Ein weiteres Mal: Schlussfolgerungen zur Willensfreiheit.
Oder auch: zur philosophischen Wertpapierkrise.






Einleitung.



      Jürgen Habermas beginnt mit den Sätzen: In einer Zeitschrift, die den programmatischen Titel „Gehirn und Geist“ trägt – 6, 2004 – haben elf führende Neurowissenschaftler ein Manifest veröffentlicht, das über den Kreis der Konkurrenten im Verteilungskampf um knappe Ressourcen hinaus Aufmerksamkeit gefunden hat. ... Die Autoren kündigen an, „in absehbarer Zeit“ psychische Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen aus physikochemischen Vorgängen des Gehirns erklären und voraussagen zu können. Auf Grund dieser Prognose sei es geboten, das Problem der Willensfreiheit heute schon als eine „der großen Fragen der Neurowissenschaften“ zu behandeln. Die Neurologen erwarten von den Ergebnissen ihrer Forschungen eine tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses: „Was unser Bild von uns selbst betrifft, stehen uns also in absehbarer Zeit beträchtliche Erschütterungen ins Haus.“ (in „Das Sprachspiel verantwortlicher Urheberschaft. Probleme der Willensfreiheit.“ Deutsches Jahrbuch Philosophie Band I, Hamburg 2008, Seite 15ff.)
      Und es ist klar, „das Bild von uns selbst“ ist das von Verantwortung und von Schuld und Strafe auf der einen Seite, von Verdienst und Anerkennung auf der anderen. Es ist todsicher so alt wie die Menschheit; die überwältigende Mehrheit, vor allem „die Weisen und das Volk“ (Schopenhauer), setzen es als selbstverständlich voraus. Und man braucht nur ein bisschen nachzudenken, so packt einen das Grausen vor den Alternativen: vor absoluter Gesetzlosigkeit, die auf die Dauer allerdings nicht eintreten wird; oder vor einem George-Orwell-Staat, in dem die Menschheit gerade den allergrößten Verbrechern ausgeliefert wäre. Aber andererseits scheinen sich die Neurowissenschaftler ihrer Sache sehr sicher zu sein.
      Nun trifft es sich so (siehe am Anfang), dass jemand, der im Augenblick infolge der Behandlung durch die Medien von verhältnismäßig vielen Menschen als großer Philosoph angesehen wird, den Gedanken der Neurowissenschaftler wohlwollend erörtert; man merkt genau, er hätte am liebsten, dass sie Recht haben. Mit ihm möchte ich die Sache erörtern, da ich anderer Ansicht bin!
      Fangen wir also an! Was ist an dem von Habermas zitierten Manifest bemerkenswert? Es ist – abgesehen von der Medien-Modewendung „stehen ins Haus“, und von der elenden geistigen Abhängigkeit, die sich darin verrät – erstens die kindische Arroganz, mit der die Neurowissenschaftler schon vor einem Beweis das Problem der Willensfreiheit für den eigenen Fachbereich reklamieren – ach du lieber Gott ja! die Fachbereiche! – und mit der sie darüber hinaus in theatralischer Weise weltumwälzende Konsequenzen, „Erschütterungen“ und eine „tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses“, vorhersagen. Und bemerkenswert dürfte zweitens die Unreife sein, die darin liegt, die Probleme der Willensfreiheit auf Physik und Chemie zu reduzieren, man kennt ja die sonst ganz unauffällige Professorin der Physik, die plötzlich mit der Weisheit kommt, „alles sei Physik“. Natürlich sind diese Dinge nur psychologische Weckrufe. Aber wir werden die barbarische Ignoranz, die extreme geistige Unreife des Manifestes, genau und im Einzelnen kennenlernen.


Ein vernichtender Fehler.
Unwissenheit und fehlende Denkschärfe.


Das Manifest ist die Ankündigung des Nachweises rein physiko-chemischer determinierender Strukturen „in unserem Gehirn“, als „Erklärung“ für unsere Willens- und Denkakte und für den Verlauf und Fortgang dieser Akte, trotz der geistig und ethisch sachgemäßen Gründe, die die Akte haben müssen; und von denen sie ebenfalls, wenn auch auf andere Weise, bestimmt und sozusagen „determiniert“ werden. Das heißt: die Strukturen, die unseren Willens- und Denkakten zugrunde liegen, wären rein physikalischer oder chemischer, „physikochemischer“ Natur, während die Inhalte, von denen dieselben Akte ebenso wie von den genannten Strukturen bestimmt würden: die Gegenstände unseres Denkens, die Ziele unseres Wollens, die Veranlassungen und insofern auch wieder die Ursachen unseres Denkens und Wollens, in sachlichen Gegenständen, Gesetzen, Zusammenhängen, Ursachenketten usw. beständen, z.B. in bestimmten Organisationen, in technischen, handwerklichen, künstlerischen, literarischen, kaufmännischen, politischen Werken, Leistungen, in ethischen Gesetzen oder in sonst irgendetwas, was denkerische oder willentliche Anstrengungen oder Leistungen erfordert. Also Willens- und Denkakte auf Grund physiko-chemischer Strukturen zur Erfassung, und insofern auch bestimmt von Gegenständen, die, soweit nicht physikalisch oder chemisch, eben ganz anderer: ethischer, künstlerischer oder sonstiger Natur sind. Sollte man dann nicht auch die bestimmenden Hirn-Strukturen der Willens- und Denkakte nicht mehr zum physiko-chemischen Bereich, sondern zu etwas Umfassenderem, dem geistigen Bereich rechnen?
      Aber erörtern wir diese Zweiheit und Diskrepanz und überhaupt die gesamte behauptete physiko-chemische Natur unserer „inneren Vorgänge“ erst nachher. Im Vordergrund steht etwas anderes: Habermas und Gleichgesinnte hätten, zum Beispiel bei Gelegenheit des jetzt besagten Zwiespaltes, auf Folgendes, noch viel Grundlegenderes kommen müssen:
     Ursachen nämlich beherrschen ohnehin und lückenlos alle Sektionen des empirischen Bereiches, die biologische und geistig-intellektuelle wie geistig-willenhafte Sektion so gut wie die physikalische und die chemische; und Ursachen, gleichgültig, welcher Sektion, ob physiko-chemisch oder nicht, determinieren ihre Wirkungen immer und unter allen Umständen, sowie vollkommen und in gleichem Maße. Mit anderen Worten, aber mit genau demselben Sinn: Im empirischen Bereich herrschen normalerweise keine Wunder; ein Satz, der ebenso unbestreitbar wie unbestritten ist. So dass das von den Neurowissenschaftlern so wichtigtuerisch hinausposaunte und von Habermas´ Unwissenheit in dem gleichen Geist aufgenommene „Manifest“, man werde „in absehbarer Zeit“ die ausschließlich physiko-chemische Natur unserer „psychischen Vorgänge“ und von deren Grundlagen, von unseren „Gedanken“ bis zu unseren „Entscheidungen“, wissenschaftlich nachweisen – so dass also dieses „Manifest“ überhaupt nichts auf sich hat; denn „determiniert“ – um es im Augenblick so zu nennen – sind unsere sämtlichen „psychischen Vorgänge“ und deren Grundlagen so oder so, wie wir gerade verdeutlicht haben und es auch noch weiter verdeutlichen werden. Oder richtiger – wir kommen noch darauf! – : der Notwendigkeit der Naturgesetze unterliegen sie auf jeden Fall; gleichgültig, ob es physiko-chemische oder biologische oder geistige oder noch wieder andersartige Naturgesetze sind, die unsere „psychischen Vorgänge“ und deren Grundlagen beherrschen; und gleichgültig auch – wir werden es noch klären – ob die Notwendigkeit der Naturgesetze dasjenige ausschließt, was man den „freien Willen“ nennt.
      Freunde, es handelt sich bei dieser Naturnotwendigkeit nicht einmal um Philosophie, sondern nur um die unentbehrlichsten Grundlagen allen Denkens; denn, wie schon gesagt: was in der empirischen Schicht nicht verursacht ist, nicht den Naturgesetzen unterliegt, und doch existiert, ist ein Wunder, ohne Wenn und Aber und ohne irgendeine unehrliche metaphorische Bedeutung. Ergo! Also! Es ist beschämend für unser gegenwärtiges kulturelles Leben, das wenigstens seit 1800 von der Hochfinanz bestimmt wird! Aber weder ein so genannter großer oder bedeutender oder „ungeheuer einflussreicher“ Philosoph wie Habermas noch irgendjemand sonst, der mit der Sache zu tun hatte und ebenfalls zur gebildeten und mit öffentlichen Geldern ausgehaltenen Schicht gehört, hat aus den einfachsten und grundlegendsten Tatsachen die Konsequenzen gezogen; die so genannte geistige Elite war dafür samt und sonders zu unwissend, sagen wir ruhig: zu ignorant!
     Soviel zu dem ganz Grundlegenden, ganz Selbstverständlichen und nun leider dennoch „nicht Gewussten“ oder „nicht Bedachten“ – wenngleich wir im Folgenden noch auf zahlreiche Verästelungen und Implikationen der Sache eingehen müssen.


Geschwafel.


Außerdem sollten wir uns jetzt nach und nach klar machen, was von dem modischen Propaganda-Coup zu halten ist, Neurowissenschaftler usw. würden „in absehbarer Zeit“ beweisen, dass psychische Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen aus physikochemischen Vorgängen des Gehirns erklärt und vorausgesagt werden könnten – und infolgedessen „determiniert“ seien.
      Aber halten wir zugleich fest, was festzuhalten ist: Den Naturgesetzen unterliegt alles und jedes im empirischen Bereich und so denn auch unsere „psychischen Vorgänge“, so oder so, ob die zugrunde liegenden Strukturen nun physiko-chemischer oder anderer Natur sind. Das Gerede von der „tiefgreifenden Revision unseres Selbstverständnisses“, von der „beträchtlichen Erschütterung“ und der „Revision des Bildes von uns selbst“, was alles von der „physikochemischen“ Natur unserer „inneren Vorgänge“ und deren grundlegenden Strukturen abhängen soll, ist also extrem lächerlich. Die zivilisierte Menschheit kennt die Naturnotwendigkeit längst; und das Verhältnis dieser Art von „Determination“ zur Frage der Willensfreiheit ist für die große Zahl auch längst intuitiv geklärt; man hält ja Gericht wie eh und je! Und diejenigen, die sich wirklich mit Philosophie befasst haben und mehr als Bildungsgeschwätz von sich geben können, haben das Verhältnis auch unmittelbar durchdacht, wir werden es sehen.
      Aber was meint Habermas zu der Frage, ob unsere „psychischen Vorgänge“ ausschließlich physiko-chemischer Natur sind? Genauer, aber nicht wesentlich anders: ob „unsere psychischen Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen aus psychochemischen Vorgängen des Gehirns erklärt und vorausgesagt werden können.“ – mag diese Frage nun auch viertrangig sein, nachdem wir die Selbstverständlichkeit der allumfassenden Beherrschung des gesamten empirischen Bereiches, wenn es sein muss, auch durch andere als physiko-chemische Ursachen festgestellt haben. Aber wir wollen ja schließlich unsere Geistesgrößen genau kennenlernen.
      Der Mann schreibt zum Beispiel: Es sei ... ... immer wieder gelungen ... ... , komplexe Phänomene aus dem gesetzmäßigen Zusammenwirken ihrer physischen Bestandteile zu erklären. Das naturwissenschaftliche Weltbild zeichnet einen Weg von den Teilchen – wohl von den Quarks, den Neuronen usw. – zu Atomen und Molekülen, von dort zu Gasen, Flüssigkeiten und Festkörpern und von den anorganischen Stoffen zu den Genen, dem ganzen Organismus und den Arten. Mit anderen Worten: ein nennenswerter Teil dessen, was die Neurowissenschaftler angekündigt haben, soll schon verwirklicht – oder vorgezeichnet sein. Nun wäre eine Teilverwirklichung solcher sensationellen Übergänge, vom Anorganischen zum Organischen schon sehr viel mehr, als ihrem etwaigen quantitativen Anteil entspräche. Aber Habermas fährt unmittelbar fort: Allerdings können wir bestenfalls darauf wetten, dass uns die gleichen nomologischen Erklärungsmuster, die gleichen experimentellen Methoden und Messverfahren jetzt auch den Weg von den Neuronen zu Bewusstsein und Kultur eröffnen (a.a.O. Seite 26). Aber warum so pessimistisch? Ist der Übergang vom Anorganischen zum Organischen denn so sehr viel weniger? Oder ist er auf Pflanzlich-Organisches beschränkt? Was man dann aber gleich hätte sagen müssen. Oder gibt es Tiere, die ganz ohne Bewusstsein sind? Mit Sicherheit nicht! das bei allen Pseudo-Intellektuellen so berühmte „Bewusstsein“ beschränkt sich nicht auf Universitäten, Nobelpreisträger und Bestsellerautoren.
      Freunde, rechnen wir jetzt bei Habermas bis zum Gegenbeweis denn auch lieber nur mit einem, wenn auch sehr schwachen, Abklatsch der bekannten, üblichen tendenziösen Liederlichkeit bei der Wiedergabe solcher angeblichen Erfolge – „Anfangserfolge“, wie es heißt, Scheinerfolge in Wahrheit – bei der Überwindung der Schranken zwischen dem Anorganischen und dem Organischen, zwischen dem Materiellen und dem Geistigen. Zumal Habermas sich im Ganzen gar nicht phantastisch äußert, wahrhaftig, wir werden es sehen, wenn er auch am liebsten phantastisch hoffen möchte. Es folgen, wie immer bei fehlender Gutgläubigkeit, die typischen Ausflüchte: Bei der Höhe des Einsatzes für diese Wette sollten wir zwei bedenkliche Umstände berücksichtigen:
      Es fehle eine einheitliche Terminologie. Ach du lieber Gott! Auf so was könnte man sich doch einigen, wenn es um eine so große Sache geht!
      Und: drastische Erklärungslücken beständen schon innerhalb der Physik, und erst recht beim Übergang zur Biologie. Natürlich! weil es dabei um den Übergang zwischen dem Anorganischen und dem Organischen geht, zwischen der unbelebten und der belebten Natur. „ ... ... Von einer kausalen Geschlossenheit naturwissenschaftlicher Erklärungen jedenfalls könne derzeit keine Rede sein. Schlimmer noch: Was in dieser Aussage eigentlich der Terminus „kausal“ bedeuten soll, sei schon angesichts der heutigen physikalischen Theorien uneinheitlich und unklar.“ (Seite 26f.) Selbstverständlich ist es das! Leute, die gedanklich schwach sind, halten sich lieber an „harte Tatsachen“ als an deren geistige Verarbeitung.
      Oder Habermas schreibt, nur zum Beispiel: Neuere Auffassungen verzichten auf die Vorstellung einer nomologischen Realisierung – „realisation“ „Feststellung“, ein wirklich widerlicher Anglismus; kann man sich denn nicht anders interessant machen? Also: einer nomologischen Realisierung“ – von geistigen Eigenschaften in einer kausal geschlossenen Welt physischer Ereignisse – das heißt, sie verzichten klug und weise darauf: „geistige“ Gegenstände unter physikalische Gesetze („Nomolog“ien) zu bringen; deutsch: sie verzichten auf eine durchgehend physikalisch-chemisch bestimmte Welt! – Sie operieren entweder mit der Annahme einer Unterdetermination höherer Emergenzstufen durch physikalische Gesetze – d.h.: mit der Annahme eines Nichtvorhandenseins von physikalischen Gesetzen z.B. auf biologischen Stufen, aufbauend auf Habermas´ unglaublich primitivem Laienwahn, dass physikalische Naturgesetze z.B. stärker determinieren, oder besser: mit stärkerer Notwendigkeit wirken als z.B. biologische. Allein schon der Terminus „Unterdetermination“!! ... oder statten Eigenschaften und Konfigurationen von Eigenschaften mit kausalen Kräften aus – etwa mit nichtphysikalischen, angeblich „schwächeren“, statt mit physikalischen Kausalitäten, oder: mit physikalischen, angeblich stärkeren Kausalitäten da, wo sie nicht gegeben sind ? ... .
...
      Von hier ist es nur noch ein Schritt zu Spekulationen über Linien kausaler Einflussnahmen, die im Rahmen desselben Energiehaushaltes von unten nach oben, also von den physischen und organischen zu den mentalen und soziokulturellen Stufen – den geistigen Stufen – aber eben auch abwärts – geht es jetzt durcheinander? – , von den höheren zu den niederen Komplexitätsstufen verlaufen. ... Und er nennt solche „Spekulationen“ sodann ungesichertes naturphilosophisches Gelände – im Gegensatz etwa zu „gesicherter Habermasscher Philosophie“.
      Weiter heißt es: Die Kompatibilisten – die physiko-chemische und geistige Strukturen zu „versöhnen“ suchen, denn natürlich wird bei Habermas auch „versöhnt“, sonst wäre er ja kein Philosoph – muten der handelnden Person zu, aus Gründen zu handeln, die bei Licht betrachtet zu kausal erklärten Effekten – zu physiko-chemischen Strukturen – erstarrt und damit jeder Argumentation entzogen sind. Das Bewusstsein von Freiheit würde jedoch beschädigt (! das neueste Modewort: der neueste Pseudo-Interessantmacher für Leute, die so was nötig haben), wenn der Handelnde sich im Raum der Gründe – der geistigen vermutlich – nicht ungehindert bewegen, also nicht grundsätzlich alles in Frage stellen könnte. – Die übliche Verwechslung von Willentlichem (Voluntativem/Volitivem) und Intellektuellem! – ... ... Wie sollen wir die Meditation eines Mönches – die geistige Strukturen hat – auf das synchron beobachtete – deutsch: auf das gleichzeitig beobachtete – Erregungsmuster von – rein physiko-chemischen – Gammaoszillationen seiner Hirnrinde beziehen ... ... ? (Seite 23)


Von der Unmöglichkeit, einen Beweis vorherzusagen.


