Zur guten Mutter Natur, zu „harten Fakten" und zu dem in so überwältigender Weise imponierenden Materialismus der Wissenschaft.




aa


Die Welt schreibt am 7.12.02 auf Seite 24: „Ist der Mensch ein Roboter aus Fleisch und Blut und ohne freien Willen?
Die Biologie verändert unser Selbstverständnis – Der Streit zwischen
Neurowissenschaftlern und Philosophen verschärft sich
Von Antonia Rötger
Berlin. – In dem Horrorroman „Uhrwerk Orange" von Anthony Burgess wird der Protagonist vom hemmungslosen Sadisten zum wehrlosen Lamm umprogrammiert. Das intensive Mitgefühl mit der lebenden Kreatur, das ihm komplett fehlte, wird ihm erst eingepflanzt und später wieder entfernt – je nach dem aktuellen gesellschaftlichen Bedarf. In anderen Science-Fiction-Romanen manipulieren Menschen ihr Bewusstsein mit maßgeschneiderten Drogen oder setzen sich Transplantate ins Gehirn.
Diese Szenarien scheinen durchaus realisierbar. Prominente Neurowissenschaftler verkünden schon heute ein neues Menschenbild, das zwingend aus wissenschaftlichen Ergebnissen abzuleiten sei: Demnach sind wir Roboter aus Fleisch und Blut, die sich zwar einbilden, über ein Selbst zu verfügen und einen freien Willen zu haben. Aber „in Wirklichkeit" seien wir durch Gene, daraus resultierende Hormonspiegel und Umwelteinflüsse programmiert. Die Illusion von Bewusstsein sei lediglich ein Trick der Natur, der uns dazu bringt, unseren Körper zu ernähren, ihn zu schützen und unsere Gene in die nächste Generation zu übertragen.
Was immer ein Mysterium war und eine Domäne der Philosophie und Religion, nämlich die Subjektivität des menschlichen Bewusstseins, ist danach ein neuronales System, das man im Labor untersuchen kann. Doch wie viele Menschen werden es klaglos hinnehmen, wenn ihnen der freie Wille abgesprochen wird, sie der Seele verlustig gehen und ihre Werte wegerklärt werden?
Diese Frage stellte kürzlich der Neurophilosoph Thomas Metzinger von der Universität Mainz auf einer Podiumsdiskussion am Rande einer internationalen Tagung von Neurowissenschaftlern an der Technischen Universität Berlin. Er forderte eine „Anthropologiefolgenabschätzung" für die Neurowissenschaften. Denn manche von ihren Ergebnissen stellen das Bild vom Menschen infrage, auf dem unsere Kulturwerte basieren, sagte der Philosoph.
Dies wird Auswirkungen nicht nur für das Selbstverständnis des Einzelnen, sondern auch auf den sozialen Zusammenhalt der Gesellschaft haben. So wie sich seit Jahren Kommissionen mit den Folgen von Technologien befassen, sollten Geistes- und Sozialwissenschaftler die psychosozialen Kosten abwägen, die ein materialistisches Bild vom Bewusstsein mit sich bringt. Eine öffentliche Debatte über die Fragen, die sich daraus ergeben, müsste initiiert werden.
Beispielsweise müssten Erkenntnisse darüber, wie frei Menschen wirklich über ihre Handlungen entscheiden können, in unser Strafrecht einfließen. Auch die Drogenpolitik und die medizinische Ethik könnten sich verändern: Welche Arten von Bewusstsein erscheinen uns wünschenswert, welche sind schützenswert und welche darf man töten? Und schließlich: In welchem Bewusstseinszustand möchten wir selbst sterben?
Doch der Graben ist tief zwischen den Neurobiologen und den Philosophen. Die meisten schmoren lieber im eigenen Saft. Hans Super, Neurophysiologe an der Universität Amsterdam, meinte ganz offen, dass er von Geisteswissenschaften und Psychologie nichts Relevantes erwarte – die harten Fakten kämen aus dem Labor. `Aber die meisten Neurowissenschaftler verstehen nur sehr wenig von Philosophie und meinen mit dem freien Willen etwas ganz anderes als die Philosophen´, sagte darauf Henry Markram, Neurobiologe am Brain Mind Institute in Lausanne."


(1) So weit, so schlecht zunächst – nach Auskunft der Welt. Einen kleinen Vorwurf kann man allerdings auch der Zeitung selber machen; denn das, was sie sagt, klingt bis jetzt, als ob es um eine echte, wirkliche, ernstzunehmende philosophische Streitfrage ginge. Und es soll wohl auch zunächst einmal so klingen: die Zeitung schielt ganz offensichtlich nach dem falschen Alarm; sie möchte ein kleines bisschen, vorübergehend und bedingt, so „als ob" und im Stile von „Denkt einmal, es wäre so!" von dem Sensatiönchen leben und profitieren; sie möchte auch den Leser davon leben und profitieren lassen; und ihn vielleicht sogar ein bisschen damit verführen. Dann aber rafft sich die Journalistin auf und fährt fort:

(2) „`Wir sollten im Augenblick wesentlich bescheidener sein mit solchen Szenarien´," – ertragen wir einmal die Geistlosigkeit der Modewörter in den Zeitungen! – gab Arno Villringer, Neurologe an der Charité in Berlin, zu bedenken, `denn in Wirklichkeit sind die Wissenschaftler weit davon entfernt, über die Existenz eines freien Willens eine verlässliche Aussage zu machen´. In der Tat: Neurowissenschaftler erarbeiten solide Ergebnisse darüber, wie Insekten oder Mäuse akustische oder optische Signale verarbeiten, wie das Gedächtnis funktioniert oder wie bei Menschen nach Schlaganfällen Hirnregionen neue Aufgaben übernehmen." Und auch hier geht es – um das einzufügen – todsicher sehr viel mehr um bloße Beschreibungen als um eigentliche Ursachen; man macht viel zu oft viel zu große Worte; aber selbst wenn! Denn es heißt dann schließlich klipp und klar: „Aber alle Experimente über den freien Willen des Menschen sind bis heute umstritten." Natürlich sind sie es! Und es wird sich auch zeigen, warum; vielleicht nicht, warum sie es sind, aber in jedem Fall, warum sie es sein müssten. „`In der medizinischen Praxis´", so Villringer, „`halte ich mich lieber an das christliche Menschenbild.´" Das heißt: wir haben hier – nebenbei bemerkt – ein Phänomen vor Augen, das in der Medienwelt durchaus heimisch ist: eine Zeitung erlaubt ihren Journalisten, in diesem oder jenem Punkt, sogar in weltanschaulichen Dingen, Wahrheiten zu sagen, die zwar missliebig sind, die aber gesagt werden sollten; mit anderen Worten: sie erlaubt ihnen, von gewissen überwiegenden Tendenzen der Hochfinanz abzuweichen. Die eine Zeitung erlaubt es ihnen in diesem Punkt, die andere in jenem; und Die Welt nun eben, wie wir gerade sehen, sobald es um das „christliche Menschenbild" geht. Sie würde es aber auch in zahlreichen anderen Punkten tun; Der Weltmensch weiß: es ist klüger, bis zu einem gewissen Grad die Wahrheit zu sagen, wenn man die Menschen wirklich und nachhaltig täuschen und manipulieren will.

