(4) Doch nun das Entscheidende: Der Roboter, der Computer, hat nur zwei allen anderen übergeordnete Komponenten; nämlich 1.) die Stoffe oder auch Rohstoffe, aus denen er gemacht ist: anorganische und abgestorbene organische Stoffe; einschließlich elektrischer und elektronischer Quanten oder Partikel, die ebenfalls physikalischer Natur sind – gleichgültig, was der eine oder andere nun vielleicht unbedingt unter Korpuskeln oder Nicht-Korpuskeln verstehen oder nicht verstehen will – . Und der Computer oder Roboter schließt 2.) als weitere Komponente die vom Menschen geschaffene Anordnung dieser Bestandteile zueinander und ihre ebenfalls von uns geschaffene Verbindung miteinander in sich; gleichgültig, ob Anordnung und Verbindung zu physikalischen oder in gewissen Fällen vielleicht auch zu chemischen Prozessen führen. Dabei verändern die Rohstoffe – von diesem Blickwinkel aus betrachtet, unbestrittenerweise oder jedenfalls unbestreitbarerweise – durch die physikalischen Vorgänge weder ihre Substanz, ihr Wesen (sie bleiben dieses oder jenes Metall, diese oder jene Plastik, usw.); noch verändern, vermindern oder vermehren sie die seit jeher in ihnen angelegten Möglichkeiten von Reaktionen und Wirkungsarten. Vielmehr kommen durch die nach menschlicher Planung vorgenommenen Anordnungen und Verbindungen von den schon immer vorhandenen und unveränderlichen Möglichkeiten nunmehr allenfalls andere Möglichkeiten oder Kombinationen von Möglichkeiten zur Auswirkung, zur Aktualisierung. Dasselbe gilt von den elektronischen Vorgängen sowieso, da sie ja physikalischer Natur sind. Dasselbe gilt im Wesentlichen aber auch von etwaigen chemischen Vorgängen; nur mit dem Unterschied, dass zu den nach Zahl und Art seit jeher unverändert gebliebenen Möglichkeiten von Reaktionen und Wirkungsarten nun auch die Bildung neuer Stoffe oder Substanzen gehört: ein klassischer chemischer Vorgang besteht ja in der Bildung neuer Moleküle aus unverändert bleibenden Atomen, sozusagen in der Umgruppierung von Atomen zu neuen, anderen Molekülen, und damit zu anderen Stoffen. Was alles aber ebenfalls nicht bedeutet, dass wir auch nur in irgendeinem noch so entfernten Sinne den unbelebten Bereich der Natur verlassen hätten.

(5) Infolgedessen aber sind sämtliche Leistungen eines Roboters, eines Computers, nichts anderes als seit eh und je möglich gewesene Wirkungsweisen anorganischer oder abgestorbener organischer Substanzen; und es ist nun allenfalls so, dass diese Möglichkeiten, die aber immer schon da waren, nur durch eine ganz bestimmte Auswahl, Bemessung und Anordnung der Grundstoffe zueinander verwirklicht, aktualisiert werden können. Das heißt, zu den Rohstoffen, die, für sich betrachtet, unbestrittenerweise keine menschenähnlichen Gedanken und keine menschenähnlichen Gefühle haben, noch jemals haben können, tritt auch nachträglich, auch durch das Arrangement von Menschenhand nichts Wesentliches, nichts Andersartiges hinzu. Es tritt namentlich keine innere Einheit hinzu, vielmehr schafft und wirkt jeder einzelne Rohstoff nach wie vor ausschließlich nach den ihm eigenen, ihm innewohnenden Gesetzen. Dem entspricht ja auch ganz genau die fachliche und sachliche Qualifikation der Techniker, die einen Computer bauen: sie müssen die Struktur und die Wirkweise der Rohstoffe kennen, nicht um daran etwas zu ändern, sondern ausschließlich, um das, was die Rohstoffe sind und was folglich in ihnen angelegt ist, für eine bestimmte Wirkung auszunützen. Mit anderen Worten: Roboter und sonstige Computer haben ebenso wenig menschenähnliche Gedanken oder menschenähnliche Gefühle wie die Stoffe, aus denen sie bestehen; oder richtiger: sie haben es noch weniger als diese Stoffe. Sie denken nicht nur nicht, weder als Roboter noch als Einzelteile; sondern sie agieren und reagieren als Roboter oder als Computer, streng genommen, überhaupt nicht; vielmehr sind es nur ihre einzelnen, seit jeher unbelebten und völlig gleich gebliebenen stofflichen oder elektronischen Bestandteile, von denen jeder für sich, zwar immer nur der eigenen Natur gemäß, aber genutzt von "Menschenwitz und Menschenlist" , und auf deren Bedingungen antwortend, seine eigene Sache betreibt.

