen voraussetzt, ist er höchstwahrscheinlich sogar die älteste Art des Intellektes; aber er ist deshalb durchaus nicht seine unedelste Art; wir wissen doch alle, was Feingefühl ist; und von einem gewissen berühmten, sehr beträchtlichen Intellekt, wenn er sich auch manchmal der Verbildetheit näherte, kennen wir das Wort „Gefühl ist alles“ – das man auch richtig verstehen kann. Nur muss dann am Ende des Denkvorganges alles glasklar und rational sein; Freunde, das ist gerade in den Dingen, die wir jetzt durchdenken wollen, und in unserer Zeit das Allerwichtigste. – Soviel zur Reichweite der Unterfälle des Intellektes. Und die Liebe zum Beispiel, die will, dass es dem anderen gut geht, oder auch, die ihn umarmen möchte, ist offensichtlich eine Nuance des Willens; der Hass ist es im umgekehrten Sinne ebenso; usw.; wir wissen schon, was gemeint ist. Außerdem ist klar, dass sowohl der Intellekt wie auch der Wille subjektiver Natur sind. – Und was das Gefühl betrifft, für den, der selbstständig disponieren und einteilen kann, so gibt es sowohl ein intellektuelles wie auch ein voluntatives, willentliches Gefühl, das unter die Kräfte des Willens zu subsumieren ist; aber das alles könnt ihr euch auch selbst sagen.
    Der Intellekt nun schafft sich von dem, was er auch objektiv, als Objekt, für gegeben hält, ein mehr oder weniger zutreffendes Abbild; das nicht nur vom Objekt ausgeht, sondern auch von ihm selbst, dem Intellekt. Er schafft es insoweit „aus sich selber“, aus ihm, dem Intellekt selber; auf ihm allein beruht das Abbild seiner Substanz nach; und aus diesem letzteren Grund ist zwar das Abbild, aber gerade nicht die gesamte Arbeit des Intellektes subjektiver Natur. Die Subjektivität des Gedankenbildes ist dadurch eingeschränkt, dass ihm ein objektiver Sachverhalt, das „Gedachte“, entsprechen soll und dass das Gedankenbild um des objektiven Sachverhaltes willen da ist, nicht umgekehrt. Halten wir aber andererseits in jedem Fall fest: Subjektiv = „aus sich selber“, „aus dem Subjekt selber“.
     Wie wir wissen, gibt es nicht nur äußere Tatsachen, sondern auch innere; ihrer können wir uns am sichersten sein, weil wir sie in uns haben; und dass sie etwa deshalb, weil wir sie in uns haben, nur eingebildet wären, nur das wären, was man „subjektiv“ nennt, und „objektiv“ nicht existierten, ist ein völlig vernunftwidriges Vorurteil. Auch von den geschätzten äußeren Tatsachen wissen wir ausschließlich insoweit etwas, als wir sie zugleich in uns haben; ob wir sie auch außerhalb von uns „haben“, bleibt „theoretisch“, also in Wahrheit, ewig ungewiss; das ist der zweifelhafte Vorteil der äußeren Tatsachen.