(3) Allerdings ist der Fall mit Villringers richtigem Urteil nicht erledigt. Er beweist zwar Urteilskraft; und er scheint es auch nicht nötig zu haben, aus persönlichen weltanschaulichen Gründen nach Utopien zu haschen, die nicht ausreichend begründet sind. Aber er rechnet es anscheinend nicht zu seinen Aufgaben, den Dingen auf den Grund zu gehen. Das ist in jedem Fall sein gutes Recht; und es ist nach seinem Lebenslauf und nach dem, was er sonst noch alles zu tun hatte, vielleicht auch gar nicht anders möglich gewesen. Andererseits aber sind mit Sicherheit sehr viele Einzelne von dem Holzhammer der guten Mutter „Natur", der „harten Fakten" und der über jeden Zweifel erhabenen materialistischen „Wissenschaftlichkeit" so benommen und so hypnotisiert, dass ihnen jede Gegenwehr von vornherein geradezu ungehörig zu sein scheint. Und dieser Zustand ist immer ein Zeichen dafür, dass wir den Gegner überschätzen; oder etwas neudeutscher und politisch korrekter: dass wir den Gesprächspartner, die andere Seite, überschätzen. Sehr oft war der Partner überdies auch nicht daran unbeteiligt, uns ganz genau in diesen, für ihn äußerst günstigen Zustand zu versetzen; das heißt: der selbstverständlich sehr edle und menschlich aufgeklärte Partner hat uns vielleicht auch schon einmal durch Arroganz imponiert, also im schlechtesten Sinne imponiert. Und wir haben nun also alle Ursache, den Dingen auf den Grund zu gehen; und zwar hier zu aa) zunächst einmal prinzipiell und sodann zu bb) anlässlich einer Reihe von Einzelfällen:

(4) Wir brauchen dafür hier und da ein Glossar; an der vorliegenden Stelle z.B. für die Begriffe „Selbst", „freier Wille" und „Bewusstsein". Die beiden letzteren haben wir im vorhergehenden Artikel unterschieden, entflochten; wir haben ihre Verschiedenheit festgestellt und dabei vor allem den Begriff des „Willens", des „freien Willens", genauer analysiert und definiert. Das „Selbst" lässt sich überwiegend als Nuance des Willens verstehen; in seiner grundlegenden Schrift Die Krankheit zum Tode verwendet z.B. Kierkegaard den Begriff weitgehend in dieser Bedeutung. Und das jetzige Glossar hat nun festzustellen, dass die drei genannten Begriffe im vorliegenden Artikel wie Kraut und Rüben durcheinandergehen; daraus sollte man allerdings der Journalistin keinen Vorwurf machen; denn selbst die größten Philosophen sind in diesem Punkt mehr als oft nicht besser gewesen. Also: die drei Begriffe werden durcheinandergeworfen; und man möge sich bei dem jetzt zu analysierenden Text jedes Mal, wenn einer von ihnen genannt wird, nach Möglichkeit den Willen als grundlegenden Begriff dabei denken – den man in der Philosophie eben noch heute sehr weitgehend zum Begriff des „Bewusstseins" intellektualisiert und verfälscht.

(5) Im zweiten Absatz heißt es nun: im Gegensatz zu dem, was wir uns einbildeten, seien wir „in Wirklichkeit" „durch Gene, daraus resultierende Hormonspiegel und Umwelteinflüsse programmiert. Die Illusion von Bewusstsein sei lediglich ein Trick der Natur, der uns dazu bringt, unseren Körper zu ernähren, ihn zu schützen und unsere Gene in die nächste Generation zu übertragen". Dabei ist die „Illusion des Bewusstseins" laut Glossar in der Hauptsache die Illusion eines freien Willens – selbst ganz davon abgesehen, dass man niemandem den Unsinn unterstellen darf, oder auch: dass man keine Lust hat, den Unsinn zu erwägen, das Bewusstsein sei eine Illusion: es ist höchstens eine Quelle von Illusionen, die sodann die Realität des Bewusstseins selbst geradezu beweisen. Und wir können außerdem – nebenbei erwähnt – ganz davon absehen, d.h. wir können es uns leisten, auf das Argument zu verzichten, dass zum Beispiel die Pflanzen Ernährung, Körperschutz und Gen-Übertragung höchstwahrscheinlich ohne Bewusstsein zustande bringen.

(6) Und was ist nun also zu dem „Trick der Natur" zu sagen? Er soll ja wohl unseren freien Willen widerlegen. Befindet er sich nun etwa aus diesem Grund, statt in uns, in anderen Menschen? im Tierreich? im Pflanzenreich? im anorganischen Bereich, in den Mineralien usw.? Natürlich nicht. Ein Astrologe würde sagen, er befindet sich in den Sternen; nach dem einen oder anderen Bartträger wirkt er in „den Erdstrahlen"; aber lassen wir das einmal weg. Oder geht der „Trick" von Gott aus? Gott ist nicht „die Natur"; und außerdem kommen wir auf Gott an Ort und Stelle in vernünftiger Weise zu sprechen. Wo also befindet sich der „Trick", und von wo geht er folglich aus? da er von keinem der genannten Bereiche ausgeht, die man (von Gott abgesehen) ja wohl als natürliche Bereiche bezeichnen kann, da er aber andererseits unseren freien Willen widerlegen soll. Der „Trick" soll offensichtlich von der „guten Mutter Natur" ausgehen: die man sich gerade wegen solcher Tricks auch als eine Art Fee oder Ähnliches denken könnte; und der man zwar nicht ganz und vollkommen über den Weg trauen kann; die auf ihre Weise aber doch überwiegend gut ist; und der man sich unter allen Umständen, gleichgültig auf wessen Weise sie nun gut ist, mit einer gewissen säkularisiert-religiösen Demut unterwerfen muss. Das heißt: der großspurig-saloppe Gedanke von dem „Trick der Natur" schließt eine unsympathische Naivität, eine unkontrolliert gebliebene, also blödsinnige Gedankenlosigkeit in sich.

