(19) Doch gehen wir von der Ethik, vom bloßen Verhalten, zu Sein und Werden über: zu der Frage, ob sich der Gedanke vom determinierenden Gott mit der physischen Beschaffenheit von Welt und Menschen verträgt – um wahr sein zu können; und stellen wir dafür zunächst folgende Überlegung an:

(20) Wir kennen von der Naturwissenschaft her die gesamte Natur als reine Energie, als reines Wirken: im anorganischen Bereich und im Bereich des Lebendigen: der Pflanzen, der Tiere und der Menschen. Wir haben uns den Punkt im Vorhergehenden an vielen Stellen klarzumachen gesucht (beginnend mit den Absätzen 30 „Als Mensch der Technik und der Naturwissenschaft ... " – 42 im Anschluss an das an den Anfang gestellte Zeitungsinterview unter „Raserei der Äußerlichkeit" – um das nur äußerst beiläufig zu bemerken)! Wir können uns die besagte grundlegende Realität unter anderem aber auch durch die Intuition plausibel machen, dass wir z.B. mit der Aufteilung der sogenannten Atome in Elektronen, Positronen und Neutronen, inmitten ihrer dynamischen Verhältnisse, nicht am Ende angekommen sind – wie mancher unmittelbar spüren wird: es gibt „im Innern der Natur" keine Bauklötzchen oder Mauern; vielmehr sind auch jene drei Arten von scheinbar statischen Bausteinen jeweils wieder aufgeteilt: zum Beispiel in die noch mikroskopischeren „Quarks", aufgelöst zwischen noch mehr Dynamik und Wirken als solchem; und so weiter, bis zum Übergang in reine Dynamik, Aktivität, Energie und reines Wirken. Und sollten wir mit dieser Vorstellung methodisch nicht ganz richtig vorgegangen sein, so schadet es nichts; denn sie führt in jedem Fall zu demselben Ergebnis wie das, was die methodische Wissenschaft für richtig hält: zur puren Energie, zum reinen Wirken als allumfassendem, einzigem Stoff der Natur. Soviel schon zur untersten, anorganischen Schicht. Dagegen: am anderen Ende der Skala, bei dem, was wir als „bewussten": vom Intellekt beleuchteten Teil unseres menschlichen Willens bezeichnen, sind wir weder auf Intuitionen noch auf wissenschaftliche Aussagen angewiesen; vielmehr erkennen wir den Willen hier – wie gesagt – im Rahmen der innersten, direktesten und damit zugleich sichersten Erfahrung als das, was er wirklich ist; nämlich als genau dasselbe: als reine Energie, Dynamik und Aktivität: als reines Wirken. Worauf wir aber, unabhängig von allem anderen, auch schon von der besagten wissenschaftlichen Erkenntnis her hätten schließen müssen, da der uns bewusste Teil unseres Willens selbstverständlich mit zu der Natur gehört, die zur Gänze in reiner Energie usw. bestehen soll. Nun hatten wir an der angegebenen Stelle die Schlussfolgerung gezogen, reine Energie, Dynamik, Aktivität und reines Wirken könnten keinerlei Kausalität im eigentlichen Sinne in sich schließen: also keine Ursache und Wirkung in numerischer Trennung voneinander; denn dann hätte das reine Wirken als solches, wenn schon nicht reine Passivität und reine Determiniertheit, dann jedenfalls Passivität und Determiniertheit mit in sich geschlossen; die sich jedoch mit reiner Energie usw. nicht vertragen. Nebenbei erwähnt, war der Ausschluss der Kausalität einer der Gründe, weshalb die Natur in unserer vorangehenden Darstellung nur als „Ding an sich" in reiner Energie, reinem Wirken usw. besteht. Vor allem aber ergibt sich jetzt über das schon Gesagte hinaus, dass die Natur erst recht nicht zur Gänze die Wirkung einer Ursache, eines Wesens sein kann, das sich außerhalb der Natur befindet; denn in dem Fall würde die Natur nicht einmal die Aktivität und Energie der Ursache neben der Passivität der Wirkung mitumfassen. Die Schlussfolgerung ist klar: der besagte determinierende Gott, der Schöpfer aus dem Nichts, kann nicht Schöpfer und Ursache von Welt und Mensch als reiner Energie usw. sein.