     Zu den inneren Tatsachen gehört das, was wir gerade über die Subjektivität des Intellektes gesagt haben. Und zu ihnen gehört nun ebenso, dass der Wille im Gegensatz zum Intellekt, der ja gerade auch objektiv sein soll, durch und durch und ausschließlich subjektiver Natur ist. Natürlich ist er als Wille „vorhanden“, „objektiv vorhanden“; wir werden alsbald sehen (am Ende dieses Absatzes), dass er es sogar in überragendem Sinne ist; und dennoch wissen wir, da er ja eine unserer beiden inneren Tatsachen ist, also in uns ist, dass er eine durch und durch subjektive Kraft ist; und zwar in folgendem Sinne: Die Subjektivität des Intellektes bestand darin, dass er sein Gedankenbild „aus sich selber“ projizierte, wobei das „aus sich Selber“ nichts als ein Synonym dieser Art Subjektivität war. Und dem entsprechend nun lässt der Wille, als das total Subjektive, sein gesamtes Sein, und nicht nur ein Gedankenbild oder sonst etwas Partielles, „von sich selber“ ausgehen – von sich, dem Willen, dem Subjekt, das von sich ausgehen lässt, von seinem Sein – er ist also wirklich mit seinem gesamten Sein „aus sich selber“; darin besteht seine radikale Subjektivität, die Willens-Subjektivität, die voluntative Subjektivität; die wir als solche, als Subjektivität kennen, weil der Wille eine der beiden Tatsachenkomplexe in unserem Innern ist. Er ist die Subjektivität selbst; aber er ist gerade deshalb besonders real, nämlich „aus sich selber“, als eigenständiges Sein, radikal und von der Wurzel her. Finden wir das paradox? Dann liegt das daran, dass wir uns an die Grundbegriffe unserer Existenz noch nicht gewöhnt haben, weil wir sie noch nicht kannten. Und warum nicht? Es ist ja klar, Fachleute entwickeln das Fach nicht, sondern lassen es, wie es ist; das gehört zu ihrer Definition.
     Das Gesagte genügt für die Erkenntnis des „aus sich Selber“ des Willens. Aber es gibt dafür noch weitere Grundlagen: Der Wille ist nicht nur reine Subjektivität, sondern auch „reine Energie“, reine „Dynamik“ – schließlich kennen wir unseren eigenen Willen, er ist ja eine unserer inneren Tatsachen, die wir in unserem eigenen Innern erleben, die wir selber sind! Reine Energie aber ist nicht „aus anderem“. Denn wäre sie das, so hätte sie etwas Passives, wäre also keine reine „Energie“. Also ist sie „aus sich selbst“, weil das die einzige Alternative ist. Und so ist der Wille denn auch aus diesem Grund „aus sich selber“.
     Zwischendurch gefragt: warum ist er statt „aus sich selber“ nicht einfach nur „er selbst“, ganz statisch? Er ist „aus sich selber“, weil er „dynamisch“ ist, wie wir gerade gesehen haben.
     Und schließlich gibt es noch eine dritte Begründung für das „aus sich Selber“ des Willens: Wäre der Wille nicht „aus sich selber“, so wäre er „aus anderem“; mit anderen Worten, so wäre er verursacht, durch Wirkursache, also rein mechanischer Natur, so dass er sich von irgendeinem mechanischen Vorgang in nichts unterschiede und wir uns die Existenz eines Willens folglich nur eingebildet hätten. Ergo! – Oder behauptet jemand, wirklich zu glauben, dass die Menschheit sich einen Willen bis jetzt nur eingebildet hat? Dann wünsche ich, dass er es glaubt, weil er in dem Fall nichts Besseres verdient hätte. Fühlt ihr euch von dieser Einstellung gestoßen? Freunde! Der Wahrheitssinn unserer Zeit, vor allem für weltanschauliche Dinge, ist so verblödet und verlogen, so absolut unkultiviert, so überheblich veralbert und so bösartig veralbert, dass man ohne jene Einstellung und die entsprechende Empfehlung, ruhig diesen oder jenen Mist zu glauben, nicht auskommt.
     Und das Ergebnis? Die Willens-Definition! Der Wille ist das „dynamische aus sich selber Seiende“. Oder genauer, unter Berücksichtigung gewisser Besonderheiten in der empirischen Welt: „Er ist das dynamische aus sich selber Seiende oder Werdende.“ Wir werden die Besonderheit noch weiter verdeutlichen.
