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(1) Wir kommen zu dem besagten umfassenden und radikalen Gesichtspunkt.

(2) Einen ersten Ansatz dazu, oder besser eine Vorbereitung dazu haben wir schon kennengelernt (vorhin unter aa in den Absätzen 6 - 9 nach dem Zeitungszitat ab „So weit, so schlecht"): die gute alte Mutter Natur! Sie bestimmt bei uns alles. Basta. Das würde eine sinnvolle und geordnete Determination erklären; und zwar ganz ohne die Notwendigkeit einer Vertiefung, wenn man nicht so unvernünftig ist, es genau nehmen zu wollen. Aber: Willensfreiheit, ade! Zwar „macht" ihr „Scheiden" nicht gerade, „dass uns das Herz lacht"; aber mancher suhlt sich nur halbwegs ungern – und halbwegs gern – in der Mischung aus Unklarheit, Verzweiflung und Selbstreinwaschung. Vor allem aber: nimmt man es genau, so müsste der Gedanke äußerst subtil sein; denn die „gute Mutter Natur" denkt überhaupt nicht und soll dennoch bei allem, was sie mit uns macht, von überlegener Weisheit sein; man sollte meinen, dass man geradezu die (vorhin) wiedergegebene Kantische Kritik der Urteilskraft nötig hätte: die Notwendigkeit der Lenkung des zweckmäßig handelnden Willens durch einen Intellekt: als bloße Denknotwendigkeit, auf der gleichen Stufe wie (die Vorstellungsnotwendigkeiten) Raum und Zeit, nämlich: nicht das „an Sich" betreffend. In Wirklichkeit aber ist der Gedanke gar nicht subtil; denn wir denken einfach nicht darüber nach, dass Mutter Natur nicht denkt. Fertig. Außerdem sind wir den Gedanken gewohnt, das ist das Wichtigste, wenn wir unsere Examina hinter uns haben; und: die Wendung von der „Natur" klingt zwar etwas abgegriffen, aber immer noch gebildet, d.h. man kompromittiert sich nicht mit ihr, wenn man in Gesellschaft ist; sie gehört zu dem, was man „sagen kann". Also akzeptiert man sie, als seriöser, anständiger Mensch, der Besseres zu tun hat als nachzudenken. Man merkt schon: wir sind hier genau auf dem richtigen Niveau. Gehört man aber zu den bedenklichen, unsoliden, ja asozialen Typen, die nachdenken, oder zu den skurrilen Gestalten, die es genau nehmen, so ergibt sich, wie wir gesehen haben: Die „Natur" ist deine Natur, meine Natur, die Natur jedes einzelnen anderen Menschen oder Tieres, jeder Pflanze und jedes einzelnen anderen Weltwesens; sie geht darüber nicht hinaus; sie ist in jedem von ihnen reine Energie usw., also „aus sich selber", wie wir es im Einzelnen deutlich gemacht haben; d.h. sie ist frei, und uneingeschränkt, soweit z.B. das Individuum nicht von seiner eigenen Begrenztheit und Unvollkommenheit eingeschränkt wird, oder von einem stärkeren Wesen überwältigt wird – wodurch die Freiheit seines äußeren Handelns oder Verhaltens begrenzt wird, aber nicht die seines Willens. Das heißt: der Gedanke von der „Natur" ist ein Bestandteil unseres bis jetzt entwickelten Denkens zugunsten der Willensfreiheit, wenn man ihn realistisch durchläuft – und gehört in dem Fall bis jetzt noch nicht zu den gewohnteren Gedankengängen.