(7) Was sollen wir also wirklich denken? Wir sollen zunächst das Vorurteil weglassen, dass unser freier Wille unbedingt widerlegt werden müsse; wir können ja abwarten, ob sich die Widerlegung ergibt, ohne dass wir von vornherein danach suchen. Und wir sollen uns sodann daran erinnern, dass das, was man in den genannten Kreisen als „Trick" bezeichnet, zunächst einmal nichts anderes ist als Bewegung, Dynamik, Energie, Aktivität oder Wirken; denn wenn es ein Trick sein soll, so wäre eben das Vorliegen der spezifischen Eigenschaften eines Tricks zu beweisen. Und ferner haben wir schon längst gedacht, nämlich im unmittelbar vorhergehenden Artikel über die „Raserei der Äußerlichkeit", dass die Bewegungen der Natur nicht nur Dynamik, Energie usw. sind, sondern reine Dynamik, reine Energie und Aktivität und reines Wirken. Mit der zwingenden Konsequenz, dass sie ursprünglich sind, nämlich „aus sich selber" und so denn auch frei, weil das „aus sich selber Seiende" sein Wesen und so denn auch sein Verhalten selbst bestimmt. Oder genauer: wir haben alles das in unmittelbarer Weise von unserem eigenen Willen festgestellt, der unser eigenes Wesen und Inneres ist, wenn wir vom Intellekt in diesem Zusammenhang einmal absehen; und wir haben es für etwaige weitere Komponenten unseres eigenen Wesens, und überhaupt für den gesamten Rest der Natur, aus der entsprechenden naturwissenschaftlichen Erkenntnis geschlossen, wonach alles und jedes in der Natur reine Energie, reines Wirken ist. Darüber hinaus aber können wir für die besagten etwaigen weiteren Komponenten auf andere Weise zu demselben Ergebnis kommen; nämlich mit der Überlegung: Solche zusätzlichen Schichten müssten mit unserem Willen, mit dem sie dann ja ein zusammenhängendes Wesen, nämlich unser Wesen bilden sollen, in wesentlicher Weise verbunden sein; das aber sei nur durch ein Kausalverhältnis möglich. Unser Wille müsse also entweder von den zusätzlichen Schichten oder Komponenten verursacht sein; dann aber sei er nicht nur nicht „aus sich selber", nicht nur nicht im voluntativen Sinne „subjektiv"; sondern er sei dann von ihnen sogar determiniert, und folglich aus jedem der beiden Gründe kein Wille; sodass diese Alternative entfällt. Oder unser Wille, unser „aus uns Selber", sei eben seinerseits die Ursache unserer zusätzlichen, restlichen Schichten; mit der Folge, dass die letzteren ebenso wie er „aus uns selber" wären und dass wir infolgedessen schon unter diesem Gesichtspunkt insgesamt und im Einzelnen „aus uns selber" wären, also einen freien Willen hätten. Und darum geht es uns ja im Augenblick.

(8) Allerdings benötigt der zuletzt genannte Punkt eine Berichtigung, eine Vervollkommnung. Wir haben im vorhergehenden Teil deutlich gemacht, dass die Natur in ihrem grundlegenden Zustand: als Ding an sich, reines Wirken sei; dass sie infolgedessen nichts Passives, Determiniertes und so denn auch keine Wirkung und folglich auch keine Ursache, beide im strengen Sinne, in sich schließen könne. Woraus hervorgeht, dass die besagten zusätzlichen Schichten nicht als Folge oder Wirkung unseres „aus sich Selber", unseres „aus uns Selber" möglich sind, sondern nur als dessen gleichgearteter Teil. Sodass wir (von unserem Intellekt abgesehen, wie gesagt) in der Schicht des „Dinges an sich" nichts als pure Energie und pures Sein aus uns selber sind, nichts als das „dynamische aus sich selber Seiende", das nach allem die Definition des Willens ausmacht; und dass wir infolgedessen unter diesem Gesichtspunkt erst recht „einen freien Willen haben", oder dass wir ihn vielmehr durchaus nicht nur „haben", sondern dass wir dieser freie Wille sogar selber sind. Worum es uns, wie gesagt, im Augenblick ja geht; und was, genau genommen, sogar mehr ist als das, worum es uns gegangen ist.

(9) Und schließlich kann es, wie wir ebenfalls schon begründet haben, in der Schicht des „Dinges an sich" selbstverständlich auch zwischen den einzelnen Individuen und den sonstigen Teilen der Natur, des „reinen Wirkens", der „reinen Aktivität", keine Determination und so denn auch keinerlei Kausalität im strengen Sinne geben. Das heißt: es gibt insofern! auch keine Ganzheit. Und die gute Mutter Natur, mit der wir den jetzigen Zusammenhang begonnen haben, ist infolgedessen keine gute oder manchmal vielleicht auch etwas bedenkliche Frau oder Fee oder sonstwas, die uns sozusagen gütig, aber durchaus nicht hochachtungsvoll chloroformiert, indem sie uns von außen den freien Willen nimmt. Sondern sie ist für jedes einzelne der zahllosen Wesen in dieser Welt nichts anderes als derjenige Teil ihrer selbst, der mit vollständiger Deckungsgleichheit eben dieses einzelne Wesen selbst ist, das keinerlei Passivität kennt, das sich infolgedessen selbst bestimmt und das diese Freiheit denn auch nie verlieren kann, weil es in dieser Freiheit selber besteht.

(10) Allerdings ergibt sich angesichts alles dessen zugleich, dass alle Wesen, vom Menschen über das Tier- und Pflanzenreich bis zum anorganischen Bereich einschließlich, reine Aktivität, nämlich „dynamisch" und „aus sich selber" sind; das heißt, es zeigt sich, mit anderen Worten: dass die gesamte Natur ihrem eigentlichen Wesen nach: als „Ding an sich", in nichts als Willen besteht; der sich schließlich, auf seinen höheren Entwicklungsstufen, durch die zweite und nicht annähernd so ursprüngliche Natur-Kraft des Intellektes selbst beleuchtet – sich insofern! auch wieder nur selber reproduziert. Aber es wird sich bei der weiteren Entwicklung des Gedankenganges zeigen, dass sich aus dieser Prämisse durchaus keine abwegigen, absurden Konsequenzen ergeben. Und selbst die Naturwissenschaft, mit ihrer Auffassung von der Natur als purer Energie, als reinem Wirken, ist denselben Weg inzwischen so weit gegangen, dass sie ihn nun, ohne es zu wissen, auch gleich ganz gegangen ist; denn wir haben ja gesehen, dass der Gedanke des reinen Wirkens zugleich den des Seins aus sich selber in sich schließt. Im Übrigen ist nicht die Naturwissenschaft, sondern Arthur Schopenhauer der große Entdecker: Er hat schon im 19. Jahrhundert „Die Welt" „als Wille und Vorstellung" betrachtet und den Gedanken, was außerordentlich viel bedeutet, ausreichend begründet – wenn auch sehr weitgehend mit anderen Gründen und Prämissen, in einer anderen Begrifflichkeit und vor allem mit völlig anderen Konsequenzen, als es jetzt auf diesen Seiten in Angriff genommen wird.