     Oder ist die Definition zu weit? Man weiß, alles in der Natur, nicht nur unser menschlicher Wille, sondern die gesamte empirische Welt, geht letzten Endes auf reine „Energie“, reine „Dynamik“ zurück. Woher weiß man das? Streng genommen, aus der Naturwissenschaft. Aber wir brauchen nur zu bedenken, was inzwischen jeder weiß – „Und sie bewegt sich doch“ war ja nur der Anfang dieser Einsicht – nämlich dass in der Natur, in der astronomischen so gut wie in der mikroskopischen und so denn ja auch wohl im Innersten unserer alltäglichen Welt immer alles in ständiger und allumfassender Bewegung ist; und zwar nicht in bloßer geometrischer Bewegung, sondern auch in dynamischer, mit anderen Worten: nicht in der Bedeutung von Kants „reiner Anschauung“, sondern von Kants „empirischer Anschauung“; und von dieser Erwägung her wird uns die Natur dann schon als pure „Energie“, als pure „Dynamik“ vor Augen treten. Beim menschlichen Willen, der ja ein Teil der Natur ist – man denke nur! – liegt das sogar unmittelbar auf der Hand. Er ist schon seinem bloßen Begriff nach reine Energie. Wir wissen das, wie gesagt, deshalb so genau, weil wir den Willen ganz und gar in uns haben; weil wir er selber sind.
     Und nach einem romantischen, aber in diesem Fall völlig berechtigten Vor- und Ausgriff der Erkenntnis von unserem eigenen Willen her wüssten alle anderen Weltwesen über sich als Willen, von sich aus, genau so gut Bescheid, wenn sie einen Intellekt hätten wie wir, obgleich man im Fall des menschlichen Willens von Psychologie redet statt von Physik und Chemie.
     Und selbstverständlich umschließt und beinhaltet die reine Energie, auch hier in der weiten Welt, so gut wie in unserem Willen, nichts Passives, weil, wie gesagt, Passivität der reinen Energie widersprechen würde; auch diese „Energie“ ist demnach wegen ihrer Reinheit in keinerlei Hinsicht „aus anderem“, was ja Passivität bedeuten würde, sondern voll und ganz „aus sich selber“, was allein übrig bleibt. Man könnte auch sagen: Die Welt besteht nicht aus Bauklötzchen, wie bei Demokrit mit seinen Atomen; es ist vielmehr so wie bei Heraklit: Alles ist letzten Endes Feuer – wenn man sich dabei vorstellt, Heraklit habe unter dem, was er „Feuer“ nannte, das verstanden, was für uns „Energie“ ist.
     Ferner: wir sprachen gerade über einen romantischen Vor- und Ausgriff der Erkenntnis von unserem Willen her; und wir sehen jetzt, dass dieser Erkenntnisakt, jedenfalls im Ergebnis, tatsächlich berechtigt ist. Statt uns auf Romantik zu berufen, hätten wir uns aber auch auf so etwas wie „Logik im weiteren Sinne“ stützen können, nämlich auf den Bereich der Beweisregeln – Beweisregeln oder Romantik, das bleibt sich oft genug völlig gleich, wenn das auch nichts für Backfische ist, sondern nur für wirkliche Romantiker – Auf welche Beweisregeln nämlich hätten wir uns stützen können?
     Wir hätten sagen können: wenn ein so wichtiger, so repräsentativer und wirksamer Teil der Natur, wie unser menschlicher Wille es ist – ungewohnt, die Behauptung? – in nichts als reiner Energie besteht, dann sollten wir für den Rest der Natur bis zum Gegenbeweis dasselbe annehmen; wir wären damit, im Wesentlichen, bei Schopenhauers erstem und grundlegendem Ansatz. Aber es gibt zugleich noch eine strengere und umfassendere Beweisregel für unseren jetzigen Fall; nämlich „Wer behauptet, muss beweisen.“ Man behaupte also etwas zur Welt Hinzukommendes, „Anderes“, aus dem die Welt, womöglich wie die Wirkung aus der Ursache, hervorgegangen wäre; oder auch, man nenne einen Teil der Welt, aus dem der Rest herstammte. Und man beweise es! Oder: man unterlasse, bis zum Gegenbeweis, die Behauptung! Dann aber ist die Welt „aus sich selber“; und aus diesem „aus sich Selber“ können wir im Übrigen genauso gut auf „reine Energie“ schließen, wie wir vorher den umgekehrten Schluss gezogen haben: nur bei reiner Energie, ohne alle Passivität, ohne ein „anderes“, „aus“ dem etwas entsteht, kann es zu einem „aus sich Selber“ kommen. Allerdings, wir stützen uns hier nur auf Positionen „bis zum Gegenbeweis“. Aber wir brauchen jetzt auch keine endgültig begründeten Thesen, wir brachten sie schon im Vorhergehenden.