Habermas scheint also, trotz allen Sympathien, trotz allen unausgesprochenen Sehnsüchten, fast schon unheilbar zu schwanken, ob die rein physiko-chemische Welt möglich ist, die die von ihm zitierten Neurowissenschaftler zwar noch nicht bewiesen haben, deren Realität sie aber fest behaupten und für die sie, trotz noch fehlendem Beweis, sofortige Konsequenzen fordern. – Aber: wer einen Beweis noch nicht hat, kann unmöglich wissen und so auch nicht vorhersagen, dass er ihn haben wird. Denn, wenn er das wüsste, so wüsste er auch, auf welchem gedanklichen Weg er ihn haben wird; dann aber hätte er ihn schon; und könnte ihn folglich nicht vorhersagen. So ist es bei jeder Sache, die in purem Wissen besteht statt zum Beispiel in irgendeinem sichtbaren Gegenstand. – Warum eigentlich fördert der Staat mit Geldern, die ihm nicht gehören, Leute, die nicht klar denken können?


Weiter im Text des Geschwafels.


Ähnlich schwankend und im Übrigen auch: terminologisch allzu sehr fließend, in geradezu willkürlichen Termini und damit äußerst unklar, schreibt Habermas: Neurowissenschaften, denen eine Naturalisierung des Geistes in diesem Sinne gelingen würde, könnten der phänomenalen Eigenständigkeit des Geistes unter wesentlichen Aspekten Rechnung tragen, allerdings mit einer wichtigen Ausnahme: Wenn das Zusammenwirken der neurologischen Variablen geistige Zustände vollständig erklärt, kann es so etwas wie mentale Verursachung, also Abwärtskausalität nicht geben. Aber genau diesem Phänomen muss ein nicht-reduktiv verfahrender Materialismus gerecht werden, wenn er nicht von vornherein die subjektive zugunsten der objektiven Wissensperspektive entwerten will. (Seite 24f.)
      Oder auch: Wissen und Wissenszuwachs sind unheilbar normative Begriffe – unabänderlich geistige Begriffe – , die sich allen Anstrengungen einer empiristischen – rein physiko-chemischen – Neubeschreibung widersetzen. ...
     ... ... Sowie: Lutz Wingert zeigt, dass sich Personen unter der angebotenen neurologischen – rein physiko-chemischen – Selbstbeschreibung – geistig: also intellektuell oder voluntativ – unverständlich werden müssen – nicht nur als handelnde, sondern auch als lernende Personen. (Seite 20f.)
      Und die Konklusion, die Schlussfolgerung, der sehr bescheidene, aber auch sehr unehrliche Versuch einer Konklusion durch Habermas? Ungefähr so:
      Einerseits müssen wir auf die physikalistische Grundannahme verzichten, dass sich die „Natur“ der nomologisch verfahrenden Naturwissenschaften – derjenigen Naturwissenschaften, die alles rein physiko-chemisch zu erklären suchen, wozu sie natürlich wieder nicht imstande sind – mit der „Natur im ganzen“ deckt. ... ...
      Andererseits erlaubt uns die reflexive Wendung – wieder einmal so ein zierlicher, aber bedeutungsloser terminus technicus! mit der Bedeutung: der Abkehr von scharfen und genauen, korrekten und ehrlichen Begriffen und der Hinwendung zu ungenauen Alltags- und Umgangs-Begriffen im schlechtesten Sinne; diese Abkehr also erlaubt uns: – , die Reduktion des Geistes auf „mentale Ereignisse“ – den Anspruch, „mentale“, geistige Inhalte nicht physiko-chemisch oder quasi-physiko-chemisch wiedergeben zu müssen und auch keine Parallelen dazu zu suchen, diesen Anspruch also: – rückgängig zu machen – und nun sehr wohl Parallelen zur physiko-chemischen Wiedergabe zu suchen, d.h.: – Wenn wir das Mentale an seinem eigenen Ort, nämlich in den semantischen Gehalten der kommunikativen Alltagspraxis aufsuchen – mit anderen Worten: wenn wir die geistigen, und im Extremfall der Philosophie angehörenden Inhalte da suchen, wo sie hingehören, wo man nämlich ungenau, nachlässig und schlampig, miteinander chatting treibt, so Habermas, und so zugleich die „Parallelen“ zur physiko-chemischen Wiedergabe, dann: – wird klar, dass sich der subjektive Geist der Intentionen und Erlebnisse nicht von den symbolischen Formen des objektiven Geistes – einer „Parallele“ des Physiko-chemischen – abtrennen lässt. (Seite 27f.) ... ...
      Freunde, es ist ganz jämmerlich! Es bedeutet ungefähr, nur zum Beispiel: Die Begriffe „simpel“, „einfach“, „anspruchslos“, „schlicht“ usw., als „subjektiver Geist“, lassen sich beispielsweise von „vierschrötig“ = „viereckig geschnitten“ („Schröter“ oder „Schröder“, so hieß einmal der Schneider), als „objektivem“ = mathematisch-geometrischem Geist „nicht abtrennen“. „Das ist zu einfach“? Für einen verdrehten Kopf, ja! Vor allem aber ist es etwas ganz anderes als das, was es, „irgendwie“, sein soll, nämlich als eine physikalisch-chemische Erklärung des Geistigen, „Mentalen“. Habermas überschlägt sich schließlich, er sagt u.a.: ... ... Erst das Ganze aus intentionalem Weltverhältnis, Sprachkompetenz, gegenseitiger Perspektivenübernahme und Intersubjektivität der Verständigung macht geistige Phänomene wie Erlebnisse, Meinungen und Absichten möglich. ... Der „Geist“ wird erst durch die emergenten Eigenschaften der soziokulturellen Lebensform im ganzen möglich gemacht – u.a. durch die soziokulturelle Lebensform der Sprache und ihrer Bilder wie z,B. „vierschrötig“ . (Seite 28) Dahinter steckt Habermas´ Kommunikationstheorie: „Wir müssen nur miteinander reden, dann wird alles besser“ oder „Das wäre schon einmal ein Anfang“; es ist die fade Ausflucht der Journalisten; in jedem Fall aber: Unklarer, schiefer und unehrlicher geht es nicht.
      Es bedeutet u.a.: „Intentionales Weltverhältnis“, „Intersubjektivität der Verständigung“ und „soziokulturelle Lebensform“ sind, natürlich nur sozusagen, die Physik und die Chemie, sind wie die Physik und die Chemie; oder treten, irgendwie natürlich nur wieder, an ihre Stelle. Eine äußerst unehrliche Metapher, auf die der Geist sich schließlich reduziert; bis zu einem philosophischen Gedanken bringt man es nicht; und um eigentliche Physik, eine herrliche Wissenschaft, geht es auch nicht. Aber Habermas legt Wert auf den schäbigen, unbrauchbaren Rest des unreifen, ideologischen Traumes, auf die Illusion, das läppische Spielzeug des „Physikochemischen“ an der Grundlage unserer „psychischen Vorgänge“; er hält im Prinzip daran fest, wie man das ja nennt, statt – realistisch und philosophisch – einen Gedanken aufzugeben, mit dem nun einmal nichts anzufangen ist.


Zwischendurch zur Klärung.


Also: Sind unsere „psychischen Vorgänge“, in Abhängigkeit von ihrer Grundlage, ausschließlich und zur Gänze „physikochemischer“ Natur, oder sind sie es nicht? Lassen sich z.B. die „Empfindungen und Gefühle, die Gedanken und Entscheidungen aus physikochemischen Vorgängen des Gehirns erklären und voraussagen“? In jedem Fall haben wir schon zu Anfang alsbald festgestellt: Welche Antwort man auch gibt, sie entscheidet in keinem Fall darüber, ob es zu einer „tiefgreifenden Revision unseres Selbstverständnisses“ oder zu „beträchtlichen Erschütterungen“ hinsichtlich des „Bildes von uns selbst“ oder zu Ähnlichem bei uns kommen müsse; denn der Naturnotwendigkeit, deretwegen wir „in absehbarer Zeit“ „erschüttert“ sein sollten, unterliegen wir so oder so, ob nun unsere „psychischen Vorgänge“ auf „Erregungsmuster“ physiko-chemischer, biologischer oder geistiger Natur zurückgehen oder auf Muster, die einiges oder alles davon teilweise sind oder nicht sind oder die überhaupt zur Gänze anderen Bereichen der einen und zusammenhängenden und überall von Gesetzen beherrschten Natur angehören.
      Die Unwissenheit über die ganz unbestreitbaren und auch unbestrittenen grundlegenden Denkgesetze, die dem besagten Irrtum zugrunde liegt, verrät die barbarische Dekadenz unseres geistigen Lebens und die lächerliche Unreife, die auf dieser Grundlage möglich geworden ist – gleichgültig ob bei Habermas oder bei Neurowissenschaftlern oder bei anderen Schreibern, die im Geist der Hochfinanz Bücher und Zeitschriften füllen und damit geistig unerfahrenen Menschen die Zeit stehlen.
      Wir unterliegen also in sämtlichen empirischen Bereichen der Naturnotwendigkeit! Bedeutet das, dass wir determiniert sind? Ich höre schon das Gebrüll: dass das ja wohl das Allerselbstverständlichste sei. Und besonders eingebildete Menschen werden meinen, ich wüsste nicht, was Determination ist; sie haben nämlich ihren ganz besonders gearteten Stolz deshalb, weil sie es zu wissen glauben – es ist eigentlich das Gegenteil von Stolz – . Und trotz alledem wird sich in der Folge zeigen, dass Determination das Gegenteil des Allerselbstverständlichsten ist. Schwätzte man doch nur nicht immer und ausschließlich so von Kant, wie einige Leute glauben, aus geschäftlichen oder gesellschaftlichen Gründen einen schweren Wagen fahren zu müssen.
      Aber bevor ich zu diesen Fragen komme, möchte ich der Vollständigkeit halber noch einmal, nur jetzt nicht auf Habermas´ Grundlage, auf die These der Neurowissenschaftler eingehen: auf die angeblich ausschließliche physiko-chemische Natur unserer „psychischen Vorgänge“ – oder derjenigen Strukturen, von denen aus man angeblich auf sie schließen kann.


Noch einmal: rein physiko-chemisch?


Wie ist der Begriff „physikalisch“ definiert? Beschränkt er sich aa) auf Anorganisches? Oder beinhaltet er bb) zugleich Organisches? Und wenn das Letztere der Fall ist, ist es dann bb1) überhaupt und schlechthin und ohne weiteres so? – aber den Fall können wir gleich ausschließen! – oder begründet bb2) bloße größere Kompliziertheit der Struktur des fraglichen Stoffes dessen Zugehörigkeit zum Organischen? Die bloße Kompliziertheit sicher nicht, sie bewirkt immer nur Graduelles. Dagegen könnte als Ursache oder Folge der größeren Kompliziertheit, oder sonst im Zusammenhang mit ihr, oder sogar auch ohne sie, eine pflanzliche, tierische oder menschliche Natur oder Seele von Anfang an hinzugekommen sein – man nenne es, wie man will; aber es handelt sich ja schließlich um „beseelte“ Lebewesen! – also eine menschliche Natur oder Seele, die die bleibende Eigenschaft als organischen Stoffes bedeuten würde. Dann hätten wir allerdings einen organischen Stoff; der ja auch das Gehirn konstituiert; aber dann könnten wir auch nicht mehr von reiner Physik reden – und das ist der entscheidende Gesichtspunkt! – sondern z.B. nur von physikalischen Aspekten, die einer biologischen Schicht untergeordnet wären, wenn wir nicht den Sprachgebrauch ändern wollen, was ja immer das Sinnloseste ist; und was übrigens ganz genau eines der typischen Kennzeichen für unechte Philosophie ist.
      Kurz und gut, es entspricht der begrifflichen Einteilung, die die Menschheit nun einmal vorgenommen hat: das, was eine pflanzliche, tierische oder menschliche Natur hat und was nun einmal beseelt ist, was Wachstum kennt, zwei Geschlechter, Geburt und Tod, alles das als biologisch und zumindest zum Teil auch als intellektuell-geistig und willentlich-geistig nicht nur zu erleben und zu erfahren, sondern es auch so zu nennen – es also nicht als physikalisch zu bezeichnen; und aus den gleichen Gründen auch nicht als anorganisch-chemisch, also schon einmal nicht als physiko-chemisch. Von dem, was wir physikalisch oder chemisch nennen, haben wir ebenfalls nur Erlebnis und Erfahrung, sei es unmittelbar oder auf dem Weg über hochentwickelte technische Apparaturen. Und es gibt keinen Grund, weshalb Erlebnis und Erfahrung vom Physiko-Chemischen mehr Gewicht haben sollten als Erlebnis und Erfahrung vom Biologischen und Geistigen. So dass es also dieses Mal aller Voraussicht nach auch auf die Dauer beim Phänomen des wirklich und wahrhaftig Biologischen und Geistigen, und des durchaus nicht heimlich und in Wahrheit Physiko-Chemischen, bleiben wird – zumal weitere Gesichtspunkte hinzukommen werden; auf die wir danach, am Ende der jetzigen Datei noch eingehen wollen.
      Aber stehen wir mit dieser Auffassung ganz allein? Mit der begrifflichen Begründung schon; aber nicht mit dem Ergebnis. Denn wir haben ja gesehen, was Habermas selber aus den Forschungsergebnissen anderer berichtet: Wie sollen wir die Meditation eines Mönches – die geistige Strukturen hat – auf das synchron beobachtete Erregungsmuster von – rein physiko-chemischen – Gammaoszillationen seiner Hirnrinde beziehen, und weiter: wie sollen wir die elektronenzephalographisch festgestellte Korrelation zwischen einer Glaubenserfahrung und einem neuronalen Zustand deuten? (Seite 23) Und zwei Seiten vorher: Lutz Wingert zeigt, dass sich Personen unter der angebotenen neurologischen – rein physiko-chemischen – Selbstbeschreibung unverständlich werden müssen – nicht nur als handelnde, sondern auch als lernende Personen. (Seite 21) Physiko-chemische Vorgänge sind nun einmal etwas anderes als biologische und geistige Vorgänge und Gedanken. Und im Ergebnis bedeutet das alles, dass wir zumindest mit einem sehr wesentlichen Teil unserer Auffassung nicht allein stehen. Im Übrigen müssen wir die von Neurowissenschaftlern beobachteten physiko-chemischen Oszillationen bis zum Beweis des Gegenteils als die ein- und untergeordneten physiko-chemischen Aspekte biologischer oder anderer höherer Schichten verstehen.
      Das also ist in den Kreisen, die sich „wissenschaftlich“, „neurowissenschaftlich“, mit der Willensfreiheit beschäftigen, bei der Sache herausgekommen; und was hatten die Neurowissenschaftler im Jahre 2004 vorausgesagt? „In absehbarer Zeit“ psychische Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen aus physiko-chemischen Vorgängen des Gehirns erklären und voraussagen zu können. (Seite 13)
      Aber was sollte man angesichts der erwähnten „Unverständlichkeit“ noch „erklären“ oder „voraussagen“ können? Würde der physiko-chemische Gehirnschritt, in dem man sich nun also „unverständlich“ wird, mehr besagen als der entsprechende Gedankenschritt, der ja außerdem sachlich begründet sein sollte, das heißt: der seine „Erklärung“, außer in der Physiko-Chemie“, zugleich in sachlichen technischen, handwerklichen, geschäftlichen, politischen usw. Zusammenhängen finden muss oder finden sollte, in dem, was von dem „Gedanken“ gedacht wird? Und wie verhält es sich bei „Empfindungen“ und „Gefühlen“? Und erst recht: bei „Entscheidungen“?
      Außerdem: warum sollte es, nach allem, ausgerechnet im Gehirn, in einem Organ, in etwas Biologischem, nicht auch biologische Gehirnsequenzen geben, denen unsere Gedankengänge, Empfindungen usw. umso eher entsprechen könnten, als die biologische Schicht höher steht als die physiko-chemische? Woher weiß man überhaupt, dass die elektron-enzephalographish festgestellten Gammaoszillationen usw. physiko-chemischer Natur sind; und dass es sich bei ihnen nicht etwa um die schon erwähnten untergeordneten physiko-chemischen Elemente einer übergeordneten biologischen Schicht handelt, die ja physiko-chemische Elemente braucht?
     Oder wie wäre es erst recht mit nervlichen Gehirnsequenzen, die man selbstverständlich zugleich als biologisch und als intellektuell-geistig sowie voluntativ-geistig auffassen müsste? Sind sie nicht überhaupt von vornherein das Nächstliegende?
      Also: nichts ist „erklärt“ auf Grund physiko-chemischer Gehirnuntersuchungen; und noch viel weniger lässt sich mit Hilfe solcher vermeintlich rein physiko-chemischen Sequenzen über dasjenige „voraussagen“, was man in ihnen ausdrücklich nicht wiedererkennt. Heißt es nun: „Warte ab! Eines Tages wird es anders sein“? Aber, Bester: „Das Gebot abzuwarten, gilt für die, die ohne Beweis behaupten, dass dieses oder jenes eines Tages so und so sein wird.“ Zumal es im vorliegenden Fall gar nicht danach aussieht, dass es das wird. So dass wir durchaus nicht allein stehen, wenn wir uns nicht „dazu bekennen“, die „Neurowissenschaftler“ würden in absehbarer Zeit, oder auch nur irgendwann, alle denkbaren „psychischen Vorgänge“, auf Grund physiko-chemischer Vorgänge des Gehirns „erklären“ und „voraussagen“ können.