(6) Der Trugschluss auf einen menschenähnlich denkenden Computer oder Roboter ist demnach mehr als grob: Der Mensch löst bestimmte Aufgaben durch Denken; wenn also ein Computer oder Computerprogramm dieselben Aufgaben löst, so denkt es eben. Aber: es könnte diese selben Aufgaben ja auch auf andere Weise lösen als durch Denken; es könnte sie z.B. durch die Wiedergabe fremden, menschlichen Denkens lösen. Wir kennen sogar diese Art der Wiedergabe. Und zwar so gründlich, wie es nur möglich ist. Denn wir haben sie selbst gemacht: indem wir, wie gesagt, die sämtlich von vornherein vorhandenen und bei Vorliegen verschiedener Bedingungen verschieden determinierten Reaktionen nichtlebendiger Stoffe und elektronischer Partikel in völlig durchdachter Weise so miteinander koordiniert haben, dass sie die von uns gedachten Aufgaben nicht etwa lösen, sondern die allein von uns gedachten Lösungen richtig wiedergeben – im Prinzip ganz genau so, wie auch die Rechenmaschine eines Schulkindes dessen rechnerische Gedanken wiedergibt, und diese Gedanken nicht etwa denkt. Das heißt: die "Intelligenz" eines Computers (ob Roboter oder nicht) unterscheidet sich von der Intelligenz eines Menschen im Prinzip ganz genau in derselben Weise, in der sich die sinnvoll angeordneten Kugeln auf der Rechenmaschine eines Schulkindes von den Rechnungen in dessen Kopf unterscheiden. Und über die Frage nach etwaigem menschenähnlichen Denken der Kugelrechenmaschine eines Schulkindes brauchen wir ja wohl ebenso wenig zu philosophieren wie über das innere Wesen des Fahrrades.

(7) Es bleibt nur noch eine sekundäre Klärung übrig; nämlich die Beantwortung der Frage, welchen Vorteil die Rechenmaschine für das Schulkind und der Computer, der "Rechner" ,für uns hat, wenn ihre Vorgänge schon nichts anderes sind als die äußere, äußerliche Wiedergabe unserer ureigensten Gedanken. Und die Antwort, zunächst für die Kugelrechenmaschine des Schulkindes: sie liefert ihm die äußere mathematische Anschauung oder Anschaulichkeit! Die mathematischen Prinzipien, die innere Anschauung, der Addition, der Subtraktion, der Multiplikation, der Division, hat es selbst; die äußere mathematische Anschauung, etwa vier Kugelpaare für die Multiplikation "4 x 2 = 8" , liefert ihm die Maschine. Oder genauer: sie erleichtert ihm die innere durch die äußere Anschauung; die Wurzeln der ersteren hat es selbst – die Mathematik besteht ja in nichts als Anschauung (in "reiner Anschauung", wie Kant sagen würde) – das heißt: das Schulkind kann diese Anschauung auch selbst und ohne die Maschine aus den in ihm liegenden Wurzeln entfalten; nur eben mit sehr viel größerer Mühe, unter Voraussetzung einer gewissen Mindestbegabung; und bei größeren Zahlen auch nur mit zunehmendem Alter.