(11) Halten wir nun einen Augenblick inne – um zu repetieren! Es geht also um den freien Willen. Wir fanden ihn (hier und im vorhergehenden Text, über die „Raserei der Äußerlichkeit") in der reinen Energie und dem reinen Wirken: in der puren Aktivität ohne Passivität, im „dynamischen aus sich Selber", in dem jedes einzelne Wesen besteht und dessen vollständige Vielheit das Ganze und die Gesamtheit der Natur überhaupt ausmacht. Dabei zeigte sich 1.), dass die pure Energie, das reine Wirken zumindest nicht im statischen Sinne räumlich („bauklötzchenartig") sein kann; und es ergab sich daraus, dass das „dynamische aus sich selber Seiende" allein schon aus diesem Grund zumindest nicht der uns bekannten Art von „Erfahrung", „Erscheinung", oder „Vorstellung" angehören kann; das heißt: dass es nicht Gegenstand unserer fünf Sinne sein kann, sondern, schon unter diesem Gesichtspunkt, auf die Schicht des „Dinges an sich" eingeschränkt ist; was allerdings, sachlich gesehen, denn auch nur eine sehr unwesentliche Einschränkung bedeutet. Man könnte 2.) in Erwägung ziehen, ob eine rein dynamische Räumlichkeit ohne jede Statik etwa undenkbar ist; sodass das „dynamische aus sich selber Seiende" für unsere fünf Sinne auch aus diesem Grund nicht räumlich sein: nicht in „Erscheinung" treten könnte. Aber wir können uns die Mühe sparen, weil ein einziger ausreichender Grund selbstverständlich ausreicht; und wir können es auch deshalb, weil es uns nur um den Nachweis des freien Willens geht und uns nichts daran liegt, dass der freie Wille in der Erscheinung nicht sichtbar werden kann. Es liegt 3.) auf der Hand, und es ist außerdem auch deutlich gemacht worden, dass ein Sein „aus sich selber" nicht im eigentlichen, strengen Sinne kausal bestimmt sein kann, mit einer Ursache und mit einer von dieser Ursache (numerisch) getrennten Wirkung oder Folge; und wir könnten nun geltend machen, dass Bereich und Schicht der „Erscheinung" und der „Erfahrung" tatsächlich durchweg kausal bestimmt sind, von gewissen, im Augenblick unwesentlichen, mikroskopischen (quantentheoretischen) Bereichen vielleicht! abgesehen; und mit der Konsequenz, dass der „dynamische aus sich selber seiende" Wille auch aus diesem Grund nicht der „Erfahrung", dem empirischen Bereich, angehören kann. Aber wir können uns auch diese Mühe sparen, aus denselben Gründen wie soeben zu 2) ; wir können es außerdem deshalb, weil wir mit der Geltendmachung, mit dem Nachweis der durchgehenden kausalen Bestimmtheit von „Erscheinung" und „Vorstellung" offene Türen einrennen würden. Und es bleibt jetzt nur noch kurz zu repetieren, dass im vorhergehenden Teil (über die „Raserei der Äußerlichkeit") begründet worden ist, weshalb uns der Wille, das „dynamische aus sich selber Seiende", das „Ding an sich", dagegen in unserem eigenen Innern durchaus zugänglich ist. Er ist es nämlich deshalb, weil der Wille hier ja nicht Gegenstand unserer fünf Sinne ist, sondern in allen diesen Fällen zusammen mit dem lediglich widerspiegelnden Intellekt jeweils das Innere des Einzelnen ausmacht, den Einzelnen selbst ausmacht, der er ist und der nun ihn und damit sich selbst beobachtet.

(12) Soweit die Wiederholung, die Repetition. Nun haben wir im vorigen Kapitel klargemacht, mit welchem Gedankengang Kant (in der „Transzendentalen Ästhetik" am Anfang der „Kritik der reinen Vernunft") nachweist, dass der Raum nur eine „Erscheinung"sform der Außenwelt, des Gegenstandes unserer fünf Sinne ist und dass er in keinem Fall dem Wesen der „Dinge an sich" angehört. In einem weitgehend parallel verlaufenden Gedankengang weist er nun (an der angegebenen Stelle) ebenso nach, dass die Zeit eine bloße Erscheinungsform unserer Innenwelt ist; dass sie die Aufeinanderfolge, die Sukzessivität unserer Gedanken, unserer inneren Vorgänge schafft und auf dem Wege über sie auch die Sukzessivität in der Außenwelt. Und er führt zu diesem Zweck sinngemäß unter anderem aus: wir glaubten ganz genau und ganz sicher zu wissen, dass sowohl die Vorgänge in unserem Innern wie auch die in der Außenwelt der „reinen Anschauungsform der Zeit", unterworfen seien, dass sie also entweder gleichzeitig oder nacheinander verlaufen; und mehr noch: dass es auch so sein müsse; und noch mehr: wir könnten es uns gar nicht anders denken oder vorstellen. Und wir vermeinten sogar, dass wir es selbst dann ganz sicher wüssten, wenn wir von den besagten Vorgängen in unserem Innern und in der Außenwelt keinerlei entsprechende Erfahrung hätten; dass es sich also unabhängig von diesen Vorgängen und den Erfahrungen, die wir mit ihnen haben oder nicht haben, mit diesen Vorgängen so verhalten müsse. Woraus Kant auch hier wieder den Schluss zieht, dass wir die Form der Zeit, die „reine Anschauungsform der Zeit", von uns aus in die (eigene, innere und auf dem Weg über sie auch in die äußere) Natur hineinlegen, in der sie „an sich" nicht vorhanden ist: dass also die Zeitlichkeit der (inneren und der äußeren) Natur ebenfalls wieder sozusagen nur unsere eigene Brille ist, durch die hindurch wir die Vorgänge sehen; mit anderen Worten: dass die Zeit an den äußeren Vorgängen der Natur, und nun auch an inneren, nur „Erscheinung", nur unsere „Vorstellung" sei, und dass auch sie keine Eigenschaft der „Dinge an sich", der inneren und äußeren Vorgänge „an sich" sei.