Noch einmal: zu der grundlegenden Unmöglichkeit
in der Ankündigung der Neurowissenschaftler.


Aber, wie gesagt, angenommen selbst, man könnte das alles: So haben wir ja gleich anfangs gesehen, dass der typisch ideologische, nämlich traurig unrealistische, Gedanke unabhängig von der Frage seiner Richtigkeit – die sich voraussichtlich niemals erweisen wird! – mit Sicherheit auch nicht sinnvoll ist. Denn selbst wenn die Neurowissenschaftler nicht Recht haben und unsere „psychischen Vorgänge“ durchaus nicht physiko-chemischer Natur sind, so unterliegen wir dennoch, wie in allen Fällen, so auch in diesem, der Naturnotwendigkeit. Genauso, wie wenn die Neurowissenschaftler, mit ihrer physiko-chemischen Natur für unsere „psychischen Vorgänge“, Recht haben sollten. Für „Erschütterungen“, „tiefgreifende Revisionen unseres Selbstverständnisses“ usw. hat die Sache also keinen Wert; und ein anderer Wert ist weder in Sicht noch haben die Neurowissenschaftler etwas darüber gesagt. Das heißt, die physiko-chemische Idee ist nicht nur besten Falls ein Streit um Kaisers Bart, sondern es kommt bei ihr auch nichts heraus; zwei Eigenschaften, die sehr gut zueinander passen.
      Die Naturnotwendigkeit – oder auch, wenn man so will, die Determination – beherrscht nicht nur den physiko-chemischen Bereich innerhalb der empirischen Schicht, sondern genauso gut den biologischen, den geistig-intellektuellen und geistig-voluntativen und alle anderen empirischen Bereiche. Und es ist deshalb für die Frage, ob wir „determiniert“ sind oder nicht, anders als die Neurowissenschaftler es mit unglaublicher Ignoranz und Wichtigtuerei voraussetzen, völlig gleichgültig, ob unsere „psychischen Vorgänge“, von den Empfindungen bis zu den Gedanken und einschließlich unserer willentlichen Entscheidungen, physikalisch-chemischer oder z.B. geistiger oder medizinischer Natur oder welcher Natur auch immer sind.
      Wir müssen uns hiernach mit den Implikationen der Naturnotwendigkeit befassen, mit dem, was der eine oder andere unter dem trostlosen oder für ihn vielleicht wonnevollen Begriff der Determination demonstrativ verehrt. Führen wir uns jedoch vorher noch einmal den bisherigen Hauptpunkt eindringlich zu Verstande: die ohnehin allbeherrschende Naturnotwendigkeit, ob physiko-chemisch oder nicht; mit der Folge, dass eine ausschließlich physiko-chemische Natur unserer „psychischen Vorgänge“ für die Frage, ob wir determiniert sind und Grund für eine „beträchtliche Erschütterung“ und „tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses“ haben, völlig gleichgültig ist.
      Habermas schreibt z.B.: Es sind vor allem unsere alltäglichen Überzeugungen – und die Philosophen als Fürsprecher des Common sense – die sich nicht so leicht über die Revisionsfestigkeit unseres begrifflich immunisierten Freiheitsbewusstseins hinwegsetzen. Und zwar aus dem einfachen Grund, weil eine Revision des Sprachspiels verantwortlicher Urheberschaft mit der Hypothek eines Umbaus unserer Lebensform im ganzen belastet ist.
      Solange unser Zusammenleben über Werte und Normen geregelt wird, müssen Personen für die Folgen ihrer Handlungen zur Rechenschaft gezogen werden können.
(Seite 21f.)
      Aber was soll immer wieder dieser äußerst billig zu habende „feine Spott“ oder, wenn man will, auch diese ebenso billige „überlegene Kritik“ mit dem moralisierenden Vorwurf, die Gegner des Gedankens von der allumfassenden Physiko-Chemie für das „Gehirn“ hätten für ihre Ablehnung einen spießigen, unsachlichen und moralisch anrüchigen Beweggrund? „Sie können sich nicht umstellen.“ „Sie können sich gar nichts anderes denken.“ Und im Hintergrund: die „alternative“ Gesellschaft, das „alternative Denken“, als typisches Produkt geistig hochmütiger, sich aber ewig irrender Pseudointellektueller. Solche Praktiken bauen zugleich auf der psychologischen Tatsache auf, dass ein gewisser Typ geneigt ist, sich einem solchen Psychoterror zu beugen, weil der Betreffende innerlich trotz allem nicht unabhängig genug ist und deshalb dazu neigt, sich seiner Ablehnung bloßer modischer, aber nun einmal nicht stichhaltiger, sondern unhaltbarer Gedankengänge ohne berechtigten Grund zu schämen – obwohl der besagte feige ausweichende Pseudointellektuellen-Trick gerade mit Logik und so auch mit Geist erst recht nichts zu tun hat. Worin liegt die Unlogik? Die Beweislast für die physiko-chemische Behauptung liegt bei den Neurowissenschaftlern und ihren Gesinnungsgenossen; und solange sie dieser Beweislast nicht genügen, haben sie den Versuch zu unterlassen, der Gegenseite mit ebenso abgegriffenen wie hochmütigen Intellektuellen-Idiotien zu imponieren.
      Also, innerhalb der räumlich-zeitlichen Schicht der Erfahrung, mit anderen Worten: innerhalb der empirischen Schicht gilt der Satz: kein Vorgang ohne Ursache. Schon mal gehört, alter gehätschelter Intellektueller, neben dem inzwischen aus der Mode gekommenen, weil von der Hochfinanz aufgegebenen, marxistischen Unsinn, und ferner: neben dem Bildungsgeschwätz, den Bildungshalbheiten, den Intrigen an der Frankfurter Schule und an der Universität? Vielleicht hat es sich nicht jeder klargemacht, vor allem der verbildete Intellektuelle nicht; oder vielleicht hat es sich nicht jeder theoretisch klargemacht; und ganz bestimmt hat sich nicht jeder philosophisch und begrifflich ungeschliffene Intellektuelle ein für allemal gesagt, dass es sich so verhält. Aber jeder weiß es im Grunde, und „im Grunde“ heißt hier ganz genau: jeder weiß es, sobald er darüber nachdenkt – und das heißt: es ist unbestritten – : ein Phänomen ohne Ursache, in der empirischen, räumlich-zeitlichen Welt, wäre ein ausgewachsenes Wunder, das allein schon müsste genügen. Von nichts kommt nichts, das gilt auch hier. Ursachen aber determinieren; findet sich die Ursache, so tritt notwendig auch die Wirkung ein; tut sie es nicht, so ist die Ursache keine Ursache, sondern höchstens Mitursache, Faktor einer Ursache.
      Wir unterliegen demnach so oder so, in allen Fällen, der Notwendigkeit der Naturgesetze. Auch bei unseren „psychischen Vorgängen“, die die Neurowissenschaftler ins Auge gefasst haben. Und zwar unterliegen wir entweder für alle Bereiche gleichermaßen nun gerade den physiko-chemischen Naturgesetzen, auch für den biologischen und den geistigen Bereich, also auch bei unseren „psychischen Vorgängen – wenn die Neurowissenschaftler Recht haben. Oder wir unterliegen für jeden Bereich nur der entsprechenden, gleichnamigen Naturgesetzlichkeit, für den biologischen den biologischen Naturgesetzen und für den geistigen Bereich den geistigen, nämlich intellektuellen und willentlichen Naturgesetzen; bei unseren „psychischen Vorgängen“ unterliegen wir dann also nicht der physiko-chemischen Naturgesetzlichkeit, sondern, wie gesagt, den Naturgesetzen, die für unseren Intellekt und unseren Willen gelten. Und selbstverständlich gilt bis zum Gegenbeweis, den die Neurowissenschaftler nie erbringen werden, die letztere, und nicht die seltsame erstere Alternative.
      In jedem Fall aber ist es nun ein haarsträubender und absolut kompromittierender Unsinn, von den Neurowissenschaftlern und ihren Nachschwätzern, und es verrät deren ganz eindeutige philosophische Ignoranz, ihre Verwilderung, ihr Fehlen wahrer geistiger Bildung, nicht daran gedacht zu haben, und mangels Wissens auch nicht imstande gewesen zu sein, daran zu denken, dass die allgemeine und umfassende Geltung von Naturgesetzen für den empirischen Bereich, für die empirische Schicht der Natur, und so auch für unsere „psychischen Vorgänge“, nicht davon abhängt, dass diese Naturgesetze nun gerade physiko-chemische Gesetze sind, und nicht etwa psychologische, die für unser Denken und Wollen gelten. „Physik“, „Chemie“, „Determination“! so möchten sie am liebsten himmeln; das tun sie nun nicht, aber man tut etwas noch viel Primitiveres: Man vergisst die allgemeine und umfassende Naturgesetzlichkeit und dekretiert, ohne sich die Ungeheuerlichkeit klarzumachen: „Physik und Chemie, das ist die einzige wirkliche Wissenschaft, nur hier herrschen strenge Gesetze. Und: Determination, Naturgesetzlichkeit, das ist unsere Leidenschaft, wir sind gegen die Existenz eines Gottes“ – eine ganze Kette von Unsinn! Nur zum Beispiel: Als ob nicht gerade die mosaische Gottesidee eine der Quellen des Determinationsgedankens wäre! Trotzdem heißt es: „Determinismus, Atheismus sollen gelten.“ „Also“ – so schließt man messerscharf – „werden demnächst wir Neurowissenschaftler nachweisen, dass unsere psychischen Vorgänge physiko-chemischer Natur sind, dass überhaupt alles Physik und Chemie ist.“ Genauer: dass „psychische Vorgänge wie Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen aus physikochemischen Vorgängen des Gehirns erklärt und vorausgesagt werden“ können.
      – Die lächerliche Unklarheit unter anderem in diesem Punkt ist symptomatisch für eine geistige und politische Schicht, die uns eines Tages zugrunde richten könnte. Bedenken wir nur, wie viele es sind! Es sind ja nicht nur die aktiven Schwätzer. Es sind auch die zahllosen Nachschwätzer. Haben sie etwa keinen Anteil an der Dummheit, obwohl sie sie nachreden? Und wir können uns darauf verlassen, Dummheit steckt an: die Leichtigkeit, mit der man die eine unsinnige Oberflächlichkeit nachschwätzt, überträgt sich auf alles andere, man glaubt etwas zu wissen, was man in Wirklichkeit nicht weiß, in politischen, ethischen und religiösen Dingen. Es ist zum Verzweifeln! –
      Auf die herrliche Entdeckung einiger unauffälliger Neurowissenschaftler „Alles ist Physik und Chemie“ sollen die „Erschütterungen“ folgen, die besagte „tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses“. Die Erschütterungen sind nur theatralisch-masochistisch gedacht, wonnevoll oder schick: Keine Justiz mehr! Im Ergebnis nur noch Erziehung und Irrenanstalten! Überhaupt George Orwell auf der ganzen Linie; und natürlich: ein „Umbau unserer Lebensform“, die große Stunde der pseudointellektuellen Besserwisser, endlich! endlich! Aber das alles erst jetzt? Was hat die Menschheit denn bisher gedacht! Offenbar gar nichts. Ich zitiere dafür erstens das spanische Sprichwort „Dumm ist, wer denkt, dass der andere nicht denkt (Necio es quien piensa que el otro no piensa). Und zweitens: Wir werden gleich sehen, dass die Menschheit sehr wohl gedacht hat; nur: die heutige Elite ist zu klein für das Gedachte.
      Aber was erwartet man denn auch von einem bloßen Propagandisten, der Jahrzehnte lang auf Befehl der Hochfinanz geredet und geschrieben hat, oder, wem das besser gefällt: der mit Einfühlsamkeit in deren Willensrichtung geschrieben hat, oder ganz besonders diskret: mit Anpassung an das, „was ankommt“.


Unsere Willensfreiheit und die Naturgesetze.