     Dann aber wissen wir auch, dass überhaupt die gesamte empirische Welt nichts als Wille ist – da sie letzten Endes ja nichts anderes ist als „reine Energie“, woraus sich alles Übrige ergeben hat. Oder sind wir hier zu dem Ergebnis gekommen, dass das „dynamische aus sich selber Seiende“ die Definition nicht nur für den Willen, sondern überhaupt für das Ganze der empirischen Welt ist? Und die Konsequenz? Dass die Definition zu weit ist? Wonach wir vorhin ja fragten? Nein! Angenommen, die Definition des Willens als „dynamischen aus sich selber Seins oder Werdens“ ist richtig – und wir haben sie begründet; wer etwas anderes meint, möge es seinerseits begründen – angenommen also, die Definition ist richtig, dann ergibt sich aus der Tatsache, dass nicht nur der menschliche Wille, sondern auch die gesamte übrige empirische Welt unter sie zu subsumieren ist, nicht, dass die Definition zu weit ist – das wäre keine Schlussfolgerung, sondern ein bloßes Vorurteil, nämlich dass die Welt als Ganzes und viele einzelne Weltwesen nicht Wille sein könnten – . Vielmehr ergibt sich dann, dass auch die gesamte übrige Welt Wille ist; wie bei Schopenhauer, unter anderem in seinem Hauptwerk über „Die Welt als Wille und Vorstellung“; nur mit einer anderen begrifflichen Herleitung; wobei es allerdings selbstverständlich ist, dass wir Schopenhauer zutiefst verpflichtet sind und bleiben.
     Vor allem aber haben wir jetzt festgestellt, dass zum Wesen der Welt im Allgemeinen und zu unserem menschlichen Wesen im Besonderen uneingeschränkte Ursprünglichkeit gehört, ein vollständiges, lückenloses „aus sich Selber“; bei einem Einzelwesen ist in dieser Hinsicht schon von vornherein gar nichts anderes als Lückenlosigkeit denkbar, weil ein Wesen mit zwei so verschiedenen Teilen wie einem, der „aus sich selber“, und einem weiteren, der „aus anderem“ wäre, in Wahrheit zwei Wesen bedeuten würde. Und unsere Ursprünglichkeit, unser „aus uns Selber“, steht mit all dem also fest.
     Daraus nun hat sich in den beiden ebenfalls hierher gehörenden vorhergehenden Schriften, vor allem über die Willensfreiheit, zugleich schon ergeben, dass unsere Ursprünglichkeit nicht von der „Natur“ beeinträchtigt wird, weil wir selbst diese Natur sind; dass ferner auch Gott unserer Ursprünglichkeit nicht im Wege steht, weil wir auf ihn zwar als Spitze des Seins schließen müssen, aber auf ihn als unsere Wirkursache nicht schließen können, man wird sagen, nicht einmal schließen dürfen; und dass schließlich andere Wesen, z.B. der Nachbar, oder sein Hund, oder der Erdboden usw. usf. mit unserer Ursprünglichkeit erst gar nichts zu tun haben, geschweige denn, dass sie sie etwa beeinträchtigen könnten; wobei ein vernünftiger Mensch zwischen Lebensbedingungen und determinierenden Faktoren selbstverständlich unterscheiden kann. Und ich nehme nun an, dass ein aufmerksamer Leser, angesichts unseres jetzigen Themas, längst weiß, worauf unser „aus uns Selber“, unsere Ursprünglichkeit, dieses Mal hinauswill. Andererseits aber liegt damit die Beantwortung des Problems, wie sich zeigen wird, noch nicht unmittelbar auf der Hand; und zwar aus den verschiedensten Gründen nicht.