(3)  Dagegen gehört der Gedanke von Gott – dem der von der Mutter Natur spätestens seit der Aufklärungszeit Konkurrenz gemacht hat – zu den Gedankengängen, die uns einmal etwas sehr Gewohntes waren; und er hat auch heute noch längst nicht seine Macht über die Geister verloren. Übrigens mit Recht nicht; ganz im Gegenteil; man muss ihn nur wesentlich anders aufzäumen, wie wir noch sehen werden. Nach dem unrichtig aufgezäumten Gedanken bestimmt Gott bei uns alles; d.h. er erschafft uns im Sinne des Satzes vom „zureichenden Grunde", wenn wir uns in veraltetem Deutsch ausdrücken wollen; oder: er erschafft uns im Sinne der ausreichenden Wirkursache (der causa efficiens et sufficiens – ohne dass wir die lateinischen Ausdrücke unbedingt verstehen müssen); das heißt: eine ausreichende Wirkursache reicht nur dann aus, wenn es der Wirkung nicht mehr freisteht einzutreten, sondern wenn sie eintreten muss; und zwar „durchgängig bestimmt", nach allgemeiner zwingender Logik; sodass die Wirkung in jeder Hinsicht festliegt: ihr Dass und ihre Eigenschaften; sie kann eben nicht mit offen gelassenen Eigenschaften eintreten. Außerdem beschränkt Gott sich bei seinem ursächlichen Wirken nicht auf die „Erscheinung" oder „Vorstellung", also auf unseren vorhin herausgearbeiteten bloßen Eindruck, als ob sich etwas, im Sinne der Ursächlichkeit, aus Vorhergehendem zwingend ergäbe, nur weil wir „an sich" zusammengehörende Dinge in unserer „Vorstellung", in unserem zeitlichen, sukzessiven Denken auseinandergezogen haben; sondern er wirkt auf uns mit seiner Ursächlichkeit selbstverständlich in unserer Eigenschaft als „Dinge an sich". Allerdings ist uns diese Art der Ursache aus der Erfahrung nicht bekannt. Und: Gott ruft nicht nur eine Wirkung an uns hervor, sondern er ruft uns als Wirkung hervor; er bestimmt nicht nur unser Verhalten, sondern unser ganzes Sein; mit anderen Worten: er erschafft uns aus dem Nichts (im Sinne der creatio ex nihilo, die in der Erfahrung bekanntlich ebenfalls nicht vorkommt): er determiniert uns absolut bis ins Letzte. Alles das würde allerdings die sinnvolle und geordnete Determination in der Naturgesetzlichkeit erklären; und zwar so richtig nach unserem alltäglichen Sinn, da Gott, anders als die Mutter Natur, in jedem Fall ja auch denkt und sein Intellekt darüber hinaus sogar unendlich vollkommen ist. Außerdem entspricht der Gedanke in dieser Form alten, u.a. christlichen Vorstellungen. Aber gerade hier haben wir die Konsequenz: Willensfreiheit ade! mit einer Gründlichkeit, die nichts zu wünschen übrig lässt.

(4) Gerade diese Konsequenz, gegen die Willensfreiheit, ist von den Christen und sonstigen Anhängern des alten Gottesgedankens jedoch am allerwenigsten gewollt. Sie waren für die Anerkennung von Schuld und zum Teil auch Verdienst, von Belohnung und Bestrafung, Gnade und Vergebung; und haben sich mit dem Widerspruch – zwischen der Willensfreiheit und dem Gott der ausreichenden Wirkursache (der „heiligen Kausalität", wie Spengler sagt) – endlos und nutzlos gequält; aber wir brauchen das alles jetzt nicht wiederzugeben; denn das Ergebnis steht ohnehin fest; logische und zugleich ehrliche Köpfe müssten es, zumindest stillschweigend, längst eingestanden haben: eine Schöpfung von Welt und Menschen durch Wirkursache, also durch allein wirkende Ursache, also durch nicht mitwirkende Folge, also durch determinierte Folge, und zwar auch mit Wirkung für uns als „Dinge an sich", und erst recht eine solche Schöpfung von Welt und Menschen aus dem Nichts, also mit Wirkung für unsere gesamte Substanz, würde unsere Willensfreiheit aufheben. Dagegen haben die Naturapostel oder auch: die Allerweltsphilosophen, die besonders gern von der „Natur" reden, gegen die Aufhebung der Willensfreiheit meistens nicht das Geringste einzuwenden; ganz im Gegenteil! Sie sind natürlich gegen die Willensfreiheit, während sie ebenso weitgehend alles andere als glühende Anhänger des alten Gottesgedankens sind, also des Argumentes gegen die Willensfreiheit, und zwar des einzigen (überhaupt in Frage kommenden) Argumentes. Wir werden jetzt also die Frage eines Hindernisses für die Willensfreiheit besprechen, dessen Existenz die Grundlage einer bestimmten geistigen Richtung ist, nämlich des Theismus. Und dessen zwingende Konsequenz die Grundlage für eine der entgegengesetzten Richtungen ist. Unser Vorgehen hat dabei nur die Besonderheit, dass die Gottesfrage bisher nicht in Gestalt dieser seltsamen, aber realen Antithese gestellt wurde. Oder auch kurz und gut: es geht jetzt um die Berechtigung des alten Gottesgedankens als Hindernisses für die Willensfreiheit; also darum, ob Gott uns durch ausreichende Wirkursache usw., also durch determinierende Wirkursache geschaffen haben könnte oder nicht.