Doch zurück zur Naturgesetzlichkeit: zur Frage unserer so genannten Determination, die sich bei der Behandlung der „psychischen Vorgänge“, in unserem Gehirn und innerhalb der Gesamtheit der Natur, ergeben hat. Wir haben der Naturgesetzlichkeit, gegenüber der Halbbildung, zu ihrem Recht verholfen; und müssen jetzt das Gleiche für die Freiheit der großen Gesetzgeberin Natur, und das bedeutet: für jeden Einzelnen von uns, zustande bringen.
      Ich nehme eine Andeutung des Kernes der Sache vorweg: allein schon für diejenigen, die sich an Hand der Datei „Determiniert? Durch was denn?“ (hier auf der Netzseite) ein Bild gemacht haben. Es geht darum, zu zeigen, dass wir Menschen selbst ein Teil der Natur sind; und dass sich die Natur in Gestalt jedes ihrer einzelnen Teile, erst recht jedes einzelnen Menschen, ihre Gesetze selber gibt; könnt ihr euch jetzt einen großen Teil des Weges denken, den der Gedanke nimmt? – ich sage, einen großen Teil – ; und warum die Natur, auch die Natur jedes einzelnen Menschen, durch die Naturgesetze nicht determiniert wird?
      Man war sich schon zur Zeit Kants über die philosophische Einordnung der Naturgesetze im Klaren; man war nicht auf den dummen Gedanken der Neurowissenschaftler gekommen, Naturgesetze mit ihrer Determination gebe es nur im physiko-chemischen Bereich, in allen anderen Bereichen herrsche das, was ein ungebildeter Mensch unter Willensfreiheit versteht. Denn anders lässt sich das neurowissenschaftliche „Manifest“ ja nicht begreifen und erklären! Unter den philosophischen Köpfen der damaligen Zeit war mit Sicherheit auch niemand, der auf die „Erschütterung“ der Neurowissenschaftler hereingefallen wäre – auf dieses pseudoliterarische Relikt aus gewissen dichterischen Erzeugnissen der aller ersten Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, wonach ein geistiger Mensch über alle möglichen für geistig gehaltenen Dinge „erschüttert“ oder ähnliches zu sein hatte; und wonach er mit den „erschütternden“ Dingen außerdem sehr stark sympathisieren musste; es war schick, so zu sein, und es war ganz und gar unschick, anders zu sein, obwohl die meisten – unter der Hand! – genau das, nämlich anders waren.
      Kant dagegen und viele seiner Zeitgenossen hatten andere Bestrebungen; sie dachten über die Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Naturgesetzen nach; Kant selbst hatte die Naturgesetze kurz vorher sehr stark relativiert, so dass die Vereinbarkeit alles andere als aussichtslos war; soweit nötig, werden wir sehen, was das bedeutet; Kant fasste dieselbe Sache allerdings bei einem anderen Zipfel an als wir vorhin:
      Heute weiß man – theoretisch – nicht mehr viel von der Beschränkung der Naturgesetze auf „Vorstellung“ und „Erscheinung“, auf Raum, Zeit und Kausalität; man kennt Kant nicht mehr, man tönt gerade noch, in Geselligkeiten: „Kant, ja, ja, Imperativ“ – gemeint ist dann der „Kategorische Imperativ“, ihn hat man noch mitbekommen – und von Schopenhauer kennt man vielleicht, vielleicht noch das, was psychologisch interessant ist und nicht ganz so viel Konzentration erfordert; man ist überhaupt sehr feige gegenüber allem, was Konzentration verlangt. Vielleicht ahnt man noch das eine oder andere. Aber die Schicht, die jetzt in geistigen Dingen das große Wort führt, ist längst in Bildungsgeschwätz, Dummheit, Unkultur und Barbarei versunken.
      Freunde, ich nenne euch jetzt, zur Freiheit des Willens trotz der Naturgesetzlichkeit, erstens einige termini technici, einige Fachausdrücke Kants, darüber hinaus ein paar Stichworte von ihm; und zugleich hiermit: die wichtigste Fundstelle bei ihm: „Kritik der praktischen Vernunft“ (nach den am Rand beigegebenen Seitenzahlen der Originalausgabe von 1787:) Seite 169 – 179 = Erster Teil, I. Buch, 3. Hauptstück: „Kritische Beleuchtung der Analytik“, 8. – 12. Absatz. Mancher wird sich, zumindest an Hand dieser Stelle, schon ein gewisses Bild von Kants Gedanken zur Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Naturgesetzlichkeit machen können; aber Kant ist nicht leicht zu lesen.
      Dennoch bitte ich euch, nicht gleich an der Sache zu verzweifeln. Ich werde euch, nach den termini technici und den Stichworten von Kant, als zweiten Punkt einen Gedanken des altgriechischen Philosophen Platon wiedergeben, der Kants Lösung der Frage nach der Vereinbarkeit von Willensfreiheit und Naturgesetzlichkeit auf ganz andere Weise als unser deutscher Denker, völlig plastisch und, abgesehen von der Bildhaftigkeit, völlig richtig ebenfalls wiedergibt.
      Nur, dem einen oder anderen könnte diese Darstellung, wenn sie durch nichts weiter ergänzt wird, vielleicht nicht nur sehr plastisch, sondern zugleich auch allzu bildhaft vorkommen. Und ich will deshalb, unter Zuhilfenahme einiger Gesichtspunkte der beiden großen Männer, noch eine eigene, dritte Darstellung versuchen, die zusammen mit dem Übrigen hier in dieser Schrift, dann vielleicht ausreicht. Ich bitte also, nicht vorzeitig zu streiken.
     Zunächst also zu Kants markanten Punkten. Er spricht (in der „Kritik der reinen Vernunft“), anlässlich unserer Willensfreiheit und ihres scheinbaren Gegensatzes zu den Naturgesetzen, unter anderem vom „empirischen Charakter“: von uns in unserer Eigenschaft als empirischer Wesen; das heißt, unter diesem Aspekt betrachtet, befinden wir uns mit unserer gesamten Aktivität, mit unserem gesamten Dasein einschließlich unserer „psychischen Vorgänge“, in einer ununterbrochenen Kette von Ursachen und Wirkungen – gleichgültig, ob die „psychischen Vorgänge“ „in Wahrheit“ physiko-chemisch sind oder nicht – und insofern sind wir denn auch nicht frei, sondern determiniert, wie Wirkungen in den endlosen Ursachenketten dieser Welt es ja sind. Außerdem aber hat jeder von uns, gemäß Kant (a.a.O.), auch den Aspekt des „intelligiblen“ Charakters; womit Kant auf den uralten terminus technicus Platons vom „Intelligiblen“ zurückgreift, vom „Intelligiblen“ in der Bedeutung: „nur mit der Vernunft erkennbar, nicht mit den Sinnen, nicht sinnlich, nicht empirisch erkennbar“: als „Ding an sich“, weil der „intelligible Charakter“ der Aspekt des „Dinges an sich“ ist: unter anderem als Aspekt unserer Zeitlosigkeit, die uns als „Dingen an sich“ und sozusagen als Vernunftwesen eigen ist. Unter diesem Gesichtspunkt sind wir frei; unter dem Aspekt der zeitlichen Sukzession dagegen, der zeitlichen Aufeinanderfolge, die Ursache und Wirkung und die Wirkung wieder als neue Ursache usw. und damit die Ursachenkette mit den determinierten Wirkungen bedingt, sind wir nicht frei, sondern eben determiniert; denn auch jede Ursache ist ja wieder eine Wirkung. Das Ganze mit der Maßgabe, dass der „empirische Charakter“, mit dem wir nur als „Erscheinung“ erfasst sind, den „intelligiblen Charakter“, dessen „Erscheinung“ der „empirische“ ist, so denn auch voraussetzt.
      Platon dagegen erfasst uns in unserer Eigenschaft als „intelligible Charaktere“ unter dem Bild der Seelen kurz vor der Geburt, in der Unterwelt; entsprechend erfasst er uns in unserer Eigenschaft als „empirische Charaktere“ unter dem Begriff unseres jeweiligen, „jetzigen“ Lebenslaufs oder Lebensloses, die Vorstellung der Reinkarnation liegt zugrunde. Und er lässt nun die Seelen kurz vor der Geburt ihr Lebenslos selber wählen: „Nicht euch erlost der Dämon, sondern ihr wählt den Dämon. ... Die Schuld liegt bei dem, der wählt; Gott ist ohne Schuld.“ (Staat/Politeia 617e1-5)
      So wie also hier die Seelen ihr Lebenslos selber wählen, es dann aber bis zum bitteren oder auch nicht ganz so bitteren Ende als vorgefertigtes Lebenslos, also determiniert, durchlaufen müssen – es andererseits aber auch wieder in voller Freiheit durchlaufen, weil sie es selbst gewählt haben und es, vom Blickwinkel der sukzessionslosen Ewigkeit aus gesehen, auch jeden zeitlichen Augenblick wieder von Neuem wählen – ebenso also entschließen wir uns völlig frei, unseren zeitlosen, also auch sukzessionslosen, also auch ursachenlosen und folglich auch undeterminierten und freien ewigen Entschluss – mit anderen Worten: uns als „Dinge an sich“, durch den Eintritt in unser empirisches Dasein, in die Schicht der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, nur durch die zeitliche Brille der Sukzession, so denn auch der Ursachen und so denn auch der Determination zu sehen, zu erleben und aufzufassen. Womit wir, nach Kant und Platon, nun auch schon einmal einen Schimmer der soeben angekündigten dritten Darstellung vor Augen haben.
      Und geben wir uns nun, bevor wir den Gedanken der dritten Darstellung danach mit aller Genauigkeit in seinen einzelnen Denkstufen durchgehen, zunächst summarisch Rechenschaft darüber, wie wir darauf kommen, die Naturgesetze in die Schicht der bloßen „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ zu verlegen. Es ist so, und wir haben es vorhin auch so angekündigt: Wir bestimmen uns zwar selber, aber Selbstbestimmung bedeutet das genaue Gegenteil von Determination im Sinne der Philosophie über die Willensfreiheit. Und eine Determination durch andere Wesen kommt deshalb nicht in Betracht, weil unser Wesen, wie sich klarmachen lässt und wie wir es in der Folge ein weiteres Mal klarmachen werden, „aus sich selber ist“ und hervorgeht, im „aus sich Selber“ geradezu besteht und durch eine Determination folglich auch gleich zu nichts werden müsste, wenn das möglich wäre. Da wir uns also weder selber determinieren noch von anderen determiniert werden, kann eine Determination durch Naturgesetze nur in der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, und nicht „an sich“ stattfinden.
      Der extremen Ignoranz der Neurowissenschaftler und ihrer Nachbeter, die in Gestalt einer Art Miniatur-Ideologie nur eine physikalisch-chemische und darüber hinaus keine Naturnotwendigkeit sehen, steht die Wahrheit der Tiefe und Grundsätzlichkeit dieser Dinge gegenüber. Wie gesagt, haben sich die Neurowissenschaftler keine Gedanken darüber gemacht, wie sich denn die gesamte gewöhnliche, nicht-neurowissenschaftliche Menschheit die Natur zu einem riesigen Teil ohne Naturnotwendigkeit gedacht haben sollte, da diese Menschheit, ja noch nicht in den genialen Zukunfts-Gedanken, in den eben noch nicht bewiesenen Gedanken, eingeweiht war, alles sei Physik und Chemie, und da man von derselben Menschheit denn ja auch die entsprechende „Erschütterung“ usw. erwartet, darüber dass man nun also der Naturnotwendigkeit unterliege. Haben wir schon einmal etwas von der Arroganz, der Eingebildetheit der Nichtdenkenden gehört?
      Und kommen wir jetzt zur ausführlichen Untersuchung der beiden Punkte, dass weder wir selbst noch andere uns determinieren und dass die Determination deshalb der bloßen „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ angehört – insgesamt ein Zusammenhang, für den ich weitgehend auf die Datei „Determiniert? Durch was denn?“ hier auf der Netzseite zurückgreife!


Keine Determination durch uns selbst.