Die Spezifizierung der Grundlagen.


So ist das „aus sich Selber“ zum Beispiel eine „Ursache“, die mit ihrer „Wirkung“ oder „Folge“ identisch ist; das heißt, es handelt sich um „Ursache“ und „Wirkung“ nur in einem weiteren Sinne; denn in der uns bekannten Welt, vor allem in der gesamten äußeren, empirischen Welt, sind Ursache und Wirkung in allen anderen Fällen zwei verschiedene Dinge, nicht nur dem Aspekt nach, wohlgemerkt, sondern mit ihrer gesamten Substanz. Außerdem ist die substanzielle Identität beider für uns kaum vorstellbar, und nur mit Mühe denkbar: als eine „Ursache“, die sich selber machen, „verursachen“, „bewirken“ muss, bevor sie überhaupt da ist; denn wenn sie schon da wäre, brauchte sie sich nicht mehr zu bewirken. Es bliebe uns so nur der Rückgriff, der Fluchtweg, in eine Art der Unendlichkeit, der unendlichen Gleichzeitigkeit. Und wie also können wir unter solchen Umständen nun auch noch beweisen, dass ein solches „aus sich Selber“ nicht nur möglich, sondern sogar wirklich ist? Der Einwand wiegt umso schwerer, als das „aus sich Selber“ der einzig mögliche Freiheitsbegriff ist, weil die einzige andere Möglichkeit, das Sein „aus anderem“, unter allen Umständen Determination bedeutet. Wir brauchen uns aber keine Sorgen zu machen – der Fall ist geradezu typisch für die Wahrheit, dass eine „Philosophie“ mit wirklichen Ergebnissen sehr wohl möglich ist; und dass wir durchaus nicht auf das übliche ausweichende und trostlose Geschwätz angewiesen sind – : Gäbe es nämlich nur Sein „aus anderem“, so müsste auch dieses „andere“ wieder „aus anderem“ sein, das Letztere seinerseits „aus anderem“; usw. ins Unendliche. Eine solche Entartung ins Unendliche oder Absurde (eine solche reductio ad infinitum oder ad absurdum) aber ist allenfalls in einer Schicht bloßer „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ möglich; dagegen nicht bei Wesen, die „an sich“ sind; und auf sie allein kommt es ja an. Das heißt, das „aus sich Selber“ – die A-se-ität (die Von-sich-heit) in scholastischer Terminologie – ist auf jeden Fall ein notwendiger und so denn auch ein wirklicher und berechtigter Begriff.