(13) Das heißt: wir haben nun allerdings den freien Willen gefunden, auf dessen Nachweis es uns ankommt; und zwar haben wir ihn in der reinen Energie und dem reinen Wirken gefunden, in der puren Aktivität ohne Passivität, in dem „dynamischen aus sich selber Seienden", in dem jedes einzelne Wesen besteht und dessen vollständige Vielheit das geschlossene Ganze und die lückenlose Gesamtheit der Natur überhaupt ausmacht – ohne dass sich die Natur darüber hinaus noch in Gestalt irgendeiner „guten Mutter" oder halbguten Fee oder sonstigen Ammenmärchengestalt für „Philosophen" oder philosophierende Naturwissenschaftler niederschlüge. Wir stellen ferner bei alledem nebenher zugleich fest, dass wir einen freien Willen nicht haben , sondern dass wir ein freier Wille sind; was auch gar nicht anders möglich ist, da sich ein freier Wille mangels Kausalität mit ihrer unfreien, determinierten Wirkung nicht als Teil in das Ganze eines Individuums einfügen lässt, wie wir gesehen haben. Und wir erleben den freien Willen schließlich zwar nicht in der Außenwelt, wohl aber in unserem eigenen Innern sehr weitgehend als das, was er „an sich" auch tatsächlich ist; nämlich als reine Dynamik, als ausschließliches Wirken, das, wegen dieser Ausschließlichkeit im gesamten Bereich der Natur, zugleich auch selber die Rolle des Gewirkten übernehmen muss; das heißt: wir erleben den freien Willen in unserem eigenen Innern aus beiden Gründen allerdings als das „dynamische aus sich selber Seiende", das er auch „an sich" ist. Aber: wir erleben unseren Willen in unserem eigenen Innern andererseits auch wieder nicht in der Zeitlosigkeit des „Dinges an sich", sondern sukzessiv, zeitlich, in Gestalt aufeinanderfolgender Akte. Und sollte Kant mit seiner Auffassung von der Zeit als bloßer „Erscheinung" oder „Vorstellung": als bloßer „Anschauungsform" Recht haben – wofür unzählig vieles spricht – so erleben wir den freien Willen nun also auch in unserem eigenen Innern doch nicht ganz als das, was er wirklich ist.

(14) Es bleibt also die Frage übrig, auf die es uns ankommt; nämlich, ob wir ihn trotz allem immer noch gerade als Willen, und zwar als freien Willen, so erleben, wie er wirklich ist; mit anderen Worten: ob wir trotz der jetzt entdeckten Einschränkung immer noch mit Recht gerade die Freiheit des Willens innerlich zu erfahren glauben und diese Freiheit so denn auch als solche subsumieren und erkennen können. Und die Antwort liegt nun wenigstens insoweit völlig sicher auf der Hand; das heißt: Das durch unsere innere Erfahrung und unabhängig davon durch die Naturwissenschaft gesicherte reine Wirken, die pure Energie lässt, wie wir inzwischen in verschiedenen Variationen begründet haben, auf Sein „aus sich selber" schließen. Dieselbe Schlussfolgerung geht, wie wir ebenfalls gezeigt haben, aus der Subjektivität des Willens, der voluntativen Subjektivität hervor; denn auch sie lässt sich, vor allem im Kontrast zur Subjektivität unseres Intellektes, gar nicht anders analysieren denn als Sein oder als ständig erneuertes Werden „aus sich selber": auf andere Weise kann das Werden, das reine Wirken und damit zugleich auch Gewirkte gar nicht subjektiv sein. Sie muss auch analysiert werden, d.h. in klarere und eindeutigere Worte und Begriffe zerlegt werden, da Wort und Begriff der „Subjektivität" ohne Analyse alles andere als klar und eindeutig sind. Ergo. Und was nun dieses Sein „aus sich selber" anbetrifft, so ist es eines ganz sicher, nämlich von sich selbst bestimmt und damit denn auch frei. Sodass der freie Wille, auf den es uns jetzt ankommt, trotz der gerade gemachten Einschränkung durch den Erscheinungscharakter der Zeitlichkeit nach wie vor als solcher, nämlich als freier Wille, erkennbar und gesichert ist.

(15) Es kommt noch ein Punkt hinzu; oder richtiger: wir haben inzwischen und auch gerade jetzt wieder einen weiteren wichtigen Gesichtspunkt entwickelt, dessen wir uns nun nur noch voll und ganz bewusst zu werden brauchen: Es ist nämlich nicht nur so, dass wir ein freier Wille sind, statt ihn nur zu haben, wie gesagt; sondern es hat sich bei den Ausführungen außerdem gezeigt, dass das „Sein aus sich selber", also die Freiheit!, ein begriffliches Merkmal: ein Bestandteil der Definition des Willens ist!: eben des „dynamischen aus sich selber Seienden" oder des „ständig dynamisch aus sich selber Werdenden oder Hervorgehenden". Das heißt, ein „unfreier" „Wille" wäre eine contradictio in adiecto, ein Widerspruch im Adjektiv; und es heißt ebenso, dass es entweder einen freien Willen oder überhaupt keinen Willen gibt.