Also zunächst: wir selbst determinieren uns nicht durch die Naturgesetze. Oder auch: die Determination durch die Naturgesetze geht nicht von unserer Person und folglich auch nicht, von unserem Organismus aus.
      Gehen wir für diese Frage auf die so genannten „deterministischen“, also die determinierenden „Prozesse“ in unserem Organismus ein, die die Neurowissenschaftler für die gegenteilige Behauptung geltend machen; denn unser lebender Organismus gehört ja auf jeden Fall zu unserer Person. Eine besondere Gruppe der determinierenden Prozesse in unserem Organismus sind die vielbesprochenen „elektro-enzephalographisch“ oder auch „elektron-enzephalographisch“ „registrierbaren Signale“. Aber das Entscheidende ist nun: determinieren sie uns, oder determinieren wir sie? Die Antwort kann nur sein: dass wir sie determinieren oder jedenfalls beherrschen. Warum? Weil sie zu unserer Person gehören? Gepriesen sei, wem das genügt! Wir können uns allerdings nicht selbst „determinieren“, in dem Sinne, dass wir uns selbst den freien Willen nehmen. Aber sagen wir es so: Unser Zentrum steuert alle Vorgänge bei uns. Logischerweise steuert es dann im Übrigen auch sich selbst, d.h. es übt Selbstbestimmung, die selbstverständlich wieder keine Unfreiheit des Willens, sondern genau das Gegenteil bedeutet – um jetzt an dieser Stelle gleich zum zweiten Mal dasselbe zu sagen – Woher aber weiß ich, dass ein Zentrum alle Vorgänge bei uns steuert? Soll ich nun antworten, dass zumindest jedes differenziertere Lebewesen eine zentrale Steuerung braucht, dass das Fehlen einer solchen Steuerung Chaos oder Tod bedeuten würde? Man würde das einsehen. Aber gehen wir besser so vor: Das Zentrum in der befruchteten Eizelle entwickelt, einen nach dem anderen, sämtliche Vorgänge, die schließlich den ausgewachsenen lebendigen Leib ausmachen; es erhält sie im Dasein und in ihrer Funktion, wenn es sie zu Ende entwickelt hat. Also wird es von ihnen nicht determiniert, sondern es beherrscht sie seinerseits; wenn auch vielleicht, ohne sie zu determinieren – es gibt ja Organtransplantationen! – dann aber doch so, dass die einzelnen Vorgänge und Organe dem Zentrum und dem Ganzen dienen, ihm gehorchen, solange der Mensch als gesund gelten kann. Oder glaubt jemand, die erste organische Erweiterung, die aus der Eizelle hervorgeht, determiniere dabei und danach die Eizelle oder das Zentrum? Doch wohl nicht! Also! Und so weiter, bei der Bildung und Erhaltung des gesamten Organismus.
      Man kann es auch folgendermaßen plastisch machen: Forscher entdecken ein Gen für Hilfsbereitschaft; oder eines für die Fähigkeit, andere in der Öffentlichkeit schnell wiederzuerkennen. „Da haben wir´s! Dieses Gen determiniert den betreffenden Menschen.“ Nein! Durchaus nicht! Das betreffende „aus sich Selber“ hat vielmehr das Gen, von sich aus, aus der Gesamterbmasse ausgewählt oder aktiviert, wir können Gene nämlich auch nicht wählen oder unaktiviert lassen. Selbstverständlich können wir das! Sonst wären ja Vollgeschwister untereinander immer gleich. Die Wahl ist geradezu die Art, wie unser „aus uns Selber“ in die empirische Welt eintritt – was es zu allem Überfluss ja auch unterlassen kann; und so kann von einer Determination des Menschen durch Gene keine Rede sein!
      Fangen wir nun damit an, das besagte Zentrum genauer zu durchdenken, also das, was schon in der befruchteten Eizelle vorhanden sein muss. Deren Intellektualität wird kaum entwickelt sein, vielleicht fühlt sie etwas. Dagegen muss sie in jedem Fall Subjektivität haben; wie zumindest alles tierische und menschliche Leben. Die Eizelle also hat, wenn schon nicht Intellekt, dann jedenfalls die einzige andere Komponente des Subjektiven, nämlich die voluntative, volitive, willentliche Komponente; das heißt, sie hat Willen. Nur ist die Subjektivität des Willens von ganz anderer Art als die des Intellektes.
      Der Intellekt schafft sich von dem, was er auch objektiv, als Objekt für gegeben hält, ein mehr oder weniger zutreffendes Abbild; dieses Abbild geht nicht nur vom Objekt aus, sondern auch von ihm selbst, dem Intellekt, dem Subjekt. Er schafft es insoweit „aus sich selber“, aus ihm, dem Intellekt selber; auf ihm allein beruht das Abbild seiner Substanz nach; und aus diesem letzteren Grund ist zwar das Abbild, aber gerade nicht der gesamte Intellekt subjektiver Natur. Halten wir aber fest: subjektiv = „aus sich selber.“
      Wie wir wissen, gibt es nicht nur äußere Tatsachen, sondern auch innere; ihrer können wir uns am sichersten sein, weil wir sie in uns haben. Zu ihnen gehört das, was wir gerade über die Subjektivität des Intellektes gesagt haben; zu ihnen gehört aber auch, dass der Wille im Gegensatz zum Intellekt, der ja gerade auch objektiv sein soll, durch und durch und ausschließlich subjektiver Natur ist. Außerdem haben wir am Beispiel des Intellektes gerade gesehen, dass die Subjektivität im „aus sich Selber“ besteht, für das sie nichts als ein Synonym ist. Demnach lässt der Wille, als das total Subjektive, sein gesamtes Sein „von sich selber“ ausgehen, von sich, dem Willen, und seinem Sein; er ist also wirklich mit seinem gesamten Sein „aus sich selber“; worin seine radikale, totale Subjektivität besteht. Er ist die Subjektivität selbst; aber er ist im Übrigen gerade deshalb auch besonders real, nämlich „aus sich selber“, also eigenständiges Sein. Finden wir das paradox?
      Aber wir sind noch nicht fertig. Der Wille ist nicht nur reine Subjektivität, sondern auch reine „Energie“, reine „Dynamik“ – schließlich kennen wir ja unseren eigenen Willen! Reine Energie aber umschließt und beinhaltet nichts Passives, also ist sie nicht „aus anderem“; denn dann wäre sie passiv. So dass der Wille auch aus diesem Grund „aus sich selber“ ist.
      Warum ist er statt „aus sich selber“ nicht einfach nur „er selbst“, ganz statisch? Er ist „aus sich selber“, weil er „dynamisch“ ist.
      Fazit: der Wille ist das „dynamische aus sich selber Seiende“ oder genauer: er ist das „dynamisch immer von Neuem aus sich selber Werdende.“ Das ist seine Definition.
      Ist diese Definition ganz eindeutig? Man weiß, alles Seiende, ständig von Neuem Werdende, nicht nur unser menschlicher Wille, sondern die ganze Welt, ist reine Energie, reine „Dynamik“. Das wissen wir aber nicht nur aus der Physik, sondern das müssen wir, bis zum Gegenbeweis, ganz unmittelbar auch auf Grund unseres eigenen Willens sehr stark vermuten. Er ist ja ebenfalls ein Teil des Seienden und unterliegt derselben naturwissenschaftlichen Regel – wenngleich man in seinem Fall von Psychologie redet statt von Physik oder Chemie. Und natürlich umschließt und beinhaltet die reine Energie, auch hier in der weiten Welt, so gut wie in unserem Willen, wegen ihrer Reinheit nichts Passives; auch sie ist demnach in keinerlei Hinsicht „aus anderem“, was ja Passivität bedeuten würde, auch sie ist vielmehr voll und ganz „aus sich selber“.
      Mit dem Ergebnis, dass das „dynamische aus sich selber Seiende oder Werdende“ die Definition nicht nur für den menschlichen Willen, sondern überhaupt für das Ganze der empirischen Welt ist. Und die Konsequenz? Dass die Definition zu weit ist? Nein! Dass sich beides unter sie subsumieren lässt! Das ist ja das, was wir jetzt gerade gesehen haben, dass also auch die „Welt“ „Wille“ ist, wie bei Schopenhauer, nur mit einer anderen begrifflichen Herleitung. Vor allem aber ergibt sich bis jetzt, dass sowohl die Welt als Ganzes wie auch jeder Einzelne von uns „aus sich selber“ ist; dass er also nicht determiniert ist, sondern „einen freien Willen hat“, man sollte sagen: dass er ein freier Wille ist.
      Es ist überhaupt noch der eine oder andere Punkt zu klären: So ist das „aus sich Selber“ z.B. eine „Ursache“, die mit ihrer „Wirkung“ oder „Folge“ identisch ist; das heißt, es handelt sich um „Ursache“ und „Wirkung“ nur in einem weiteren Sinne; denn in der uns sonst bekannten Welt sind Ursache und Wirkung zwei verschiedene Dinge. Einwand: wie können wir nachweisen, dass eine solche Kombination von „Ursache“ und „Wirkung“ im weiteren Sinne, mit ihrer schwer vorstellbaren Identität, überhaupt möglich ist? Der Einwand wiegt insofern sehr schwer, als das „aus sich Selber“ der einzig mögliche Freiheitsbegriff ist und der Komplementärbegriff, das Sein „aus anderem“, Determination bedeutet. Wir brauchen uns aber keine Sorgen zu machen: Gäbe es nur Sein „aus anderem“, so müsste dieses „andere“ wieder aus „anderem“ sein, das Letztere seinerseits wieder „aus anderem“; usw. ins Unendliche. Eine solche „reductio in infinitum“ aber, eine solche „Kette, die ins Unendliche geht,“ ist z.B. in der Schicht der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ (im Kantischen Sinne) möglich, dagegen nicht bei dem, was „an sich“ ist, und darauf allein kommt es ja an. Das heißt, das „aus sich Selber“ – die A-se-ität, in scholastischer Terminologie – als einzig möglicher Freiheitsbegriff, ist auf jeden Fall ein notwendiger und so denn auch ein berechtigter Begriff.
      Machen wir uns außerdem klar, dass die Willensdefinition, das „dynamische aus sich Selber“, keinerlei intellektuelle Begriffsmerkmale enthält, Intellektualität liegt weder in der „Dynamik“ noch im „aus sich Selber“. Allerdings, „aus sich Selber“ bedeutet Subjektivität; aber Subjektivität bedeutet nicht auch schon Intellektualität; die Intellektualität des Gedankenbildes rührt daher, dass es der Intellekt ist, der es „aus sich selber“ hervorbringt, sie lässt sich nicht aus dem „aus sich Selber“ als solchem herleiten. Und die Folge: der Wille kann auch unbewusst sein; und er ist es, für sich allein betrachtet, überhaupt immer; was wir unbedingt festhalten müssen; wir berührten den Punkt vorhin schon.
      Und schließlich müssen wir, angesichts der Willens-Definition, eine weitere Sache zu Ende denken, die wir vorhin schon angedeutet haben: Der Sprachgebrauch sagt „Man hat einen freien Willen“; sachlich richtig wäre: man ist ein freier Wille. Machen wir es uns so klar: „Der freie Wille ist nie ein bloßer Teil von uns.“ Wir „haben“ ihn also nicht. Das ergibt sich schon aus der Welt als Wille, wir sahen es ja vorhin: „die Welt als dynamisches aus sich Selber“, wie der Wille, als freier Wille; danach sind wir seine Teile, nicht umgekehrt.
      Und zu guter Letzt: Man spricht von der Frage, ob der Wille frei ist oder nicht; die Formulierung setzt voraus, dass Freiheit oder Unfreiheit Attribute des Willens wären; ebenso in Luthers Formulierung „De servo arbitrio“ „Über den unfreien Willen“. In Wahrheit ist die Freiheit, das „aus sich Selber“, das „nicht aus anderem“, kein Attribut des Willens, sondern eines seiner beiden Wesensmerkmale; mit der Folge: Kein aus sich Selber? Keine Freiheit? Dann auch kein Wille.
      Soviel zu unserem Wesenszentrum und zu unserem Wesen überhaupt – das Ganze, wie gesagt, um der Frage willen, ob die Naturgesetze uns determinieren: ob von uns selbst eine Determination unseres eigenen Wesens ausgeht. Dazu nun also zunächst das jetzt Gesagte: wir selbst als freier Wille, als „dynamisches aus uns Selber“, das sich nicht selbst determinieren kann, sondern sich dadurch nur auslöschen könnte, weil es dann nicht mehr existierte, ganz abgesehen davon, dass Selbstdetermination, also Selbstbestimmung gerade das Gegenteil von dem ist, was man unter „Determination“ im Sinne des Nachdenkens über den freien Willen versteht. Und soviel zugleich zu der Tatsache, dass dieses „aus sich Selber“ nicht von den „neuronalen“ so genannten „deterministischen Prozessen“ (der Deterministen) und überhaupt: nicht von Naturgesetzen in unserem eigenen Organismus determiniert sein kann – schon deshalb nicht, weil diese Größen zu unserer eigenen Person gehören; so dass wir auch dann wieder nur uns selbst determinierten. Vielmehr haben wir gesehen, dass das „aus sich Selber“ seinerseits die so genannten „deterministischen Prozesse“ determiniert; oder sie beherrscht – nach dem gleichen Prinzip, nach dem das Zentrum in der befruchteten Eizelle mit der Bildung der ersten Teile des Organismus und so auch der so genannten „deterministischen Prozesse“ beginnt, die es also beherrscht; die also nicht determinieren.
      Auch unsere Gene, die als Werkzeuge der Naturgesetze gelten, haben wir, wie gesagt, selbst ausgesucht. „Die Schuld liegt bei dem, der wählt. Gott ist unschuldig“ (siehe vorhin). Platon hatte wahrscheinlich nicht geradezu den Begriff der Gene; aber er hatte den Begriff von dem, was uns bestimmen, uns „determinieren“ könnte; vor allem hatte er den Begriff von unserer Selbstbestimmung, in Gestalt unserer eigenen Wahl; und sie stellen wir jetzt gerade wieder fest. Wir haben die Gene, die wir nicht ausgesucht haben, zwar nicht eliminiert, aber wir haben sie unaktiviert gelassen. So dass wir aus allen diesen Gründen nicht von unserer eigenen Person durch „deterministische Prozesse“ oder auch „Naturgesetze“ bestimmt oder „determiniert“ sein können – wie gesagt, das alles ganz abgesehen von dem Gesichtspunkt, dass Selbstdetermination, Selbstbestimmung, genau das Gegenteil von „Determination“ ist.
      Oder ist die Anzahl der Gene nicht so groß, dass unsere Wahl unter ihnen schon Freiheit bedeutet? Fest steht, wir treffen eine Wahl; zumindest bis zu deren Beginn aber ist unser Selbst unter den Individuen dieser Welt noch nicht auf diese oder jene Familie festgelegt; andererseits ist es, als „aus sich Selber“, konstituiert. Warum also soll es dann, als „aus sich Selber“, nicht auch unter den Genen anderer Individuen, anderer Familien suchen und wählen können. Sind uns die Möglichkeiten jetzt groß genug, und können wir jetzt von Freiheit reden? Ich denke denn doch!
      Aber ganz unabhängig hiervon, falls jemand sich auf soviel Logik lieber nicht einlassen möchte, ist die Anzahl der Gene auch innerhalb einer einzigen Familie schon so groß, dass die Auswahl unter ihnen Freiheit bedeutet. Wie viele Gene haben wir? Wir haben vier Großeltern, acht Urgroßeltern, sechzehn Ururgroßeltern und so weiter und so fort, bis unsere Ahnen ganze Völker oder zumindest Stämme bilden – mag dabei auch Ahnenschwund in Gestalt von Überschneidung oder sonst irgendein Ausscheiden von Genen mit inbegriffen sein, das mir unbekannt ist.
      Das müsste genügen. Eine Determination durch die Naturgesetze kann sich nun also ganz sicher erstens auf keine Determination stützen, die von unserer eigenen Person, von unserem eigenen Organismus oder die sonst irgendwie von uns selbst ausginge.


Zwischendurch: zum weiteren Gedankengang.


Wie gesagt, will ich hiernach deutlich machen, dass eine Determination durch die Naturgesetze zweitens auch nicht von anderen Wesen ausgeht – mit dem Ergebnis, dass eine Determination der Naturwesen durch Naturgesetze drittens nur in der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“, aber nicht „an sich“, stattfinden kann. Das heißt u.a., wir befinden uns mitten in einer Erörterung der Willensfreiheit. Wie wir darauf gekommen sind, ist klar: Weil ein Mode-Intellektueller und philosophisch unwissende Naturforscher eine kindliche Einengung der Naturnotwendigkeiten auf Physik und Chemie verschuldet hatten, sind wir gezwungen worden, für den gesamten Bereich des Empirischen die umfassende, lückenlose Geltung der Naturgesetze, der Naturnotwendigkeiten festzustellen. Daher jetzt das Bedürfnis, im Verhältnis zu den Naturnotwendigkeiten die Frage der Willensfreiheit zu klären.
      Den zuerst genannten Zusammenhang nun aber – vom zweiten weiß er nichts oder nicht genug – nimmt auch Habermas zum Anlass, das „Problem der Willensfreiheit“ zu erörtern. Aber er macht nirgendwo auch nur den Versuch, dafür den Begriff des Willens zu verdeutlichen, geschweige denn, ihn zu definieren – obwohl Aufschlüsse gerade über diesen Begriff wahrhaftig nicht zu den ständig wiederholten Binsenwahrheiten gehört hätten. Wir haben vorhin den Begriff des Willens, als des „dynamischen aus sich selber Seienden oder Werdenden“ abgeleitet. Und es liegt sowohl angesichts dieser Ableitung wie wahrhaftig auch aus zahlreichen anderen Gründen auf der Hand, dass der Wille von den beiden subjektiven, inneren Kräften die tiefere und die absolut grundlegende ist und dass man nicht dummer mit ihm umgehen kann, als wenn man ihn, ohne Weiteres, und als ob gar nichts anderes in Frage käme, als bloßes Anhängsel des Intellektes behandelt. Gerade das aber tun seit langer Zeit in endlosen unwesentlichen Variationen alle üblichen Köpfe, und so denn auch Jürgen Habermas. Er hätte sich sein wertloses Geschwafel, bei dem nichts herauskommt, sparen können.


Keine Determination durch andere.

Zur Umwelt.


Und nun zurück zum Hauptgedankengang, wonach zweitens auch andere Wesen außerhalb von uns, nicht determinierend auf uns wirken, nachdem wir erstens schon „eine Determination durch uns selber“ ausgeschlossen haben, mit der Konsequenz, dass drittens eine Determination durch Naturgesetze nur in der „Erscheinung“ möglich ist – wobei sich schließlich im Einzelnen und ganz konkret ergeben wird, was unter der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ dieses Mal zu verstehen ist.
      Also keine Determination durch andere Wesen? Es geht erstens um die Frage einer Determination durch die „Umwelt“. Wer die offiziellen Parolen die Zeiten hindurch schmerzhaft miterlebt hat und sie deshalb zutiefst durchschaut, erkennt hier sofort eine Phrase, und zwar eine von übelster Art: eine langweilige, ständig wiederholte Gedankenlosigkeit, die aber dennoch mit einer verlogenen Tendenz verbunden ist; nämlich: „Die Gesellschaft macht den Menschen, nicht umgekehrt.“ „Die Erziehung macht den Menschen.“ Womöglich sogar den „neuen Menschen“. Wir erinnern uns an die elende Ideologie des Marxismus, der Frankfurter Schule und ähnlicher Gruppierungen von Hätschelknaben. Außerdem mag bei dem Terminus „Umweltverhältnisse“, etwa ab Anfang der 1970iger Jahre, unterschwellig auch ein gewisser ökologischer Anflug mitgewirkt haben. Man hat es in der Regel nicht im Einzelnen exemplifiziert und deutlich ausgeführt; denn dann wäre die Unsinnigkeit der Sache zu Tage getreten. Aber gehen wir immerhin kurz und knapp ins Einzelne, um eine gewisse Klarheit zu schaffen!
      An sich liegt es auf der Hand, dass die „Umwelt“ uns nicht determiniert. Was heißt „an sich“? Es heißt in diesem Fall: wir müssen die Sache nur wegen des entgegengesetzten, von der Hochfinanz lange Zeit hindurch unbedingt gewollten Geschwätzes zurückweisen – das Geschwätz ist zumindest vor Jahrzehnten einmal die große politisch korrekte Mode gewesen, und seine Nichtbeachtung konnte ganze Karrieren und sogar Lebensläufe zerstören. Aber müssen wir groß begründen, weshalb uns etwa der Erdboden nicht unseren freien Willen nimmt, oder die Sonne, irgendein Wesen aus dem Tier- oder Pflanzenreich, oder sonst irgendein Weltwesen, das mit uns nicht identisch ist, vielleicht ein Mitmensch oder der Hund des Nachbarn oder sonst wer? Sie alle sind doch wohl nicht Herren über unseren freien Willen.
      Oder nimmt uns etwa der Erzieher oder die Reklame unseren freien Willen? Wir haben das Wesen des freien Willens ganz am Anfang kurz umrissen; es bedeutet eine Innerlichkeit, die von außen nicht erreichbar ist; es bedarf dafür nicht vieler Worte; jedenfalls wird unser freier Wille nicht mitzerquetscht, wenn ein zentnerschwerer Felsblock auf unserem Bein liegt. Ebenso mit dem Erzieher und der Reklame. Beide, ebenso wie andere Menschenführer, müssen, wenn sie überhaupt auch nur irgendeinen Erfolg haben wollen, doch wieder an unsere Natur anknüpfen – an unsere freie, durch unser „aus uns Selber“, „von uns selbst“, frei gesetzte Natur. Wir reagieren auf die Motive, die man an uns heranbringt, ausschließlich entsprechend unserer Natur – und diese Natur haben wir „aus uns selbst“ in aller Freiheit gesetzt. Wir haben es vorhin ausführlich deutlich gemacht. So determinieren uns alle diese Ereignisse also nicht; sondern wir reagieren auf sie, wie unser „aus uns Selber“, unser Inneres, überhaupt auf die gesamte übrige Welt nur reagiert – sofern es nicht sogar rein aktiv agiert und auf sie wirkt. Reagieren aber ist etwas ganz anderes als „determiniert agieren“. Auch das liegt auf der Hand. Jeder jeweils vom anderen verschiedene Charakter, jede Natur, die von der anderen verschieden ist – und sie sind alle verschieden! – reagiert wieder anders auf die so genannten „Verhältnisse“, auf die „Umwelt“, auf die Mitmenschen, die Reklame und etwaige Erzieher. Wodurch aber sind wir verschieden? Da sind wir wieder bei der Selbstbestimmung!
      Oder determinieren uns unsere Eltern – jetzt nicht durch Erziehung, sondern biologisch? Sie tun es nicht. Unser Organismus determiniert nicht einmal seine Organe ohne Einschränkung – wir wissen ja, es gibt Transplantationen; die in Essig oder ähnlich aufbewahrte und weiterlebende Organe voraussetzen. Die Organe gehorchen und dienen dem Organismus, aber das ist etwas anderes. Ei und Samenzelle sind jedoch nicht einmal seine Organe; denn sie dienen, grundsätzlich, nicht im geringsten dem Organismus, auf den sie sich stützen; sie sind „sui generis“, Lebewesen „eigener Art“. Sie sind eine Art Kuckuck, aber bitte! auch nur eine Art! so wie jeder, auch als befruchtete Eizelle es einmal gewesen ist, und so, wie er es infolgedessen auch anderen bei sich zugestehen muss. Und sie sind allein dazu bestimmt und dienen allein dem Zweck, in Kürze die Komponenten eines selbstständig lebenden Organismus zu werden, nachdem sie sich, wie gesagt, allein mit diesem Ziel, bis dahin wegen vorläufig mangelnder selbstständiger Lebensfähigkeit, noch auf einen anderen Organismus gestützt haben – der also ihnen und ihrem Zentrum dient, nicht umgekehrt. Sie also werden vom Organismus des Vaters und der Mutter ganz bestimmt nicht determiniert. „Der Vater macht einen Sohn“ ist eine begrifflich unzureichende Formulierung – abgesehen davon, dass sie ein niedriger Vulgarismus ist.