(5) Zur Einleitung sollten wir uns klar machen: dass der Gedanke uns keinerlei intellektuelle Erleichterung verschafft: Die Hypothese außerempirischer oder nicht ganz empirischer, fast verschütteter Bewusstseinsschichten, sodass wir uns zugleich ein zweckmäßiges Handeln selbst unseres unbewussten Willens begreiflich machen können – also in voller Freiheit auch gegenüber einem göttlichen Intellekt – ist in Wahrheit nicht einmal ungewohnt; es ist in vielen Fällen geradezu normal, bei Wissenschaftlern so gut wie bei klugen und wachen Laien, auf Träume, Ahnungen und ähnliche intellektuelle Vorgänge zu achten (siehe den 7. Absatz unter bb). Und Kants kritischer Gedanke (an derselben Stelle), wir könnten uns zwar nicht vorstellen, dass unser Wille imstande sei, ohne Intellekt zweckmäßig zu handeln – also in Freiheit auch von Gottes Intellekt zu handeln – , wir könnten eine solche Möglichkeit aber auch nicht ausschließen, ist schlicht und einfach vernünftig. Dagegen ist der Gedanke eines Gottes, der uns und die übrige Welt determiniert, im höchsten Grade anstößig; und dass er es mit Hilfe eines vollkommenen Intellektes tun soll, erleichtert die Sache zwar für die besagten alltäglichen Vorstellungen über die Zweckmäßigkeit; es macht sie aber andererseits für die moralische Beurteilung noch anstößiger: die Welt ist voller Übel und Schlechtigkeit; Gott wäre dann für diese schweren Mängel voll und ganz und allein verantwortlich; und wir Menschenkinder wären nicht etwa Unschuldslämmer; sondern wir würden moralisch, ethisch überhaupt nicht zählen. Es genügt für den Augenblick, den facettenreichen Gedanken in dieser Abstraktheit festzuhalten. Denn der Gedanke eines bösen Gottes, der uns determiniert, und einer moralisch nicht zählenden Menschheit, ist auf keinen Fall plausibler als der eines menschlichen Willens oder eines sonstigen innerweltlichen Willens, der auch ohne das uns geläufige empirische Bewusstsein zweckmäßig handeln kann und der deshalb in Freiheit handeln kann – auch in Freiheit von einem fremden Intellekt.

(6) Alles das fällt im Ganzen unter den Gesichtspunkt: Wer behauptet, muss beweisen (Affirmanti incumbit probatio). Das Dasein der Welt liegt auf der Hand; das Dasein Gottes muss bewiesen werden. Nun haben wir aber gerade gesehen, dass wir einen wirkursächlichen und folglich determinierenden Schöpfer für die Erklärung der Welt und ihrer – im Übrigen oft unmoralischen – Zweckmäßigkeit nicht brauchen; dass er moralisch sogar höchst anstößig ist. Ergo! von hier aus besteht kein Anlass, ihn anzunehmen.