(21) Oder haben wir dieses Mal den Fehler gemacht vorauszusetzen, was zu beweisen war; oder richtiger: was zwar nicht zu beweisen war, was wir aber überflüssigerweise dennoch beweisen wollten; das heißt: baut die Einsicht der Naturwissenschaft, wonach die gesamte Natur im Grunde (als „Ding an sich") nichts als reine Energie, Dynamik, Aktivität und reines Wirken ist, auf der Voraussetzung auf: dass die Natur nicht von dem besagten wirkursächlichen, determinierenden Schöpfer-Gott geschaffen ist? Denn wäre die Natur es doch, so wäre sie eben nicht reine Energie usw. Oder hat die Naturwissenschaft eine andere Quelle für ihre Einsicht? Ich halte das Letztere für eine Selbstverständlichkeit; ihr Satz wäre andernfalls kein naturwissenschaftlicher Satz, sondern ein philosophischer und ein öder noch dazu; außerdem hätte die Naturwissenschaft auch aus der Nichtmitwirkung des besagten Schöpfergottes nicht auf die Natur als reine Energie usw. schließen können – und hat deshalb bis zum Gegenbeweis auch nicht so geschlossen. Vor allem aber haben wir noch im vorigen Absatz daran erinnert, dass wir an der höchsten Stelle der Hierarchie der Weltwesen den vom Intellekt beleuchteten Teil unseres eigenen Willens, unserer eigenen Natur, völlig unabhängig von der Naturwissenschaft, durchaus genauso als reine Energie usw. erkennen; und hier tun wir es im Rahmen der innersten, direktesten und sichersten Erfahrung, da wir selber dieser Teil der Natur, d.h. des Willens sind; außerdem machen wir die Erfahrung unser Leben lang auf Grund zahlloser Einzelheiten und genau entsprechender, ebenso häufiger und ganz unverdächtiger Äußerungen anderer Menschen; das heißt: es handelt sich hier um eine allgemeine Menschheitserfahrung, und nicht etwa um die eine oder andere völlig vereinzelte Selbsttäuschung oder Verwechslung; und wir konnten uns deshalb durchaus einen zuverlässigen Begriff davon bilden, dass „reine Energie, Dynamik, Aktivität und reines Wirken" die einzig richtige Charakteristik des Willens sind. Mit dem Ergebnis, dass wir nicht von der Nichtexistenz eines wirkursächlichen, determinierenden Gottes auf die reine Aktivität unseres Willens geschlossen haben; sondern umgekehrt. Dass wir also nicht vorausgesetzt haben, was zu beweisen war.

(22) Oder sollen wir uns den Einwand machen: „pure Energie usw., alles gut und schön! Aber es geht bei uns um rein diesseitige und endliche Energie und Dynamik, Aktivität und Wirkkraft – während der Schöpfer diese gesamte begrenzte Stufe aus dem Nichts hervorbringt; und gemessen an dieser unendlichen Leistung bis zur Widersprüchlichkeit, dürfen wir unsere Energie und Wirkkraft, von der menschlichen herunter bis zur anorganischen Stufe, getrost als die passivste aller Passivitäten betrachten; sodass wir im eigentlichen Sinne eben doch keinen freien Willen haben." Aber der Gedanke ist unsauber; er ist ein typisches Beispiel für schlechte Philosophie oder schlechte Theologie; vielleicht im Geist des einen oder anderen spätmittelalterlichen Philosophen, der in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland Mode geworden sein könnte, weil man damals glaubte, unbedingt etwas „gutes Altes" haben zu müssen; vielleicht auch, weil gewisse Hintermänner schon damals darauf geachtet haben, dass ungesunde Philosophien gefördert wurden: Unsere endliche Energie und Dynamik wird durch den unendlichen Schöpfer oder den Vergleich mit ihm nicht kleiner; und sie verliert durch ihn ebenso wenig ihre Natur als reine Energie, ihre Eigenschaft als reine Aktivität. Hierauf allein aber kommt es an. Also bitte, keine Nebelwerfer, und keine Anschläge auf unseren Verstand! Die Erklärung muss sich nach dem zu Erklärenden richten, nicht umgekehrt: indem etwa die Erklärung den Begriff des zu Erklärenden zu verändern sucht. Veränderung bedeutet schon deshalb keine Erklärung, weil sie der Erklärung gerade die Grundlage entzieht. Es geht also nur darum, ob der jenseitige Schöpfer die diesseitige reine Energie und den darin implizierten freien Willen erklärt; ob er also beide auf diesseitige Art und Weise erklärt – sich wenigstens mit ihnen verträgt; oder ob er es auf diesseitige Art und Weise gerade nicht tut, weil er ihnen auf diesseitige Art und Weise widerspricht. Welche Rolle also spielt die „Unendlichkeit" und womöglich auch die Jenseitigkeit Gottes? – was immer man unter der Letzteren versteht? Sie spielt für unsere jetzige Frage gar keine Rolle! Gott mag so jenseitig, so unbegreiflich sein, wie wir wollen: wir haben auf ihn die Begriffe Wirkursächlichkeit, also Determination, und Schöpfung aus dem Nichts, also totale Determination, angewandt; und obwohl die beiden letzteren Begriffe in der Erfahrung nicht vorkommen, sind auch sie menschlicher Art; insoweit ist der jenseitige wirkursächliche Schöpfer voll und ganz begreiflich; und so denn auch der Widerspruch zwischen ihm und der reinen Energie. Die Letztere aber liegt auf der Hand. Sie kann nicht determiniert sein, geschweige denn total determiniert; auch nicht vom vollkommensten aller Wesen; vielmehr konstituiert sie von der untersten anorganischen Stufe bis herauf zu unserem menschlichen Innern einen freien Willen.

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.