Keine Determination durch andere.

Zur Bedeutung Gottes.


Oder determiniert uns, zweitens, Gott?
      Nach herkömmlicher Deutung des mosaischen so genannten Schöpfungs“berichtes“ hat uns Gott durch Wirkursache geschaffen. Sogar aus dem Nichts, ein extrem exaltierter Gedanke! Danach hätte er nicht nur unseren Zustand determiniert, worauf Ursachen sich sonst ausnahmslos beschränken, sondern radikalerweise auch unsere Substanz. Wir wären danach ohne irgendeinen Rest „aus anderem“: „aus Nichts“, kraft eines anderen. Mit der Konsequenz, dass Gott jedenfalls ein extrem absurdes Wesen wäre, da er dann mit erdrückender Sicherheit die Alleinschuld an allen Übeln und allem Bösen in derselben Welt hätte, über die er am Ende obendrein zu Gericht sitzt; alles andere wäre ein begrifflicher Widerspruch – mögen auch die so genannten Frommen vor der seit Jahrtausenden offen zu Tage liegenden logischen Unmöglichkeit die Augen verschließen; und mögen Augustinus und Leibnitz sophistische und zugleich! offensichtlich unlogische, zum Teil auch unverfroren ästhetisierende Rechtfertigungsversuche dazu niedergeschrieben haben.
      Aber gibt es ein solches Wesen? Untersuchen wir, bevor wir die Frage beantworten, bis ins Einzelne die Stringenz des begrifflichen Widerspruches – und zwar frei nach Schopenhauer (weitgehend nach seiner „Preisschrift über die Freiheit des Willens“, Sämtliche Werke, Vierter Band, Brockhaus Wiesbaden 1966, Seite 72f.):
      Wenn zum Beispiel von zwei Menschen der eine, in moralischer Hinsicht, ganz entgegengesetzt handelt wie der andere, so muss diese Verschiedenheit, die doch irgend woraus entspringen muss, ihren Grund entweder in den äußeren Umständen haben. Und dann trifft die Schuld den Schöpfer, der die äußeren Umstände geschaffen hat. Oder die Verschiedenheit der Handlungen muss aus der Verschiedenheit der Naturen der beiden Menschen hervorgehen. Dann aber treffen Schuld und Verdienst wieder nicht den Menschen, wenn sein ganzes Sein und Wesen das Werk eines anderen, nämlich eines Schöpfers ist. Also lässt sich eine moralische Verantwortlichkeit des Menschen nur denken, wenn er „aus sich selber“ ist.
      Augustinus´ Sophismus lautet (in De libero arbitrio): Mängel in der Schöpfung sind reine Negativa. Negativa aber bestehen darin, dass sie nicht existieren. Also existieren in der Schöpfung keine Mängel. Also trifft Gott keine Schuld. Was aber würde man (jetzt nicht nach Schopenhauer) einem Chirurgen antworten, der bei einer Operation einen Teil der Krebsgeschwulst nicht wegnimmt und argumentiert, die Nichtwegnahme sei ein reines Negativum usw. usf. Wir brauchen zu dem Unsinn keinen weiteren begrifflichen Aufwand. Schopenhauer sagt außerdem:
      Wenn nämlich eine schlechte Handlung aus der Natur, das heißt aus der angeborenen Beschaffenheit des Menschen entspringt, so liegt die Schuld offenbar beim Urheber dieser Natur, also beim Schöpfer.
      Einwand: „Gott hat uns einen freien Willen gegeben.“
      Antwort zunächst: Der freie Wille lässt sich weder nur als „negative“ Eigenschaft denken; denn dann besagt er entweder nur, dass nichts den Menschen nötigt, so oder so zu handeln; so dass es wieder nichts gibt, woraus die Handlung hervorgeht, weil aus nichts Nichts wird; oder wenn die „negative Eigenschaft“ doch irgendetwas bedeuten soll, gleichgültig, was, so fällt sie wieder dem Schöpfer zur Last . Noch kann der freie Wille der angeschaffenen Natur des Menschen entspringen, weil die Handlung dann ebenfalls wieder dem Schöpfer zur Last fiele, also gar kein freier Wille vorläge. Noch kann sie aus den äußeren Umständen hervorgehen, weil sie dann nicht dem Menschen, sondern dem Zufall und damit dem Schöpfer der äußeren Umstände zuzuschreiben wäre – während dennoch aber der Mensch dafür verantwortlich sein soll.
     Eine menschliche Handlung muss immer durch etwas hervorgebracht werden, was positiv wirkt; sie kann nie von einer rein negativen Freiheit verursacht sein. Wie wir ja jetzt gesehen haben.
      Eine positive Kraft aber kann nur zweierlei sein: entweder sind es die äußeren Umstände, auch „Motive“ genannt; und insoweit ist nicht der Mensch verantwortlich. Oder es ist die angeborene Natur des Menschen, die auf die Motive reagiert, seine Neigungen, sein Charakter, usw. Und die Verantwortung fällt auf den zurück, der diese Natur geschaffen hat.

     Antwort sodann, noch sehr viel grundsätzlicher, allerdings dieses Mal ohne Nennung des „freien Willens“ durch Schopenhauer:
      Der Begriff einer moralischen Freiheit ist untrennbar von dem der Ursprünglichkeit: des „Seins aus sich selber“. Denn dass ein Wesen das Werk eines anderen sei, dabei aber, seinem Wollen und Tun nach, frei sei, lässt sich mit Worten sagen, aber nicht mit Gedanken erreichen. Der nämlich, der ihn aus dem Nichts ins Dasein rief, hat eben damit auch sein Wesen, das heißt: seine sämtlichen Eigenschaften, mitgeschaffen und festgestellt, festgelegt, „determiniert“. Denn man kann nie schaffen, ohne dass man etwas schafft, das heißt: ein genau bestimmtes und bis ins Letzte festgelegtes Wesen. Aus diesen so festgelegten Eigenschaften aber gehen nachher mit Notwendigkeit sämtliche Äußerungen und Wirkungen des Wesens hervor, weil eben diese Eigenschaften nur einer Veranlassung von außen bedurften, um hervorzutreten. – Und fügen wir nun zu Schopenhauer hinzu: einen freien Willen kann man infolgedessen gerade nicht schaffen, weil alles Geschaffene mit begrifflicher Notwendigkeit gerade festliegt. –
     Es nützt auch nichts, wenn man es einem geschaffenen Wesen überlässt – es insoweit also nicht „erschafft“ – selbst zu entscheiden oder auf bestimmten Gebieten selbst zu entscheiden, ob oder wie es handeln oder nicht handeln will; es wird sich dann so entscheiden, wie es von seiner übrigen Natur festgelegt wird – die der Schöpfer festgelegt hat.
      Fazit: Wie der Mensch ist, so muss er handeln; also nicht an seinem Handeln, sondern an seinem Sein und Wesen, das er von Gott hätte, liegen Schuld und Verdienst.
      Und diese Denknotwendigkeit, dass man nur etwas bis ins Letzte Bestimmtes schaffen kann, dass man beim Schaffen nichts offen lassen kann und dass aus dem so Bestimmten – genauer: aus der Gesamtheit aller so bestimmten Menschen und aller übrigen so bestimmten „Geschöpfe“ – auch schon ausnahmslos alle Folgen und Wirkungen des Geschaffenen zwingend hervorgehen, diese Denknotwendigkeit ist gleichbedeutend mit dem Satz, dass ein freier Wille mit begrifflicher Notwendigkeit, per se, kraft seines Begriffes, weder „gegeben“ noch geschaffen werden, sondern nur ein „Seiendes aus sich selber“ sein kann.
      Alles andere wäre ein begrifflicher Widerspruch, und begriffliche Widersprüche verwirklicht auch Gott nicht – auch nach katholischer Lehre nicht – und zwar deshalb nicht, weil auch er es nicht kann. Die ebenso stupide wie ewige Ausrede „Gott hat uns einen freien Willen gegeben“ ist nicht nur die selbstgefälligste, sondern auch die dümmste aller Ausreden. Was stellen sich diese Leute – und mag auch Thomas von Aquin zu ihnen gehören – unter einem „freien Willen“ vor? Es interessiert mich nicht. Aber eines weiß ich: Beim „freien Willen“ müsste der Schöpfer-Gott etwas offen lassen, nämlich die Entscheidung, ob gut oder böse, die der Mensch wirklich und wahrhaftig von sich aus ergänzen müsste; und er würde sie ergänzen, nämlich determiniert von dem, was ihm sonst noch eigen ist und was er, wie es doch immer so selbstgefällig, wenn auch so diensteifrig, heißt, samt und sonders von Gott hat. Der also trotz allem auch hiernach wieder allein verantwortlich wäre.
      Können wir uns „darauf verlassen“? Nein! „Verlassen“ können wir uns zum Beispiel auf das Wort eines anderen, nicht auf die eigene Vernunft. Allerdings, man kann ihr widersprechen – wenn man ein wertloses Subjekt ist.
      Also ist der Mensch nur dann für sein Tun verantwortlich, wenn er sein eigenes Werk ist, wenn er „aus sich selber“ ist. Und deshalb auch sind Theismus und moralische Verantwortlichkeit des Menschen – laut Schopenhauer – unvereinbar. Oder richtiger: Der Theismus des wirkursächlich und aus dem Nichts erschaffenden Schöpfers, den Schopenhauer – irrtümlich allerdings – für den einzig möglichen hält, ist mit der Verantwortlichkeit des Menschen unvereinbar.
     Gibt es nun aber einen solchen Gott und determiniert er uns infolgedessen?
      Wir wissen, dass er unserem Sein und Werden „aus uns selber“ widerspricht, also der Tatsache, dass wir einen Willen haben. Ergo! Damit ist, trotz der perfekten Kürze, das Entscheidende gesagt.
      Außerdem ist die Philosophie in den letzten zweieinhalb Jahrhunderten zu dem Ergebnis gekommen, dass der Theismus in dieser Ausführung – und man war immer zu steif dazu, sich eine andere zu denken – unbeweisbar sei und es für immer bleiben werde.
      Wer informiert ist, weiß ferner: die Kirche hat der Philosophie auf dem Ersten Vatikanischen Konzil in aller Form widersprochen; wahrhaftig! es fehlte auch nicht der Bannfluch! Es hieß sinngemäß: Wer behauptet, das Dasein Gottes lasse sich mit dem natürlichen Licht der Vernunft nicht beweisen – man nannte das Modernismus – der „sei im Banne“ „anathema esto“, verbunden mit der biederen und geradezu gemütsakrobatischen Aufforderung an die „Philosophen“ – ach du lieber Gott! – , von ihrem natürlichen Licht der Vernunft Gebrauch zu machen.
      Es zeigte sich allerdings auch, dass selbst der römisch-katholische Klerus die Position des ersten Vatikanums in der Frage des so genannten Modernismus, zumindest sehr weitgehend, aufgegeben hat; natürlich nur stillschweigend, man ist viel zu unehrlich, um solche Dinge ausdrücklich zu besprechen. Im vorliegenden Fall suchte man das Problem unter anderem mit billigem theologischen Humor zu meistern, der bei katholischen Theologen weit verbreitet ist; und wonach der konzilsgerechte Antimodernisten-Eid, den alle Kleriker leisten mussten – ich weiß nicht, ob sie es heute noch müssen – „die!“ „Sünde gegen den Heiligen Geist“ war. Jedenfalls haben fast alle nach dem öden Trick gegriffen, Gott könne man „nicht beweisen, man müsse ihn glauben“; und es waren die aller Unehrlichsten unter ihnen, die versuchten, aus dieser Not eine Tugend zu machen.
      Ist denn der Glaube keine Tugend? Er ist es – wenn es um historische Thesen wie die Menschwerdung Gottes geht, aber nicht, wenn ewige und allgemein menschliche Fragen und Antworten sein Gegenstand sein sollen wie die Existenz Gottes, die Freiheit unseres Willens und die Fortexistenz nach dem Tod. Und wenn man nun bedenkt, dass der „Schöpfergott“ durch Wirkursache, mit oder ohne Erdenkloß, zumindest seit Paulus´ Wort im Römerbrief (9,21): „Warum hast du mich so gemacht?“ (wohl auch im Sinne des jetzigen Einwandes) – dass also dieser Töpfer-Gott noch obendrein mit der Determination, der ethischen Nichtverantwortlichkeit des Menschen in stringentester Weise belastet ist – dann, meine Freunde, ist der Glaube, der Urteilskraft in sich schließt, der menschlich gesprochen von der Urteilskraft geradezu lebt, denn doch eine schwere, eine nicht zu ertragende Zumutung!
      Freunde, es kommt noch etwas hinzu: es gibt einen anderen Gottesgedanken; die einfachsten Pastöre, nicht so pervertiert und stupide wie viele hochgekommene Exzellenzen, verspürten den Frühling, vor wenigen Jahrzehnten, und sagten sich los von der Qual des öden und wüstenhaften „Glaubens“ an ewige Wahrheiten; es hieß bei ihnen: „Wir haben es immer so gemeint, aber jetzt wissen wir, dass wir das gar nicht nötig haben.“ Nur die obersten Pfaffen wollen das Böse, die heimliche Qual, die versteckte Trostlosigkeit, die Öde, den unterdrückten Widerspruch und die im Verborgenen nagende Zerstörung. Ihr Ungeist ist es überhaupt, der jetzt, wenn nicht den Untergang, dann die extreme Reduzierung auch der katholischen Kirche, am Horizont sichtbar werden lässt. Ihr findet den besseren Gottesgedanken (außer in meinen Kommentaren zu Kierkegaard, Hamburg 1984-2000) hier auf der Netzseite unter „Fortsetzung und Abschluss zum Begriff der Hochfinanz“ und unter „Kreationismus, Intelligent Design und Kierkegaard. Schlussfolgerungen zum Dasein Gottes“ – mit Gott als höchster Stufe und Spitze des Seins, auf Grund der Fähigkeit des “aus sich Selber“, selbst zu bestimmen, was, wie groß und wie vollkommen es ist, und ohne dass dieses „aus sich Selber“ deshalb auf seiner höchsten Stufe unsere determinierende Ursache und die Menschheit eine ethisch nicht verantwortliche bloße, determinierte Wirkung aus der Hand eines wirkursächlichen Schöpfers wäre.
      Und das zuallerletzt Genannte war dieses Mal der Anlass unserer Gedanken über Gott! Auch er determiniert uns also nicht! Und wir sind nahe bei unserem Ziel, dem Nachweis: dass weder wir selbst noch andere uns determinieren; mit der Schlussfolgerung: dass der Zwang der Naturgesetze, wie Kant und Schopenhauer aus anderen Gründen ebenfalls schon sagten, nicht mehr sein kann als bloße „Vorstellung“ oder „Erscheinung“.
      Aber, Freunde, ist es nicht seltsam, dass wir uns zweitausend Jahre hindurch mit einem kalten und unfruchtbaren Gedanken, scheinbar im Herzen des Christentums herumschlagen mussten, wo er nichts und aber nichts zu suchen hat: mit dem Gedanken des Schöpfers durch Wirkursache und dessen unausweichlicher Konsequenz: der Dämonisierung, der Absurdität des höchsten Wesens und unserer menschlichen Determination und Entethisierung! Wie haben sich Philosophen und Theologen, und vor allem die Letzteren auf ihre krumme und schiefe Weise, gegen die Auswirkungen des Gedankens vergeblich zu wehren gesucht! Sie wehren sich jetzt nicht mehr! Und Übeltäter, da, wo man sie nicht vermuten sollte, gehen längst neue Wege des Verschweigens, um das Christentum, unser Bollwerk gegen den Islam, gegen die Bedrohung unserer Existenz, zu vernichten.