(7) Es kommt etwas hinzu, was man eine Qualifizierung des gerade genannten Gesichtspunktes nennen könnte: keine der uns bekannten Wirkursachen schafft ihre Wirkung aus dem Nichts. Wir haben zur Erläuterung vorhin (siehe unter cc den 2. - 6. Absatz) einen Gedanken Schopenhauers unmittelbar und ausführlich wiedergeben; aber es hätte allein schon genügt, dass er uns überhaupt auf die Tatsache aufmerksam gemacht hat; wir können sie ohne weiteres aus der Erfahrung ablesen: Die vor die Sonne gerückte Wolke (ihr Zustand als Ursache) schafft den Schatten (die Wirkung als Zustand des Sonnenlichtes) nicht aus dem Nichts; sondern sie schafft den Schatten als Wirkung durch teilweise Behinderung des Sonnenlichtes, auf Grund!! der Natur, des freien „aus sich Selber" der Wolke und des Sonnenlichtes); die von der Sonne wieder abrückende Wolke schafft den vollen Strahl nicht aus dem Nichts, sondern sie gibt ihn nur frei; die den Sonnenstrahl bündelnde Glaslinse, genauer: die Bündelung als Zustand des Sonnenstrahls, schafft den Brennvorgang auf dem Papier, genauer: den Brennvorgang als Zustand des Papiers, nicht aus dem Nichts, sondern auf Grund der Natur (des „aus sich Selber") des Sonnenstrahls und des Papiers (siehe vorhin zu Schopenhauer). Und so weiter: jeder kann es sich bei jeder denkbaren Ursache und Wirkung sehr leicht selber klar machen. Dagegen gilt im angeblichen Verhältnis Gottes zur Welt: eine Wirkung nicht nur an der Welt (ein Zustand der Welt als die Wirkung, auf Grund! des freien Wesens der Welt, ihres „aus sich Selber"); sondern es gilt die Welt als Wirkung: eine Wirkung nicht nur an uns, sondern wir als Wirkung; usw.; das heißt: wir müssen nicht nur ohne Beweis das Dasein eines Verursachers annehmen; sondern wir müssen bei diesem bedenklichen Vorgang außerdem auch noch eine Art der Verursachung annehmen, die wir gegen alle empirischen Tatsachen eigens für den vorliegenden Fall des Verhältnisses Gottes zur Welt erfinden mussten und die in der Erfahrung nicht vorkommt; nämlich: die Hervorbringung der Wirkung nicht nur als Zustand, sondern als Substanz, also: aus dem Nichts! Worin die besagte Qualifizierung des Verstoßes gegen den Grundsatz besteht, wer behauptet, müsse beweisen.

(8) Eine weitere Qualifizierung kommt hinzu: nämlich der außerordentlich gut begründete Zweifel, ob eine Schöpfung aus dem Nichts überhaupt möglich ist, ob sie sich nicht sogar begrifflich widerspricht, ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie in der Erfahrung nicht vorkommt. Denn wer ein bisschen Bescheid weiß, dem ist ja auch bekannt, dass selbst der Schöpfer-Gott begrifflich Widersprüchliches nicht verwirklichen kann.

(9) Und drittens wiegt der Verstoß gegen den besagten Grundsatz aus folgendem Grund besonders schwer; d.h.: er ist auch noch unter folgendem Gesichtspunkt qualifiziert: Hume hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass wir zwar die Ursache, die Wirkung und die zeitliche Abfolge zwischen beiden wahrnehmen; aber nicht: die Eigenschaft als Ursache, die Eigenschaft als Wirkung und so denn auch nicht die Ursächlichkeit zwischen beiden; dass wir z.B. zwar die Annäherung zwischen dem Eisen und dem Magneten wahrnehmen und kurz darauf das Anschießen zwischen beiden, das wir aber nicht die Ursächlichkeit zwischen Annäherung und Anschießen, sondern nur die zeitliche Abfolge wahrnehmen: der Erfahrung entnehmen; dass wir also – und so ist es in allen Fällen – genau genommen nur das „post hoc": das „Danach", wirklich der Erfahrung entnehmen, aber nicht das „propter hoc": das „Deswegen". Hume hat seine skeptischen Konsequenzen daraus gezogen.