     Machen wir uns außerdem klar, dass die Willensdefinition, das „dynamische aus sich Selber“, keinerlei intellektuelle Begriffsmerkmale enthält, Intellektualität liegt weder in der „Dynamik“ noch im „aus sich Selber“. Allerdings, „aus sich selber“ bedeutet Subjektivität, aber Subjektivität bedeutet nicht auch schon Intellektualität; die Intellektualität des vorhin besprochenen Gedankenbildes rührt daher, dass es dabei gerade der Intellekt ist, der es „aus sich selber“ hervorbringt, sie lässt sich nicht aus dem „aus sich Selber“ als solchem herleiten. Und die Folge: der Wille kann auch unbewusst sein, was wir unbedingt festhalten müssen; was aber noch nicht ausreicht: Da sich nämlich die gesamte empirische Welt unter die Willensdefinition des „dynamischen aus sich Selber“ subsumieren lässt, also Wille ist, muss sogar der größte Teil des Willens unbewusst sein; oder, da wir diesen gesamten Bereich des Anorganischen und des niederen Organischen denn doch nicht so ganz sicher kennen: müssen wir zumindest damit rechnen, dass der größte Teil des Willens unbewusst ist. Aber auch damit haben wir die Sache noch nicht ganz durchdacht: Der Wille ist bisher sehr stiefmütterlich behandelt worden, wenn wir von einer kleinen Gruppe tauglicher Denker absehen – der Rest faselt immer nur in ebenso steriler wie bereitwilliger Weise vom „Bewusstsein“, dem Fetisch der Pseudointellektuellen – viele haben sich deshalb ihr Leben lang nicht die innere Tatsache klargemacht, dass Intellekt und Wille sich nicht überschneiden, der Wille ist nicht Intellekt, und der Intellekt ist nicht Wille; und schon gar nicht ist der Wille ein Anhängsel oder Sprössling des Intellektes, obwohl alle Philosophiefachleute ihn so behandeln, in ihrem Fach-Zustand, der den meisten von ihnen lieb und vertraut ist; oder sollen wir sagen: der ihr Elend ist? Und hieraus nun wieder ergibt sich, dass der Wille, für sich betrachtet, immer völlig unbewusst ist; mit anderen Worten: dass er nie sich selbst bewusst ist, sondern allenfalls dem Intellekt – ein Glück nur für den Willen, dass er und der Intellekt eine und dieselbe Person sind.
     Außerdem wird es – auf der Grundlage der bisherigen Ergebnisse! – jedem klar sein, dass der Wille die grundlegende und der Intellekt die abhängige Kraft in unserem Innern ist.
     Und schließlich müssen wir, angesichts der Willensdefinition, noch eine Sache zu Ende denken: Der Sprachgebrauch sagt „Man hat einen freien Willen“; sachlich richtig wäre: man ist ein freier Wille; gleichbedeutend mit: man ist „aus sich selber“, und auf das Letztere kommt es uns jetzt ja an. Aber stellen wir keine Betrachtungen über die Rechte des Sprachgebrauchs an; es ist im vorliegenden Fall genauso, wie wenn man sagt „Die Sonne geht im Osten auf“ und „im Westen unter“, sachlich richtig wäre es zu sagen: der Horizont senkt sich im Osten unter das Sonnenbild; und hebt sich und verdeckt es im Westen, weil die Erde sich nach Osten hin dreht (drehte sie sich nach Westen, ginge die Sonne im Westen „auf“ und im Osten „unter“; was übrigens schon einmal so gewesen sein soll). Also, kein weiteres Wort über den Sprachgebrauch! Machen wir uns stattdessen die Sache klar, und zwar so: Der freie Wille ist nie ein bloßer Teil von uns; insofern „haben“ wir ihn nicht. Das stimmt u.a. mit dem vorhin Gesagten überein: wir können nicht teilweise „aus uns selber“ sein, und teilweise nicht; der Unterschied ist zu groß, jeder von uns wäre dann kein zusammenhängendes Wesen mehr. Das ergibt sich aber auch schon aus der „Welt als Wille“, wir sahen es ja vorhin: „die Welt als dynamisches aus sich Selber“, wie der Wille, also als Wille; danach sind sogar wir seine Teile; nicht umgekehrt. Alles klar?
     Nämlich, dass wir „aus uns selber“ sind? Ich empfehle gewissen Charakteren und Formaten, in zarter Weise zwar Nichtübereinstimmung zu verstehen zu geben, aber keine Gegenargumente zu bringen; und zugleich absolut inkommensurable Überlegenheit anzudeuten; natürlich, nur anzudeuten, und nur inkommensurabel, es darf auf keinen Fall zu einer detaillierten Erörterung kommen. Warum empfehle ich das? Weil es für diese Leute genau das Richtige ist.
     Und soviel nun zur Grundlage – dass wir „aus uns selber“ sind.

Fortsetzung


       
                Dr. Hans Rochol                    
im Mai 2008.