Keine Determination durch andere.

Zur Mutter Natur.


Aber gerade die, die dem Christentum fernstehen – wen wundert das? – haben, drittens, am unrichtigen, am falschen „Lieben Gott“ weiter festgehalten. Sie konnten nicht mehr wirklich glauben, dass ausgerechnet der Gott des mosaischen Schöpfungsberichtes es sein sollte, der angeblich alles für sie besorgte, so dass sie sich vermeintlich wohl und behaglich, oder wenigstens irgendwie metaphysisch geborgen fühlen konnten. Sie wollten aber auch auf das falsche Wohlsein nicht verzichten. Und so erfanden sie die gute Mutter Natur, die uns, wie vorher der Liebe Gott, in Weisheit und Güte lenkt und leitet und die uns, in der Konsequenz besehen – natürlich wieder „determiniert“.
      Also determiniert uns nun schließlich und am Ende die Natur? Wir kennen sie als Schlagwort! Aber die Antwort ist mehr als einfach: Wir haben sie schon gegeben: Wir selbst sind die Natur, jeder Einzelne von uns für sich, mit seinem Organismus, der aus dem befruchteten Ei allmählich und nach und nach hervorgegangen ist, jedes Einzelne der übrigen Weltwesen ist es ebenso für sich. Wer sollte denn sonst „die Natur“ sein! Auch diese Identität liegt auf der Hand. Hatten wir uns bei der Natur eine mehr oder weniger gute Fee gedacht? Vollidioten nennen den biblischen oder kirchlichen Gott den „alten Mann mit dem Bart“ und kommen sich bei dieser abgegriffenen stumpfen Geistlosigkeit gescheit vor; ihre Dummheit ist es, dass sie andere für dumm halten. Aber hält sich irgendjemand für klüger, der sich die „gute Mutter Natur“ letzten Endes doch als frei wandelnde Fee vorstellt? Die Mutter Natur, die zu sein wir uns schon selbst bequemen müssen, beweist die Freiheit unseres Willens damit, dass sie mit uns identisch ist.
      Also keine Determination! Weder durch uns selbst noch durch andere (siehe ab vorhin „Keine Determination durch uns selbst“). Daher zum Beispiel der Titel des Vortrags „Determiniert? Durch was denn?“ Wundert uns das? Schließlich ist, nach der vorhin durchdachten Subsumption der empirischen Welt im Allgemeinen und des Einzelwillens im Besonderen unter den Willen als das „dynamische aus sich Selber“, jedes einzelne Weltwesen „aus sich selbst“, also frei und undeterminiert – Lebensbedingungen wird man ja nicht mit Determination verwechseln, mit der Aufhebung unserer inneren Freiheit. Und eines ist so sicher, wie jede Tautologie es ist: niemand determiniert die Gesamtheit des Seienden, weil es außer dieser Gesamtheit keine weiteren Wesen gibt. Hat sich z.B. Spinoza, oder hat sich etwa eine Reihe von Naturwissenschaftlern diese Sache richtig klargemacht?
      Und was die Einzelwesen betrifft: haben wir schon einmal erlebt, dass irgendein Wesen dem freien Willen des anderen im Weg gestanden hat? Eine Nötigung, nur zum Beispiel, schränkt für den freien Willen des Genötigten vielleicht die Möglichkeit ein, gewisse äußere Dinge zu verwirklichen oder sie ohne ungewöhnliche Nachteile zu verwirklichen, oder nicht zu verwirklichen, z.B. die Begehung eines Verbrechens zu unterlassen, ohne von dem Nötigenden umgebracht zu werden. Vielleicht motiviert die Nötigung den Genötigten, zum Beispiel, das Verbrechen zu begehen, um nicht selber umgebracht zu werden. Aber die Freiheit des Willens wird weder durch die besagte Beeinträchtigung der äußeren Möglichkeiten noch durch die besagte Motivation aufgehoben. Die Beeinträchtigung äußerer Möglichkeiten zählt nicht bei der Willensfreiheit, das haben wir uns im Grundsatz schon anfangs klargemacht. Und selbstverständlich hat der freie Wille immer Motive; aber es steht ihm frei, für sich zum Motiv zu machen, oder nicht zu machen, was er will; der Einzelne braucht z.B. die Vermeidung seiner eigenen Ermordung durchaus nicht zum Motiv für die Begehung eines Verbrechens zu machen. Heroismus gehört mit zur vollständigen Ethik; die Willensfreiheit wird unter anderem nicht dadurch beeinträchtigt, dass man manchmal Heroismus braucht, um ethisch zu bleiben.
     Auch insoweit also: keine Determination! (siehe vorhin ab „Keine Determination durch andere“). Mit der Konsequenz, wie schon ein paar Mal gesagt, dass eine Determination durch Naturgesetze, der Zwang dieser Determination, sein Gesetzescharakter, nur in der „Erscheinung“ oder „Vorstellung“ möglich ist, dass wir, Kantisch gesprochen, die Naturgesetze selbst „in die Natur hineinlegen“ – was wir auf andere Weise zum Beispiel auch dann tun, wenn wir uns durchaus nach eigenem Willen, und nach keinem anderen Gesetz als dem unserer eigenen Natur, obschon ohne großes empirisches, diesseitiges Bewusstsein, von einer befruchteten Eizelle zu einem erwachsenen Menschen selber ausbilden.


Zu den Naturgesetzen, die wir selber machen.


Wir wissen oder können es jedenfalls wissen, dass z.B. staatliche Gesetze uns nicht determinieren; sie motivieren uns nur, indem wir sie befolgen. Aber Naturgesetze stellen wir uns so vor, als ob sie uns determinierten, als ob sie zumindest insoweit Teil unserer Innerlichkeit wären, dass sie uns unsere Willensfreiheit nehmen könnten. Andererseits haben wir vorhin deutlich gemacht, dass der einzelne „neuronale“ oder sonstige „Prozess“ im Organismus unser „aus sich selber seiendes“ Zentrum und überhaupt unser „aus sich Selber“ ebenso wenig determiniert, wie es der erste einzelne Prozess gekonnt hat, der aus der befruchteten Eizelle hervorgegangen ist; und genau so gut wissen wir, dass uns weder der Erdboden noch irgendein Mitmensch oder sonst irgendein Wesen, noch Gott determiniert – er will es wahrscheinlich am allerwenigsten – und dass noch viel weniger wir selbst, wenn auch unter einem anderen Gesichtspunkt, uns determinieren können.
      Also schließen wir, dass sich die Natur ihre Gesetze in uneingeschränkter Freiheit selber gibt. Jeder von uns ist seine eigene Natur; und gibt sich die Gesetze freiwillig selbst; ob es ihm bewusst ist, wieweit es das ist, und sein muss, ist eine andere Frage; jedenfalls hat der von sich aus unbewusste Wille (vorhin unter „Keine Determination durch uns selbst“, gegen Ende) außer dem Bewusstsein noch weitere Steuerungsmöglichkeiten, wir kommen später darauf. Und was die übrigen Wesen, außer uns, betrifft, so sehen und beurteilen wir sie analog zu uns. So gibt es trotz der Naturgesetze keine Determination; die Natur in Gestalt von jedem Einzelnen von uns und von allen übrigen Weltwesen will die Naturgesetze jeweils schon von sich aus; und so verstehen wir sogar, wie wir vorhin das Gefühl haben konnten, die Naturgesetze seien Teil unserer Innerlichkeit. – Im Übrigen: Kant und Schopenhauer sind, wie gesagt, zu demselben Ergebnis gekommen; nur sind sie es aus anderen Gründen; und man sieht: kein „Meer des Irrtums“; wir brauchen keine solchen Weisheitssprüche wie z.B. „O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen!“ Kein „Meer“ der billigen Aporien und Ausflüchte, der unfruchtbaren, destruktiven Skepsis! sondern: Bei den wirklich genialen Philosophen laufen die Fäden zusammen.
      Aber wie sieht es mit den Naturgesetzen näher aus, die wir uns in „Erscheinung“ und „Vorstellung“ selber geben; wie sollen wir den Vorgang im Einzelnen verstehen? Im Ergebnis stimmt die Logik! Der Widerspruch zwischen Freiheit und Naturgesetzen muss behoben werden; und es geht nur so, wie jetzt gesagt. Also! Allerdings wollen wir auch die klare Sicht im Einzelnen. Und sie hole ich jetzt nach; das heißt, ich mache jetzt begreiflich, wie, auf welche Weise das sein kann, was im Ergebnis auf jeden Fall so ist:
      Wir sind ewige Wesen. Oder sagen wir bescheidener: wir sind anders, als es uns tagtäglich vorkommt, in Wahrheit zeitlos. Wir entscheiden uns „an sich“, in Wahrheit, in einer Schicht ohne Zeit; in dieser Entscheidung besteht unser wahrer Charakter – Kant nennt ihn den „intelligiblen“ (siehe vorhin) – in Wirklichkeit und Wahrheit ist die zeitlose Schicht die einzige Schicht; und zwar sind wir in ihr auch dem Anschein nach vollständig frei. Es kann auch gar nicht anders sein, erstens, weil es nichts und niemanden gibt, der uns determiniert – wir haben es ja gesehen – und weil wir selbst uns erst recht nicht determinieren können, „Selbstbestimmung“ ist ja, wie gesagt, genau das Gegenteil der Determination. Und zweitens, was den Anschein betrifft, die nicht vorhandene „Erscheinung“ oder „Vorstellung“: so entscheiden wir in der zeitlosen Schicht deshalb auch dem Anschein nach völlig frei, weil es in der Zeitlosigkeit keinen von der Zeitlosigkeit verschiedenen Anschein gibt: keine Zeit, versteht sich, keine Sukzession, keine Aufeinanderfolge, also auch keine Ursache-und-Wirkung-Verhältnisse und so denn, mangels Ursächlichkeit, auch keine Zwangsläufigkeit, keine Notwendigkeit. Dagegen wird die völlige Einheit der zeitlosen Entscheidung, in der empirischen: zeitlichen Schicht, für die „Erscheinung“: für unsere subjektive Intellektualität in eine Kette von zeitlich aufeinanderfolgenden Entscheidungen zerlegt und auseinandergezogen – das liegt im Wesen der Zeit – und diese Kette, bei Kant der „empirische Charakter“, bildet nun, um der völligen Einheit in der Zeitlosigkeit willen, in der zeitlichen „Erscheinung“ wenigstens eine zusammengehörende Reihe, in der kein Glied fehlen kann, weil es ja in der Zeitlosigkeit desselben „Charakters“ keine einzelnen Glieder gibt, sondern nur eine einzige Entscheidung, ein einziges Entweder-Oder, das alle einzelnen Glieder umfasst. So erleben wir jetzt, für unsere subjektive Intellektualität, d.h. nur in der „Erscheinung“, die Aufeinanderfolge der einzelnen Glieder der nunmehr zeitlich aufgeteilten Entscheidung als zwangsläufig, als notwendig; ist nämlich einer der als sukzessiv „erscheinenden“ Willensakte gesetzt, so müssen, um der vollen Einheit in der Zeitlosigkeit willen, alle anderen in der Zeit jetzt ebenfalls gesetzt werden. Aber, wie gesagt, unterscheidbar sind sie nur für die „Erscheinung“, nur für unser sukzessives intellektuelles Erleben; dagegen sind die einzelnen Glieder als „Ding an sich“, in der Zeitlosigkeit, ein einziges und zusammenhängendes Eines und voneinander weder zu trennen noch zu unterscheiden.
     In der Wirklichkeit, in unserer Eigenschaft als „Dinge an sich“, setzen wir nur die eine einzige zeitlose Entscheidung, die damit auch von Sukzession und so zugleich von Ursache, Determination und Notwendigkeit frei ist.
      Daher, trotz Sukzession und ursächlicher Determination in der bloßen „Erscheinung“, das unausrottbare Gefühl unserer absolut unverbrüchlichen Verantwortlichkeit; es ist ein Gefühl, das wir zumindest dann mit Recht haben, wenn wir uns als „Dinge an sich“ nicht nur völlig frei entscheiden – „aus uns selber“, für das, was wir sind, und folglich auch für das, was wir tun und lassen – sondern wenn wir uns dieser Entscheidung auch bewusst sein sollten; und damit sind wir bei dem zweiten großen Punkt, der Bewusstheit, angekommen.


Die Bedeutung der Bewusstheit.


Freunde, wir waren allerdings schon einmal bei diesem Punkt, unter (dem jetzt zitierten) „Determiniert? Durch was denn?“ (hier auf der Netzseite); und wir haben ihn dort ausgeführt: Die Bewusstheit, die nötig sein könnte, ist das Gewissen, die Stimme aus der Zeitlosigkeit, man sagte früher: „Die Stimme, die von Gott kommt“. Lest es bitte dort nach, wenn ihr es wollt, wenn euch die willentliche, voluntative Seite unserer Freiheit nicht genügen sollte (im zweitletzten Abschnitt unter dem Titel „Die Bedeutung der Bewusstheit“), und lest hier vor allem auch den letzten Absatz! Der letzte Abschnitt, die „Konklusion“, ist sodann mehr als kurz, so dass ihr danach sowohl dort wie hier das Ganze überblickt.


Zurück zu den Naturgesetzen, die wir selber machen.
Zum „ewigen Schicksal“.