(16) Der freie Wille, die Freiheit unseres Willens als solche scheint also ausreichend festzustehen; und: es handelt sich bei ihr um die Freiheit unseres ganzen Wesens, da wir der Wille selber sind, sowie um eine Freiheit, ohne die unser Wesen nicht denkbar ist, da die Freiheit: das „aus sich Selber", zu seiner Definition gehört! Mit anderen Worten: es handelt sich um eine qualifizierte Freiheit. Andererseits zerfällt das „dynamische aus sich selber Seiende oder auch Werdende" aa) selbst noch in Gestalt unseres eigenen, individuellen Wesens, und damit vor unserem eigenen inneren Auge, in eine endlose Kette einzelner, aufeinanderfolgender Willensakte; es unterliegt also selbst unter diesem Blickwinkel immer noch der Bestimmung der Zeit; und es ist insofern! denn auch immer noch bloße „Erscheinung" oder „Vorstellung". Darüber hinaus unterliegen bb) alle übrigen „aus sich selber seienden" Wesen, also die gesamte übrige Welt für unseren von außen auf sie gerichteten Blick nicht nur zu einem erträglichen Teil, wie der Wille in unserem eigenen Innern, sondern voll und ganz und ohne Einschränkung den Gesetzen der „Erscheinung", der "Erfahrung", unserer „Vorstellung"; d.h. sie unterliegen den Gesetzmäßigkeiten nicht nur der Zeit, sondern auch des Raumes und der Kausalität. Dabei liegen die beiden ersteren Punkte, Raum und Zeit, auf der Hand; und was die allumfassende Kausalität angeht, also die Auffassung, dass in der Schicht der „Erscheinung", der „Erfahrung", des „Empirischen" alles und jedes seine determinierende Ursache hat – wenn wir von bestimmten quantentheoretischen Zweifelsbereichen einmal absehen – so ließe sich diese allumfassende Kausalität jedenfalls nachweisen. Was wir uns aber auch dieses Mal wieder sparen können, erstens, weil wir bei den Allermeisten damit offene Türen einrennen würden, wie gesagt; und zweitens, weil uns im Augenblick nichts daran liegt; denn es geht uns jetzt nur darum, die Willensfreiheit nachzuweisen, für die Schicht des „Dinges an sich"; und es geht uns jetzt nicht darum, die durchgehende Determiniertheit der „Erscheinung", der „Erfahrung", des „Empirischen" nachzuweisen. Oder richtiger: es geht uns in diesem Teil der Untersuchung nur noch darum, das Verhältnis der inzwischen nachgewiesenen Freiheit des Willens als „Ding an sich" zu seiner konzedierten Unfreiheit und Determiniertheit in der „Erscheinung" abzusichern; denn es muss uns ja genügen, wenn die Determination des Willens in der „Erscheinung" seiner Freiheit im „Ding an sich" jedenfalls nicht widerspricht.

(17) Und um diese Nichtwidersprüchlichkeit verständlich zu machen, könnten wir etwa sagen: Unser Wille, unser „dynamisches aus uns Selber", also unsere nicht-intellektuelle, voluntative Komponente, sei „an sich" zeitlos – gleichgültig, ob man diese Zeitlosigkeit nun unmittelbar als Ewigkeit betrachtet oder ob man sie nur als Nichtsukzessivität zu erfassen sucht; was im Übrigen jedoch kaum leichter ist als die Erfassung von Ewigem, weil wir eben alles durch die Brille zeitlicher Sukzessivität erfassen müssen; das heißt: weil eben unsere zweite Wesens-Komponente, der Intellekt, alles und jedes in sukzessive Vorgänge auseinanderzieht und auseinanderfaltet. Und so nun also erkennt unser Intellekt zwar die Raumlosigkeit unseres eigenen Willens; jedenfalls wird er durch die Anschauungsform des Raumes nicht an der Erkenntnis der puren Dynamik und des reinen Wirkens unseres eigenen Willens gehindert; er kann sich jeden beliebig gestalteten Raum dabei denken, ohne dass die Gestalt des Raumes dabei irgendeine Bedeutung hätte. Und er erkennt ebenso, wie wir ja gesehen haben, das „aus sich Selber" unseres eigenen Willens (seine Aseität, seine „aseitas", wie das mittelalterliche Latein sich ausdrückte); aber er faltet den „an sich" jedenfalls nicht sukzessiven Willen immer noch in eine endlose Kette einzelner aufeinander folgender Willensakte auseinander. Das heißt: er erkennt den Willen in unserem Innern unter der Form dieser Sukzessivität, dieser Zeitlichkeit; aber nicht nur das; sondern bis zu einer gewissen eingeschränkten Tiefe erlebt er ihn auch so. Mit der weiteren Konsequenz, dass ihm jeder folgende Willensakt bis zu derselben Tiefe zwangsläufig zu sein scheint, weil er eben kein wirklich neuer Willensakt ist, sondern in noch größerer Tiefe innerhalb des einen einzigen zeitlosen Willensaktes, in dem jeder von uns besteht, untrennbar! mit allen anderen als getrennt „erscheinenden", als sukzessiv von uns „vorgestellten" Willensakten eins ist. Sodass also auch die Aseität: das Sein aus sich selber unseres Willens, von einer gewissen Determination und so denn auch von der Schicht der „Erscheinung" oder „Vorstellung" nicht ganz unberührt bleibt, sondern bis zu einem gewissen Grad von ihr überlagert wird: so sehr uns auch die Subjektivität unseres Willens und seine Eigenschaft als reines Wirken sowie das aus jeder der beiden zu erschließende „Sein aus sich selber" erkennbar ist.

(18) Und wenden wir nun schließlich diesen selben Gedankengang auch auf die übrigen Wesen dieser Welt an, die sich außerhalb von uns befinden und die wir deshalb nur von außen wahrnehmen und erkennen – einschließlich übrigens unserer eigenen Äußerlichkeit, sowie andere uns sehen, ohne den Blick in unser Inneres. So wird der zeitlose Wille jedes einzelnen dieser Wesen, seine zeitlose „aus sich selber seiende Dynamik" selbstverständlich auch in allen diesen Fällen, ebenso wie unser eigener innerer Wille, jeweils in eine grundsätzlich endlose Kette einzelner, sukzessiver, zeitlich aufeinander folgender Willensakte auseinandergefaltet. Wobei sich, außer dem Hinzutreten der Anschauungsform des Raumes zu derjenigen der Zeit, lediglich folgende Unterschiede ergeben: Das, was wir in unserem Innern als Willensakte erleben, nehmen wir nun, in der Außenwelt, klipp und klar, völlig handfest und einseitig nur als äußere, räumlich-zeitliche Vorgänge wahr. Ferner erfassen wir das, was wir in unserem eigenen Innern als die besagte Zwangsläufigkeit unserer Willensakte empfinden, nunmehr außerhalb von uns selber ebenso massiv und einseitig als determinierende kausale Gebundenheit der gesamten uns umgebenden äußeren Welt, ohne dass wir ihr noch irgendetwas von einem zugrundeliegenden „Sein aus sich selber", von irgendeiner Aseität oder Ursachenlosigkeit anmerken.