(10) Kant hat sich sodann Humes Beobachtung über das „post hoc" und das „propter hoc" zu eigen gemacht (Hume hatte ihn dadurch „aus seinem dogmatischen Schlummer geweckt"); aber Humes skeptische Konsequenzen hielt er nicht für richtig. Kants Lösung war: dass wir die Ursächlichkeit zwar nicht wahrnehmen, nicht erfahren: dass wir sie nicht der Erfahrung entnehmen, dass wir sie aber in unserem Innern (in unserer „Vorstellung") voraussetzen müssen, um überhaupt Erfahrungen in der Außenwelt machen zu können. Und Schopenhauer (in: „Die vierfache Wurzel des Satzes vom Grunde") entwickelte denselben Gedanken weiter; er begründete ihn mit Sicherheit besser, als Kant es getan hatte; nämlich mit der Überlegung, dass wir die Formen und Farben auf unserer Netzhaut (unserer Retina) zu allererst auf eine Ursache in der Außenwelt zurückführen müssen, bevor wir eine Erfahrung machen können, und dass die Kategorie der Ursache infolgedessen nicht der Erfahrung, sondern nur unserem eigenen Innern, also nur unserer „Vorstellung", nur der „Erscheinung" angehört. Im Übrigen ist auch hier im Vorhergehenden (unter aa im 16. - 18. Absatz nach dem Zeitungszitat ab „So weit, so schlecht") ein Gedanke entwickelt worden, der im Wesentlichen auf dasselbe hinausläuft, nämlich: auf die Einheit aller unserer Akte in der Zeitlosigkeit des „Dinges an sich", auseinandergefaltet in die zeitliche Sukzessivität der „Erscheinung" oder „Vorstellung", wo dieselbe Sukzessivität infolge der Einheit in der Zeitlosigkeit als zwangsläufig und insofern als kausal „erscheint".

(11) In jedem Fall dürfte die Einschränkung der Kausalität auf die Sichtweise von „Erscheinung" und „Vorstellung" ein Gedanke sein, über den man sich kaum endgültig hinwegsetzen kann – über den man sich, streng genommen, gar nicht hinwegsetzen kann. Und ebenso sicher ist er eine mehr als schlechte Voraussetzung für einen wirkursächlichen Schöpfer von Welt und Menschen aus dem Nichts: Mit begrifflicher Notwendigkeit würde ein solcher Schöpfer alles und jedes determinieren, er würde infolgedessen für einen freien Willen keinen Platz lassen – und nun soll seine Wirkursächlichkeit also nichts als „Erscheinung" oder „Vorstellung" sein. Genau das aber ist es, was der Begriff der Wirkursächlichkeit am ehesten und mit besten Gründen erwarten lässt; sodass der vorliegende Verstoß gegen den Grundsatz, wer behauptet, müsse beweisen: wer einen wirkursächlichen, determinierenden und folglich die Willensfreiheit ausschließenden Schöpfer-Gott behaupte, müsse also beweisen, noch eine weitere Qualifizierung erhält.

(12) Und das alles bei der unerträglichen Anstößigkeit einer alleinigen Verantwortlichkeit des determinierenden Schöpfer-Gottes für den Zustand der Welt („Ein Tier frisst das andere" usw.), einschließlich des Zustandes von uns Menschen!