Daher also das Gefühl unserer unverbrüchlichen Verantwortlichkeit, trotz der Determination, die uns denn auch nur „erscheint“. Daher andererseits aber das Gefühl einer gewissen Ohnmacht; allerdings auch nur einer gewissen, weil diese Ohnmacht nur gegenüber der „Erscheinung“ besteht; die wir uns selbst zurechtmachen – und dann natürlich nicht zugleich wieder „aufheben“ oder ignorieren können, da wir schon auf dieses irdische Dasein nicht verzichten wollen.
      Daraus, aus dem zeitlosen Willensentschluss – der wir sind, in dem wir bestehen, wir sind ja Wille (siehe vorhin) – erklärt sich und ergibt sich die Unveränderlichkeit des Charakters, die für jeden reifen und realistisch denkenden Menschen eine unumstößliche Tatsache ist.
      Und neben der Unveränderlichkeit des Charakters ergibt sich und erklärt sich, nach der gleichen Logik und im gleichen Sinne – „entsprechend“: „mutatis mutandis“ „nach Änderung dessen, was geändert werden muss“ – das, was die Antike das „ewige Schicksal“ nannte, dessen Struktur sie nur noch nicht ganz begriffen hatte: als Gesamtheit dessen, was alle Weltwesen in der zeit- und sukzessionslosen Ewigkeit beschlossen haben, aus dem „dynamischen aus sich Selber“ wie wir, und mit der gleichen grundsätzlichen Unabänderlichkeit – weil eben die Änderung eines Entschlusses in der sukzessions- und zeitlosen Schicht nichts anderes als ein sich widersprechender Entschluss wäre.
      Und – um es noch einmal zusammenzufassen – die kausale Verkettung unserer Willensakte miteinander in der Zeit, und überhaupt ihre „Notwendig“keit, ist in Wahrheit, als „Ding an sich“, nichts als die zeitlose und deshalb nicht-sukzessive, nicht-kausale, nicht „notwendige“, sondern nur tatsächliche, völlige Einheit der Ausübung unserer Freiheit und unseres Wesens, des „aus uns Selber“, das wegen seiner völligen Einheit erst gar keine Verkettung nötig oder „notwendig“ hat.


Erörterung und Ergänzung.


Protest? „Wir wollen keine Unterscheidung in „Erscheinung“ und „Ding an sich“? „Wir wollen überhaupt keine spezielle Philosophie“? Gut! dann „erscheint“ uns die Determination eben nicht einmal, an der den Neurowissenschaftlern und auf seine Weise auch Habermas so sehr liegt. Kommen wir uns jedoch andererseits so vor, als ob wir Naturgesetzen unterlägen, als wären wir determiniert, können wir aber nun einmal dennoch nicht determiniert sein, weil kein Mensch ein determinierendes Wesen nennen kann, das vernünftig konzipiert ist – werden wir demnach weder von uns selbst noch von anderen Wesen einschließlich Gottes determiniert: dann eben Kant und Schopenhauer! Zwar nicht unbedingt deren Denkwege. Aber deren Ergebnisse: die „Gesetze, die wir selbst in die Natur hineinlegen“.
      Sie wussten wenigstens, dass es hier in unserer empirischen Schicht, einschließlich ihres biologischen und geistig-intellektuellen sowie geistig-willentlichen Bereiches, keine Vorgänge ohne Ursache gibt, und – hiermit absolut gleichbedeutend – : dass es normalerweise keine Wunder gibt, sondern dass alle Bereiche der empirischen Schicht auf jeden Fall von Naturgesetzen beherrscht sind, so oder so, gleichgültig, ob sie alle, auch der biologische, der geistige usw., seltsamerweise nun gerade physiko-chemischen Gesetzen gehorchen, ob also „alles Physik und Chemie“ ist; oder ob sich die physikalischen Gesetze und weitgehend auch die chemischen auf den unbelebten Aspekt der Natur beschränken.
      – Und führen wir nun bei dieser Gelegenheit nebenher zugleich die Erörterung der Frage zu Ende, wie es sich denn hiermit verhält: ob „alles Physik und Chemie ist“, oder zumindest, worum es ja geht, ob unsere „psychischen Vorgänge“ und deren Grundlagen physiko-chemischer Natur sind – obwohl diese Frage in unseren jetzigen Zusammenhängen bekanntlich von nachrangiger Bedeutung ist. Wir waren, als wir darüber nachdachten, von Habermas´ Frage ausgegangen, die er aus der Forschung berichtet, (bei ihm Seite 23): Wie sollen wir die Meditation eines Mönches – die geistige Strukturen hat – auf das synchron beobachtete Erregungsmuster von – rein physiko-chemischen – Gammaoszillationen seiner Hirnrinde beziehen ... ... wie sollen wir die elektronenzephalographisch festgestellte Korrelation zwischen seiner Glaubenserfahrung und einem neuronalen Zustand deuten? Es ging dabei um die ursächliche, determinierende Einwirkung des „Erregungsmusters“ auf die „Glaubenserfahrung“: auf die „Gedanken“ des Mönches; und auf dieser Grundlage auch um die Möglichkeit von „Erklärungen“ und „Voraussagen“ über die „Gedanken“. Mit dem Ergebnis der Unmöglichkeit. – Wir hatten es dabei im Übrigen fast als unumgänglich angesehen, dass das „Erregungsmuster“ nicht physiko-chemischer, sondern biologischer Natur sei: in Gestalt der stets vorhandenen physiko-chemischen Unterschicht des Biologischen oder Nervlich-Biologischen.
      Aber wer sagt überhaupt, dass physiko-chemische „Erregungsmuster“ oder physiko-chemische untere Schichten von nervlich biologischen Gehirnsequenzen nun gerade das sein müssen, was ursächlich zugrunde liegt, und dass unsere „Empfindungen und Gefühle, Gedanken und Entscheidungen“ nur deren determinierte Konsequenzen sind? Dass es also nicht umgekehrt ist?
      Wir haben inzwischen das „dynamische aus sich selber Seiende“ als Definition des Willens und als Grundstruktur im Weltganzen kennengelernt. Und als eines seiner vielsagendsten Beispiele: die gerade befruchtete Eizelle mit ihrer ersten Erweiterung beim Aufbau des Menschen, die vom Zentrum in der Eizelle beherrscht wird und von der das Zentrum mit Sicherheit nicht seinerseits determiniert wird. Warum ist gerade das eines der vielsagendsten Beispiele des „Seins aus sich selber“? Weil dabei die Eizelle selbst, analog zu ihrer ersten Erweiterung, von ihrem Zentrum her, von ihrem „aus sich Selber“ beherrscht und gelenkt sein muss – da wir ja gesehen haben, dass das „aus sich Selber“, mit anderen Worten: der Wille, ganz allgemein und umfassend in der Welt die Grundstruktur ist.
      Und es liegt bei all dem nun zumindest ebenso nah, dass sich unser „aus sich Selber“, als das Primäre, des Gehirns bedient und in ihm bestimmte Spuren hinterlässt, ob nun primär physiko-chemisch oder untergeordnet physiko-chemisch im Rahmen des Nervlich-Biologischen – diese Vorstellung also liegt zumindest ebenso nahe wie ein entsprechendes Wirken des „aus sich selber Seienden“, das aber von dem „physiko-chemischen“ „Erregungsmuster“, von den Gammaoszillationen“, ausginge und determinierend auf „Gedanken“ und „Entscheidungen“ wirkte. Es ist ja klar, was der freien Geistigkeit eher ähnlich sieht, die dem „aus sich selber Seienden oder Werdenden“ so oder so eigen ist. Oder können wir noch einen Schritt weiter gehen als bis zum bloßen „eher“? Ich denke, auch das: Wir befinden uns im Ganzen einer menschlichen Person, in der Denken und Wollen, einschließlich von deren Nuancen und Varianten, beherrschend sind; und da sollten wir das „aus sich Selber“ ins Geistige verlegen.
      Allerdings, es ist nicht allzu wichtig: Auch im letzteren Fall, dem ursächlichen Ausgehen vom Physiko-Chemischen, mit Auswirkungen auf „Gedanken“ und „Entscheidungen“, geht es nur um eine in Wahrheit zeitlose Selbstbestimmung: ohne Sukzession zwischen dem Ersteren und den Letzteren, so auch ohne Ursächlichkeit und folglich auch ohne Determination, wir haben es schon dargelegt.
      Habermas schreibt (bei sich a.a.O. auf S.19): Das menschliche Verhalten wird dann – wenn die Neurowissenschaftler Recht haben und „alles Physik und Chemie ist“ – nicht von Personen entschieden, sondern von deren Gehirnen festgelegt – als ob Person und Gehirn zwei verschiedene Dinge wären! Ein Satz, der die ganze Dummheit, die schülerhafte und unentwickelte Begrifflichkeit zusammenfasst: Selbstverständlich sind die Gehirne von den Personen nicht verschieden! Sie sind ja keine eingebauten Fremdkörper! Sie sind mit den Personen identisch, oder jedenfalls deren entscheidender Teil; und die Person ist das „aus sich Selber“ im Menschen. Ergo! Wie verhalten sich „aus sich Selber“ und Gehirn?
      Kurz und gut: es lässt sich an der gesamten unreifen und zu kurz gedachten physiko-chemischen Miniatur-Ideologie nur öder modischer Zauber, aber nichts Sinnvolles entdecken. –
      Zurück zu Kant und Schopenhauer.
      Sie also kannten, wie gesagt, die lückenlose Geltung der Naturgesetze im empirischen Bereich, ganz unabhängig davon, ob diese Gesetze samt und sonders oder nur teilweise physiko-chemischer Art sind.
      Und sie und ihre Geistesbrüder wussten zugleich – und auf ihre eigene Weise wissen es auch alle anderen vernünftigen Menschen – dass Ursache = Ursache ist, dass jede Ursache ihre Wirkung im gleichen Ausmaß determiniert, nicht die eine mehr und die andere weniger. Und man wusste und weiß auch heute noch, dass es in der empirischen Schicht kein Phänomen, keinen Vorgang ohne eine Ursache gibt, die ihre Wirkung ebenso vollständig, ebenso lückenlos determiniert, wie jede andere Ursache es tut, gleichgültig, ob nun „alles Physik und Chemie“ ist oder ob es außerdem, was das Plausibelste ist, auch biologische, intellektuelle und weitere Ursachen für die entsprechenden gleichnamigen Gebiete gibt.
      Andererseits aber wussten Kant und Schopenhauer auch, dass wir uns, soweit Naturgesetze und Naturnotwendigkeit reichen, doch wieder nur, jeder für sich und als seine eigene Natur, entsprechend allen anderen lebendigen und anorganischen Weltwesen, zeitlos und deshalb ebenso frei wie unabänderlich, innerhalb der einen großen Natur, durch „Selbstbestimmung“ die für uns geltenden psychologischen und biologischen Naturgesetze selber gegeben haben; mit anderen Worten: dass wir uns als Teile der Natur, jeder für sich auf Grund seines eigenen „intelligiblen“ und „aus sich selber“ seienden „Charakters“, für unseren eigenen „empirischen“ „Charakter“ mit all seinen Besonderheiten, zeitlos und insofern unaufhebbar, aber frei, selber entschieden haben.
      Und diesen philosophischen, begrifflichen Wahrheiten entsprechend, waren sich, auf dem Weg über immer vorhandene dunklere Kanäle, denn auch alle wacheren Geister unserer Völker wenigstens einigermaßen bewusst – und die übrigen vernünftigen Menschen hatten es lückenlos sehr sicher im Gefühl – dass Naturgesetze und Naturnotwendigkeit keine Aufhebung des freien Willens bedeuten: schließlich blieb man ja auch, ohne irgendwelche Qualen der Unsicherheit bei der Strafrechtspraxis und allen ähnlichen Gesetzen, Übungen und Handhabungen, so wie es diese Dinge schon immer gegeben hat und wie es sie in aller Zukunft auch weiter geben wird.
      Anders die Schreiber der Hochfinanz, der herrschenden Geldmacht: Man will den herrschenden Kräften gefallen, um in den Medien zum großen Geist hochstilisiert zu werden und hochdotierte Preise zu erhalten; es geht wenigstens ebenso sehr um Geld wie um alles andere! Man will an den Universitäten und Akademien zu Vorträgen, von den Fernsehchefs zu Talkshows eingeladen und auf Soireen mit Bewunderung behandelt werden. So genannte „Lebensklugheit“, das ist das Niveau! Darauf richtet man sein Augenmerk. Im Übrigen denkt man nicht sachlich, sondern modisch, ideologisch und kindisch. Deshalb schämt man sich zum Beispiel auch nicht, üblichen Unsinn gedankenlos nachzuschwätzen, im vorliegenden Fall z.B. über Physik und Chemie – Wissenschaften, die man an sich gar nicht hoch genug schätzen kann! Und die, außer zu Spezialzwecken, denn auch alles andere als besonders gefördert werden!
      „Physik“! „Chemie“! „Determination“! „Wir sind determiniert! Das ist jetzt in!“ so möchte man am liebsten haltlos himmeln, das tut man nun nicht, aber man schreibt genau in diesem sklavisch-gefügigen Ungeist: in Gestalt modischer Bildungs-Traktate mit unklarer und unehrlicher, verklausulierter und an Universitäts-Cliquen gebundener Terminologie.
      Und wir können uns darauf verlassen: Es herrscht im Innern dieser Leute sehr viel Unernst! Allerdings, ganz überwiegend nicht zur Verdeckung besserer Einsichten, hätte man die und müsste man sie nur dem Willen der herrschenden Finanzkreise opfern, so würde im Ganzen trotz allem mehr höherstehende Vernunft zum Durchbruch zu kommen suchen, die Autoren würden es auf die Dauer nicht aushalten; diejenigen, die wirklich an der Wahrheit leiden, werden denn ja auch trunksüchtig oder gehen auf ähnliche Weise zugrunde. Aber: meistens hat man eben keine besonderen Einsichten, und es ist den Leuten dann auch egal, wie sich die Dinge wirklich verhalten. Gehen wir es einmal durch:
      Entweder man übernimmt die Rolle, folgende Meinung zu haben: Der demnächst zu erwartende Nachweis physiko-chemischer Gesetze für unsere „psychischen Vorgänge“, die zurückgebliebene Menschen der Biologie und dem Geistigen zurechnen, wird „eine tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses“ und „beträchtliche Erschütterungen“ zur Folge haben; nämlich die Einsicht, dass wir determiniert sind; dass es weder Schuld noch Verdienst noch Verantwortung gibt; dass es unter anderem keine Strafprozesse mehr geben darf, und so weiter; dass es vielmehr nur „den Menschen als Maschine“, „L´ homme-machine“ (De La Mettrie) geben wird, mit Erziehungs- und Irrenanstalten à la „Großem Bruder“ frei nach George Orwell! Und so fort. – Interessiert das den Mann wirklich? Sympathisch oder antipathisch? Oder sucht er nur das Seine, indem er mächtigen Kreisen gefällig zu sein glaubt? Und ist das die Erklärung für seine groteske Ignoranz? Sehr oft weiß man ja auch wirklich nicht das, was man nicht wissen will.
      Oder der Propagandist der Hochfinanz rechnet mit Folgendem: Wenn die „psychischen Vorgänge“ in uns – oder deren determinierende Grundlagen in unserem Gehirn – nicht von physiko-chemischen Ursachen bestimmt sein sollten, so sind sie entweder überhaupt nicht von Ursachen bestimmt, oder sie haben zwar Ursachen, aber nur solche, die nicht oder im Wesentlichen nicht determinierend wirken. Er muss diese Konsequenz gezogen haben; denn andernfalls – wenn er genauso gut mit biologischen und geistigen, jedenfalls mit überall lückenlos herrschenden Determinationen rechnete – könnte er von der Eröffnung physiko-chemischer Determinationen keine „Erschütterungen“, keine „tiefgreifende Revision unseres Selbstverständnisses“ usw. erwarten. Bei all dem aber sind beide Vorstellungen: dass es keine Ursachen oder Ursachen nur mit fehlender Determination geben würde, durch und durch und in skandalösester Weise barbarisch: Man bedenke die unglaubliche Ignoranz, die darin liegt! Das magische, wenn auch bedingte magische Denken, wie man es sich beim Urmenschen vorstellt! Und man kann sagen, was man will: genau diese Vorstellungen müssen im jetzt vorliegenden zweiten Fall, mehr oder weniger bewusst, im Kopf des Propagandisten der Geldmacht vorhanden sein.
      Vor allem, Freunde: Es geht in diesen Fällen nicht um Philosophie oder sonstige Wissenschaft – um das noch einmal zu sagen – sondern nur darum, dass der eine oder andere die Grundgesetze des Verstandes nicht kennt: Es geht um Ignoranz schlechthin, um kindische Ideologie, um Dienst am System; wodurch der Fall genau richtig gekennzeichnet ist; mit höchster Alarmstufe für die Völker, die die Diener-Autoren der zerstörerischen Geldmächte mit einer geistigen Schicht verwechseln.



       
   Hans Rochol
im Juli 2009.


© www.rochol.net, September 2003.