(19) Und schließlich tritt nun, angesichts der Gesamtheit der Weltwesen, die Notwendigkeit eines gewissen Zusammenspiels unter ihnen ins Blickfeld, mit gegenseitiger Förderung, Gleichgültigkeit oder auch mit gegenseitiger Beeinträchtigung oder Vernichtung. Und zwar wirkt sich diese Notwendigkeit nicht nur innerhalb der Schicht der „Erfahrung", des „Empirischen", der „Erscheinung" oder „Vorstellung" aus mit ihren Naturgesetzen, die gerade ein solches Zusammenspiel regeln und die uns in dieser Funktion sehr vertraut sind; sondern es gilt auch für die Gesamtheit der zahllosen Wesen in ihrer jeweiligen Eigenschaft als „an Sich" und „aus sich Selber", das den einzeln „erscheinenden" Weltwesen jeweils zugrunde liegt. Das heißt: es gilt auch für die Gesamtheit dieser zeitlosen Stufen der verschiedenen Wesen, von denen jede ihre in der „Erscheinung" auseinanderfallenden Zeitstufen wiederum in sich zusammenfasst. Ein Wesen mit zeitlosem Blick könnte alle diese zusammengefassten Stufen gleichzeitig erblicken und überblicken und ebenso die Gesamtheit der zusammenfassenden Stufen; mit anderen Worten: die zeitlich späteren Stufen sind „an sich" zugleich mit der ersten Stufe sämtlich ebenfalls schon gegeben; und sie sind zugleich auf dem Weg über die Gesamtheit der zusammenfassenden Stufen miteinander koordiniert. Sie liegen dementsprechend in der „Erscheinung", nebeneinander und nacheinander, von Anfang an, von der ersten Stufe an fest; und „erscheinen" insofern! insgesamt als koordinierte und zwangsläufig eintretende Vorgänge.

(20) Und es drängt sich dementsprechend nun endlich der Gedanke auf, dass wir in diesem Gebilde die wahre und zu Ende entwickelte Gestalt, die geläuterte Ausführung des Gedankens vom „ewigen Schicksal" vor Augen haben. Nur mit dem Unterschied, dass das „ewige Schicksal" bei dem Philosophenvolk, das vor uns auf der Welt war, noch nicht mit dem, was man „die Natur" nennt einschließlich des Menschengeschlechtes, schlicht und einfach identisch und deckungsgleich war – sein Ganzes mit ihrem Ganzen und seine Teile mit ihren Individuen und übrigen Teilen. Und mit dem weiteren Unterschied, dass das „ewige Schicksal" bei ihnen, den Griechen, auch noch nicht in jedem einzelnen Teil so gut wie in seiner Gesamtheit „aus sich selber", selbstbestimmt, frei und unabhängig war – und außerdem voller unbegrenzter Möglichkeiten. Wer will, möge sich schon jetzt über den Zusammenhang zwischen der Selbstbestimmung und den unbegrenzten Möglichkeiten Gedanken machen; und er möge, wenn er das auch noch will, im Übrigen in dem zu allerletzt genannten Punkt den ersten Ansatz einer Antwort auf die theistische Frage sehen. Schopenhauer, der erste vollbewusste Voluntarist, hat diese Frage verneint; aber die theistische Lösung ist auf der Grundlage voluntaristischen Denkens: der Gleichsetzung von Sein und Willen, in Wirklichkeit gerade die typische und charakteristische Konsequenz – obwohl bis vor Kurzem allen schöpferischen und nichtschöpferischen Denkern genau das Gegenteil als ausgemachte Wahrheit gegolten hat.

(21)  – Und es bleibt nun nur noch nachzutragen, dass Kant den Gedanken unserer, menschlichen Willensfreiheit in der Schicht des Dinges an sich und den Gedanken unserer Determination in „Erscheinung" oder „Vorstellung", in Empirie oder „Erfahrung" (in der „Kritik der reinen Vernunft A538/B566ff. sowie in der „Kritik der praktischen Vernunft": „Kritische Beleuchtung ... ", 8.-12.Abs.) ausführlich behandelt hat; und dass Schopenhauer es war, der den Gedanken schließlich auf alle anderen Weltwesen ausgedehnt hat.

(22)  Soviel zunächst zum Willen, zur Freiheit des Willens und zur „guten Mutter Natur". Soviel ferner zu der Konsequenz, dass der Wille die ganze Natur umfasst und ausmacht – wenn man vom Intellekt auf den höheren Stufen, der den Willen lediglich widerspiegelt, einmal absieht. Das heißt: so viel auch zur vollständigen Identität und Deckungsgleichheit zwischen der Gesamtheit der „Natur" und der Gesamtheit der von ihr umfassten Wesen, zwischen den Teilen der „Natur" und den entsprechenden jeweiligen Einzelwesen innerhalb dieser Gesamtheit: den Individuen und den übrigen Teilen des Weltganzen – ohne irgendwelche uneingestandenen pseudomythischen Zusätze zu der ununterbrochen in kindischer Weise belästigten „Natur". Mit der weiteren Konsequenz, dass jeder ganz allein für sich selber, mit seinen individuellen und eventuellen kollektiven Komponenten, die „gute Mutter Natur" ist und an ihrem Wirken genauso viel teilhat und genauso viel bestimmt, wie es ihn selber betrifft und wie es sich auf ihn selber auswirkt. Was nicht bedeutet, dass er immer weiß, was er tut; und dass er immer weise ist bei dem, was er tut: doch davon später. Und soviel also zunächst zum Voluntarismus als solchem.

(23) Soviel aber auch zur Unterscheidung zwischen „Erscheinung" und „Ding an sich" auf voluntaristischer Grundlage. Also zu der Tatsache, dass wir nur den eigenen Willen in unserem eigenen Innern einigermaßen als „Ding an sich" erfahren und so denn auch erkennen; das heißt: dass wir nur ihn einigermaßen so erfassen, wie er wirklich ist; dass wir dagegen den Willen aller anderen Wesen nur als „Erscheinung" begreifen, nur so, wie er uns in unserer „Vorstellung" bewusst wird; dass wir aber selbst den eigenen Willen sozusagen nur durch die Gitterstäbe der zeitlichen Sukzession hindurch und insoweit! denn auch ihn nur als „Erscheinung" erfahren, erkennen und erleben. Was uns aber nicht daran hindert, ihn jedenfalls so, wie er wirklich ist, als „Sein aus sich selber" zu erkennen, damit aber als selbstbestimmtes Sein und so denn auch als freien Willen.

(24) Soviel also schließlich auch zum Anteil der Freiheit am Willen: der als „Ding an sich" frei ist; der also wirklich und wahrhaftig und vollständig frei ist. Und darum ist es uns ja gegangen. Soviel aber auch zum Anteil der Unfreiheit an der Sache; nämlich dazu, dass der Wille als „Erscheinung", in unserem Kopf, in unserer „Vorstellung" nicht frei ist; sondern dass er als unser eigener Wille in unserem eigenen Innern immer noch dem determinierenden Gesetz der Zeit unterliegt; und dass er im Falle aller übrigen Wesen, die außerhalb von uns existieren, den ebenso determinierenden Gesetzen von Raum, Zeit und Kausalität unterworfen ist.