(8) Das Entsprechende, und im Prinzip sogar genau dasselbe, gilt für den Computer oder "Rechner". Er löst jeden mathematischen Vorgang in das von ihm angewandte binäre Zahlensystem auf, mit 0 und 1 als einzigen Elementen. Aber der Computer löst nicht nur alle ursprünglichen Zahlen in dieser Weise auf; sondern ebenso gut alle anderen Inhalte, die er verarbeiten soll. So auch die ihm erteilten Befehle: Von denen jeder eine Nummer erhält, also eine nun nicht mehr ursprüngliche Zahl, die sich aber wie jede Zahl binär: in 0 und 1, codieren lässt, ebenso wie bei der Textverarbeitung jeder Buchstabe des Alphabetes eine Zahl, eine Nummer hat, die ebenfalls wieder binär in 0 und 1 zum Ausdruck gebracht wird. Usw. Infolge dieser wenigen Elemente: 0 und 1, arbeitet der Computer mit endloser Weitläufigkeit. Und dank dieser Weitläufigkeit: mit endloser Geschmeidigkeit und Anpassungsfähigkeit. Der unsere Vorstellungskraft, unsere Kraft der mathematischen, räumlichen Anschauung nicht gewachsen ist. Oder richtiger: der sie sogar gewachsen wäre , wenn wir uns auf diesen oder jenen Einzelbereich beschränken könnten und lange genug üben könnten. Oder auch für den ganzen Bereich: wenn wir endlos lange lebten, ein ganzes Jahrtausend, wie die Nymphen in den antiken Mythen. Mit anderen Worten: wir beherrschen auch hier voll und ganz die Prinzipien, das Grundsätzliche und das Gedankliche an der Sache; sodass wir im Ürigen bei der Konstruktion des Computers auch nicht jede der zahllosen Einzelanschauungen ebenso anschaulich durchexerzieren müssen. Analog zum Computer könnten wir ferner auch alles das, was der Taschenrechner leistet, selber nachrechnen und vorherrechnen, gleichgültig, ob der Taschenrechner binär oder ob er nach einem anderen System arbeitet. Aber wir wissen ja: unser Leben ist kurz, und bald schon geht es zu Ende (Vita nostra brevis est, brevi finietur). Also müssen uns die ebenso endlosen wie geschmeidigen und anpassungsfähigen Anschauungen des notwendigen, aber für uns zu weitläufigen binären Systems erleichtert werden. Und ganz genau das, nicht dass die Arbeit überhaupt getan wird – es ginge auch ohne Rechner – , aber dass sie blitzschnell getan wird, leistet für uns der Computer, indem er die zahllosen Anschauungen blitzschnell durchläuft.

(9) Infolgedessen aber sind dessen Vorgänge, auch mit dieser zuletzt vorgenommenen Präzisierung, nichts anderes als äußere, äußerliche, nichtdenkende Wiedergaben des allein von uns Menschen Gedachten, ebenso wie bei der Rechenmaschine der Schulkinder, beim Taschenrechner, bei der Logarithmentafel, dem Zirkel, dem Winkeldreieck, dem Lineal für gerade Linien, die schließlich auch allein vom Menschen, und nicht vom Lineal gedacht werden. Genauso verhält es sich mit jedem geschriebenen Text, der ebenso wenig selber denkt, sondern nur unsere Gedanken wiedergibt: man sagt zwar "ein kluges Buch" ; aber wer nicht erkennt, dass es sich dabei um eine Metapher handelt, und wer infolgedessen glaubt, dass das Buch denkt, da es ja "klug" ist, der wäre nicht ganz gescheit! Und so weiter, und so fort – nur eben beim Computer, da scheint unser gesunder Menschenverstand zusammenzubrechen.

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© www.rochol.net, Dr.Hans Rochol, September 2003.