(13) Wir müssten allein schon auf dieser bisherigen Grundlage den wirkursächlichen, also determinierenden Schöpfergott aufgeben. Und zwar in dem Bewusstsein, dass ausgerechnet er das einzige überhaupt eine Zeitlang in Betracht kommende Hindernis für die Willensfreiheit wäre, und für alles, was sich aus ihr ergibt! O meine Brüder, ich weiß genau, dass die augenblicklichen Überlegungen philosophiegeschichtlich absurd sind! Aber unter den Gesichtspunkten der Logik sind sie in Ordnung und können gar nicht anders verlaufen; pfeift auf die bloße Philosophiegeschichte als solche! Oder wollt ihr chaotische Gebildete, gebildete Chaoten sein, bei denen die so genannte Bildung das Chaos gerade begründet; und wollt ihr an der daraus hervorgehenden Verzweiflung innerlich, in aller Heimlichkeit, zugrunde gehen? Man hat sich die Dinge eben nicht wirklich klar gemacht, obwohl das durchaus möglich gewesen wäre: Die frommen Theisten alten Stils haben seit jeher so getan, als könnten sie die begriffliche Tatsache unter den Teppich kehren, dass ein freier Wille nicht durch Wirkursache, also nicht durch Determination ins Dasein treten kann: alle haben das zu vertuschen gesucht: der Apostel Paulus (der hier nicht in Glaubenssachen, sondern philosophisch redete), Sankt Augustinus mit seltener Klarheit, Thomas von Aquin mit tapferer und robuster Unrichtigkeit, Leibniz mit unsauberer Begrifflichkeit und, wiewohl mit starken Bedenken und schon deutlich werdendem Zurückweichen, auch noch Kant. Hätte man nur nicht so viel zu vertuschen gesucht, man wäre weiter gekommen. Aber immerhin, man hatte wenigstens so viel Geist, dass man die Notwendigkeit der Vertuschung erkannte. Das zum alten Stil. Aber bei euch Verfechtern der Unfreiheit des Willens herrscht noch viel weniger Klarheit: ihr habt nicht einmal euer Problem, also nicht einmal die Notwendigkeit der Vertuschung erkannt: deshalb tretet ihr auch viel zu selbstsicher auf – und sucht sogar über andere zu Gericht zu sitzen, wegen Unlauterkeit, Verschließens der Augen vor der Wahrheit, wir kennen die Leier; aber ihr bemerkt nicht, dass ihr für eure Behauptung unbedingt den wirkursächlichen, determinierenden, folglich entmoralisierenden Schöpfer-Gott braucht; und zwar einschließlich der Schöpfung aus dem Nichts; denn in allen anderen Fällen ergibt sich auch schon die freie Substanz, die freie Natur: deine und meine Natur und alle anderen Einzelnaturen im Rahmen der Gesamtnatur, determiniert von sich selbst, also undeterminiert, einzeln und „im Rahmen", ob mit empirischem Bewusstsein oder nicht, usw., wie wir es deutlich zu machen gesucht haben.

(14) Natürlich geht es euch nicht um die Rettung des alten Schöpfergottes; aber wenn ihr konsequent und klar denkt, müsstet ihr versuchen, das Prinzip zu retten, dass irgendjemand uns determiniert, da wir es nun einmal nicht selber können; schon aus rein begrifflichen Gründen nicht, und da auch die übrigen Weltwesen uns allenfalls überwältigen, schädigen, einschränken, im Stich lassen können usw., aber nicht unsere Willensfreiheit beeinträchtigen können; sodass auch die gute Mutter Natur es nicht kann, die ja mit jedem Einzelnen von uns und mit den übrigen Weltwesen sowie mit ihrer Gesamtheit ohne irgendeine Hinzufügung identisch und deckungsgleich ist – und die nichts darüber hinaus ist: also auch nicht etwa eine Art Fee oder irgendein geheimnisvoller zentraler Punkt oder sonst irgendetwas aus Schwäche Zusammenspintisiertes.

(15) Wie also müssten wir die Sache aufzäumen, wenn wir vergessen wollen, dass der alte Schöpfergott der Schöpfergott ist, und wenn wir ihn, scharfsinnig wie wir ja sind, nur „in seiner Eigenschaft als" determinierendes Prinzip retten wollen? „Er ist eine Art Demiurg oder Dämon." Zu abenteuerlich? Zu sehr à la römische Kaiserzeit oder Naturvolk? Darauf kommt es allerdings nicht an; oder wollt ihr euch wie gebildete Chaoten verhalten? Es geht nicht! darauf! kommt es an. Wir können ihn nicht verkleinern; denn er schafft uns aus dem Nichts; und dazu gehört, wenn es überhaupt möglich ist, nun wirklich eine unendliche Größe. „Dann schafft er uns eben nicht aus dem Nichts." Gut; aber dann sind wir als dasjenige Wesen, aus dem er uns erschafft, auch schon frei. „Aber den Rest determiniert er, da er die Ursache ist." Hilft nichts! schon diese Konzession ist zu groß, ihr Freiheitsgegner! Außerdem aber ginge dann der von Gott verursachte und determinierte Rest nur ihn etwas an: zu einem freien Wesen kann nur gehören, was entweder von ihm verursacht ist (soweit das möglich ist) oder was so frei ist wie das freie Wesen selbst.

(16) Werdet also Theisten wahrhaft alten Schlages, seid schön konsequent, ihr Verfechter unserer Unfreiheit!


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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.