(25) Woraus sich endlich die Frage nach der Harmonie zwischen beidem, zwischen der Freiheit und der Determination, ergeben hat: nach der zeitlichen Auseinanderfaltung des Zeitlosen oder Ewigen, mit dem Schein der Zwangsläufigkeit in Zeit und „Erscheinung" auf Grund der Einheit in der zugrundeliegenden, nicht auseinandergefalteten Zeitlosigkeit. Und das alles ganz am Schluss mit einer bloßen, aber sachlich berechtigten Assoziation, die der Vertiefung des Schicksalsgedankens dient.

(26) Und fragt man sich nun angesichts dieser gesamten Phänomene, zur Wiederholung und zur Vertiefung, noch einmal, wie es denn nun eigentlich, sozusagen menschlich gedacht, dazu kommt, so erweist sich alles als höchst natürlich, als beinahe selbstverständlich, möchte man sagen („Es musste so sein") – sobald! man nur gewisse Urphänomene zugrundelegt, mit denen es sich nun einmal so und nicht anders verhält:

(27) Die gesamte Natur ist pure Energie, ist reines Wirken (ich drücke mich jetzt kurz aus), also ohne Passivität, also ohne determinierte Wirkung, also ohne Kausalität im eigentlichen, strengen Sinne. Also musste die Energie die Rolle des Wirkens und des Gewirkten zugleich, des Wirkens und der Wirkung zugleich, beides im weiteren Sinne, übernehmen. Mit der Konsequenz des „Seins aus sich selber". Die ganze Natur ist also „Energie" „aus sich selber", „dynamisch und aus sich selber": denn dynamisch, also bewegt ist sie ja jeden Falles – falls jemand etwa sonst das „aus" nicht einsehen könnte.

(28) Unser Wille, jetzt von innen betrachtet, ist eine subjektive Kraft. Aber seine Subjektivität ist von der unseres Intellektes himmelweit verschieden. Unser Wille ist außerdem rein dynamisch, ständig bewegt; seine Dynamik und Bewegung so gut wie seine Subjektivität sind Erfahrungstatsachen, nicht aus der äußeren, sondern aus der inneren Erfahrung, und damit aus der sichersten Erfahrung!. Unser Wille bewegt sich folglich „aus sich selber" hervor, geht „aus sich selber" hervor, das Subjekt aus dem Subjekt: denn er ist ja subjektiv, und bewegt, nur eben nicht intellektuell-subjektiv, sondern ontisch: seinsmäßig subjektiv: der Energie nach subjektiv. Und er kann infolgedessen nur durch dieses „Sein oder Werden" „aus sich selber" subjektiv sein. Was er aber unbedingt ist. Die Konsequenz ist auch hier: das „Sein aus sich selber": das „dynamische aus sich selber Seiende" oder „ständig und immer wieder aus sich selber Werdende".

(29) Unser Verhalten ergibt sich zwangsläufig aus unserem Sein, ist mit unserem Sein durch determinierende Wirkursächlichkeit verbunden, da es sonst nicht das Verhalten dieses unseres Seins wäre (in der Schicht des „Dinges an sich" ist es überhaupt ein Teil unseres Seins oder ständigen Werdens): „Wie man ist, so handelt man" („agere sequitur esse", das wussten schon die mittelalterlichen Scholastiker). Frei ist folglich nur, wer sein eigenes Sein bestimmt: also nur, wer „aus sich selber ist". Er aber ist denn auch frei, ganz genau das, was unser Wille, das „dynamische aus sich selber Seiende" ist.

(30) Was sollte also Überraschendes am „Sein aus sich selber" sein? Etwa, dass wir es nicht ganz begreifen? – wenn wir auch keinen Widerspruch an ihm entdecken, sobald wir, wie gesagt, „Ursache" und „Wirkung" nur im weiteren Sinne, ohne numerische Verschiedenheit voneinander zugrundelegen? Es wäre seltsam, wenn es ein solches Sein nicht gäbe, wenn folglich alles „aus anderem" wäre, und dieses andere wieder „aus anderem" usw. bis ins Unendliche – um gerade diesen Gesichtspunkt nur ganz, ganz nebenbei zu nennen.

(31) „Subjektive Energie": „das dynamische aus sich selber Seiende" ist ganz genau die Definition des Willens. Trifft irgendetwas sein Wesen besser? Und: es ist, zusammen mit dem widerspiegelnden Intellekt auf den höheren Seinsstufen, zugleich die Definition der gesamten Natur. Die Naturwissenschaft, mit ihrer Auffassung von der Natur als purer Energie, gehört zu denen, die den Weg beschritten haben. Der Gedanke von der Willens-Subjektivität, u.a. im Unterschied zur Subjektivität des Intellektes, führt zum selben Ergebnis.

(32) Also bestehen wir aus einem freien Willen und haben ihn nicht nur.

(33) Und: also gehört die Freiheit zu unserem Wesen; und unser Wesen ist ohne Freiheit nicht denkbar.

(34) Das war die Qualifikation der Lehre vom freien Willen. Und die Unterscheidung, die Differenzierung zwischen determinierender „Erscheinung" und freiem „Ding an sich" ist seine Einschränkung? Machen wir uns keine Sorgen! wenn der Wille „an sich" frei ist, so ist er frei; damit können wir uns bei dem jetzigen Gedankengang begnügen: später werden wir weitersehen. Wozu aber überhaupt diese ganze seltsame Unterscheidung zwischen „Erscheinung" und „Ding an sich"! Warum sehen wir die Dinge nicht so, wie sie sind? O meine Brüder! wir brauchen die „Erscheinung", die Sukzession, die Determination, die Naturgesetze, die „Vorstellung"; wir haben sie selbst gemacht. Dass wir es jetzt so auffassen, dass wir uns jetzt diese „Vorstellung" machen, dass wir uns die Dinge jetzt so „erscheinen" lassen, darin besteht überhaupt unser ganzes irdisches Dasein, unsere conditio humana, unsere jetzige unzulängliche Menschlichkeit. Aber greifen wir nicht vor.

(35) Denn kurz und gut: Soweit bis jetzt: die „gute Mutter Natur", ohne mythischen Zusatz, ohne Märchenzusatz für kindliche „Philosophen", für kindliche Wissenschaftsgläubige: Soweit vielmehr die Natur als pure Energie, als reines Wirken, das wegen seiner Reinheit, seiner allumfassenden Ausschließlichkeit, notwendig zugleich das Gewirkte ist. Und soweit unser menschlicher Wille und ganzes Wesen als Teil dieser Art des reinen Wirkens und als Teil der in diesem Wirken bestehenden und infolgedessen freien, weil „aus sich selber seienden" Natur.

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.